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Bevor ich zum Internetcafé gehe, überarbeite noch ich die Seiten, die ich hochladen will. Ich probiere, das Navigieren mittels Frames zu erleichtern. Doch die Arbeit ist umsonst, es gelingt mir nicht, die Seiten hochzuladen. Nach einigen Fehlversuchen gebe ich es auf. Auch das Schreiben von eMails geht irgendwann nicht mehr, so daß ich das Internetcafé verlasse. Als ich gerade bezahle, sehe ich, daß das Gateway gerade neu hochgefahren wird. Wenn der der Wirt das Gateway neu bootet, könnte er das eigentlich mitteilen, zumal nur zwei Leute anwesend sind. Auf dem Rückweg hole ich die Fotos ab, die ich auf dem Hinweg abgegeben habe. Ich bin von dem Resultat regelrecht begeistert. Vielen Dank an meine Eltern, daß sie mir das lichtstarke Objektiv geschenkt haben. Wenn ich da an die Leute denke, die die Landschaft und die Gebäude von außen mit Blitz fotografiert haben. Die werden wohl keine Freude an ihren Bildern haben. Wie gesagt, ab Anfang November gibt es ein Alhambra-Album.
Den Weg zur Mensa kürze ich heute nicht ab, so daß ich schon nach 20 Minuten dort bin. Auf dem Rückweg bietet sich mir ein Anblick, der mir den Unterkiefer herunterfallen läßt. Auf der Dr. Severo Ochoa ist der Blick frei in Richtung Sierra Nevada, die jetzt ihrem Namen alle Ehre macht. Die ganz hohen Berge, die man die letzten Wochen über nicht hat sehen können liegen in der Sonne, und zeigen sich in einem weißen Gewand. Ich gehe extra einen längeren Weg zurück, in der Hoffnung, von anderer Stelle aus einen guten Blick zu erhaschen. Jedoch sind immer Häuser im Weg. Erst am Nachmittag auf dem Weg zum Centro de las Lenguas Modernas bekomme ich erneut die Herrlichkeit der Sierra Nevada zu sehen, und zwar auf der Acera del Casino [Anm.: Diesen Platz habe ich fälschlicherweise bisher als Puerta Real bezeichnet. Ich bitte um Nachsicht]. Wieder reißt es mir brutal den Unterkiefer herunter, was zwei junge Mädchen, die auf einer der Bänke rings um den Springbrunnen sitzen, offenbar sehr amüsiert.
Beim Sprachkurs gibt es dann nur ein Gesprächsthema: Airtel hat eine Sonderaktion gestartet, die nur wenige Tage dauert. Zu jedem Handy, das man kauft, bekommt man 15.000 Ptas Guthaben dazu. Nicht nur bei den teureren Handys, sondern auch bei denen, die nur 10.000 Ptas kosten. Ein unglaubliches Angebot. Ich überlege, ob ich da zuschlagen soll. Allerdings will ich nicht unbedingt 185 DM vertelefoniernen. Es ist auf jeden Fall billiger, sich ein neues Handy zu kaufen, als seine Telefonkarte aufzuladen. Pervers eigentlich. Ich brauche ein neues Auto, mein Aschenbecher ist voll.
Abends überarbeite ich meine Homepage erneut. Jetzt habe ich eine Idee, wie die Seiten schöner gestalten könnte. Ich scanne den Hintergrund der Eintrittskarte ein und benutze dieses Bildchen als Hintergrund. Rote Schrift auf gelben Hintergrund sieht zwar sehr spanisch aus, ist aber schlecht für die Augen. Ich sitze jeden Tag eine Stunde davor beim Tippen, wahrscheinlich stört es mich am meisten. Die Startseite gestalte ich völlig neu. Dazu will ich die alte Ausdrucken, weil ich einige Textpassagen der Einleitung übernehmen will. Der Drucker druckt nicht. Er zieht das Papier nicht mehr ein. Ich versuche alles Mögliche. Nicht einmal davor, das Handbuch zu konsultieren, schrecke ich zurück. Ich kann mich auf den Kopf stellen, das Papier will nicht mehr in den Drucker. Nun, es gibt mehrere Möglichkeiten. Entweder ist der Einzug beschädigt, weil ich statt 30 40 Blatt eingelegt habe, es ist ein Stück Schokolade hineingefallen oder eine Cucaracha hat sich in den Einzelblatteinzug verirrt. Sehen kann man jedenfalls nichts. Die Geschichte hält mich zu lange auf, so daß ich um 03.00 Uhr ins Bett gehe, ohne fertig zu sein (mit der Homepage, mit den Nerven schon).
Bevor ich mich auf den Weg zum Corte Inglés mache, um den Drucker zu reklamieren, überprüfe ich, ob ihm die die Nachtruhe vielleicht bekommen ist. Selbstverständlich zieht er das Papier noch immer nicht ein. Also verpacke ich ihn ordentlich und marschiere los. In der Computerabteilung offenbart man mir, daß es im Corte Inglés keine Techniker gäbe, die sich um die Sache kümmern könnten. Ich bekomme eine Telefonnummer in die Hand gedrückt, bei der ich mich melden soll. Also kehre ich mit der Kiste unter dem Arm wieder nach Hause zurück. Weil man mir wahrscheinlich einen Techniker vorbeischicken wird, ist der Zeitpunkt gerade richtig mein Zimmer aufzuräumen und zu säubern. Nun, so ein Techniker ist kein Grund, aber für mich doch ein Anlaß. Nötig ist es auf jeden Fall.
Die Telefonnummer auf dem Zettel ist nicht mit der Telefonnummer der Service-Hotline laut Handbuch identisch. Ich entscheide mich für die Nummer auf dem Zettel. Dort sprechen ich mit einem Mann, der mich an die andere Nummer verweist. Also rufe ich dort an. Ich komme gleich durch und spreche mit einem sehr freundlichen Herrn. Leider verstehe ich ihn so gut wie überhaupt nicht, bis er mir die Frage stellt "¿Habla inglés?". Daraufhin haben wir die ganze Geschichte auf Englisch abgewickelt. Er nennt mir in fließendem Englisch Möglichkeiten, die ich ausprobieren soll. Alles erfolglos. Dann verspricht er, mir einen Techniker vorbeizuschicken, allerdings nicht heute, sondern Donnerstag, vielleicht auch Freitag vormittag. Da kann ich mich natürlich klasse drauf einstellen, eine sehr präzise Angabe. Die Aktion hat mich fast den ganzen Vormittag und 10 DM Telefongebühren gekostet. Bis zum Mittagessen mache ich dann die Hausaufgaben. Wir haben viel aufbekommen, weil wir am Mittwoch einen Film sehen und am Freitag besprechen wollen. Ich hätte also bis nächsten Montag Zeit, aber was weg ist, ist weg.
Erst auf dem Weg zur Mensa wird mir bewußt, was für ein schöner Tag heute ist. Die Luft hat sich inzwischen erwärmt. Heute Vormittag waren es nur 12 °C. Ja, die Sonne hat immer noch viel kraft, wenn sie sich gegen die Wolken durchsetzen kann. Leider gibt es heute keinen schönen Blick auf die Sierra Nevada. Ich hatte eigentlich gehofft, heute Nachmittag in den Albaycín zu gehen und die Alhambra vor dem Hintergrund der schneebedeckten Berge zu fotografieren. Aber der Schnee wird bis zu meiner Rückreise im April nicht schmelzen, so daß ich bestimmt noch Gelegenheit zu einer solchen Aufnahme haben werde. Auf dem Rückweg klappere ich noch ein paar Telefonläden ab. Ich will mal sehen, was es für Handys im Angebot gibt. Es gibt nur eines das mir gefällt (das Siemens C25), alle anderen sind zu groß und zu häßlich. Das C25 kosten im günstigsten Fall 24.000 Ptas (incl. 15.000 "en llamadas"). Zu teuer.
Ich verbringe den Nachmittag damit, meine Homepage umzubauen. Ich hatte eigentlich gedacht, nur noch schnell ein paar Anpassungen vorzunehmen, aber wie das mit kleinen Änderungen so ist, ziehen sie einen ganzen Rattenschwanz Arbeit hinter sich her. Hoffentlich habe ich das neue Design nicht schon in ein paar Wochen satt, so daß der Zirkus von vorne losgeht. Ich will die Dateien morgen hochladen und dann bis Sonntag nicht mehr anfassen. Na gut, vielleicht mache ich noch das Album fertig. Ich hätte nie gedacht, daß so eine Homepage richtig in Arbeit ausartet.
Schade, wenn die Arbeit umsonst ist. Es ist wieder kein Hochladen möglich. Allerdings funktioniert das Mailen auch nicht. Aber was ist das? Keine einzige neue Nachricht in der Inbox? Ohhh, Schaaade! Der Wirt des Internetcafés gibt mir den Tip, es nachmittags zu versuchen, weil vormittags die Banken ihre Transaktionen durchführen. Über das Internet? Na gut.
Es paßt prima, daß ich durch den Mißerfolg im Internetcafé schon zeitig zu Hause bin, denn plötzlich kloppft es an meiner Tür. Ada fragt mich ob ich ein Paket bestellt hätte. Ich bin neugierig und gehe zur Tür. Da steht ein Mann, der einen Lexmark-Drucker in der Hand hält. Ich habe mit allem gerechnet, nur nicht, damit, daß ich schon einen Tag früher einen neuen Drucker bekomme. Doch zu früh freuen ist selten gut. Er hat natürlich das falsche Modell mitgebracht. Ich hätte mich auch mit dem kleineren Modell zufrieden gegeben, aber er sagt, wenn die Modelle nicht gleich seien, könne er sie nicht tauschen. Ich will nicht darauf bestehen, also zieht er mit dem Drucker unter dem Arm von dannen.
Ich stehe jetzt vor Ada wie der komplette Idiot da. Sie fragt mich, warum ich ihr nicht bescheidgegeben habe, daß ich einen Lieferanten erwarte. Wollte ich ja heute tun, aber wie ihr das beibringen das der Mensch zu früh gekommen ist? Außerdem sind natürlich beide (Ada und der Transporteur) davon überzeugt, daß die Verwechselung auf meinem Mist gewachsen sei. Was soll es, ich habe schon so viele Fettnäpfe mitgenommen, da kommt es auf einen mehr oder weniger gar nicht an. Aber der Spediteur ist trotzdem unglaublich freundlich. Er macht halt seine Arbeit, ihn stört das nicht, daß er umsonst gekommen ist. Wenn es mir gelänge, von dieser Einstellung wenigstens ein bißchen was zu übernehmen! Man muß ja nicht alles so verbissen sehen.
Mir bleibt nichts übrig als erneut bei der Hotline anzurufen. In einem Anflug von Selbstüberschätzung lege ich mir zwar die Sätze zurecht, schreibe sie aber nicht auf. Als ich dann eine Frau am Telefon habe, bleibe ich natürlich gleich im ersten oder zweiten Satz hängen. Ich habe dummerweise den Satz umgestellt, so daß sich ein anderes Subjekt und damit eine andere Verbkonjugation ergibt. Das bringt mich völlig aus dem Konzept. Sie fragt mich gleich, ob ich Englisch spräche. Als erstes erklärt sie mir, daß ich den falschen Drucker solange behalten könnte, bis der richtige verfügbar sei. Das wäre wahrscheinlich erst Freitag oder nächste Woche Montag der Fall. Wir einigen uns darauf, daß ich am Dienstag einen neuen Drucker geliefert bekomme, bis dahin aber keinen Ersatz. So wichtig ist mir das Drucken auch wieder nicht. Immerhin soll ich vorher sogar angerufen werden, wenn der Drucker kommt. Ich bin gespannt.
Ich habe am Vormittag schon gespürt, daß sich die Luft deutlich erwärmt hat, so daß wieder T-Shirt-Wetter herrscht. Da man die Sierra Nevada leider aufgrund von Dunst nicht erkennen kann, kann ich nach dem Mittagessen beruhigt ins Internetcafé gehen. Besonders gut sind die Übertragungszeiten auch nicht. Tripod hat seinen Kunden mit dem neuen Dateimanager keinen Gefallen getan. Die Dateien lassen sich einfach nicht hochladen. Also sehe ich mich nach einem Anbieter um, bei dem man die Seiten auch per eMail übertragen kann. Das geht mittlerweile nur noch bei www.internettrash.com. Ich eröffne einen Account und beginne mit der Dateiübertragung. Wenn man ein Hintergrundbild einbaut, sollte man es auch auf Diskette mitnehmen. Außerdem erlauben sie einem dort nur eine Ebene von Unterverzeichnissen, so daß meine Fotoalben nicht funktionieren.
Wie angekündigt sehen wir im Spanischunterricht einen Film. Der Film ("Tesis") kommt mir gleich bekannt vor. Den habe ich schon mal gesehen. Aber an den deutschen Titel kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern. Es geht um eine Studentin, die im Rahmen einer Hausarbeit über Gewalt Nachforschungen anstellt und auf Videofilme stößt, in denen Menschen zu Tode gefoltert werden (Snuff-Movies). Irgendwie scheint die Uni darin verwickelt zu sein und sie untersucht mit Hilfe eines Freaks das mysteriöse Verschwinden einer Studentin vor zwei Jahren. Der Verlobte der Vermißten, ein klassischer Schönling, sowie ihr neuer Professor (der "alte" ist an einem Asthmaanfall gestorben, während er sich ein solches Video angesehen hat) scheinen darin verwickelt zu sein. Wer den Film kennt, kann mir ja mitteilen, wie er heißt, denn ich glaube nicht, daß ich noch darauf kommen werde. Es ist äußerst vorteilhaft, daß mir der Film nicht gänzlich unbekannt ist, denn von den Dialogen verstehe ich nicht viel. Immerhin ist die deutsche Version entschärft. Ich hätte mich sonst bestimmt an die Szene erinnert, in der die Leiche der verschwundenen Studentin mit einer Handkreissäge zerstückelt wird. Jerónimo erzählt, daß als er den Film in einer Klasse mit Amerikanern gezeigt hat, diese den Raum verlassen hätten. Das Ende kenne ich noch nicht, da wir den Film erst am Freitag zu Ende sehen werden. Komischerweise erinnere ich mich auch nicht mehr genau an das Ende.
Den Abend verbringe ich damit, die Fotoalben so umzubauen, daß ich sie auch unter der neuen Adresse publizieren kann. Außerdem schreibe ich noch eine kleine englische Einleitung, da der neue Anbieter ja amerikanischen Ursprungs ist. Jetzt habe ich leider schon wieder viel Zeit in die Homepage gesteckt. Ich mag sie ja eigentlich schon gar nicht mehr sehen.
Eigentlich will ich heute morgen zur E.T.S. (Escuela Técnica Superior) de Ingerería Informática, um mit Prof. Molina S. zu sprechen. Doch die leere Waschmaschine zwingt mich geradezu zum Waschen. Der Wäschebeutel unter meinem Bett ist auch schon ganz schön prall gefüllt. Diese Entscheidung erweist sich als goldrichtig. Als ich gerade in der Küche stehe, um zu schauen, ob die Waschmaschine mit der Wäsche fertig ist, klingelt es an der Tür. Es ist der freundliche Transporteur von gestern, der mir mit strahlendem Gesicht einen neuen Drucker überreicht. "¡Máhrapyo noeh posible!" sagt er. Stimmt, schneller geht es wohl wirklich nicht. Allerdings hatten wir uns auf Dienstag als Liefertermin geeinigt und ich bin nur durch Zufall da. Aber beklagen will ich mich wirklich nicht. Ich freue ich, daß es so schnell geklappt hat.
Der Fußmarsch zur Informatikschule zieht sich. Ich benötige etwa eine knappe Stunde, aber ich gehe auch einen Umweg, weil ich erstens keinen Stadtplan dabei habe und zweitens auch in der Öffentlichkeit keinen mehr benutzen würde. Ich bin schon lange genug hier, um mich einigermaßen Zurechtzufinden. Außerdem macht das Spazierengehen Spaß, ich habe Zeit und kann dabei Sonne tanken. Dort angekommen offenbart man mir, daß es keinen Prof. Molina Soria gebe, sondern nur einen Garcia Soria und einen Molina Soreano gebe. Da nur Prof. Molina Soreano mit Vornamen Rafael heißt, kommt eigentlich nur dieser in Frage. Das ist natürlich der Direktor. In seinem Sekreteriat weiß man nicht, wo er steckt und wann er wieder kommt. Ich könne aber auf dem Flur warten, man würde mir bescheidgeben, wenn er kommt. Also warte ich etwa eine halbe Stunde, bis ein Herr mittleren Alters die Tür zum Büro des Direktors öffnet. Das muß er sein. Als er sein Zimmer schon wieder verlassen will, stelle ich mich ihm in den Weg. Für einen Spanier ist er ungewöhnlich kurz angebunden. Er fragt mich, ob ich schon mit Prof. Hastenichgesehen gesprochen hätte. Ich frage nach, weil ich den Namen wirklich nicht verstanden habe. Daraufhin macht er Nägel mit Köpfen, sagt mir höflich, aber bestimmt, daß er es furchtbar eilig habe und wir uns morgen um halb 12 treffen wollen. Dabei erweckt er den Eindruck, als habe er von Erasmus, Braunschweig und Studienarbeit noch nie etwas gehört. Ich frage mich, ob ich wirklich an den Richtigen geraten bin. Aber andererseits, wenn mir der Direktor nicht weiterhelfen kann, wer dann?
Auf dem Rückweg gehe ich an der Mensa vorbei. Es ist zwar erst kurz vor zwei Uhr, mich plagt aber trotzdem ein starkes Hungergefühl. Außerdem liegt die Mensa auf halben Weg nach Hause. Vielleicht sollte ich immer um diese Zeit Essen, denn es ist erstaunlich leer. Umso voller bin ich nach dem Essen. So reichlich wie heute wurde noch nie aufgetischt. Es gibt zusätzlich zum Fleisch mit Gemüse, der Pizza und dem Nachtisch einen Salatteller. Ich bin so geschafft, daß ich zu Hause gleich ins Bett falle und einschlafe. Richtig Siesta halt. Mittlerweile ist das Thermometer auch wieder auf 24 °C gestiegen. So lasse ich mir das gefallen.
Trotz des schönen Wetters zieht es mich ins Internetcafé. Aber es ist wie verhext. Internettrash bietet zwar Unterverzeichnisse, jedoch kann man Dateien in diese nur via ftp hochladen. Der Tripod Datei-Manager quält mich wieder durch seine Langsamkeit. Dann stelle ich mit Erschrecken fest, daß sich aus mir unerklärlichen Gründen eine veraltet Version einer wichtigen Datei eingeschlichen hat. So ein Mist, jetzt muß ich morgen nochmal hin. Dann war ich diese Woche fünfmal da. Teures Hobby, so eine Homepage. Zu Hause stelle ich fest, daß ich nicht die falsche Datei kopiert habe, sondern auch auf der Festplatte die neuste Version durch eine alte überschrieben wurde. Das kommt davon, wenn man spätabends noch schnell eine Kleinigkeit anpassen will. Verdammt, ich müßte doch langsam schlauer sein!
Abends komme ich mal wieder zum Briefeschreiben. Ich höre keine Musik dabei, denn ich will mich ganz auf das Schreiben konzentrieren. Nichtsdestotrotz schweifen meine Gedanken ab. Aber ich habe Zeit.
Wie sooft, wenn ich mir vornehme rechtzeitig aufzustehen, um ja nicht zu spät zu kommen, springe ich viel zu früh aus dem Bett. Ich habe viel Zeit, also beschließe ich, erst eine Mappe zu kaufen, in der ich ein paar Zettel, eine Diskette und einen Stift transportieren kann. Diskette und Zettel habe ich bisher (zum Internetcafé) immer in den Hosentaschen transportiert. Sollte mir, was wahrscheinlich ist, Prof. Molina Soreano einen Sitzplatz anbieten, müßte ich erst die Diskette aus der Gesäßtasche nehmen. Macht keinen guten Eindruck. Wenn ich dann etwas aufschreiben muß und ein paar zerknüllte Zettel aus derselben hole, noch viel weniger. Doch es ist gar nicht so einfach, das richtige zu finden. Im ersten Schreibwarenladen sehen alle Mappen schon gebraucht aus. Völlig verblaßt, außerdem will ich nicht unbedingt mit einer hellblauen Mappe unter dem Arm in der Stadt herumlaufen. Also weiter. In der Calle Gran Capitán finde ich einen Schreibwarenladen mit großer Auswahl an Taschen aller Art. Die, die mir am besten gefällt, kostet 10.000 Ptas. Also nehme ich eine kleine Kunststoffmappe, die gerade ihren Zweck erfüllt und 395 Ptas kostet. An der Kasse vor mir steht eine Ordensschwester mit einer Packung Disketten in der Hand. Natürlich, Disketten sind normale Büromaterialien, aber eine Frau über 70 in Ordenstracht mit einer Diskettenschachtel ist trotzdem ein komischer Anblick.
Dieser Kauf hat viel zu lange gedauert. Außerdem liegt die Gran Capitán nicht direkt auf dem Weg zur Informatikschule. Ich gehe also ziemlich schnellen Schrittes durch die Menschenmassen auf der Avenida de la Constitución. 15 Minuten für zwei Kilometer sind (inklusive Ampeln) keine schlechte Zeit. Völlig abgekämpft komme ich um 11.31 Uhr zum Büro des Direktors. Gott sei Dank, er ist noch nicht da. Doch eine Minute später erscheint er schon, bittet mich aber um weitere fünf Minuten. Ich freue mich, daß ich mich noch etwas ausruhen kann. Der Direktor ist wirklich ein Mann der Tat. Ich erweckt nicht den Eindruck, sich großartig vorbereitet zu haben. Er greift also schnell zum Telefon und will etwas regeln. Da aber der Prof, den er anrufen will nicht erreichbar ist, verspricht er, mir eine eMail zu schicken, in der alles drinsteht, was ich zu tun habe. Das klingt doch gar nicht schlecht.
Was mache ich jetzt mit diesem wunderschönen, angebrochenen Tag? Für die Mensa ist es noch zu früh. Ich möchte irgendwo in einem Park spazieren gehen, aber als ich in der Innenstadt bin, reicht mir die Bewegung und ich gehe nach Hause. Außerdem muß ich noch Einkaufen. Mit dem neuen Wasserkanister und einigen Flaschen habe ich ganz schön zu kämpfen, und ich bin froh, als ich wieder zu Hause bin. Mit dem Fahrrad wäre ich in einer Viertelstunde in der Schule.
Mir fällt plötzlich ein, daß die Webseiten, die ich heute Nachmittag hochladen will, so gar nicht funktionieren werden. Also setze ich mich an meinen Rechner und feile noch ein bißchen. Bis zum Mittagessen scanne ich noch ein paar Bilder ein für das Alhambra-Album. Wahrscheinlich habe ich es bis nächste Woche fertig. In der Mensa ist heute gar nichts los, weshalb ich schneller als erwartet im Internetcafé sitze und erfreulicherweise diesmal Erfolg mit dem Hochladen habe. Auch eMails lassen sich schreiben, allerdings nicht lesen, weil immer noch keine neuen eingetroffen sind. Da ich aber nicht mehr für zehn Minuten nach Hause will, gehe ich noch zur Plaza Nueva und ein Stück weiter hoch entlang des Rio Darro. Von dort aus hat man einen schönen Blick "auf" die Alhambra (man guckt von unten).
Im Sprachunterricht sehen wir uns wie geplant Tesis zu Ende an. Heftiger Film. Kein Wunder, daß der erst ab 18 ist. Anschließend diskutieren wir über snuff movies, über Filme, in denen gezeigt wird, wie Menschen gefoltert werden. Fast jeder in der Runde erzählt, daß er solche oder ähnliche Filme schon mal gesehen hat. Ich bin schockiert und überhaupt nicht mehr sicher, ob wir wirklich über snuff movies reden. Ich sage, daß ich solche Filme nicht kenne, und auch nicht kennen will. Die Leute nach mir äußern sich über den eben gesehenen Film. Ja worüber reden wir denn jetzt eigentlich? Wenn wir über Tesis reden, dann habe ich Unsinn erzählt. Da wir unsere Meinung zu dem Film oder zu einer Person aus dem Film als Hausaufgabe zu Mittwoch aufschreiben sollen, bekomme ich noch Gelegenheit klarzustellen, daß mir der Film außerordentlich gut gefallen hat. Immerhin kriege ich mit, daß Montag Feiertag ist. Klar, 01.11. und ein katholisches Land. Daraufhin fällt mir ein, daß ich heute Vormittag nur bis einschließlich Montag Morgen eingekauft habe. Dann muß ich morgen also noch Ware zukaufen.
Wie üblich, überkommt mich freitags abends die große Müdigkeit. Mein Kreislauf ist im Keller und ich habe zu überhaupt nichts Lust. Lesen kann ich nicht in diesem Zustand, Computerspielen will ich nicht und Weggehen schon gar nicht. Einen Brief würde ich gerne schreiben, aber ich habe gerade heute einen abgeschickt und danach fühle ich mich immer etwas leer und muß mich erst einmal wieder sammeln, bevor ich den nächsten beginne. Am liebsten würde ich sofort ins Bett gehen. Aber um 22.00 Uhr? Wann soll ich denn morgen aufstehen? Um sechs vielleicht? Ich lege also die "Trust In Trance"-CD, weil mich Trance immer in einen unglaublich wachen Zustand versetzt und beginne, das heutige Tagebuch zu tippen.
Wenn man vorhat, früh ins Bett zu gehen, um sich auszuschlafen, sollte man nicht bis 02.00 Uhr lesen. Ich weiß auch nicht, welcher Teufel mich geritten hat, daß ich unbedingt 50 Seiten der Bismarckbiografie durchlesen mußte. Jedenfalls fühle ich mich fix und fertig, als ich aufstehe. Da das Wetter immer noch einen guten Eindruck macht, will ich heute auf Tour gehen. Erst zum Strand und dann über die Alpujarras zurück. Doch zunächst Einkaufen. Doch was brauche ich denn? Bisher habe ich mich noch nicht entscheiden können, was ich heute abend koche. Ich schnappe mir mein Kochbuch und beginne zu lesen. Das geht nicht, das kann ich nicht, das will ich nicht. Beim Risotto endlich fällt die Entscheidung. Das sollte ich mit den mir zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln hinbekommen. Außerdem kann ich davon verschiedene Varianten in den nächsten Tagen und Wochen machen (der Reis muß weg).
Die meisten Zutaten bekomme ich bei Mercadona, aber keine Zwiebeln. In der Gemüseabteilung gibt es nur abgepackte Säcke und ich will nicht neben einem Sack Zwiebeln schlafen. Ja, Du liest richtig, Mercadona hat eine Gemüseabteilung. Ich sollte mir endlich angewöhnen, beim Wandeln durch die Welt meine Augen als Orientierungshilfe zu benutzen. Obwohl der Laden übervoll ist, herrscht doch eine entspannte Atmosphäre. Auch das Warten an der Kasse ist für die Leute kein Problem. Wem langweilig ist, der raucht halt. Im Supermarkt herrscht nur in der Lebensmittelabteilung Rauchverbot, und das auch nur aufgrund eines Gesetzes. Alle fünf Minuten wird man durch Lautsprecherdurchsagen darauf hingewiesen. Auch die Kassiererinnen sind entspannt, packen die Ware in Ruhe ein und haben sogar noch Zeit für ein freundliches Lächeln. Wer wird da schon drängeln wollen.
Der halbe Tag ist schon fast vorbei, als ich endlich im Auto sitze. Die Fahrt nach Motril verläuft unspektakulär, bis auf das kleine Stückchen Stadtautobahn Granadas. Als ich mich dort einfädele und brav meinen Schulterblick mache, sehe ich in vollerPracht die Sierra Nevada liegen. Ich hatte sie in einer anderen Richtung erwartet, wo ich nur Dunst gesehen hatte. Doch dieser Anblick wirft mich fast aus der Bahn. Sollte ich nicht vielleicht lieber doch in Granada bleiben? Oder den Strand weglassen und gleich in die Berge fahren. Doch ich habe mich so auf den Strand gefreut, daß ich nicht verzichten möchte. Ich muß mich dort ja nicht lange aufhalten. Doch bis ich einen halbwegs geeigneten Strand finde, vergeht einige Zeit. Doch bei Calahonda lasse ich mich nieder. Auch dieser Strand ist kein schöner Sandstrand, aber ich finde eine klitze kleine Stelle mit etwas Sand und keinen Steinen. Dort breite ich mein Handtuch aus und lasse mir die Sonne auf den Bauch scheinen. Meine nächsten Nachbarn sind Angler, die zur linken sitzen knapp 100 Meter entfernt, die zur rechten Seite bestimmt 200. Nach eine Weile hole ich Irvings Cuentos aus der Tasche und beginne zu lesen. Ich kann mich überhaupt nicht konzentrieren und muß immer wieder von vorn beginnen. Mit der Zeit kommt ein etwas frischer Wind auf, der mich zum einen vom Baden abhält und zum anderen sogar vertreibt. Denn als ich überlege, ob ich mir nicht vielleicht doch das T-Shirt wieder anziehen soll, fallen mir die Berge wieder ein. Außerdem habe ich Hunger.
Ich gehe zum Auto, um dort meine mitgebrachten Toasts zu verspeisen, möglichst ohne Sand. Irgendwie sieht der "neue" Reifen komisch aus. Aber ein Schaden ist nicht festzustellen. Ich habe mich immer gefragt, wie das wohl sein mag, wenn Justus Jonas (von den drei ???) sagt, irgedwas passe nicht ins Gesamtbild, er wisse aber nicht was. Mich beschäftigt diese "Störung des Gesamtbilds des Autos" schon seit ich den Reifen gewechselt habe. Als ich endlich von der Seite auf den Reifen blicke, fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Man hat meinen 155 Reifen gegen einen 165 getauscht. Ich weiß ja nicht, ob das so gut ist, wenn man mit unterschiedlichen Reifengrößen unterwegs ist. Beirren lasse ich mich aber nicht, ich setze meinen Weg auf der Küstenstraße Richtung Almería fort, bis zur Abzweigung nach Albuñol. Dann geht es sogleich steil bergan, und ich bekomme herrliche Ausblicke auf die Küste geboten. Leider gegen die Sonne, also in einen starken Dunstschleier gehüllt. Doch etwas ganz anders beschäftigt mich. Ich muß dringend austreten, doch nirgends gibt es Bäume, Büsche oder Hecken, hinter denen ich verschwinden könnte. An allen Stellen, an denen man anhalten kann, befindet man sich auf dem Präsentierteller. Auf dem Gipfelkamm des soeben erklommenen Berges dann sieht man zur linken das Meer in großer Tiefe liegen und zur rechten die Schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada. Außerdem gibt es hier einen Felsen, an dem man ...
Leider bin ich von der Landschaft so fasziniert, daß ich zuerst die Fotos mache. Als ich dann zum Auto und zum besagten Felsen zurückkehre, hält ein Renault hinter mir an. Die Familie, die sich mit Hilfe dieses Wagens fortzubewegen pflegt, denkt gar nicht daran, weiterzufahren oder wenigstens spazierenzugehen. Ich esse noch meine letzten Brote auf, um die Wartezeit sinnvoll zu nutzen. Aber hinter mir machen sie immer noch keinen Anstalten, sich weiterzubewegen. Da die Zeit schon fortgeschritten ist und ich nicht im Dunkeln durch die Berge fahren möchte, bin ich es, der zuerst das Feld räumt. Weiter geht es bis Órgiva, dann die schon bekannte Strecke über Pampaneira, Bubión und Capileira zum "Ende der Fahnenstange" bzw. des für gewöhnliche Touristen befahrbaren Terrains. Danach geht es nur mit einem Geländewagen weiter. Ich wundere mich, warum die Leute auf der Strasse parken, wo doch eigentlich ein großer Parkplatz zur Verfügung steht. Mir sind doch auf dem Weg hier hoch nur (vergleichsweise mit dem Besuch vor drei Wochen) wenig Autos begegnet. Doch als ich den Parkplatz ansteuern will, lüftet sich das Geheimnis. Der starke Regen der letzten Woche hat einen großen Graben zwischen Straße und Parkplatz geschaffen. Wirklich beeindruckend, was Wasser so alles anstellen kann.
Ich klettere noch etwa 150 Meter höher hinauf, dann dürfte ich die 2000-Meter-Grenze auf jeden Fall überschritten haben. Ein ganz merkwürdiges Gefühl. Die Luft ist ziemlich dünn (oder bin ich kurzatmig?), außerdem eiskalt. Da aber die Sonne kräftig brennt, kann man es im T-Shirt aushalten. Ich frage mich, ob sich der Aufstieg lohnt. Der Blick von oben ist zwar nicht viel besser als vom Parkplatz aus, unterwegs gibt es aber eine Stelle, die man von fast nirgends einsehen kann...
Die Rückfahrt zieht sich. Es ist schon dunkel, bevor ich aus den Bergen heraus bin. In Lanjarón gibt es einen Stau. Doch gegen halb neun bin ich wieder in Granada, wo ich sogar einen Parkplatz finde, obwohl in unserem Viertel wegen der Wasserleitungsarbeiten alle Straßen halbseitig mit Parkverbot belegt wurden. Ich mache mich gleich auf den Weg in die Küche. Was soll ich sagen, heute geht eigenlich alles glatt. Nur das Zwiebelschneiden ist eine Quälerei. Das Risotto schmeckt wider erwarten gut. Aber was mit einer so großen Zwiebel angebraten wurde, muß schmecken. Dafür gelingt die Unterhaltung mir Guillermo überhaupt nicht. Ich vergreife mich bei der Wahl der Vokabeln. So muß ich einiges erklären, obwohl ich doch eigentlich nicht viel mehr sagen will, als daß ich am Strand war, aber wegen des Windes nicht gebadet habe. Ich glaube, ich werde diese Sprache nie lernen.
Nach dem Essen ertappe ich mich, wie ich mindestens fünf Minuten lang mein Glas mit Weißwein in der Hand halte und ins leere starre. Das erinnert mich unweigerlich an meinen letzten Urlaub auf Fuerteventura. Doch im Gegensatz dazu raffe ich mich nicht mehr auf, wegzugehen. Eigentlich hatte ich vor, heute mal einen Rundgang zu machen und "die Lage abzuchecken". Da aber Montag Feiertag ist, kann ich das auch noch morgen machen. Ich finde, ich habe mir auch etwas Ruhe verdient, schließlich bin ich fast 300 Kilometer autogefahren.
Dank der Zeitumstellung ist es noch relativ früh. Doch ich habe keine Ahnung, was ich mit dem schönen Tag anfangen soll. Ich habe mir für heute Abend vorgenommen, mal zu schauen, was in der Stadt so abgeht. Deshalb scheidet eine Tour mit dem Auto aus, weil ich dann wieder so müde sein werde. Als erstes schreibe ich meine Meinung über Tesis nieder. Weil ich gerade so gut am Schreiben bin, lasse ich gleich noch einen Brief folgen. Danach schnappe ich mir die Komplettlösung von Lands Of Lore III und spiele ein weiters Level durch, das ich schon einmal, jedoch fehlerhaft überstanden habe. Der Walkthrough ist so knapp beschrieben, daß man immer noch genügend zu puzzlen hat.
Am späten Nachmittag hoffe ich dann, den Sonnenuntergang über der Alhambra sehen zu können. Mir ist allerdings nicht genau klar, wann die Sonne untergehen wird. So gehe ich zu spät los. Außerdem unterschätze ich den Weg bis zum Aussichtspunkt im Albaycín, so daß die Alhambra schon nicht mehr im Licht ist. Zum Fotografieren ist es nicht gut, zumal der Schnee in der Sierra Nevada schon größtenteils wieder geschmolzen ist. Aber die Atmosphäre ist trotzdem unbeschreiblich schön. Sehr viele Leute haben sich versammelt und alles spricht mit gedämpfter Stimme. Man beobachtet und genießt. Ich bin einer der Wenigen, die den Platz schon vor Sonnenuntergang wieder verlassen, weil ich noch weiter durch den Albaycín gehen will. Und zwar möglichst nicht im Dunkeln. Die engen Gassen sind auch so schon unheimlich genug. An einer Stelle wird es von allen Seiten eng, nicht nur von rechts und links, sondern auch von oben, weil die Bäume lange nicht geschnitten wurden. Die Häuser sind auch nur noch Ruinen. Ich glaube einen besseren Platz gibt es nicht, um Touristen zu überfallen. Ich bin doch recht froh, als ich wohlbehalten wieder auf einer etwas bevölkerteren Gasse gehe.
Auf der Gran Via de Colón angelangt, muß ich feststellen, daß nicht viel los ist. Ich hatte eigentlich gehofft, der Stierkampf wäre schon zu ende. Im Anschluß an ein solches Spektakel wird, so glaube ich, in den Straßen gefeiert. Nun, die Calle Gran Capitán, über die ich den Rückweg bestreite, ist ziemlich leer. Als ich zu Hause ankomme, ist es völlig dunkel geworden. Ich begrüße den älteren Herrn, der mir aus der Haustür entgegen kommt, sehr zu seiner Verwunderung mit "¡buena' noche'!". Natürlich, nur weil es dunkel ist, ist noch lange nicht "noche"!.
Als es dann wirklich "noche" ist, nämlich gegen 22.00 Uhr, mache ich mich auf den Weg zu Bocatta, um zu abend zu essen. Vor der Tür steht ein alter Mann ohne Schneidezähne, der einen leeren Bierbecher in der Hand hält und fürchterlich weint. Ich verstehe kein Wort von dem, was er dabei von sich gibt. Doch eines: "Bocadillo". Will er Geld, um sich eins kaufen zu können? Wie ein Bettler sieht er eigentlich nicht aus, nur die fehlenden Zähne sprächen dafür. Ich glaube eher, daß er verwirrt ist. Aber gut, das eine schließt das andere nicht aus. Grauenvoll, wenn ein Mensch so ohne Würde dasteht.
Bei Bocatta ist ganz schön Betrieb. Auf der Theke steht ein Plakat, auf dem Pommes abgebildet sind. Wollen die damit ausdrücken, daß es heute welche gibt, obwohl es Sonntag Abend ist? Ich gebe meine Bestellung mit fürchterlichem Akzent auf. Aber da die Musik so laut ist und die Leute solchen Krach verursachen, muß ich sehr laut sprechen. Entweder laut oder schön. Jedenfalls behandelt mich Francesco (so steht es auf dem Namensschild) wie jemanden, der kein Wort Spanisch spricht. "Beeehh-biiih-daaahh?" sagt er und zeigt auf die Cola- und Fanta-Zapfanlage. Dann fragt er noch nach "Kettschuuhppp?". Und das nach sechs Wochen in Spanien. Wirklich demütigend. Dafür entschädigt das Essen.
Anschließend gehe ich die Calle de Reyes Católicos weiter Richtung Plaza Nueva. Dabei begegnen mir zwei Leute aus meinem Sprachkurs. Der erste hat nur ein abfälliges "Hallo!" für mich übrig. Vor 150 Jahren wäre der Tonfall wohl ein Grund gewesen, Satisfaktion zu verlangen. Aber ich bin ja ein friedliebender Mensch. Der zweite sieht mich erst gar nicht, aber seine Ablenkung sieht auch ziemlich gut aus. Man hatte mir gesagt, auf dem Plaza Nueva würden am Wochenende abends 1000 Leute stehen und Biertrinken. Nun, außer den üblichen Aussteigern sehe ich keine Leute biertrinken. Und schon gar keine 1000. Aber es ist ja auch bei 15°C was frisch und außerdem Sonntag, allerdings vor einem freien Montag. Ich folge dem Rio Darro. Es sind reichlich Leute unterwegs. Die meisten Kneipen und Bars haben die Hocker noch auf der Theke stehen. Um diese Zeit ist nur in den Bars etwas los, die zu einem Restaurant gehören. Zwei Läden konnten mir gefallen. Ich glaube, Jerónimo, unser Spanischlehrer hatte auch schon von denen gesprochen und gesagt, daß er sich dort öfter aufhalte. Den Platz merke ich mir für später.
Auf dem Rückweg steigt mir plötzlich der Geruch von Haschisch in die Nase. Kommt das aus einer Kneipe oder sitzen hier am Straßenrand Leute und kiffen? Nein, es sind die harmlos aussehenden Mitdreißiger vor mir, die sich beim Gehen mitten auf der Straße eine Tüte teilen. Kraß. In der Calle Elvira brechen die Kneipen aus allen Nähten. So, hier trifft man sich also zum Warm Up. Aber wie fast überall ist Ricky Martin zu hören, die Spanier fahren da voll drauf ab. Ich kann diese Musik mittlerweile nicht mal mehr fünf Minuten ertragen. Je weiter man sich vom Plaza Nueva wegbewegt, umso Kneipen trifft an. Hier sind bald nur noch Parkwächter anzutreffen, die die Leute "freundlicherweise" in die wenigen noch freien Parkplätze einweisen. Auch sonst werden die Gassen immer dunkler und die Gestalten zwielichtiger. Ich sehe also zu, daß ich auf die Gran Vía de Colon komme. Dann links die San Juan de Díos (die wird zur Gran Capitán) und von da ab Zick-Zack durch das Universitätsviertel. Es ist gespenstisch still. Ich höre nur meine eigenen Schritte, ab und zu eine einzelne Person telefonieren und gelegentlich aus den Häusern einen Fernseher.
Doch bald stoße ich auf einen Platz, auf dem viele Jugendliche abhängen. Die meisten kippen sich hier das Alhambra aus den Literflaschen rein. Altersmäßig dürften die meisten das gerade so dürfen. Einer Gruppe, die eher in meine Altersklasse passen würde, weiche ich schleunigst aus. Kurze Haare, fette Kotletten, schwarze Jacken mit rotkariertem Innenfutter. Sind das nun Skins oder Scooter oder Ska-Freaks? Ich habe ehrlich gesagt wenig Interesse, es herauszufinden, zumal der eine schon ziemlich böse zu mir herüberblickt. Oh, eine Kneipe mit Kürbisschmuck. Richtig, vor McDonalds habe ich auch schon einen Vampir gesehen. In den meisten Kneipen wird Halloween jedoch nicht gefeiert. Das hätte mich auch stark gewundert, bei der anti(nord)amerikanischen Grundhaltung der Spanier.
Zum Abschluß meines nun schon wieder ausreichenden Fußmarsches (mir schmerzen schon die Hüften) treffe ich den mir schon bekannten Vampir allein auf einer Verkehrsinsel stehen. Er macht einen unsicheren Eindruck und telefoniert, wahrscheinlich mit seinen Freunden, die ihn versetzt haben. Aber die Schminke macht wirklich was her, der Blutstropfen an seinem Mund ist gelungen.
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© 1999 - 2001 Torsten Klie
Last modified: Sat Mar 24 00:12:38 CET 2001