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Montag, 15. November 1999

Zuerst kann ich nicht einschlafen, weil es zu warm im Zimmer ist. Dann fällt mir das Aufstehen schwer, weil mir, wenn ich die Nasenspitze unter der Bettdecke hervorziehe, eine "frische Brise" um dieselbe weht. Dennoch schaffe ich es zeitig auf den Beinen zu sein. Zunächst bereite ich den Upload der 8. Woche vor, dann mache ich mich auf dem Weg, um eine Winterjacke zu kaufen. Es wird Zeit, mein Zimmer zu verlassen, denn es ist vor Kälte nicht auszuhalten. Da die Sonne nicht scheint, ist es draußen noch viel kälter. In der Marktwirtschaft kommen Preise durch das Angebot und die Nachfrage zustande, daß sollte mir als Wirtschaftswissenschaftler nicht fremd sein. Vor zwei Wochen war das Angebot gering, es wollte auch niemand Jacken kaufen. Also waren die Preise dementsprechend niedrig. Die selben Jacken, die ich "damals" für 15.000 Ptas. gesehen habe, kosten jetzt 18.000 Ptas. Ich mache einen großen Gang durch die Stadt. Am besten gefällt mir die Calle Casillas de Prats. Dort befindet sich ein Surf/Skate-Klamottenladen neben dem anderen. Dabei hat sich jeder Laden auf zwei Marken spezialisiert. Aber die Jacken, die ich dort sehe, gefallen mir nicht, schon gar nicht für die Preise, die dafür verlangt werden. Wenn ich 300 DM für eine Winterjacke ausgebe (was ja nicht unbedingt zu viel ist), dann muß sie mir verdammt gut gefallen.

Bei "Hi Surf" stoße ich auf Dickies-Jacken, bei denen das Preis-Leistungsverhältnis bedeutend besser aussieht. Da ich noch etwas unschlüssig bin, schließe ich meinen Rundgang mit einem Besuch des Neptuno-Zentrums ab. Inzwischen ist die Sonne herausgekommen. Das ist ein komisches Gefühl, wenn die heiße Sonne auf die kalten Ohren trifft. So als wenn man an einem kalten Tag nach Hause kommt und seine kalten Hände mit warmem Wasser wäscht. Der eine Laden im Centro Comercial hat sich total verändert. Bisher war er dürftig eingerichtet, mit ein paar Regalen an den Wänden. Jetzt aber ist mitten im Raum ein riesiger Jackenständer. Ich brauche lange, bis ich mich durch alle Jacken durchgearbeitet habe. Dann aber verliebe ich mich in eine Jacke. Eine fette Homeboyjacke für 300 DM. Ich glaube, ich habe noch nie eine so schöne Jacke gesehen. Alles paßt, die Farben, der Schnitt, nur leider die Größe nicht. Wer bitte soll die massenhaft vorhandenen Jacken in S kaufen? Eine gibt es in M, die mir beinahe paßt. Aber ich gebe nicht so viel Geld für eine Jacke mit zu kurzen Ärmeln aus. Jedenfalls haben sie auch Dickies-Jacken, aber für 1000 Ptas. mehr als im "Hi Surf".

Bevor ich dorthin zurückkehre, werfe ich noch einen kurzen Blick in den Shop, in dem ich die Halskette gekauft habe. Man mag Zungenpiercings erotisch finden oder nicht. Ich finde dieses Genuschel der Verkäuferin jedenfalls äußerst unerotisch und vor allem unverständlich. Anschließend setze ich mich in den Lorca-Park, denn die Sonne heizt ordentlich. Ich grüble also über die Notwendigkeit einer neuen Jacke. Da ich aber vorhabe, mir ein Fahrrad zu kaufen, brauche ich wirklich eine. Also nehme ich die Dickies-Jacke. Ich bin bestimmt eine halbe Stunde in dem Laden gewesen, außer mir sind aber nur die vier (!) Verkäufer dort. Der eine will, da ein Kassiervorgang immer etwas länger dauert, ein Gespräch beginnen. Aber schon beim nach dem ersten Nachfragen spricht er mich auf Englisch an. Das ist zwar nett gemeint, ich will aber Spanisch sprechen. Deshalb habe ich mir angewöhnt, immer auf Spanisch zu antworten, auch wenn ich auf Englisch angesprochen werde. In der kommenden Lektion werden wir Formulierungen lernen, mit deren Hilfe man genauer nachfragen kann (à la "Wie war das im Mittelteil?""Alles wiederholen nach XZ, bitte!"). Meistens sind es ja nur ein paar Wörter, die ich nicht verstehe. Da wären solche Ausdrücke schon hilfreich.

Jedenfalls sind die anderen Orte, die ich besuche, auch leer. Mensa (heute hat die Faculdad de las Sciencias Feiertag), Internetcafé, sowie Fahrradladen. Der alte Herr ist mal wieder da. Er schaltet die Hauptsicherung ein, woraufhin das Radio zu plärren beginnt. Er spielt bestimmt zwei Minuten daran herum, drückt alle Knöpfe, aber es wird nicht viel besser. Dann fängt er an zu erzählen. Ich verstehe ihn schon rein akustisch kaum. Jedenfalls verspricht er mir, daß das Fahrrad heute Abend noch fertig sein wird. Er würde noch viel mehr erzählen, doch ich schiebe dem einen Riegel vor und sage ihm, daß ich jetzt Sprachkurs habe. Ich habe auf seine Fragen, die ich größtenteils nicht verstanden habe, immer so geantwortet, daß ich mir überlegt habe, was er wohl gefragt haben wird. Seine letzten Worte sind "Das Spanisch ist schwer zu verstehen, nicht wahr?" Offenbar habe ich beim heiteren Fragenraten ein ums andere Mal daneben gegriffen. Heute bin ich aber gut drauf, so daß mich davon nicht beirren lasse und ihm nur noch ein "Ja, aber es wird von Tag zu Tag besser!" entgegenwerfe.

Meine Laune verschlechtert sich erst im Sprachkurs. Eigentlich ist es wie immer. Jerónimo will anfangen, kommt aber gegen die Gespräche nicht an. Er hat halt die Angewohnheit zu warten, bis alle ihm zuhören. Jedenfalls besprechen wir erst eine halbe Stunde lang einen Termin für die Besprechung der Abschlußklausur. Dann wird die Pause bis fünf vor acht verlängert. So geht das nicht weiter. Ich bin auf diesen Kurs angewiesen, der darf nicht einfach ausfallen. Da wir um fünf vor acht dann auch gleich Schluß machen, komme ich noch rechtzeitig zu "Maxi". Mein Fahrrad sei im Prinzip fertig, es fehle nur noch die Fahrradflasche und ein paar Pinselstriche, aber ich könne das Rad gleich mitnehmen. Das verstehe ich nicht so ganz, denn wenn es noch nicht fertig lackiert ist, wie soll ich es dann mitnehmen? Der Monteur holt noch ein paar Pinselstriche nach, schraubt Reflektoren (!) an das Rad und verkauft mir das Rad und zwei Schlösser, wovon das eine nur geliehen ist, weil ich morgen ein besseres kriegen soll (zusammen mit der Fahrradflasche). Mit dem Preis hätte ich bestimmt noch handeln können, aber was soll's, mir ist das Rad 13.000 Ptas. wert. Es ist um Welten besser als das letzte/erste, allerdings nicht so schön angestrichen. Ich will hoffen, daß die Häßlichkeit potentielle Diebe abhält. Es ist jedenfalls gar nicht so einfach, das Fahrrad in den Hof zu stellen, zumal die Gabel ja frisch gestrichen ist. Aber es gelingt mir ohne Spuren zu hinterlassen. Diesen Krampf habe ich jetzt jeden Tag vor mir, morgens und abends. Ein drittes Fahrrad möchte ich aber nicht kaufen.

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Dienstag, 16. November 1999

Ich mache mich gleich morgens auf den Weg zur ETSII, natürlich mit dem neuen Fahrrad. Das ist gleich ein ganz anderes Fahren in der erhöhten Sitzposition. Ich kann meine Beine fast ganz durchstrecken, so wie es sein sollte. Allerdings gefällt mir die Gangschaltung nicht. Sie ist äußerst schwergängig. Der erste Versuch, den vorderen großen Zahnkranz zu benutzen, um richtig Tempo zu machen, scheitert, die Kette fliegt ab. Also rolle ich am Straßenrand aus und fummele mühsam die Kette wieder auf den Zahnkranz. Das Spiel wiederholt sich, als ich auf die Avenida de Andalucía einbiege. Dumm, daß ich auf der linken Spur bin. Normalerweise mit dem Fahrrad kein Problem, das Tempo reicht, um im Verkehr mitschwimmen zu können. Wenn man aber auf der linken Spur ist und wegen fehlender Kette nicht weiter beschleunigen kann und am rechten Straßenrand ausrollen möchte, muß man sich auf einiges Gehupe einstellen. Da es bergab geht, komme ich auch ohne erneutes Auflegen der Kette im Informatikzentrum an. Es ist gar nicht so leicht, daß Rad zu parken, denn die meisten Fahrradständer sind von Mopeds belegt. Hier stehen bestimmt 80 Mopeds und drei Fahrräder. Immerhin gibt es Ketten, mit deren Hilfe man sein Rad anschließen kann, wenn man ein Vorhängeschloß besitzt. Ich werde mir auf jeden Fall noch eins besorgen.

Da es noch relativ früh ist, befindet sich vor dem Sekretariat keine Schlange. Der Herr an dem Schalter ist äußerst freundlich. Als ich ihm sage, daß ich "Alumno Erasmus" bin und ein Projekt mache, bittet er mich zu sich herein. Er bietet mir einen Stuhl an und sagt, ich solle auf jemanden warten. Ich habe gleich den Verdacht, daß etwas nicht stimmt, so frage ich nach. Er glaubt, ich wolle mein Projekt vorführen. Mit einem PIN könne er aber nicht dienen, da sein Rechner nicht funktioniere. Darüber scheint er sich richtig zu freuen. In der Tat, es gibt wohl Netzwerkprobleme. Der erste Rechner, an dem ich Platznehme, streikt. Zur Erinnerung: Alle verfügbaren Betriebssysteme werden über das Netz geladen. Komischerweise funktionieren einige Rechner trotzdem. Ich wechsele also den Arbeitsplatz und habe bald den Windows 95 Desktop vor mir. Ich will SQL-Plus starten, doch offenbar gibt es keine Verbindung zum DB-Server. Auch Netscape funktioniert nicht, weil das Gateway nicht erreichbar ist. Mir reicht es. Ich habe wirklich genug und verlasse die Schule. Im nachhinein fällt mir ein, daß ich vielleicht noch einen anderen DB-Server hätte wählen können, weil die Workstations von zwei unterschiedlichen Servern bedient werden. Aber mir war besonders wichtig, meine Email lesen zu können, und dazu brauche ich, solange ich keinen PIN habe, Netscape.

Frustriert fahre ich zum Hipercor, wo ich mir das Java-Magazin kaufe, um für mein Notebook das aktuelle JDK (oder Java2 SDK (1.2.2) wie es jetzt heißt) zu haben. Anschließend nutze ich das schöne Wetter und sonne mich im Lorca-Park. Es ist nicht eine Wolke am Himmel, eiskalt, aber in der Sonne angenehm warm. Ich überlege die ganze Zeit, was ich denn nun mit dem Tag anfangen soll. Eines ist klar, ich muß irgendwann im Laufe des Tages ins Internetcafé, um in meinen Briefkasten zu schauen. Ich entscheide mich dann doch gegen eine Fahrradtour und fahre nach Hause, wo ich die neue Software teste. Im Prinzip die reine Verarschung. Mir ging es zwar nur um das Java2 SDK, aber Doku dazu wäre auch nicht schlecht. Der Rest sind (Demo-)Programme für Windows und Bibliotheken für C++. Macht sich gut im Java-Magazin. Immerhin eine 90 Tage Testversion vom JBuilder3 von Borland (ich dachte die hießen jetzt Inprise?). Vielleicht kann ich die zum Erstellen einer Oberfläche nutzen, denn grafische Oberflächen von Hand zu programmieren ist schwierig.

Auf dem Weg in die Mensa fällt mir auf, daß der Weg über die Pedro Antonio de Alarcón bei diesem Wetter ungeeignet ist, da die hohen Häuser die ganze Straße beschatten und es deshalb kalt ist. Die Mensa ist wieder leer, das Internetcafé aber dafür um so voller. Obwohl ich manchmal Übertragungsraten von 5kB/sec bekomme, dauert das Abrufen und Absenden der Mails lange. Wahrscheinlich sind die Server von GMX und Firemail überlastet. Ich habe Post von Juan Miguel (meinem Betreuer) bekommen. Leider verstehe ich ihn nicht nur nicht wenn er spricht, sondern auch sein geschriebenes Spanisch ist zu schwierig für mich. Auch auf die Gefahr, daß ich ihn nerve, schreibe ich eine Frage zurück. Zu Hause, als ich die Mail mit Hilfe des Wörterbuches untersuche geht mir langsam ein Licht auf, was er überhaupt von mir will. Für meinen Geschmack rückt er zu wenig Informationen raus. Es liegt nicht an den Vokabeln, daß ich ihn nicht verstehe. Er verwenden Bezüge (etwa wie "dieselbe", "wie ich Dir empfohlen habe") und reichlich verschachtelte Relativsätze. Kein Wunder, daß ich da nicht mitkomme. Jedenfalls soll ich "ein kleines Programm schreiben, das das Werkzeug VIR von Oracle benutzt und das es erlaubt, irgendwelche _ zu finden, die eine Reihe von Bedingungen basierend auf dem Inhalt derselben ausführen." Zugegeben, eine wörtliche Übersetzung, aber so richtig präzise ist der Satz nicht, auch wenn man ihn besser übersetzt. An der Stelle, die ich mit einem Underscore (_) gekennzeichnet habe, müßte doch eigentlich noch irgendwas hin. Mir ist natürlich klar, daß es um Bilder geht. Desweiteren soll ich einen Bericht über die Möglichkeiten des Werkzeugs schreiben und seine Funktionsweise an dem Beispiel zeigen, daß er mir genannt hat. Mittlerweile habe ich den Satz zwanzig Mal gelesen, jetzt weiß ich so langsam, worum es geht. Aber was ist "das Werkzeug"? VIR oder meine kleine Anwendung? Wahrscheinlich VIR. Ist das ein Thema für eine Studienarbeit, daß ich die Oracle-Dokumentation abschreibe und dazu ein Beispielprogramm erstelle? Oder soll der Bericht etwa auf Spanisch sein? Wem soll ich die Arbeit dann an der TUBS vorlegen? Diese ganze Reihe von Fragen (ganz zu schweigen von der Frage nach dem Zeitansatz, der Termine für Zwischenberichte, abzugebener Dokumente, Format der Dokumente, Umfang, ...) macht mich rasend. Ich muß morgen unbedingt noch eine weitere Mail abschicken, um endlich Klarheit zu bekommen.

Um darauf vorbereitet zu sein, installiere ich Linux. Mittels Latex erzeugte (PostScript-)Dokumente sehen besser aus als Word(Pro)-Dokumente. Außerdem will ich mich nicht mit der Formatierung herumschlagen. Diesmal läuft sogar ein XServer ohne zu flimmern. Manche Probleme verschwinden eben einfach mit der Zeit (dafür kommen neue hinzu). Der Kernel, den ich übersetzt habe, funktioniert leider nicht. Ich hätte wohl doch ein Backup des alten machen sollen. Aber Linux ist halt doch immer noch das spannendste Textadventure aller Zeiten, jetzt kann ich herumfummeln, wie ich da wieder herankomme. Ich habe schon eine Idee, aber das mache ich nicht mehr heute.

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Mittwoch, 17. November 1999

Heute gelingt mir die Fahrt ohne abspringen der Kette. Zunächst führt mich mein Weg ins Sekretariat, wo mir die Frau freundlich erklärt, daß sie mir keinen PIN ausstellen könne. Kopfschüttelnd schreibt sie vier Ziffern auf einen "Post-It"-Zettel und klebt ihn auf meinen Ausweis. Flexible Bürokraten in Spanien??? Allerdings erwartet mich schon die nächste Enttäuschung. Ob die Rechner heute funktionieren, erfahre ich erst gar nicht, weil der Praktikumsraum N6 heute Vormittag wegen Prüfungen gesperrt ist. Ich komme also wieder nicht zum Arbeiten an einem der Rechner. Also fahre ich zum Hipercor zum Einkaufen. Der Laden ist noch größer, als ich das in Erinnerung hatte. Allerdings sind Lebensmittel hier sehr teuer. Das Toastbrot, das ich bei Mercadona für 100 Ptas. kaufe, kostet hier 249 Ptas. Der Unterschied ist für mich so gravierend, daß ich beschließe, anschließend noch bei Mercadona einzukaufen, zumal ich auch "mein" Wasser nicht bekomme. Aber ich besorge ein Vorhängeschloß.

Bevor ich jedoch irgendwelche weiteren Aktivitäten einleite, nehme ich eine UV-Therapie-Stunde im Lorca-Park. Ich bin ziemlich gefrustet, da tut die Sonne gut. So finde ich etwas Ruhe, ja mich stört nicht einmal die Kindergartengruppe, die singend, tanzend und schreiend im Park ihr Unwesen treibt. Ich überlege, wie ich den weiteren Tag verbringen soll. Das Internetcafe will ich heute meiden, nicht zuletzt weil meine fast täglichen Besuche einen nicht unrelevanten Kostenfaktor darstellen. Ich plane also, nach dem Mittagessen erneut zur ETSII zu fahren. Bis dahin bringe ich meine Linux-Installation zum Laufen.

Mittlerweile habe ich mit dem Fahrrad eine Fahrweise drauf wie die Mopedfahrer. Hey, Rot ist auch nur eine Farbe! Obwohl ich zeitig im Informatikzentrum bin, kann ich immer noch nicht in den Praktikumsraum, weil dieser noch immer gesperrt ist. Immerhin steht kein Schild "gesperrt" mehr an der Tür. So bleibt mir nichts anders übrig als doch das Internetcafe aufzusuchen. Leider ist noch kein Antwort von Juan Miguel in meinem Briefkasten.

Gleich im Anschluß an die Internetsitzung gehe ich zum Sprachkurs. Die Atmosphäre ist heute etwas besser, in der Pause ergibt sich sogar die Möglichkeit, mit Jerónimo Smalltalk zu betreiben. Er erzählt, daß es in Spanien üblich ist, daß während Prüfungen geraucht wird. Man stelle sich einen Hörsaal mit 100 Studenten vor, von denen vielleicht ein Viertel de Bude zuquarzt. Nicht gerade angenehm. Da lobe ich mir doch die wohlverdiente Zigarette nach der Prüfung. Da allerdings die meisten Kursteilnehmer die Pause in der Cafeteria ziemlich in die Länge ziehen, müssen wir wieder überziehen. Auf dem Rückweg will ich noch im Fahrradladen vorbeischauen, um wie versprochen das Schloß einzutauschen. Aber der Fahrradladen hat geschlossen.

Mittlerweile läuft Linux problemlos, allerdings läßt sich Windows nicht mehr starten. Ich habe keine Idee, wie ich das beheben könnte, ohne Linux wieder zu deinstallieren. Auf eine Neuinstallation von Linux habe ich heute aber überhaupt keine Lust. Ich mache mir daher Gedanken über ein generelles Backup-Konzept. Dabei stoße ich auf einen Satz, der mir gefällt: "When it comes to backups, paranoia is in the job description."(aus: Linux System Administrators Guide 0.6, von Lars Wirzenius, The Linux Documentation Project). Das Beste wird sein, ich sichere täglich meine Arbeit in der ETSII (so ich dort mal wieder arbeiten könnte...) auf einer Diskette, deren Inhalt ich abends in das Home-Verzeichnis meines Projekt-Users kopiere. Dieses Verzeichnis wird dann täglich ebenfalls mittels tar und eines noch zu schreibenden Shell-Skriptes auf einem Satz Disketten gesichert. So habe ich meine Dokumente und die Quellcodes zum Programm in einem Sicherungszyklus und brauche mir keine Gedanken darüber zu machen, welche Diskette ich morgens mitnehme. Ja, ich denke, so wird es gehen. Bis es soweit ist muß Linux erst runter von der Platte und dann wieder drauf. Obwohl ich darin schon Übung habe, zwei bis drei Stunden wird das dauern. Das ist eine Aufgabe für das Wochenende.

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Donnerstag, 18. November 1999

Der Fluch scheint gebrochen zu sein, ich kann arbeiten, d.h. ich kann den Rechnerraum und einen Rechner benutzen, allerdings auch erst im zweiten Anlauf, denn der erste weigert sich, zu starten. Da ich es nicht leiden kann, wenn man mir auf den Bildschirm gucken kann (ich fühle mich dann so ertappt, scheint ein schlechtes Gewissen zu sein), setze ich mich in eine Ecke. Das ist ein fataler Fehler, denn genau hinter mir bollert fürchterlich die Heizung. Nach der Fahrradfahrt ja zunächst noch ganz angenehm, aber später ...

Die erste Aufgabe, die ich erledigen will, ist der Download der Java-Dokumentation. Ich schaue zunächst im Java-Verzeichnis auf dem Server nach, aber dort ist keine Doku zu finden. Dann haben die hier auch die Platzsparversion installiert. Ich frage mich, ob man ernsthaft glaubt, die 40 MB seien es wert, daß alle Java-Programmierer ständig online auf der Java-Homepage sein müssen? Die Verbindungen sind auch nicht die schnellsten, vor allem nicht nach Nordamerika. Die einzige Verbindung, die wirklich schnell zustande kommt, ist die zur TU-Braunschweig. Die Startseite ist sogar noch schneller da, als die Homepage der Universität von Granada, wobei diese doch eigentlich lokal im Netz vorhanden sein müßte. Also versuche ich, die 13 Diskettenabbilder herunterzuladen. Leider benutzt Sun so moderne HTML-Sachen, daß der Browser (Netscape 3.0) sie nicht versteht. Also komme ich wohl nicht drum herum, mir noch ein vernünftiges Javabuch zu kaufen.

Während ich noch vergeblich den Download versuche, klopft mir plötzlich Juan Miguel auf die Schulter. Heute gibt er sich Mühe, ich verstehe ihn sogar. Allerdings drückt er sich um konkrete Aussagen bezüglich des Zeitrahmens und des Umfangs der Arbeit. Immerhin ist von einem einstündigen Vortrag die Rede. Ich äußre den Wunsch, diesen auf Englisch zu halten, aber er lacht und sagt, daß ich doch gut Spanisch sprechen kann. Ich hoffe, das war nur ein Witz. Jedenfalls mache ich mich an die Gliederung. Eigentlich bin ich schon kurz vor dem Fahren in die Mensa, aber da hat jemand die glorreiche Idee und öffnet das Fenster. Da ich Dokumentation nicht gerne am Bildschirm lese, beschließe ich, die Dateien heute Nachmittag zu Hause auszudrucken.

Um diese Arbeit verrichten zu können, brauche ich aber ein lauffähiges Windowssystem, weil mein Drucker natürlich ein reiner Windows-Drucker ist, und unter Linux nicht läuft. Leider bringt das Deinstallieren von Linux nicht den gewünschten Erfolg, so daß mir nichts anderes übrig bleibt, als Windows neu zu installieren. Da ich aber kein Backup von meinen Dateien habe (die ganzen eingescannten Fotos passen sowieso nicht auf Disketten), formatiere ich die Festplatte nicht. Erstaunlicherweise klappt alles problemlos und nach einer Dreiviertelstunde sitze ich vor einem Windowsbildschirm und drucke die Oracle-Dokumentation (natürlich nicht die ganzen 2000 Seiten).

Beim Durchblättern des Papierstapels kommen mir auch gleich ein paar Ideen, die ich zu Papier oder besser gesagt "in Bytes" bringen will. Dazu wiederum benötige ich Linux, genauer gesagt den XEmacs. Nach dem Installieren, das relativ problemlos abläuft, will ich probieren, ob das Programm pdftex aus Latex-Dokumenten auch wirklich (brauchbare) PDF-Dateien (für den Acrobat-Reader) erzeugt. Nach dem ich die Hoffnung schon fast aufgegeben habe, entdecke ich in der Distribution noch ein Paket mit Zusatzfonts, mit denen das dann tatsächlich ansehnliche Bilder auf dem Schirm erscheinen.

Vor dem Abendessen gehe ich zum Fahrradladen und habe einen Teilerfolg zu verzeichnen. Der Mechaniker verkauft mir ein Schloß für 1500 Ptas.. Dafür, daß es so billig ist, sieht es reichlich stabil aus. Sogar die Verpackung ist so stabil, das ich mit meinem Seitenschneider Probleme habe. Ich bin schon soweit, daß ich ihm ein Ultimatum gesetzt habe: "Wenn es beim nächsten Versuch nicht klappt, dann wanderst du 'Werkzeug' in den Papierkorb!" Die Fahrradflasche ist natürlich erst morgen fertig. Gut, daß ich den Fahrradmenschen daran erinnert habe, denn er betont noch einmal, daß ich diese natürlich umsonst dazu bekomme. Das wäre ja wohl auch noch schöner, wenn ich die bezahlen müßte. Ich bemühe mich, ein übertrieben überraschtes und dankbares Gesicht zu machen.

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Freitag, 19. November 1999

Wenn ich in den letzten Tagen die ETSII verlassen habe, dann habe ich die Avenida de Andalucía über eine Fußgängerbrücke überquert. Von dort aus hatte ich einen herrlichen Blick auf die nun völlig verschneite Sierra Nevada. Um den Eindruck festzuhalten, nehme ich heute meine Kamera mit. Als ich mein Fahrrad mit dem neuen Schloß anschließen will, stelle ich fest, daß es sich gar nicht schließen läßt. Ich habe es wohl gestern Abend schon kaputt gespielt. Ging ja schnell. Aber für die ETSII brauche ich es auch nicht, weil dort ja Ketten vorhanden sind und ich ein Vorhängeschloß besitze.

Die nächste Überraschung kommt, als ich den Praktikumsraum betreten will. Er ist wieder verschlossen. Ich spreche den Pförtner an, der mir dann die Tür aufschließt. Welch ein Service! Ich habe für die nächste halbe Stunde den Raum für mich ganz allein. Sogar die Internetverbindungen kommen heute schnell zustande. Freitag vormittags passiert an der Uni auch nicht viel, die meisten Studenten beginnen schon donnerstags abends mit dem Feiern. Aber das ist ja bei uns auch nicht anders. Bis auf einige Wirtschaftsinformatiker, die natürlich freitags um 8.00 Uhr Vorlesung haben.

Das Internet macht also heute keine Probleme, allerdings das Betriebssystem. Offenbar hat Windows mit der gebrannten Oracle-CD Schwierigkeiten, so daß das Betrachten der Dokumentation mehrfach von blauen Bildschirmen und von Reboots begleitet wird. Es kann doch wohl nicht sein, daß ein kleiner Lesefehler auf einer CD-ROM das ganze Betriebssystem abschießt. Der Raum füllt sich gegen Mittag. Beim Schielen auf andere Bildschirme (irgendwo muß man ja beim 5 Minuten langen Reboot seine Augen lassen) stelle ich fest, daß auf jedem Rechner Netscape läuft und die Leute mit Briefeschreiben beschäftigt sind. Offenbar sieht man das mit der Bestimmung,, den Raum nur für das Arbeiten an Projekten zu verwenden, doch nicht so eng.

Als ich den abgedunkelten Praktikumsraum verlasse und nach draußen gehe, betrete ich wieder eine dunkle Umgebung. Es ist auf einmal stark bewölkt. Man kann zwar die Sierra Nevada sehen, allerdings in sehr trübem Licht. Das hat sich also gelohnt, die Kamera mitzuschleppen. Am Nachmittag drucke ich weitere Teile der Dokumentation aus. Ich bin gespannt, wieviele Seiten das insgesamt noch werden. Außerdem installiere ich den JBuilder3. Die Testversion ist auf 60 Tage beschränkt, nicht wie in der Zeitung versprochen, 90 Tage. Um ein(e) GUI zu schustern, sollte es jedoch genügen. Die Dateien belegen fast 300 MB auf Festplatte. Ziemliches Schlachtschiff.

Diese Tätigkeiten dauern natürlich länger als geplant, so daß ich es nicht mehr schaffe, vor dem Sprachkurs im Fahrradladen vorbeizuschauen und das Schloß zu reklamieren. Aber immerhin ist der Regen jetzt vorbei, und ich komme trockenen Fußes ins Sprachenzentrum. Die Stimmung ist wieder miserabel. Warum bleiben die Leute, die keine Lust haben, nicht einfach zu Hause? Müssen die andere noch in ihre schlechte Laune mit hineinziehen? Jedenfalls besprechen wir eine Sammlung von frauen- und hauptsächlich männerfeindlichen Witzen. Die meisten davon haben aber schon einen ziemlichen Bart oder sind gar nicht witzig. Am Besten finde ich noch den hier:

Was unterscheidet einen Traumprinzen von einem Schwein? 5 Bier.

Nach ein paar Übungen und einer ewig langen Pause (die Leute kommen einfach nicht aus der Cafeteria wieder) beschäftigen wir uns mit verschiedenen Akzenten des Spanischen. Wir hören einen Argentiner sprechen. Keiner versteht was er sagt, bis auf Monika, eine Italienerin. Das argentinische Spanisch klingt tatsächlich ein bißchen wie Italienisch, zumindest von der Melodie her, weil die Sätze geradezu gesungen werden. Desweiteren wird kein einziges c oder z wie ð gesprochen, sondern wie s. Gewöhnliche s werden (wie in Andalusien) nicht, oder nur selten gesprochen. Nächste Woche erwarten uns Kuba, Costa Rica, Andalusien (das kennen wir ja schon), Kastilien und Katalonien.

Überhaupt ist man in Spanien stolz darauf, daß in der Welt soviel Spanisch gesprochen wird. Man erinnert sich gerne an die Zeit des Kolonialismus zurück. Das führt sogar soweit, daß Fördergelder an Äquartorial-Guinea, eine Militärdiktatur gezahlt werden, damit dort Spanisch Amtssprache bleibt. Brüssel will dem aber einen Riegel vorschieben, somit wird dort wohl bald Französisch Amtssprache sein. Jerónimo bedauert, daß auf den Philippinen kaum noch Spanisch, sondern nur noch Englisch gesprochen wird, weil die US-Amerikaner vor 101 Jahren die Inselgruppe erobert haben. Diese Niederlage hat man in Spanien noch nicht überwunden, schließlich wurde damit der Untergang Spaniens als Weltmacht endgültig besiegelt.

Ich beeile mich ein wenig auf dem Rückweg, in der Hoffnung, den Fahrradladen noch geöffnet vorzufinden. Als ich aber die vielen Menschen auf der Acera del Darro sehe, nehme ich doch den etwas längeren Weg über die Recogidas, um einfach noch ein bißchen im Strom der Menschenmassen zu schwimmen. Wahrscheinlich hat Maxi sowieso schon geschlossen. Da ich schon erste Texte für die Studienarbeit habe, jedoch mich nicht genau für ein handfestes Backup-Konzept entschieden habe, stöbere ich weiter in verschiedener Dokumentation. Egal, welches Backup-Tool ich mir ansehe, so richtig gut paßt keines. Also nehme ich nach langem Überlegen tar. Mir kommt es vor allem darauf an, möglichst einfach Backups durchführen zu können. Zunächst beginne ich damit, ein ausgefuchstes Shell-Skript zu schreiben, merke aber, daß ich zu müde bin und zu viele Fehler einbaue. Deshalb entscheide ich mich für eine einfachere Variante. Ich will demnächst "richtig" mit der Arbeit beginnen und nicht noch stundenlang an der Datensicherung feilen.

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Samstag, 20. November 1999

Einmal in der Woche "Kochkurs" zu machen reicht mir nicht. Deshalb kaufe ich gleich für zwei Tage ein. Bei meiner Gemüsefrau stelle ich fest, daß ich mal wieder auf den andalusischen Akzent hereingefallen bin. Natürlich siezt sie mich nicht, Siezen ist hier total unüblich und wird nur von offizieller Seite oder in großen Kaufhäusern betrieben. Aber das macht wenig Unterschied, weil sich Du-Form und Sie-Form nur durch ein s am Wortende unterscheiden, was hier in Andalusien sowieso nicht gesprochen wird. Das erleichtert es einem, wenn man nicht genau weiß, ob man nun "Du" oder "Sie" sagen soll. Der Fahrradhändler, den ich von Anfang an geduzt habe, hat natürlich wieder nicht geöffnet. Jetzt hat er ja auch ein Fahrrad verkauft, wahrscheinlich reicht das erstmal.

Tagsüber arbeite ich an meiner Homepage. Außerdem durchstöbere ich eine neuere Version (7.0 von 1998) von Selfhtml, um zu schauen, ob es inzwischen praktische Neuerungen in HTML gibt. Die gibt es in der Tat, mittlerweile gehören CSS (Cascading Style Sheets) zum Standard. Damit wird aus einer Dokumentbeschreibungssprache eine Formatierungssprache. Außerdem kann man mit deren Hilfe globale Einstellungen (z.B. für überschriften) festlegen. So könnte ich z.B. in nur einer Datei einmal festlegen, daß die Farbe für Überschriften Dunkelgrün (green, #008000) sein soll, anstatt es bei jeder Überschrift mittels des font-Befehls explizit anzugeben. Leider unterstützt Netscape 3.0 CSSs nicht, so daß ich sie doch nicht verwenden kann. Sowohl an der Uni hier, wie auch in Braunschweig, ist Netscape 3.0 noch immer Standard. Wie wäre es mit einer Aktualisierung?

Nach dem Mittagessen tätige ich meinen Wochenendeinkauf. Natürlich vergesse ich, Mehl zu kaufen. Dafür kaufe ich Eier von glücklichen Hühnern. Die kosten zwar mehr als das Doppelte, aber hier muß man mal ein Zeichen setzen und Pohlmännern und ähnlichen Tierquälern das Handwerk legen. Natürlich ist das inkonsequent, wenn man dann die billigste Wurst kauft. Aber irgendwo muß man ja beginnen. Wer ist schon in jeder Hinsicht konsequent? Irgendwelche Öko-Fundamentalisten vielleicht.

Als ich wieder zu Hause bin, weiß ich nicht so recht, was ich mit dem Tag anfangen soll. Draußen wird es inzwischen dunkel, so daß ein Ausflug auch nicht in Frage kommt. Den Tag über war es stark bewölkt, daß dämpft die Motivation zu einer Exkursion gewaltig. Ich habe nicht die geringste Lust, irgendetwas mit dem Rechner anzustellen. So geht es auch nicht, daß ich den ganzen Tag vor dem Notebook oder vor dem Rechner in der ETSII sitze. Was wäre die Alternative? Auf Fernsehen hätte ich Lust. Seit genau zwei Monaten habe ich nicht mehr ferngesehen. Außerdem ist Fernsehen eine gute Möglichkeit, Kultur und Sprache besser kennenzulernen. Computerspiele bringen es da doch nicht so. Sätze wie "Dein Dungeon-Herz wird angegriffen!" werde ich wohl im Alltag selten gebrauchen können.

Plötzlich erinnere ich mich an einen Watchman, den ich im Hipercor gesehen habe und der gar nicht mal so teuer war. Ich gehe also in das Geschäft, um das Gerät genauer zu begutachten. Dabei fällt mein Blick auf einen kleinen, tragbaren Schwarz-Weiß-Fernseher, der gerade mal die Hälfte des Watchmans kostet. Das ist es doch, denke ich und will ihn kaufen. Das gestaltet sich aber gar nicht so einfach, denn es herrscht Hochbetrieb. Samstag nachmittags ist eine beliebte Einkaufszeit. Der Fernseher ist in einer Vitrine eingeschlossen, also will ich mich an die Kasse wenden. Was dort abgeht, begreife ich überhaupt nicht. Dort stehen fünf Verkäufer und sind mit irgendwelchem Papierkram beschäftigt. Da ich Zeit habe, versuche ich es erst mit einem hilflosen Gesichtsausdruck. Bei Karstadt klappt das Prima. Hier aber werde ich ignoriert. Ich verstehe nicht, was die anderen Kunden so treiben, die stehen rings um die Kasse, allerdings mit großem Abstand. Mit der Zeit bekomme ich mit, was die Leute da so treiben. Fernseher und Stereo-Anlegen werden natürlich auf Kredit gekauft. Die Spanier sind gesellig, kein Verkäufer erledigt seine Arbeit gerne allein. Deshalb wird jeder Kunde von zwei oder auch von drei Menschen bedient.

Als mein gewollt hilfloser Gesichtsausdruck schon einem ungewollt verzweifelten gewichen ist, spricht mich endlich jemand an. Das scheint der Chef-Kassierer zu sein, für kleine Fernseher ist er nicht zuständig. Er informiert aber einen Kollegen, welcher sich ziemlich unmotiviert um mich kümmert. Ich kann ihn sogar verstehen, denn er muß den Fernseher aus dem Lager holen, das sich am anderen Ende des Gebäudes befindet. Der Hipercor ist riesig, deshalb dauert es auch fast 10 Minuten, bis er wiederkommt. So hat der Kauf insgesamt über eine halbe Stunde gedauert. Ich komme mir reichlich blöd, mit dem Fernseher und einer Tüte Mehl. Überhaupt ist im Rezept von einem Eßlöffel Mehl die Rede, ich kann natürlich nur ein ganzes Kilo kaufen.

Das Anschließen des Fernsehers geht sehr einfach, ist aber irgendwie ernüchternd. 14 cm (nicht Zoll) Bildschirmdiagonale und ein ziemlich schneeiges Bild, zudem Schwarz-Weiß. Ein Watchman wäre aber viel kleiner gewesen, und für den Preis kann ich mich wirklich nicht beschweren. Stationstasten wären noch eine feine Sache, so muß man beim Zappen immer kurbeln. Die beiden Lokalsender (Canal Sur und Canal 2) sowie La 2 bekomme ich nur sehr schlecht herein (alle im UHF-Band). TVE 1, Antenna 3 und Tele 5 aber können sich sehen lassen.

Bevor ich mich aber dem spanischen Fernsehprogramm widme, ist es Zeit zum Abendessen. Ich bin stolz auf mich, zum ersten Mal benutze ich eine Pfanne, ohne das etwas anbrennt. Weder die Spiegeleier noch die Bananen brennen an. Übrigens heißen Bananen auf Ibero- und Kananarien-Spanisch nicht bananas, sondern plátanos. Ich habe eigentlich nur im Wörterbuch nachgeschaut, um zu schauen, ob es banana, banane oder banano heißt. Einen Fehler hat meine Kochkunst noch: Ich koche eher sequentiell als parallel. So kommt es, daß die Hälfte des Essens (Kubanischer Reis) schon fast kalt ist.

Auch das Fernsehen stärkt mein Selbstbewußtsein. Ich sehe nach den Nachrichten einen Film (Jamón Jamón) mit einer sehr attraktiven Hauptdarstellerin (Penelope Cruz). Ich verstehe fast jedes Wort, auch bei den Werbeunterbrechungen. Die Leute sprechen alle so klar und deutlich, das s wird gesprochen, eben "Hochspanisch". Nach dem Film gibt es ein Interview mit Penelope Cruz. Die Frau ist wirklich eine Augenweide, die Art wie sie spricht, wie sie beim Sprechen durch ihre langen, braunen Haare fährt, gefällt mir. Als sie auf die 35. Person angesprochen zum 35. Mal sagt, also das ist wirklich einer meiner allerbesten Freunde, habe ich die Nase voll und beginne zu zappen. Auf einem anderem Sender läuft eine Gameshow, in der 5 Frauen gegen 5 Männer spielen, jeweils kräftig unterstützt von jeweils 30 weiteren Personen. Im aktuellen Spiel geht es darum, Lieder zu singen, auf ein spezielles Stichwort (z.B. Seele). Immer abwechselnd müssen die beiden Teams ein Lied singen, in dem der Begriff vorkommt. Wem als erste Gruppe kein Lied mehr einfällt, hat verloren. Erstaunlich, mit welcher Inbrunst die Kandidaten singen. Der Saal tobt. Der Moderator hat Mühe, sich gegen die Jubelschreie durchzusetzen. Zur Werbepause wird Tanzmusik gespielt und die Kandidaten, die sich vorher vehement bekämpft haben, tanzen richtig ab. Die Spinnen, die Spanier. Inzwischen ist meine Heizung schon lange wieder aus, deswegen ist es zu kalt und Zeit, ins Bett zu gehen.

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Sonntag, 21. November 1999

Beim Frühstück erfahre ich zwar nicht die Auflösung des Rätsels mit der verschlossenen Tür, dafür bekomme ich die Bestätigung, daß ich nicht verrückt bin. Ada versucht krampfhaft, die Haustür mit einem Schlüssel zu öffnen, was nicht möglich ist. Ich sehe es mit ein wenig Genugtuung, obwohl ich eigentlich gleich nach dem Frühstück zu einer Fahrradtour aufbrechen will. Doch Ada ist rabiat, sie holt sich einen Schraubenzieher und schraubt das Schloß ab. Die Tür steht offen und es wird jemand angerufen, der sich mit sowas auskennt und für morgen bestellt. Hoffen wir also, daß in Zukunft hier niemand mehr ein- oder ausgesperrt ist.

Obwohl die Bewölkung wieder zugenommen hat, halte ich an meinem Entschluß mit der Fahrradtour fest. Keine große Sache, nur zum Parque de Invierno und nach Llano de la Perdiz. Die ersten 2 Kilometer zweifle ich daran, ob ich wirklich die richtige Entscheidung getroffen habe, denn in der Stadt, wo die Sonne nicht zwischen die Häuser scheint, ist es eiskalt. 4°C zeigen die Thermometer an. Dafür komme ich beim Anstieg ganz schön ins Schwitzen. Ich hatte die Tour nicht so anstrengend in Erinnerung. Wahrscheinlich hat der Sonnenstich meine Erinnerungen getrübt. Kein Wunder, daß ich bei 30°C Mittagshitze ohne Mütze einen Sonnenstich bekommen mußte. Heute bleibt mir das erspart. Nach dem Friedhof verschwindet die Winterjacke im Rucksack. Ich erwarte, gleich wieder in die rote, steinige Wüstenlandschaft mit den kleinen, knochigen Bäumen einzutauchen. Doch was ist das? Die Landschaft hat sich total verändert. Gut, die Bäume stehen noch da, aber der rote Boden mit den Steinen ist nicht mehr zu sehen, weil ihn ein Teppich aus frischem grünen Gras überdeckt.

Oben angelangt, suche ich diesmal keinen Schatten, sondern die Sonne. Ich werde wahrscheinlich einen ziemlich bekloppten Eindruck hinterlassen haben, so wie ich da eine halbe Stunde in der Landschaft herumstehe und mein Gesicht zur Sonne drehe. Doch so gegen halb drei verliert die Sonne langsam an Kraft und ich trete den Rückweg an. Beim Aufstieg habe ich mehrere Radfahrer gesehen, die auf Trampelpfaden im Gelände unterwegs waren. Das möchte ich auch machen, außerdem sind heute soviele Autos unterwegs, daß ich ständig ausweichen mußte. Der erste Weg ist mir aber zu steil. Ich habe gesehen wir hier zwei Leute runtergerast sind, der absolute Wahnsinn. Da möchte ich doch lieber mit einer Anfängerpiste beginnen. Der Weg, den ich einschlage, ist auch nicht zu verachten. Ich habe mich immer gefragt, warum hier die meisten Mountain-Bikes eine Federgabel besitzen. Nun mache ich die Erfahrung, wie es ist, wenn man durch herumliegende Steine so stark durchgeschüttelt wird, daß man den Weg nicht mehr erkennen kann. Momente für einen wahren Adrenalinkick. Auch Zweifingerbremsen habe ich belächelt, bin aber froh, daß ich beim starken Bremsen immer noch zwei Finger zum Festhalten am Lenker habe.

Geschwindigkeitsrausch kommt nicht auf, zum einen, weil ich ein Angsthase bin, zum anderen weil die herumliegenden Steine doch erstens groß genug sind, einem den Lenker aus der Hand zu schlagen, und zweitens die Bremsen zwar funktionieren, aber sich das Fahrrad schlecht auf dem Steinboden abbremsen läßt. Böse wird es, wenn das Vorderrad ausbricht. Für mich auf jeden Fall ordentlicher Nervenkitzel. Ich werde sogar an das BMX-Fahren früher (schmerzhaft) erinnert. An einer Stelle rutsche ich von den Pedalen ab und bohre sie mir ins Schienbein. Das ist der Nachteil von Pedalen mit Metallzacken, daß wenn man mal abrutscht, es gleich ordentlich weh tut. In der Stadt komme ich aber doch noch mal in Schwung. Auf der Straße liegen keine Steine und ich kann mich durch das Gefälle ordentlich beschleunigen lassen. Das ist das schöne an einer Tour zum Parque de Invierno, daß es erst nur bergauf geht und dann nur bergab.

Ich komme gerade noch rechtzeitig zu Hause an, denn inzwischen ist es stark bewölkt. Es regnet allerdings erst, als ich die Wäsche auf der Leine habe. Später beginnt es sogar zu schneien. Guillermo, der heute mit seinen Eltern die Alhambra besichtigt hat, erzählt, daß dort der Schnee bereits liegen geblieben sei. Davon habe ich nichts bemerkt, aber es bestätigt mich in meinem Vorhaben: In meinem Zimmer (und der Küche) die warme Heizung zu genießen.

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© 1999 - 2001 Torsten Klie

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