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Montag, 18. Oktober 1999

Praktisch, daß ich gar keinen Wecker brauche. Die Bauarbeiter sorgen schon dafür, daß ich nicht zu lange schlafe. Doch was tun mit dem frühen Tag? Ich nutze die Zeit, um meine Homepage zu aktualisieren. Dafür muß ich als erstes noch den Tagebucheintrag von gestern Tippen. Verständlicherweise habe ich letzten Samstag kein Tagebuch mehr geführt, so daß ich jetzt im Verzug bin. Außerdem füge ich noch ein paar neue Fotos zum Album meiner Persönlichen Umgebung hinzu. Danach mache ich mich auf den Weg ins Internetcafé. Als erstes beginne ich den Brief abzutippen, den ich geschrieben habe. Doch was ist das? Ich habe nur zwei von drei Blättern mitgenommen. Das kommt davon, wenn man sparsam sein will, und von schon beschriebenen Blättern die Rückseiten nutzt. Also landen die Brieffragmente erst einmal in der Outbox. In meiner Inbox befindet sich eine Mail mit Attachment. Doch leider ist das Attachment als ASCII-Text bei mir angekommen, so daß ich nur kryptische Zeichen auf dem Bildschirm erkenne. Ich versuche mir noch die aktuellen Virusdefinitionen für F-Prot herunterzuladen, weil der Virenscanner mich jedesmal beim Scannen von im Internetcafé benutzten Disketten mit der Meldung nervt, die Virusinformationen seien veraltet. Beim herunterladen ist etwas schief gegangen, so daß der Scanner jetzt gar nicht mehr läuft. Des weiteren besorge ich mir noch die Komplettlösung für Lands Of Lore III, weil ich an einer Stelle gerade festhänge. Da ich aber in Zukunft noch etwas puzzlen will, speichere ich nur die Hilfe zu dem Level ab, in dem ich mich gerade befinde.

Man sollte Tips, die man anderen Leuten gibt auch selbst befolgen. Als ich den Walkthrough für das Volcano-Level ausdrucke, setze ich natürlich beim Internet Explorer 5 die Schriftgröße nicht herunter. Aber da ich kurzsichtig bin und das Papier eigentlich auch nicht mit nach Hause nehmen möchte (ich werde hier in Granada wahrscheinlich keine 500 Blatt verbrauchen), schadet das nicht. Als ich den Text durchgelesen habe, stelle ich mit erschrecken fest, daß ich das ganze Level und das Level davor noch mal durchspielen muß. Doch zunächst Mittagessen. Das Fahrradfahren fällt nicht leicht, denn ich habe ordentlich Muskelkater. Die Luft ist heute frisch, so daß ich im Pullover bekleidet meinen Sonnenbrand schonen kann.

Kurz bevor ich zum Sprachkurs aufbreche, finde ich die Waschmaschine in leerem Zustand vor. Das nutze ich sofort aus und stopfe meine Wäsche hinein. Nach den Erfahrungen der letzten zwei Wochen kann man nie wissen, wann sich eine solche Gelegenheit erneut bietet. Den Kurs selbst kann ich mir zwei Worten beschreiben: Wie immer. Auf dem Rückweg erinnere ich mich an meine Einkaufsliste, die ich letzten Samstag aufgestellt habe. Deshalb suche ich den Corte Inglés auf. Doch Karten der Umgebung sind nicht zu bekommen. Also gehe ich zur Fahrradabteilung. Einzelne Schraubenschlüssel oder ein Knochen sind nicht erhältlich. Ich müßte also ein zweites Fahradwerkzeugset kaufen, was ich nicht ganz einsehen will. Eine Luftpumpe ist schon für wenig Geld zu haben Aber hat mein Fahrrad Autoventile oder normale? Das sollte ich wohl vorher in Erfahrung bringen. Dafür sehe ich eine Rückleuchte, auf der ein grober Aufkleber hinweist: "For use only outside of Germany!"

Zu Hause wartet schon die Wäsche auf mich. Offenbar habe ich diesesmal das richtige Programm gewählt. Doch die Leine ist schon ziemlich voll und außerdem ist der Innenhof nicht beleuchtet, was die Arbeit nicht gerade erleichtert. Aber ich will mich nicht beklagen, immerhin habe ich jetzt wohl wieder Socken für die nächsten zwei Wochen. Den Rest des Abends marschiere ich dann strikt nach Anweisung durch eine vulkanische Welt. Bis auf eine kleine Kleinigkeit hatte ich schon alles richtig gemacht. Doch es sind eben manchmal nichtig erscheinende Details, die ein Projekt zum Scheitern bringen.

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Dienstag, 19. Oktober 1999

Wie gewohnt werde ich durch Baulärm geweckt. Aber ich habe beim Blick aus dem Fenster die Hoffnung, daß das bald aufhört. Sie fangen schon an, die Löcher wieder zuzuschütten. Im dunklen Flur stoße ich fast mit Ada zusammen. Was für ein Schrecken am frühen Morgen! Es ist wie bei mir zu Hause, neben der Tür zu meinem Zimmer befindet sich kein Lichtschalter. Noch bevor ich Frühstücke benutze ich das soeben freigesetzte Adrenalin, um mit der so gewonnenen Energie mein Zimmer aufzuwischen. Dann fülle ich die Waschmaschine, denn ich finde sie schon wieder leer vor. Danach lasse ich mir viel Zeit beim Frühstück, damit der Fußboden in meinem Zimmer trocknen kann.

Zunächst arbeite ich die kommende Lektion im Lehrbuch durch, damit ich für die nächste Spanischstunde fit bin. Danach geht das Spanischlernen weiter, ich lese die Cuentos de la Alhambra von Washington Irving. Da ich aber überhaupt nicht vorankomme, unterlasse ich bald das heraussuchen der Vokabeln. Das ist der Vorteil von romantischer Literatur, daß die meisten Sätze "unnötige" Beschreibungen der Umgebung sind. Es dauert bis zum Mittagessen, bis Irving endlich von Sevilla nach Granada gereist ist. Im Buch sind das genau 30 Seiten. Wenn ich weiter so viel Zeit zum Lesen dieses Buches brauche, dann sitze ich Weihnachten noch daran. Aber warum eigentlich nicht?

Die Fahrt im die Mensa ist beschwerlich. Das liegt weniger an meinem Muskelkater als an der Tatsache, daß irgendein Spaßvogel den Deckel des Gangschaltungshebels abgeschraubt hat und ich jetzt die ganze Fahrt über den Schalthebel festhalten muß. Auf dem Rückweg nehme ich den Weg über das Centro Arabial, weil in diesem Einaufszentrum ein weitere Corte Inglés ist. Ich hoffe, dort einzelnes Werkzeug zu bekommen. Nur ein kleiner Teil dieses Kaufhauses ist im "klassischen Kaufhausstil" aufgezogen, der Großteil ist im Hipercor, einem gigantischem Supermarkt, untergebracht. Einen Supermarkt in dieser Größe und mit einem derartig großen Angebot habe ich noch nie gesehen. Was die Getränkeabteilung allein für Biersorten aus aller Herren Länder anzubieten hat, ist beachtlich. Die Weinabteilung ist exzellent, es fehlt nicht einmal an Hinweisschildern über die Qualität einzelner Jahrgänge. Gleich neben den Getränken befindet sich die Heimwerkerabteilung. Dort bekomme ich auch Schraubenschlüssel. Da diese wirklich günstig sind, nehme ich gleich drei. So habe ich jetzt ein "Sortiment" von 8 bis 13 und sollte für die meisten Reparaturen gerüstet sein. Dummerweise nehme ich auch noch eine Flasche Cola mit, die gerade im Angebot ist. Eben diese Flasche ist es, die den Rückweg mit dem Fahrrad schwierig gestaltet. Die Einkaufstüte am Lenker baumeln zu lassen, ist nicht möglich, weil sich die Colaflasche dann in den Speichen des Vorderrades verfängt. Aber ich radele gemütlich über die Fahrrad-Circunvalación, so daß es langsam, aber sicher einhändig nach Hause geht.

Den Nachmittag verbringe ich musikhörend und briefeschreibend. Ich möchte wie immer viel mitteilen, kann mich aber nicht ausdrücken. Das geht so lange, bis ich irgendwann Halsschmerzen und einen glühend heißen Kopf habe. Mein Kreislauf ist total im Keller, deshalb lege ich mich ins Bett. Nach etwa einer Stunde geht es mir wieder besser. Ich habe schrecklichen Appetit auf Süßigkeiten, aber mein Vorrat ist aufgebraucht. Was ich hier in den letzten Tagen so weggefuttert habe, das paßt auf keine Kuhhaut. Bisher habe ich auch regelmäßig meinen Schokoladenvorrat aufgefüllt, aber ich bin es leid, jeden Tag einzukaufen. Wenn man einen oder sogar mehrere Supermärkte in der Nähe hat, verleitet das dazu, ständig wegen einer Kleinigkeit loszumarschieren. Doch das soll anders werden. Ich möchte eine gewisse Systematik in mein Konsumverhalten bringen und nur noch zweimal in der Woche überlegt einkaufen. Da ich für morgen einen solchen "Halbwocheneinkauf" geplant habe, schreibe ich mir auf, was ich brauche. Dazu nehme ich wieder das Koch- und das Wörterbuch zur Hand, denn am Wochenende möchte ich wieder ein Gericht "zaubern".

Gezaubert wird nach dem Abendessen auch wieder. Irgendjemand hat die Wasserleitung verzaubert, so daß kein Wasser mehr aus dem Hahn kommt. Ich tauche in eine Eiswelt ein und bekämpfe doppelköpfige Säbelzahntiger. Ob die wohl für die "eingefrorene" Wasserleitung verantwortlich waren? Anscheinend schon, denn als alle besiegt sind, fließt das Wasser wieder und ich kann den Abwasch machen. Wegen der vielen kleinen Untermieter kann es nämlich ziemlich unappetitlich werden, wenn man benutztes Geschirr stehen läßt...

Lothar Galls Bismarckbiographie ist keine geeignete Bettlektüre. Die Kapitel sind einfach zu lang. So kommt es, daß ich erst um drei Uhr das Licht ausmache. Seit ein Uhr wird auf der Straße Kies geschaufelt, und Steine werden gehackt. Um halb zwei kommt wie immer die Müllabfuhr. Um zwei dann steht ein Auto mit lauter klassischer Musik an der Ampel unter meinem Fenster. Hier ist was los! Als ich mich dann endlich hinlege, beginnt es zu regnen. Das Geräusch der Regentropfen an der Jalousie ist kein Vergleich zum Presslufthammerlärm.

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Mittwoch, 20. Oktober 1999

Das Aufstehen fällt schwerer, weil der Baulärm endlich nachläßt (oder gewöhne ich mich langsam daran?). Es regnet immer noch und es sieht nicht danach aus, daß sich das in den nächsten Stunden ändert. Der erste Programmpunkt (das Einkaufen) ist schnell erledigt. So schnell, daß ich vergesse, neuen Zitronentee mitzubringen. Danach mache ich mich auf den Weg ins Internetcafé. Normalerweise genieße ich den etwa 15- bis 20minütigen Spaziergang. Doch heute ist das ganz anders. Es sind nur 14°C und es regnet stetig weiter. Eigentlich genau das richtige Wetter für das Internetcafé. Die Spanier, die sonst immer mit einem Lächeln, wenigstens aber doch mit entspanntem und zufriedenen Gesichtsausdruck durch die Stadt wandeln, machen heute ein genauso trübes Gesicht wie das Wetter. Gleich in der ersten Mail werde ich wegen des guten Wetters beschimpft. Das lasse ich mir gerne gefallen, ist es doch der erste richtig schlechte Tag.

Ich schreibe ein paar Briefe. Der erste (es ist die Fortsetzung des Briefes, von dem ich am Montag nur zwei Drittel dabeihatte) geht noch verhältnismäßig einfach. Dann aber wird es schwieriger. Ich habe ein Konzept dabei, welches veraltet ist, weil inzwischen schon Post da ist, in der designierte Empfänger auf die meisten Punkte, die ich ansprechen Will, bereits eingegangen ist. Da ich bald mit meiner Studienarbeit beginnen will, suche ich noch eine Kontaktadresse. Den Ausdruck der Mail, auf der der Name meiner "Kontaktperson" steht, ist nicht aufzufinden. Wahrscheinlich liegt er in Braunschweig auf/unter/neben/in meinem Schreibtisch oder Bett. Ich würde ja auch einfach mal vorbeischauen und mich durchfragen, aber auf der gesamten Homepage ist nicht ein einziger Hinweis auf die Adresse zu finden. Dafür ein Foto vom Gebäude, daß eine ganze Minute herunterzuladen dauert. Immerhin bieten sie einen Personensuchservice an. Hmm, der erste Nachname war Molina, da bin ich mir sicher. Aber der zweite? Molinas (z.dt. Müller) gibt es im Informatikzentrum mindestens 20. Aber nur einer ist dabei, der Rafael mit Vornamen heißt. Da sein zweiter Nachname hinkommen könnte, schreibe ich mir seine eMail-Adresse auf. Zu Hause schreibe ich dann in Ruhe eine eMail an ihn, die ich in den nächsten Tagen abschicken werde. Bei den paar Zeilen hätte ich das eigentlich auch im Internetcafé erledigen können, aber da hatte ich kein Wörterbuch. Es mangelt mir doch noch an Selbstvertrauen im Umgang mit der spanischen Sprache. Ich brauche das Wörterbuch nur, um festzustellen, daß ich den Brief richtig geschrieben habe. Hoffentlich an die richtige Person...

Da der Regen immer noch nicht aufgehört hat, beschließe ich, heute nicht in die Mensa zu fahren, sondern zu Hause zu kochen. Toller Einfall, der hätte aber früher kommen müssen. Um 13.30 haben die meisten Lebensmittelgeschäfte schon geschlossen. Also will ich am Nachmittag vor meinem Spanischkurs einkaufen gehen. Den Nachmittag bis dahin verbringe ich wieder in fremden Welten. Dann aber werde ich brutal in die Realität zurückgeholt. Spanische Lebensmittelgeschäfte haben nur Vormittags geöffnet. Außerdem regnet es jetzt in Strömen. Mein Regenschirm verhindert zwar, daß mein Kopf naß wird, die granadinischen Straßen sind aber schlecht kanalisiert, so daß das Wasser einige Zentimeter auf der Straße steht und im Nu meine Schuhe und die die Hose durchnäßt sind. Auf den abschüssigen Straßen kommen mir wahre Sturzbäche entgegen.

Auf dem Rückweg hat der Regen endlich aufgehört. Ich probiere einen weiteren Supermarkt in meiner Nähe aus: Consum. Von außen unscheinbar, hat dieser Verbrauchermarkt doch eine beachtliche Größe und Auswahl. Die Aufmachung ist ziemlich nobel, die Preise passen sich dem gehobenen Einkaufsklima an. Ich nehme eine Dosensuppe und stelle mich an der Kasse an. Leider führen sie keinen Zitronentee. In der Schlange vor mir steht eine Frau mit frischen Mohrrüben. Ich hätte also gar keine Dosensuppe nehmen müssen, sondern auch frische Zutaten bekommen können. Den Consum sollte ich mir für eine meiner nächsten Einkaufstouren vormerken. Als ich dann in der Küche stehe, sind dort zwei Herren tätig. Nach einer Weile bemerke ich, daß im Innenhof, in dem immer noch meine Wäsche auf der Leine hängt, 15 cm Wasser steht und diese beiden Männer offensichtlich gewillt sind, dieses zu ändern. Auch Guillermo und Ada sind zugegen. Ich freue mich, nicht allein essen zu müssen. Aber mein Schüsselchen ist nicht mikrowellengeeignet, als ich die Suppe aus dem Mikrowellengrill nehme, hat es einen großen Sprung. Immerhin tropft durch ihn keine Suppe heraus.

In einem meiner Briefe habe ich mich noch über meine geringen Spanischkenntnisse beklagt. Aber heute verstehe ich sogar ansatzweise, was Guillermo von mir will. Immerhin bin ich es, der ein Gespräch anfängt, er hat das nach einigen Fehlversuchen in der ersten Woche aufgegeben. Er hat wirklich einen dreckigen Akzent. Als dann Adas Tochter mit dem Enkelkind erscheint, ist das Chaos komplett. Ich habe mir etwas mehr Leben in unserer WG gewünscht, aber jetzt wird es doch ein bißchen zuviel. Immerhin weiß ich jetzt, daß Spanier schon mit einem lauten Sprachorgan geboren werden, denn was die Kleine für ein Geschrei veranstaltet, als sie gehen muß, spottet jeder Beschreibung.

Den Abend über hole ich mir Anregungen aus dem SelfHTML-Tutorial. Ich finde, meine Homepage könnte etwas Kosmetik vertragen. Aber das will gut überlegt sein, ich habe keine Lust, etwas zu kompliziertes einzubauen, was dann die Funktionalität verhindert. Da ich nur einmal in der Woche neue Daten hochlade, kann und will ich mir keine Fehlschüsse leisten und dann Mails bekommen, die mir sagen, daß irgendwas nicht mehr funktioniert. Wer Gestaltungsvorschläge hat, kann mir diese gerne mailen. Es bleibt zunächst dabei, daß ich mir Anregungen hole, zu den Umsetzungen komme ich nicht mehr.

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Donnerstag, 21. Oktober 1999

Die Nacht ist furchtbar. Es ist so entsetzlich kalt in meinem Zimmer. Auch tagsüber hatte ich gestern schon gefroren, aber jetzt in der Nacht ist es noch viel schlimmer. Wie soll das erst im Winter werden, wenn die fünf bis zehn Nächte mit Frost kommen? Hoffentlich bringt dann die Heizung etwas, sonst muß ich mehrere Schlafanzüge übereinander tragen.

Da heute kein Sprachkurs ist, muß ich auf eigene Faust lernen. Das fällt nicht weiter schwierig, denn wir haben viele Hausaufgaben bekommen. Doch vorher kann ich endlich die Wäsche von der Leine nehmen, denn es scheint wieder die Sonne. Wie schon gesagt, wir haben einiges zu tun, unteranderem sollen wir ein Märchen erzählen. Ich entscheide mich für den Froschkönig, allerdings in etwas abgewandelter Form. Danach beiße ich mich bis zum Mittagessen durch Irvings Cuentos de la Alhambra.

Auf dem Weg zum Mittagessen dann die große Überraschung. Heute fehlt nicht nur der Schalthebeldeckel, heute fehlt auch der ganze Rest des Fahrrads. Da ich mich nicht mit leerem Magen ärgern will, gehe ich schnellen Schrittes zu Fuß in die Mensa. Das dauert ungefähr eine Viertelstunde. Ich bin überrascht, daß das so schnell geht, aber ich habe auch ziemlich viel Frust abgebaut beim gehen so daß man mein Tempo sicher nicht als spazierengehen bezeichnen kann. Dafür kann ich mich vor dem Essen noch etwas ausruhen, denn die Mensa ist brechend voll. Die Leute machen alle einen großen Bogen um mich, mein sieht mir meine Wut offensichtlich an. Auch mit dem Wein ist es heute essig.

Um mich nach dem Essen etwas zu beruhigen gehe ich in den Lorca-Park. Dort setze ich mich auf eine schattige Bank. Das Wetter tut das übrige und so ist meine schlechte Laune bald verflogen. Gestern habe ich noch mit dem Herbstanfang gerechnet, aber heute ist es wieder wie an einem Frühsommertag in Deutschland. Die Sonne ist zu heiß, um länger in ihr zu sitzen, daß sagt mir mein Kopf und mein Sonnenbrand. So sitze ich eine ganze Weile, beobachte das sich in den Fontänen des Springbrunnens vor mir brechende Sonnenlicht und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Dabei denke ich an alles mögliche, nur nicht an Fahrräder, Verbrecher und Diebesgesindel. D.h. eigentlich träume ich mehr vor mich hin. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren, bis ich plötzlich ein Kribbeln auf meinem rechten Unterarm spüre. Es dauert ziemlich lange, bis ich geschnallt habe, daß das possierliche Tierchen auf meinem Arm eine Zecke ist, und ich schnell reagieren sollte. Zum Glück gelingt es mir noch, sie abzuschütteln, bevor sie sich festsaugt. Erst jetzt merke ich, daß die Bank nur deshalb schattig ist, weil sie halb in einem Gebüsch steht. Als sich dann auch noch ein Pärchen mir gegenübersetzt, habe ich genug. Ich mache mich auf den Weg nach Hause. Den Rest des Nachmittags spiele ich ein wenig LOL3.

Beim Abendbrot erzähle ich Guillermo dann, daß mein Fahrrad gestohlen wurde. Daraufhin darf ich ein einen Vortrag über meine Blödheit anhören. Darauf kann ich wirklich nicht. Ich finde nicht, daß man sich rechtfertigen oder sogar schämen muß, wenn man Opfer eines Diebstahls geworden ist. Natürlich hätte ich das Fahrrad auch jeden Abend in den ersten Stock durch den verwinkelten Hausflur, durch den engen Flur der Wohnung, durch die noch engere und verwinkelte Küche in den Innenhof schleppen können. Danach wären aber mit Sicherheit meine Klamotten eingesaut gewesen. Außerdem hätte ich dann zweimal am Tag die Küche und den Flur wischen müssen, weil ich das Rad wahrscheinlich kaum durch die Wohnung bekommen hätte, ohne es abzusetzen. Jetzt hat er es geschafft, daß ich wieder gefrustet bin. Danke!

Ich reagiere mich mit Dungeon Keeper 2 ab, weil man hier böse sein muß, um zu gewinnen. Aber ich bin nicht böse genug. Nach einer Stunde gebe ich auf. Darüber, was ich jetzt fahrradtechnisch unternehme, denke ich in den nächsten Tagen nach. Auf jeden Fall werde ich keine Anzeige erstatten. Das hat mir in Braunschweig schon gereicht, als ich im Juli eine Anzeige wegen des gleichen Deliktes aufgegeben hatte. Vom Prinzip her wäre es zwar richtig und wichtig, den Sachverhalt der Polizei zu melden, aber aufgrund meiner geringen Sprachkenntnisse lasse ich es lieber sein. Busfahren oder neues Fahrrad? Diese Frage werde ich demnächst klären. Am Besten checke ich zunächst die Busverbindung zur Informatikabteilung. Zur Mensa kann ich, bis ich mit der Studienarbeit anfange, auch noch zu Fuß gehen.

Einer der letzte Gedanke, der sich vor dem Einschlafen einstellt, ist der Rückflug über Weihnachten. Der findet nämlich am 21. Dezember statt, also genau heute in zwei Monaten.

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Freitag, 22. Oktober 1999

Der letzte Gedanke gestern hat mich offenbar so beschäftigt, daß ich davon träume. Ich bin wieder zu Hause, allerdings nicht am 21.12., sondern am 21.10.. Da habe ich wohl etwas verwechselt. Panik macht sich breit. Was mache ich denn jetzt mit der Studienarbeit? Ich muß mir schwere Vorwürfe von meinem Vater anhören. Warum hat mir denn vom Flugpersonal niemand gesagt, daß ich im falschen Tag geflogen bin? Endlich wache ich auf, und freue mich, daß ich immer noch hier in Granada bin.

Ich mache mich als erstes auf den Weg ins Internetcafé, wo ich lesen kann, daß man auf meine erste Fotoseite nicht zugreifen kann. Das muß ich natürlich sofort ausprobieren. Es stimmt, die Seiten werden nicht gefunden. Die Links sind natürlich auch in windowstypischer Schreibweise abgelegt, also mit Backslash statt Slash als Trennzeichen der Pfade. Da Tripod (offensichtlich wegen der Case-Sensitivität der/des URL) keinen NT-, sondern wahrscheinlich einen UNIX-Server verwendet, können die Links nicht richtig interpretiert werden. Warum in aller Welt muß Microsoft immer seinen eigenen Wege gehen? Jedenfalls sende ich zunächst die Nachricht an Prof. Rafael Molina Soria, daß ich mit meiner Studienarbeit beginnen will. Dann besorge ich mir noch Hilfe für Dungeon Keeper 2 und Lands Of Lore III. Plötzlich spricht mich der Mann, der neben mir sitzt, an und fragt mich, ob ich Spanisch und Englisch spreche. Er will eine englische eMail schreiben und ich soll ihm einen Satz übersetzen. Leider verstehe ich den Sachverhalt, den er ausdrücken will nicht genau. Ich übersetze ihm die Sache so, wie ich sie verstanden habe. Er benutzt in seinem Satz Conditional und verschiedene Höflichkeitsformen. Er will irgendwelche "slingshots" bestellen, soviel ist sicher. Im Nachhinein bin ich gar nicht so unglücklich darüber, im nicht helfen zu können gehabt zu haben. Denn aus meinem Wörterbuch erfahre ich, daß slingshots Katapulte sind.

Auf dem Rückweg spaziere ich noch ein wenig durch die Stadt. Leider nimmt die Bewölkung immer mehr zu und es sieht ganz danach aus, daß es heute noch regnen würde. Es sind massenweise Touristengruppen unterwegs, vorzugsweise deutsche Rentner, eine Gruppe Amerikaner ist auch unterwegs. Touristen erkennt man sofort an ihrer schlechten Kleidung. Kein "normaler" Mann läuft hier so schlampig herum, wenn man von den Pennern und Jugendlichen in Trainingsanzügen absieht. Es dauert also nur vier Wochen, da fühlt man sich so einheimisch, daß man für die Touristen nur noch verächtliche Blicke übrig hat. Aber es ist auch nicht mehr Saison, so daß jetzt keine Individualurlauber mehr kommen, sondern nur noch Rentner, die busladungsweise hergebracht und dann regelrecht durch die Stadt gescheucht werden. Eine Stadt muß man erleben, man muß nicht von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten hetzen. Wichtig, so finde ich, ist die Atmosphäre einer Stadt. Die versäumt man aber, wenn man angestrengt einer jungen Dame, die einen bunten Regenschirm schwingt, hinterherläuft. Immerhin ein Regenschirm und keine bunte Flagge (am besten noch Schwarz-Rot-Gold). Ich besorge mir noch "Civilization - Call To Power", wobei ich auf den Aufkleber "totalmente en castellano" achte.

Der Fußmarsch zur Mensa dauert heute eine halbe Stunde. Ich habe gehofft, den Weg abkürzen zu können, aber wenn man diagonal geht, statt erst nur geradeaus und dann nach rechts, ist das nicht unbedingt schneller. Vor allem nicht, wenn man erst bergauf und dann wieder bergab geht, um schließlich erneut eine Anhöhe zu erklimmen. Dafür sehe ich viele schmale Gassen, sie ich bisher nicht betreten hatte (vielleicht habe ich sie wegen ihrer Größe einfach übersehen?). Jetzt weiß ich auch, wie das mit der Vorfahrt ist. Es ist nicht so, daß der, der kein Vorfahrt-Achten-Schild sieht, automatisch Vorfahrt hätte. Wenn mehrere auf eine Kreuzung stoßen, darf derjenige zuerst fahren, der zuerst (oder am lautesten oder am schönsten) gehupt hat. Die Anwohner dort müssen entweder taub oder verrückt sein. Die Gassen sind so schmal, daß ich, hielte ich meinen Regenschirm nicht oberhalb der Autos, nicht durchkäme.

Nach dem Essen schreibe ich noch einen Brief auf Spanisch, der dann voraussichtlich am Montag im Internetcafé abgeschickt werden wird. Dann ist es auch schon wieder Zeit für den Sprachkurs. Entweder habe ich etwas falsch verstanden, oder aber Jerónimo ignoriert die Hausaufgaben einfach. Dafür hat er erwartet, daß wir eine andere Aufgabe bearbeitet haben. Also habe ich mein schönes Märchen ganz um sonst geschrieben. Gut, die Übung habe ich gehabt, aber mehr gelernt hätte ich, wenn die Arbeit korrigiert würde. Auf dem Nachhauseweg herrscht auf der Puerta Real reger Betrieb. Das liegt daran, daß dort eine Buchausstellung stattfindet, wo gebrauchte und auch neue Bücher zu erstaunlich günstigen Preisen veräußert werden. Es macht richtig Spaß, dort ein wenig zu stöbern. Nietzsche auf Spanisch? Das wäre wohl eine zu große Herausforderung. Oder Shakespeare? Sehr viele Bücher kommen aus der Esoterik-Ecke. Wenn ich was spezielles suchen würde, würde ich sicher fündig. So bleibt es bei einem "Thresenbummel". Beim Betreten des Hauses stoße ich auf einen roten Zettel, der besagt, daß am Montag das Wasser von 8.30 bis 15.00 abgestellt wird.

Nach dem Abendessen bin ich furchtbar müde, so daß es wieder nicht dazu kommt, daß mich die granadinische Kneipenwelt kennenlernt. Ich habe nur einen Wunsch: Ausschlafen! So spiele ich noch das Tutorial von CIV durch und lege mich schlafen.

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Samstag, 23. Oktober 1999

Endlich kein Baulärm, der mich weckt! Ausschlafen!! Herrlich!!! Beim gemütlichen Frühstück ergibt sich ein interessantes Gespräch mit Ada, die gerade ihre zweite Morgenmahlzeit zubereitet. Sie sei schon um acht aufgestanden, weil sie wegen der Kälte nicht mehr schlafen kann. 17°C am Tag und 12°C in der Nacht seien einfach zu wenig. Es sei immer das selbe in Granada, erst kommt die Hitze und dann die Kälte. Interessant, was eine Granadina als Kälte bezeichnet. Obwohl Jerónimo, unser Spanischlehrer immer von -5°C spricht, die uns im Januar bevorstünden.

Pepito, Adas Kater, sitzt im Flur und grinst mich blöde an, als ich zum Einkaufen will. Normalerweise spreche ich nicht mit Tieren, aber die Art und Weise wie er mich anguckt, verleitet mich zu einem dummen Spruch. Glücklicherweise habe ich den Spruch auf Deutsch abgesetzt, denn als ich an der Küche vorbeigehe, sitzen dort zwei junge Frauen und starren mich völlig entgeistert an, woraufhin ich mich ziemlich erschrecke. Die eine ist Adas Tochter, die andere kenne ich nicht. Vielleicht eine weitere Tochter? Die Spanier neigen ja als "strenge" Katholiken zu kinderreichen Familien.

Die Gemüsehändlerin, bei der ich schon mehrfach eingekauft habe, hat keinen Broccoli. Dafür packt sie mir viel zu große Kartoffeln ein. Ich glaube 690g stehen auf der Waage. Die bekomme ich niemals in einen Topf. Außerdem will ich eine Broccoli-Möhren-Suppe kochen, da sind die Kartoffeln nur als Beilage gedacht. Dafür bekomme ich sie preisgünstig, ich bezahle nur 80 Ptas. für die Kartoffeln und die Möhren. Ich mache mir nicht die Mühe, noch weitere Lebensmittelhändler abzuklappern, weil ich heute Nachmittag ohnehin noch einen Supermarkt aufsuchen will. Dann kann ich auch zu Consum gehen, der Supermarkt hat auch eine Gemüseabteilung.

Um am Montag im Sprachkurs auf der Höhe zu sein, arbeite ich die nächste Lektion durch. Ich verstehe leider keine einzige Vokabel, so daß mich das Durcharbeiten fast drei Stunden kostet. Diese Lektion macht da aber eine Ausnahme, weil es eine Lektion ist, die uns neue Vokabeln präsentiert anstatt sich mich Grammatik zu beschäftigen. Um kurz nach drei breche ich also zum zweiten Versuch auf, Broccoli zu bekommen. Doch bei Consum stehe ich vor verschlossener Tür. Offenbar haben sie Samstag nachmittags nicht geöffnet. Vielleicht machen sie auch erst wieder um fünf auf. Doch ich will kein drittes Mal losziehen, außerdem brauche ich Brot und Aufschnitt, um Mittagessen zu können. Also muß ich doch zu Mercadona, wo es natürlich keinen Broccoli gibt. In meiner Not kaufe ich eine Dose grüne Bohnen.

Ich hatte gehofft, heute Nachmittag noch eine kleine Tour mit dem Auto machen zu können, aber es ist ziemlich stark bewölkt. Also setze ich mich wieder an den Schreibtisch und lese ein Kapitel der "Cuentos de la Alhambra". Um meine Aussprache zu verbessern, lese ich ganze Abschnitte laut vor. Hoffentlich sind die Wände gut schallisoliert, ich möchte mir Peinlichkeiten ersparen. Daß sie das nicht sind erfahre ich, als ich mich noch ein Weilchen hinlegen möchte. Zugegeben, die Siesta ist vorbei, aber da habe ich gelernt, eingekauft und gegessen. Jedenfalls ist die ganze (?) Familienbande im Wohnzimmer versammelt. Die Frauen machen mächtig Lärm. Das kleine Enkelkind ist natürlich der Dreh- und Angelpunkt. Es ist wirklich peinlich, wie infantil sich manche Erwachsenen aufführen, sobald kleine Kinder zugegen sind (Ei-Tei-Tei, la-lulu-li, ...). Irgendwann fängt die Frau, die ich noch nicht kenne an zu schreien und zu lachen. Ich höre irgendwas von "Agua". Das Würstchen spritzt offenbar mit Wasser um sich. Vielleicht wollte das Kind ja auch die Zigaretten löschen, denn dem Geruch im Flur nach zu urteilen, muß dort ziemlich dicke Luft herrschen. Im Flur jedenfalls steht ein Gemisch aus Küche (heute wurde Kuchen gebacken), Frisiersalon und Zigarettenrauch. Keine sehr angenehme Mischung. Zum Glück ist es draußen nicht kalt, so daß ich mein Zimmer lüften kann.

Auch heute wird die Vorbereitung des Abendessens wieder zum Abenteuer. Als erstes fällt mir beim herausnehmen der Töpfe aus dem Schrank das Honigglas herunter. Zum Glück trägt es ein großes Etikett, so daß nur der Boden herausbricht. Ich reagiere schnell und werfe das Glas in die Mülltüte. Nur ein kleiner Honigfleck bleibt auf dem Fußboden zurück und der ist schnell aufgewischt. Im Kochbuch ist als Vorbereitungszeit eine halbe Stunde angegeben. Die benötige ich alleine, um die Zwiebeln und die Kartoffeln zu schälen und kleinzuschneiden. Wie erwartet ist der Topf schon mehr als halb voll, als die Kartoffeln drin sind. Dabei habe ich schon sehr großzügig geschält und eine große Kartoffel ganz weggelassen. Ich überlege noch, ob ich die Dose mit den Bohnen überhaupt noch öffnen soll. Als die Mohrrüben dann im Topf sind, halte ich den Platz noch für ausreichend. Er reicht auch, allerdings kann ich die Suppe nicht mehr kochen lassen, denn sie füllt den Topf bis zum oberen Rand. Aus diesem Grund sind die Mohrrüben auch etwas sehr "al dente". Ich überlege zunächst, ob ich, nachdem ich den ersten Teller gegessen habe, den Topf noch einmal auf das Feuer stellen soll. Übrigens stimmt der Begriff "Feuer", wir haben hier einen Gasherd und ich deshalb keine Haare mehr an der rechten Hand. Doch die Kartoffeln beginnen schon sich in der Suppe aufzulösen, deshalb lasse ich es lieber. Nichtsdestotrotz bin ich von der (Bohnen-)Suppe sehr begeistert. Dabei ist das Rezept für eine echte Bohnensuppe völlig anders. Das Currypulver gibt dem ganzen noch einen exotischen Touch. Aber es ist wahrscheinlich gut gewesen, daß ich vergessen habe, den Kräuterschmelzkäse unterzurühren. Das hätte wohl in den Eintopf nicht mehr reingepaßt (man beachte die Ambivalenz des Verbs "reinpassen").

Guillermo zieht schon seine Kreise in der Warteschleife während ich koche. Er hat seine Nudeltüte in der Hand und will heute (wie fast jeden Tag) Nudeln mit Tomatensoße essen. Er erzählt mir, daß er heute als Fernseher verkleidet durch einen Ort in der Nähe gelaufen ist, um die Leute auf sich, bzw. auf seinen Arbeitgeber aufmerksam zu machen. Scheißjob! Als ich aufräume und Guillermo ißt, stelle ich fest, daß die Mülltüte ein Loch hat und der Honig dabei ist, sich auf dem Küchenboden zu verteilen.

Zum Weggehen komme ich heute nicht mehr, schließlich will ich morgen die Alhambra sehen. Man soll früh dasein, damit man sich die Uhrzeit für den Innenbereich aussuchen kann. Außerdem ist der Sonntag laut Reiseführer der Geheimtip schlechthin, weil dann die Andenkenläden geschlossen haben und deshalb die Touristenmassen ausbleiben. Hoffentlich ist der Tip wirklich geheim.

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Sonntag, 24. Oktober 1999

Das frühe Aufstehen fällt leichter, als ich es erwartet hatte. Schließlich habe ich gestern um 02.00 Uhr noch die Müllabfuhr gehört. Na gut, 07.45 Uhr ist auch nicht wirklich früh. Aber in der Wohnung regt sich noch nichts. Wie immer, wenn ich mich besonders leise bewegen will, reiße ich irgend etwas um oder stoße irgendwo gegen. Heute fällt das Glas mit dem Currypulver im Schrank eine Etage tiefer in Guillermos Kochtopf, als ich den Kaffee aus dem Schrank hole. Zumindest Guillermo müßte jetzt wach sein, denn sein Zimmer liegt ziemlich dicht bei der Küche.

Die Spanier schlafen nie? Doch, am Sonntag morgen ist die Stadt wie ausgestorben. Hin und wieder kommen mir ein paar Leute entgegen, die von der letzten Nacht noch nicht den Weg nach Hause gefunden haben. Zwei Frauen, die mit äußerst schräger Stimme singen, bleiben stehen, als sie mich sehen und singen noch einmal aus voller Kehle ganz allein für mich. Gott, sehen die fertig aus! Es ist angenehm warm, obwohl es stark bewölkt ist. Auf dem Weg den Berg zur Alhambra hoch, der auch tagsüber kaum frequentiert ist, begegne ich niemanden. Das gibt mir Hoffnung, die Alhambra vielleicht ohne Begleitung von Touristenhundertschaften besichtigen zu können. Doch am Ticketschalter angekommen, sehe ich sie schon: Massenweise Rentner, vorzugsweise Amerikaner und Deutsche. Ein Bus mit Deutschen ist gerade angekommen, und die Massen strömen nicht zum Ticketschalter, sondern zur Toilette. Aber am Ticketschalter stehen auch schon genügend Leute. Immerhin bekomme ich noch eine Karte für 10.00 Uhr. Der Eingang zum Nasridenpalast ist auf 400 Besucher pro halbe Stunde begrenzt. Ich muß also zwischen zehn und halb elf eintreten und darf dann solange bleiben, wie ich will. So schaue ich mir schnell noch einmal den Palast Karls V. an und betrete bald darauf den Nasridenpalast. Ich mache reichlich Fotos, obwohl das Licht nicht besonders gut ist. Mein Zoom-Objektiv kann ich nicht verwenden, dazu ist es zu dunkel. Zum Glück habe ich noch ein äußerst lichtstarkes 50mm-Objektiv, so werden die Bilder wenigstens nicht verwackelt (Wen es interessiert: 1/250.sek. bei 1.4er Blende). Ab Anfang November gibt es einen Teil der Alhambrabilder auch als Fotoalbum zu sehen.

Es ist ganz schön nervig, sich durch die ganzen Massen zu wursteln. Der Gipfel ist eine erboste Deutsche, die mehreren Leuten, die gerade ein Foto machen wollen, zuruft: "Los, kommt, trödelt hier nicht 'rum, die anderen warten schon auf uns." Es ist ja auch schon halb zwölf, wahrscheinlich gibt es bald Eisbein mit Sauerkraut. Einer der Momente, in denen ich gerne meine deutsche Staatsbürgerschaft abgeben würde. Der "Geheimtip" Sonntag ist vielleicht doch nicht als Besuchstag zu empfehlen, allerdings habe andere Tage noch nicht ausprobiert. Die Andenkenläden haben jedenfalls alle geöffnet. Jetzt fängt es auch noch an zu regnen. Ganz schon zugig hier oben, vor allem auf dem Torre de Vela der Alcazaba. Der "Windturm" trägt seinen Namen zu Recht. Ich muß aufpassen, daß mir nichts wegfliegt (z.B. Schutzkappe des Objektives etc.). Da das Wetter immer schlechter wird, trete ich den Heimweg an. Sonst hätte ich mich noch länger in den frei zugänglichen Bereichen aufgehalten, aber die kann ich immer noch mal aufsuchen.

Auch um eins ist auf den Straßen noch nichts los. Ich gehe nach Hause und lese dort in meinen beiden Reiseführern den Abschnitt über die Alhambra. Das soll ich alles gesehen haben? Ich glaube, ich muß mindestens noch einmal hin, wenn nicht noch öfter. Außerdem muß ich an einem Samstagabend zur "visita nocturna" erscheinen, wenn die Alhambra beleuchtet ist. Juan, Adas Sohn, der heute mal wieder da ist, rät mir dringend dazu. Anschließend gibt es noch eine Geschichte aus Irvings Märchenbuch, die ich allerdings überhaupt nicht verstehe. Als ich dann um 16.30 vom Mittagessen aus der Küche komme (es gab nur ein paar Brote), kommt Guillermo gerade aus seinem Zimmer, gähnt und wünscht mir einen guten Morgen.

Es hat sich leider so eingeregnet, daß ich heute nicht mehr aus dem Haus gehe. Zum Abendessen gibt es wieder nur Toast. Vielleicht sollte ich mir einen kleinen Vorrat anlegen, so daß ich mir, wenn ich nicht aus dem Haus möchte, schnell etwas warmes zubereiten kann. Man kann aber auch anderweitig Abenteuer erleben, ohne das Haus zu verlassen. Ich möchte zu Hause anrufen und deshalb vorher den Tarif wechseln (Fórmula 20, ich glaube, über die Handytarife habe ich mich an anderer Stelle schon genügend ausgelassen). Jedenfalls sagt mir eine freundlich Computerfrauenstimme, daß ich gleich die Möglichkeit habe, meine Wünsche einem Computer mitzuteilen. Spracherkennung sollte gerade in Spanien, wo es doch so viele Dialekte gibt, nicht besonders gut funktionieren. Als Ausländer hat man keine Chance. Mit meinem Akzent kann der Compute nichts anfangen. Nach genau 53 Sekunden unterbricht der Rechner das Gespräch. Wenigstens kosten die Anrufe bei der Service-Hotline nichts. Beim dritten Versuch werde ich dann an einen menschlichen Telefonisten weitergereicht. Vorher darf ich noch in der Warteschleife Frank Sinatra "My Way" singen hören. Doch die Telefonistin legt gleich wieder auf. Ich habe die Befürchtung, daß mein Handy wieder defekt ist. Ich versuche es nocheinmal und lande gleich beim Operator. Als dieser auf die Frage "Können Sie mich hören?" nicht antwortet, sondern mir erneut "¡buenas noches!" wünscht, weiß ich, woran ich bin. Zum Glück habe ich einen spitzen Kreuzschraubenzieher, mit dem ich die gelöste Schraube festdrehen kann. Vom Spracherkennungscomputersystem werde ich wieder an einen Menschen verwiesen. Es ist die Frau, die ich schon von vorhin "kenne".

Das wechseln in den anderen Tarif klappt reibungslos. Die Telefonistin leiert einen auswendiggelernten Text herunter, genau wie ein Computer. Bei den Verkäufern im Corte Inglés ist es ähnlich. Die Andalusier sind eben kein Volk von Dienern, deshalb wirkt die Freundlichkeit von im Umgang mit Kunden besonders geschultem Personal schrecklich aufgesetzt. Dann doch lieber die etwas unfreundlichere, aber wenigstens ehrliche Art. Ich hoffe, daß das Wechseln auch wirklich geklappt hat. Mit der "vollen Kostenkontrolle" mit der auch hierzulande vollmundig für aufladbare Handytelefonkarten geworben wird, ist das nicht so weit her. Das Abfragen des Kontostands kostet 20 Ptas. Logisch, daß ich meinen Kontostand nie abfrage, zumal man eine Nachricht bekommt, wenn der Kontostand unter 1.000 Ptas sinkt. Bei einem festen Vertrag bekommt man am Monatsende eine Abrechnung, auf der alle geführten Gespräche mit Datum, Uhrzeit und Nummer des Gesprächspartners aufgelistet sind. Das nenne ich Kostenkontrolle.

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