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Montag, 04. Oktober 1999

Leider neigen die Spanier dazu, auch in der Nacht von Sonntag auf Montag sehr viel Lärm zu verursachen, so daß ich wieder schlecht schlafe. Ich schaffe es gerade so um dreiviertel neun im Centro de las Lenguas Modernas zu sein, denn das Aufstehen fällt schwer. Dort hat sich schon eine Menschenmenge um die Aushänge versammelt. Leider sind die Aushänge sehr klein gedruckt und obendrein schlecht beleuchtet. Ich stehe viel zu weit entfernt, um etwas lesen zu können. Die Frau vor mir riecht, als ob sie vor zwei Minuten noch im Bett gelegen hätte. Endlich kann ich mich durchkämpfen. Doch was ist das? Mein Name steht in der Liste eines Kurses mit dem Niveau "Avanzada A". Dann habe ich also zufällig die richtigen Antworten im Einstufungstest geraten. Hoffentlich kriege ich da etwas mit. Mein Kurs findet Montags, Mittwochs und Freitags jeweils von 18.00 - 20.00 Uhr statt.

Da um diese Zeit noch kein Internetcafé geöffnet ist, gehe ich also zunächst wieder nach hause und tippe ein paar Tagebucheinträge der letzten Woche. Ich bringe dann am Vormittag mein Fahrrad in die Werkstatt, wo wieder der ältere Herr da ist, der mir Tips für das Erkunden der Umgebung gibt. Dafür bräuchte ich allerdings ein Fahrrad mit funktionierenden Bremsen. Er gibt sich redlich Mühe, langsam zu sprechen und ich verstehe einiges, trotz seines Akzentes.

Im Internetcafé erlebe ich eine Pleite. Ich kriege keine Verbindung zu irgendeinem Server in Deutschland, kann also meine Mails nicht abrufen. Die 100 Ptas fuer die Viertelstunde hätte ich mir sparen können. Also besorge ich Tinte, damit ich wenigstens handschriftlich eine Nachricht verfassen kann. Daraus wird immerhin eine Postkarte. Vor dem Mittagessen gönne ich mir noch eine Mütze voll Schlaf. Nach dem Mittagessen geht es dann zum Fahrradladen, der geschlossen ist. Hatte der Herr vorhin nicht gesagt, ich solle das Rad heute nachmittag abholen? Ich muß also zu Fuß zum Sprachenzentrum. Dort erfahre ich, daß ich mich noch anmelden muß. Durch Zufall habe ich noch eine Kopie meines Personalausweises und ein paar Paßfotos bei mir. Die braucht man hier ständig. Es ist gut, daß ich schon so früh vor Ort gewesen bin, denn jetzt bleibt gerade noch Zeit, den Raum zu suchen.

Die Leute in meinem Kurs sprechen alle fließend Spanisch. Der Lehrer spricht sehr leise, ich habe Mühe, ihn zu verstehen. Nach einem kurzen Vorstellungsspiel werden Vokabelübungen durchgeführt. In Zweiergruppen sollen wir die einzelnen Teile des Gesichts "erarbeiten". Von den 20 Vokabeln an der Tafel kenne ich zwei, womit ich meine Partnerin fast zur Verzweiflung bringe. Ich komme mit diesem Kurs nicht klar und bin heil froh, als die Stunde zu Ende ist. So kann das nicht weitergehen, die Leute unterhalten sich sogar in der Pause auf Spanisch (Deutsche untereinander). Könnte ich wahrscheinlich auch, wenn ich ein paar Jahre Spanisch gelernt haette, doch ich habe erst im April angefangen. Am Mittwoch muß ich nachfragen, ob das Wechseln in einen anderen Kurs möglich ist. Wenn nicht, werde ich an diesem Kurs nicht viel Freude haben. Ich bin es nicht gewohnt, in einer Klasse der mit Abstand schlechteste zu sein. Anfangs ging es mir im fortgeschrittenen Kurs an der TU nicht anders, jedoch waren die qualitativen Unterschiede zwischen mir und den anderen Kursteilnehmern nicht so riesig. Hier werde ich so jedenfalls keine Freu(n)de finden.

Auf dem Weg zur Mensa klingelt mein Handy. Mein Vater ist dran. Wir haben uns seit Wochen nicht gesprochen und deshalb einiges zu erzählen. Ich bin gespannt darauf, ob ich erfahre was das Gespräch gekostet hat. An der geschlossenen Mensa hängt nur ein Schild, daß sie am 04.10. öffnet. Von Öffnungszeiten keine Spur, jedoch scheint sie nur Mittags Mahlzeiten anzubieten. Also wieder zu Bocatta, wo es heute sogar Pommes gibt. Der Versuch, erneut ins Internet zu gehen scheitert an der Schlange die ich durch das Fenster zum Internetcafé erblicke.

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Dienstag, 05. Oktober 1999

Woher stammt eigentlich das Gerücht, die Geschäfte würden um neun öffnen? Als ich um halb zehn mein Fahrrad abholen will, sind fast alle Läden einschließlich dem Fahrradladen noch geschlossen. Um zehn finde ich dann ein Internetcafé, das geöffnet ist. Die Stühle hier sind sehr bequem und die Rechnerausstattung ist auch nicht übel. Ich besorge mir bei Tripod eine Homepage. Leider darf ich in dem Laden keine Diskette in das Laufwerk legen. Das hatte ich mir fast schon gedacht. Wie bringe ich jetzt bloß meine HTML-Dateien, die ich in der letzten Woche so fleißig getippt habe, zum Server? Vielleicht kann ich im Internetcafé, in dem ich bisher oft gewesen bin, dem Wirt besser erklären, was ich vorhabe. Außerdem bin ich dort ja Stammkunde. Ich behalte recht, der Wirt scannt meine Diskette nach Viren und dann darf ich loslegen. Doch irgendwie beschleicht mich Lampenfieber vor meinem Auftritt im WWW. Ich teile die Adresse erst einmal zwei Freunden zum Probelesen mit. Ich bin sehr gespannt auf die Reaktionen.

Als ich den Fahrradladen aufsuche, ist an meinem Rad noch nichts passiert. Der Mechaniker macht sich erst jetzt an die Arbeit und zieht die Schrauben nach. Ich glaube nicht, daß das etwas bringt, aber was soll ich machen? Ich nehme das Fahrrad mit und gehe nach Hause. Dort überprüfe ich meinen Kontostand, indem ich sämtliche Belege nachrechne. Dumm, wenn man keine Kontoauszüge bekommen kann. Der Kontoauszugsdrucker der Nord/LB wird einiges zu tun haben, wenn ich im Dezember wieder nach Braunschweig komme. Anschließend ist Siesta angesagt. Komischerweise kann ich (nach)mittags immer im Gegensatz zu nachts sofort einschlafen.

Nach der Mittagspause werden das Fahrrad und die Mensa ausprobiert. Bis ich dort ankomme, kann ich noch keine nachteiligen Veränderungen an den Bremsen feststellen. Am Eingang zum Speisesaal sitzen ein uniformierter Mann vom Sicherheitsdienst und zwei "zivile" Kontrolleure, die mir freundlich mitteilen, daß ich erst ein Ticket kaufen muß, sofern ich denn überhaupt granadinscher Student wäre. Es ist schon ein komisches Gefühl zu sagen "Ja, ich studiere in Granada!". Das Essen kostet 375 Ptas. Nicht viel für eine komplette Mahlzeit mit Vorsuppe, Hauptgericht, Nachspeise und einem Glas Rotwein. Doch um diese Zeit steht mir der Sinn nicht nach alkoholischen Getränken, denn ich habe mir für den Nachmittag vorgenommen, eine spanische Zeitung durchzuarbeiten. Die Alternative (Leitungswasser) gefällt mir allerdings auch nicht. Ich weiß, daß man das granadinsiche Leitungswasser bedenkenlos trinken kann, aber es schmeckt fürchterlich nach Chlor. Den Gesamteindruck des Essens hätte das Wasser allerdings nicht trüben können, denn so richtig lecker war die Mahlzeit nicht.

Der Rückweg zur Wohnung klappt was das Fahrrad betrifft reibungslos, jedoch lasse ich mich am Zeitungskiosk, wo ich "El País" kaufe, um einen Teil des Wechselgeldes betrügen. Was soll es, habe ich an diesem Kiosk eben zum dritten Mal (zum ersten, letzten und zum einzigen Mal) gekauft. Der Kerl wird schon sehen, was er davon hat. Ich lese einen ausführlichen Bericht über den Staatsbesuch des französischen Staatspräsidenten Jaques Chirac, der nicht wirklich interessant ist. Außerdem hat es einen großen Prozeß gegeben, in dem eine Bande von Chocolate-Schmugglern zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Dann gibt es jetzt ein neues Wörterbuch der spanischen Sprache ("Diccionario del español actual"), welches den Verfasser 30 Jahre gekostet hat. Die einzigen Nachrichten aus der Heimat sind wirklich beschämend. Passend zu den Wahlerfolgen der DVU in Berlin ist der jüdische Friedhof geschändet worden.

Vor dem Abendessen arbeite ich noch ein wenig mit dem Spanischbuch. Wenn ich den Kurs nicht wechseln kann, dann muß ich unheimlich viel nacharbeiten. Aber auch sonst kann es nicht schaden. In der Küche habe ich dann sogar noch Gelegenheit zu ein Paar praktischen Übungen, denn Guillermo nimmt sein Abendbrot zu gleichen Zeit ein. Wie ich ihn um den Kartoffelbrei beneide. Ich habe auch Appetit auf Kartoffeln. Vielleicht sollte ich auch lieber die Küche benutzen, anstatt den Fraß in der Mensa zu konsumieren. Abwarten wie sich der Speiseplan entwickelt. Unser Gespräch entwickelt sich leider nicht gut. Ich verstehe Guillermo einfach nicht, er spricht zu schnell und zu undeutlich. Weil ich inzwischen aber schon andere Leute gut verstehen kann und auch beim Zeitungslesen kaum Verständnisprobleme hatte, denke ich, daß es wohl nicht nur an mir liegt.

Den Rest des Abends arbeite ich das "StudentInnen-Kochbuch" durch und überlege, was ich davon wohl hinbekomme. Viel Kuechenwerkzeug steht mir ja nicht zur Verfügung. Erfahrung mit dem Kochen habe ich auch nicht. Aber da die Mensa am Wochenende bestimmt geschlossen ist, nehme ich mir vor, so nach und nach einige Gerichte durchzuprobieren. Ich werde darüber berichten.

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Mittwoch, 06. Oktober 1999

Heute schnappe ich mir meine Kamera und laufe durch die Stadt, um Fotos zu machen. Einige davon werden irgendwann auch an dieser Stelle veröffentlicht, aber das dauert noch, denn ich bin mir noch nicht darüber im Klaren, wie ich die Bilder in den Rechner bekomme. Wahrscheinlich kann ich sie im Internetcafé einscannen. Leider ist das Licht am Vormittag sehr ungünstig. Alle Objekte, die ich "abschießen" will, liegen im Gegenlicht. Also gehe ich den Corte Inglés, um Geburtstagskarten für meinen Großvater und meine Tante zu kaufen. Das ganze gestaltet sich äußerst schwierig. Zwar ist die Auswahl an originellen Karten sehr groß, jedoch passen die meisten nicht gerade zu einem 91jährigen.

Nach diesem schwierigen Einkauf ist es mit dem Licht gänzlich vorbei, denn es regnet. Da ich diese Tatsache nicht wahrhaben will, laufe ich weiter durch die Stadt. Und tatsächlich, der Regen hört auf. Es gelingt mir, wenigstens ein paar Bilder von der Alhambra, dem Albaycín und dem Hospital Real zu schießen. Anschließend ist es schon fast Zeit für die Siesta. Daran könnte ich mich richtig gewöhnen. Die Erholung ist auch sinnvoll gewesen, denn in der Mensa ist heute der Bär los. Ich hätte wohl lieber doch wie gestern kurz vor Torschluß kommen sollen. Das lange Warten lohnt sich. Es gibt Paella als Vorspeise mit Meeresfrüchten, die allerdings schon etwas länger nicht mehr das Meer gesehen haben. Zum Fleisch (eigentlich ist es Cordon Bleu ohne Fleisch, also nur Panade, Käse und Schinken) gibt es gekochtes Gemüse, das mit ordentlich Knoblauch zubereitet wurde.

Vor Beginn des Sprachkurses unterhalte ich mich mit einer Holländerin. Sie hat das gleiche Problem wie ich, denn sie hat auch erst im letzten Semester an ihrer Heimathochschule mit dem Spanischlernen begonnen. Im Sekretariat habe man ihr gesagt, sie könne tauschen, wenn das mit den Dozenten abgeklärt wird. Da ich mir noch nicht 100%ig sicher bin, ob ich wechseln möchte, will ich noch bis zum Ende der Stunde warten. Als Jerónimo, der Lehrer, dann zum Kopieren geht, springt sie auf, spricht mit ihm und verläßt den Raum. Schade, daß ich nicht gehört habe, was genau sie besprochen haben. Der weitere Verlauf der Stunde macht mir wieder etwas Hoffnung. Ich komme einigermaßen mit, so daß ich nachher von dannen ziehe, ohne mit Jerónimo über einen Kurswechsel gesprochen zu haben.

Tja, eigentlich will ich heute abend noch ausgehen, aber ich habe niemanden erreicht, der mich begleiten will. Es sieht aber so aus, als würde sich das bald ändern, denn im Kurs war heute schon eine richtig vertraute Stimmung. Vielleicht habe ich auch deshalb nichts bezüglich eines Kurswechsels unternommen. Außerdem bringt Jerónimo uns so wichtige Wörter wie Sch*****, Zuhälter, Haschisch, A****loch, Fi**en, Fot**, grapschen, Titten und ähnliches bei. Er legt halt besonderen Wert auf Umgangssprache. Die Spanier, besonders hier in Granada, pflegen sich äußerst derbe zu unterhalten, obwohl oder vielleicht gerade weil sie sich sonst so streng katholisch geben. Die Uhrzeit, zu der der Kurs stattfindet ist auch nicht zu verachten. Kai muß dreimal die Woche um 08.30 Uhr zum Erlernen der spanischen Sprache antreten. Darüber ist er verständlicherweise nicht sehr erfreut. So einen Kurs will ich auf keinen Fall. Mir hat es im letzten Semester schon gestunken, daß ich viermal um 08.00 Uhr Vorlesung hatte. Am Freitag soll wieder eine Erasmus-Party stattfinden. Hoffentlich wird die etwas besser als die letzte.

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Donnerstag, 07. Oktober 1999

Als ich morgens aufwache, habe ich ein Gefühl, daß ich hier in Spanien im Bett noch nicht kannte: Mir ist kalt. Es muß wohl eine gewaltige Wetterveränderung stattgefunden und der Herbst eingetreten sein. Als ich dann das Fenster öffnen will, stelle ich fest, daß es schon offen ist. Daher also die Kälte. Mein erster Gang führt mich heute zum Neptuno-Einkaufszentrum, in dem sich der Lidl-Markt befindet. Lidl ist billig. Stimmt, aber Lidl ist außerdem schlecht sortiert. Es gibt keine Kartoffeln, keinen Quark. Nicht gerade die beste Voraussetzung, um für Pellkartoffeln mit Quark einzukaufen. Immerhin kann ich Wasser, Butter, Pfeffer und Salz besorgen, das ist aber auch schon alles. Nicht einmal frische Milch haben sie. Und man muß die Einkaufstüte bezahlen. Hier bin ich auch das letzte Mal gewesen.

Auf dem Weg ins Internetcafé komme ich an einem Buchladen vorbei. Ich möchte "Abanico" kaufen, so heißt das Lehrbuch, das in unserem Kurs Verwendung findet. Doch der freundliche Buchhändler vertröstet mich auf "mañana". Im Internetcafé freue ich mich über Post. Doch leider ist der Brief, den ich erhalten habe als Attachment verschickt worden. Ich kaufe eine Diskette und lade die Datei herunter. Zu Hause stelle ich mit erschrecken fest, daß sich das Word-Dokument nicht öffnen läßt. Es läßt sich weder auf die Festplatte kopieren, noch ist es möglich, es mit WordPro '97 zu öffnen. Jedesmal bekomme ich eine Mitteilung, daß die Datei oder der Datenträger beschädigt sei. Der eine oder andere würde vielleicht an dieser Stelle aufgeben. Ich bin aber so wild darauf, den Brief zu lesen, daß ich auf die Siesta verzichte und einige "Klimmzüge" veranstalte. Endlich befindet sich das Word-Dokument (natürlich unformatiert und ohne Zeilenumbrüche) im Windows-Editor. Ich lösche alle Steuerzeichen und drucke den Text aus, weil ich ihn so (mit 1024 Zeichen pro Zeile) unmöglich lesen kann. Die Arbeit lohnt sich. Über fünf Minuten braucht der Drucker, um die beiden Seiten auszudrucken (Schwarz wird aus allen drei Grundfarben zusammengemischt), aber einem geschenkten Barsch ...

Da die Zeit der Siesta nun vorbei ist, mache ich mich auf zur Mensa, um mich zu stärken. Genau in dem Moment, in dem ich mich sportlich auf mein Fahrrad schwinge, beginnt es zu regnen. Glücklicherweise bleibt es bei leichtem Nieselregen, bis ich die Mensa erreiche. Ich bin etwas später dran als gestern, leider immer noch nicht spät genug und darf wieder Schlangestehen. Als ich endlich mein Tablett mit Besteck, Nachtisch und Brötchen in der Hand halte, bewegt sich die Masse vor mir keinen Schritt weiter. Ich habe keine Ahnung, worauf die warten und werde langsam aber sicher ziemlich ungeduldig. Endlich kommt ein Koch aus der mit einem riesigen Tablett Fleisch. Es gibt also nicht nur Bratkartoffeln und Pizza, sondern auch noch ein schönes Stück gegrilltes Fleisch. Die Bratkartoffeln sind fast so lecker, wie die von meiner Oma (aber nur fast). Dazu genieße ich ein Glas Rotwein, der sicherlich nicht vom Feinsten ist, aber dennoch zum Essen sehr gut paßt. Als ich den Nachtisch probiere (eine ominöse Vanillecreme), entgleisen mir die Gesichtszüge. So eine Geschmacksrichtung habe ich bisher noch nicht kennengelernt. Diese Creme enthält mit Sicherheit sehr viel Vitamin BASF. Aber ich bin nicht der einzige, den diese Geschmackserfahrung schockiert. Die Frau am Nachbartisch ist als ich aufstehen will gerade dabei ihren Nachtisch zu öffnen. Im Moment lächelt sie noch ins nichts, als sie aber den ersten Löffel der Nachspeise in den Mund steckt, entgleisen ihr ebenfalls die Gesichtszüge.

Auf dem Nachhauseweg immer noch Nieselregen. Störend ist eigentlich nicht der Regen an sich, schlecht ist nur der Schmierfilm auf der Straße. Zweimal legt es mich beinahe. Einmal rutscht das Hinterrad weg, ein anderes Mal ist es das Vorderrad. Den Nachmittag verbringe ich mit Textarbeit in meinem Zimmer. Zuerst erledige ich die Hausaufgaben, danach ist El País dran. Heute dreht sich alles um die bevorstehende Entscheidung in der Pinochet-Sache. Margeret Thatcher beschuldigt doch tatsächlich Spanien, einen Schauprozeß veranstalten zu wollen und bezeichnet die Berater der Ankläger als eine Gruppe von Marxisten. Eine Auslieferung Pinochets an Spanien sei ein Akt der Ungerechtigkeit und Grausamkeit, wo doch Pinochet im Falklandkrieg das Leben vieler britischer Soldaten gerettet hat, in er die Briten vor dem Angriff der Argentinier gewarnt hatte. Ziemlich harter Tobak, gelinde gesagt.

Anschließend versuche ich mein Einkaufsglück bei Mercadona. Hier ist das Einkaufsklima viel freundlicher, die Auswahl ist auch wesentlich besser, Quark und Kartoffeln werden hier auch nicht geführt. Dafuer bekomme ich allerhand Gewürze, die mir sogar an der Kasse von der Kassiererin in eine Tüte, die natürlich umsonst ist, gesteckt wird. Ein wahres Einkaufsparadies mit Weichspülmelodien aus den Lautsprechern.

Den ganzen Tag schon gehe ich mit der Idee schwanger, mir einen Scanner zuzulegen. Ich habe einen günstigen gesehen, allerdings einen für den Parallelport. USB wäre mir lieber, doch der ist etwas teurer. Als ich dann den Prospekt mit dem USB-Scanner zum 56. Mal durchlese, sehe ich, daß die Preise ohne IVA (=MwSt) angegeben sind. Das war der Anstoß zur Entscheidung, soviel Geld habe ich doch nicht über. Also wird der billige Scanner gekauft. Doch bevor ich damit herumspiele, möchte ich noch den Brief beantworten. Briefe zu schreiben liegt mir überhaupt nicht, ich benötige einige Zeit. Das liegt wohl auch daran, daß ich mich momentan ziemlich unwohl fühle. Ich bin schlapp und habe Kopfschmerzen. Wahrscheinlich habe ich mich letzte Nacht erkältet.

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Freitag, 08. Oktober 1999

Um mich auszukurieren, schlafe ich etwas länger. Dann aber führt mich der erste Weg zum Buchladen, wo man mir gestern versprochen hatte, "mañana" könnte ich das Buch "Abanico" (unser Lehrbuch) abholen. Doch man vertröstet mich auf "la tarde" bzw. "mañana". Also sehe ich mich nach einem anderen Buchladen um. Wer schlecht über die "Dienstleistungswüste Deutschland" spricht, kennt die spanische nicht. Die Verkäufer sehen einen überhaupt nicht, erst wenn man jemanden direkt anspricht, werden sie aktiv. Doch auch das Ansprechen erweist sich in diesem Laden nicht als einfach, da alle Angestellten damit beschäftigt sind, Bücher herauszusuchen, die ihnen über Funk mitgeteilt werden. Es dauert eine Weile, bis ich jemanden entdecke, dessen Funkgerät gerade schweigt. Mit einem hastigen Handgriff greift er in einen Stapel Bücher und gibt mir "Abanico".

Auf dem Nachhauseweg will ich eigentlich noch einen Schaufensterbummel unternehmen, doch leider steht die Sonne um die späte Vormittagsstunde so ungünstig, daß ich nichts erkennen kann. Also werden die Lebensmittelläden abgeklappert, denn mir fehlen noch einige Zutaten für meine morgige Kochorgie. Die Spanier haben zwar ein Wort für Quark (requesón), das bedeutet aber nicht, daß man diesen auch kaufen kann. Nach einigen Fehlversuchen kehre ich in mein Zimmer zurück. Bis zum Mittagessen arbeite ich die erste Lektion im neuerworbenen Lehrbuch durch, damit ich heute Abend wenigstens weiß, worum es geht und die Aufgabenstellungen verstehe.

Auf der Fahrt in die Mensa zeigt ich, daß man mit dem Fahrrad schneller vorankommt, als mit dem Auto. Es hat sich Stau gebildet und ich fahre gekonnt an den Autoschlangen vorbei. Exakt zehn Minuten dauert die Fahrt, heute stoppe ich die Zeit. Die Entscheidung, etwas später essen zu gehen, erweist sich als goldrichtig, denn die von den letzten Tagen gewohnten Schlangen an Kasse und Essensausgabe fehlen. "Heaven is where the cooks are spanish" lautet ein alter englischer Seefahrerspruch. Ich muß sagen, daß da etwas dran ist, denn heute ist das Essen vorzüglich. Es gibt eine Erbsensuppe, einen Salat mit leckeren Tomaten und gegrilltes Fleisch (von gestern) mit fritierten Zwiebeln, die auf den ersten Blick wie Kalamaris aussehen. Zum Nachtisch wird der Vitaminhaushalt der Studenten noch mit einem Granatapfel aufgepäppelt.

So ein leckeres Essen werde ich morgen nicht zubereiten können. Aber da ich weiterhin den Vorsatz habe zu kochen, nehme ich mir mein Kochbuch hervor und suche nach einer Alternative zu den ursprünglich geplanten Pellkartoffeln mit Quark. Meine Wahl fällt auf ein gemischtes Pilzgemüse mit Nudeln. Also erstelle ich eine neue Einkaufsliste. Es ist gar nicht so einfach, die ganzen Zutaten zu übersetzen. An zwei Stellen versagt das Wörterbuch, so daß ich mir einen passenden Ersatz überlege, von dem ich die spanische Bezeichnung weiß. Zum Einkaufen komme ich aber nicht mehr, da in Kürze mein Spanischkurs beginnt.

Das Gefühl der Vertrautheit des Kurses, das ich am Mittwoch gespürt habe, ist leider wie weggeblasen, da die Hälfte des Kurses aus neuen Mitgliedern besteht. Das Thema der heutigen Doppelstunde ist Psychologie, genauer gesagt Psychologie in Verbindung mit Physiognomie. Es geht teilweise ganz schön zur Sache, da werden Charakter, Lebenseinstellung und Sexualität aufgedeckt. Ich finde es lächerlich, charakterliche Eigenschaften an der Kopfform ablesen zu wollen. Die Psychologie ist eigentlich mittlerweile weiter fortgeschritten. Mir kommen die Bilder in den Sinn, von den "Psychologie"-Professoren des letzten Jahrhunderts, die die Köpfe von hingerichteten Schwerverbrechern untersucht haben und glaubten, die verbrecherischen Züge der verblichenen Delinquenten anhand ihrer Kopfform dingfest zu machen. Um so überraschter bin ich, wie sehr die Beschreibungen, die man mir aufgrund meiner Gesichtsform auferlegt, zutreffen. Zum Abschluß der Stunde gibt es noch ein kleines psychoanalytisches Spiel, dessen Ergebnisse aber jeder für sich behalten darf. Auch diese Analyse hat erstaunlich gut auf mich gepaßt.

Auf dem Nachhauseweg erfahre ich dann von einer Erasmus-Party, die heute Abend stattfinden soll. Zwei Freuen aus meinem Kurs (eine Deutsche und eine Engländerin) haben offenbar die gleiche Richtung wie ich. Die beiden unterhalten sich angeregt, aber ich verstehe leider kaum etwas, da der Straßenlärm gewaltig ist. So laufe ich also eher neben den beiden Frauen als mit ihnen durch die Stadt. Es gelingt mir nicht, einen Einstieg in ihr Gespräch zu finden. Ständig wechseln sie die Sprache, mal höre ich ein paar Brocken Spanisch, dann wieder Englisch und so fort. Ich komme nicht mehr dazu, genau nachzufragen, wo die Party denn nun stattfindet (bisher weiß ich nur die Straße), denn die beiden benötigen offenbar noch Partyoutfit und verschwinden in einem Klamottenladen. Ich bin aber noch guter Hoffnung, die Party zu finden.

Das ändert sich schon ein wenig, als ich nach dem Abendessen Dipi (einen Physikstudenten aus einer unbedeutenden niedersächsischen Landeshauptstadt, der den selben Spanischkurs besucht wie ich) anrufe, um ihn zu fragen, ob wir gemeinsam zur Party gehen wollen. Da er bei mir in der Straße wohnt (aber welche Hausnummer???), böte sich das an. Doch ich höre nur eine freundliche spanische Computerstimme, die mir mitteilt, daß der Teilnehmer momentan nicht zu erreichen ist. Auch Kai weiß nicht, wo die Party stattfindet. Also mache ich mich auf die Suche. Leider erfolglos, ich entdecke kein Lokal, wo sich vorzugsweise Ausländer aufhalten. Zugegeben, ich suche nicht wirklich intensiv. Zum einen kommen meine Kopfschmerzen wieder, zum anderen bereiten mir die ausgelassenen Massen von jungen Spaniern auch etwas Unbehagen. Zu Hause weiß ich, wie dicht ich an wem vorbeigehen kann und um wen ich lieber einen großen Bogen mache. Doch hier kann ich das nicht beurteilen. Aber wenn ich an die Party letzten Freitag denke, dann glaube ich gar nicht so viel zu verpassen. So kann ich wenigstens ausschlafen und in Ruhe meine Kochorgie vorbereiten. Außerdem ist morgen wieder Waschtag, da lohnt es sich fit zu sein.

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Samstag, 09. Oktober 1999

Der geplante Waschtag fällt aus, weil die Waschmaschine voll ist. Eigentlich ein Unding in einer WG, entweder ist die Waschmaschine voll und in Betrieb, oder sie ist leer. Auch der Putzeimer steht gefüllt im Hof. Ich bin enttäuscht und habe keine Lust, den Putzeimer vor der Benutzung zu reinigen. Ada hat heute reichlich Kundschaft, also ist auch nicht damit zu rechnen, daß sie die Waschmaschine leert oder den Putzeimer säubert. Immerhin habe ich jetzt (zumindest fuer mein Gewissen) etwas gut bei ihr, kann also auch mal etwas nicht ganz so sauber hinterlassen. Vielleicht ist Samstag als Waschtag doch nicht so gut geeignet. Aber vielleicht als Glückstag. Als ich aufräume, genauer gesagt als ich meine Hose über den Bügel hänge, auf dem schon meine Jacke hängt, höre ich in der Jackentasche etwas klimpern. Mein Hausschlüssel ist wieder da. Komisch, ich hätte schwören können, mindestens dreimal beim Suchen in die Jacke geschaut zu haben.

Der Einkauf heute ist ein voller Erfolg. Gestern war ich noch der Ansicht, daß die Tatsache, daß die Spanier ein Wort für Quark haben, nicht damit gleichzusetzen sei, daß man ihn auch kaufen könne. Heute lautet meine Weisheit: "Die Tatsache, daß Toto eine Brille trägt, heißt nicht, daß er auch alles sieht". Ich bekomme also meinen Quark. Wo? Natürlich bei Mercadona. Anschließend gehe ich ins Internetcafé, um die Brieffragmente, die ich in den letzten zwei Tagen erstellt habe, abzutippen und -schicken. Das Schlimme an längeren Briefen ist immer, daß ich hinterher immer zweifle. Habe ich das richtig ausgedrückt? Werde ich auch nicht mißverstanden, habe ich nichts vergessen? Dumm, wenn man auf die Antwort ein paar Tage warten muß. Auf dem Rückweg kaufe ich noch die restlichen Zutaten, also die Kartoffeln und die Zwiebeln. Daß man hier keinen Schnittlauch bekommt, hatte ich erwartet.

Die Siesta verbringe ich damit, Zeitungsartikel die mich interessieren, einzuscannen. Die Zeitungen nehmen zuviel Platz weg, als daß ich sie aufheben könnte. Die Texterkennung klappt erstaunlich gut, ich bin mit den Resultaten zufrieden. Ich trage noch immer etwas von der Hoffnung in mir, die Waschmaschine könnte irgendwann einmal leer werden. Aber jetzt scheint Verwandtenbesuch dazusein, also wird wieder nichts daraus. Um nicht den ganzen schönen Tag vor dem Rechner abzuhängen, will ich am späten Nachmittag das günstige Licht ausnutzen, um die Motive zu fotografieren, die ich bei meiner letzten Fotoexpedition am Mittwoch aufgrund der Lichtverhältnisse nicht habe ablichten können. Die Puerta Real läßt sich einfach nicht richtig einfangen. Sowas muß man live ("en vivo") erleben. Also mache ich mich auf den Weg in den Albaycín hinauf, um die Alhambra in der Nachmittagssonne abzulichten. Der Anstieg lohnt sich, es bietet sich ein phantastischer Blick auf die Alhambra, die etwa 700 Metern über der Stadt thront (nicht 700 Meter Differenz, aber immerhin thront sie). Der Aussichtspunkt im Albaycín (habe ich doch glatt den Namen vergessen) ist etwa auf der gleichen Höhe, was für eine geniale Perspektive sorgt.

Auf dem Rückweg durch den Albaycín, dem alten arabischen Viertel Granadas, entdecke ich dieses Mal (ich bin nicht das erste Mal dort) belebte Gassen mit Teestuben und Verkaufsständen, auf dem allerlei arabischer Krimskrams (Ketten, Ringe, Mützen, Tücher, Wasserpfeifen, Räucherstäbchen, usw.) feilgeboten wird. Eine unglaubliche Masse von Touristen schiebt sich durch die Gassen, jedoch herrscht trotzdem eine sehr exotische Atmosphäre. Es ist viel Ruhe dabei, obwohl die Gran Via de Colón (eine von Granadas Hauptstraßen) nur einige zig Meter entfernt liegt. Ich fühle mich wie an einen anderen Ort gebeamt, als ich plötzlich aus dem kleinen Gäßchen mit Basaratmosphäre kommend im Großtadtgetümmel stehe. Ich will noch warten, bis es dunkel wird, aber heute wird es irgendwie nicht dunkel. Ich beobachte 15 Minuten lang eine Kreuzung ohne Ampel und bewundere den Fahrstil der Spanier. Die Autos scheinen nicht stillzustehen, obwohl doch nur eine Seite Vorfahrt haben kann. Aber in einer Art Reißverschlußsystem schwimmt der Verkehr so vor sich hin. Überhaupt ist Autofahren in einer spanischen Stadt gar nicht so schwer, wie es aussieht. Man muß nur die Nerven behalten, darf nicht schnell fahren und nicht schnell anhalten. Sofern man alles langsam tut, kann man machen, was man will.

Nun ist es aber an der Zeit meine schon oft angekündigte Kochorgie durchzuführen. Mit meinem StudentInnen Kochbuch bewaffnet mache ich mich auf den Weg in die Küche. Ich wasche die Kartoffeln und lege sie in den Topf, der mir zugeteilt wurde. Gut, so paßt kein Tropfen Wasser mehr hinein. Also die schönen Kartoffeln durchschneiden und nur soviele hineintun, daß auch noch Wasser Gelegenheit bekommt, im Topf zu kochen. Dann kommt aber der große Schock. Der Quark ist nicht etwa so wie bei uns, quarkig halt, sondern eher wie Käse. Furztrocken und klumpig ist das, was ich da aus dem Quarkbehälter hole. Ich kann so viel Milch unterrühren, wie ich will, ich erhalte nur eine Pampe mit Klumpen. Auch das Abschmecken ist schwierig, weil das Gemisch gar nicht nach Quark schmeckt. Also ordentlich Pimientón (Paprikapulver) drauf, damit es nach irgendwas schmeckt, außer nach Zwiebel, wovon reichlich dran ist. Außerdem fehlt eindeutig der Schnittlauch. Ohne das Glas Rotwein hätte ich die Mahlzeit nicht herunterbekommen. Die letzte Pellkartoffel gönne ich mir mit ordentlich Butter drauf. Ich würde sagen, das war ein kompletter Reinfall.

Nach dem Essen bin ich so vollgestopft, daß ich gleich einschlafen könnte. Aus dem Streifzug durch Granada samstags nachts wird also diese Woche wieder nichts. Aber vielleicht komme ich ja morgen zum Waschen, obwohl ich den Sonntag wieder auswärts verbringen will. Ich werde morgen mal herumtelefonieren, um zu hören, ob jemand mitwill. Die Alpujarras warten auf mich.

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Sonntag, 10. Oktober 1999

Ausschlafen ist eine herrliche Sache, vor allem wenn man nüchtern ins Bett gegangen ist. Heute will ich die Alpujarras sehen. Wo ich doch beim Frühstück schon einmal in der Küche bin, werfe ich einen kurzen Blick in die Waschmaschine. Sie ist noch genauso voll wie gestern. Also in Ruhe die "Reise" vorbereiten, dann telefonieren. Dipi habe ich gerade aus dem Bett geklingelt, er läßt sich nicht für eine Fahrt in die Berge begeistern. Auch für Kai ist es noch zu früh und Christian paßt es heute schlecht. Alle drei fragen mich danach, was die Alpujarras sind, also muß ich wohl davon ausgehen, daß vielleicht der eine oder andere von den Lesern auch nicht weiß, was sich dahinter verbirgt. Die Alpujarras sind die Landschaften an den Südhängen der Sierra Nevada. Dort gibt es viele "weiße Dörfer", deren Häuser alle weiß gekalkt sind.

Leider zieht sich in dem Moment, als ich auf die Autobahn nach Motril (Süden) fahre, die Sonne hinter einer Wolkendecke zurück. Trotzdem ziehe ich mein Vorhaben durch. Leider sind die höchsten Berge der Sierra Nevada ebenfalls unter dieser Wolkendecke verschwunden. Die Fahrt geht von Lanjarón (da wo das Mineralwasser herkommt) aus über eine kleine, sehr kurvenreiche Straße, ähnlich wie die Tour letzte Woche. Nur daß hier wesentlich mehr Autos unterwegs sind. Ständig sitzt mir irgendjemand auf der Stoßstange. Aber schneller fahren kann und will ich nicht, denn ich möchte

  1. überleben und
  2. von der Landschaft etwas mitkriegen.

In dem kleinen Örtchen Pampaneira ist der Bär los. Das Dorf platzt förmlich aus allen Nähten. Ich parke etwa 300 Meter hinter dem Ortsausgang. Vorher ist nichts zu machen. Der Ort an sich interessiert mich weniger, aber ich möchte den im Reiseführer beschriebenen "Königsweg" gehen, der einen nach etwa einer Stunde Fußmarsch zu dem 250 Meter höher gelegenen Dorf Bubión führt. Da ich noch nicht weiß, welches der Königsweg ist, muß ich erst ins Dorf hinein, um den Supermarkt zu finden. Von dort aus soll er dann ausgeschildert sein. In Pampaneira steht ein Stand neben dem anderen, es werden fast die gleichen Waren angeboten, die ich gestern im Albaycín gesehen habe, bis auf Wasserpfeifen. Dafür hat es nicht im entferntesten einen authentischen Touch, sondern ist die reinste Touristenfalle. Die Touristen aber finden es alle ganz toll. Ich bin froh, als ich endlich auf dem Königsweg das Dorf verlassen habe. Diesen Weg schlagen die Massen nicht ein. Nach wenigen Minuten weiß ich auch warum. Ich bin selten einen so steilen Weg gegangen und schon bald ziemlich aus der Puste. Von den Blicken her, die sich mir bieten, lohnt sich der Aufstieg nicht. Aber ein bißchen Bewegung an der frischen Luft tut gut, mir fehlt die sportliche Betätigung.

Der Reiseführer hat recht, Bubión ist wirklich ein verschlafenes Nest. Irgendwie wirken die weißen Häuser unbehaglich. Außerdem habe ich beim Anstieg ordentlich geschwitzt, und hier oben pfeift ein frischer Wind. Nach einem Schluck Wasser mache ich wieder auf den Weg zurück. Nocheinmal möchte ich nicht durch Pampaneira gehen müssen. Ich finde zum Glück einen Weg, der mich direkt zum Auto führt, auf diese Weise spare ich einige hundert Meter. Gerade als ich ins Auto steige, beginnt es zu regnen. Trotzdem folge ich weiter der Straße bergan. Die Straße endet auf einem Parkplatz. Dort oben ist es kalt, windig und man sieht kaum etwas. Heute morgen wollte ich noch meinen Pullover mitnehmen, weil es in den Bergen kalt sein könnte. Bei dem Wunsch ist es dann geblieben. Ich erspare mir die hundert Höhenmeter, die ich noch zu Fuß aufsteigen müßte, um vielleicht etwas zu sehen.

So geht die Fahrt noch ein paar Stunden durch die Berge, bis ich dann den Rückweg nach Granada antrete. In der Straße, in der ich Wohne, ist ein Parkplatz frei. Vor Schreck fahre ich vorbei, damit habe ich wirklich nicht gerechnet. Aber eine Straße weiter ist auch noch was frei. Jetzt merke ich erst, wie erschöpft ich bin. Außerdem habe ich Kopfschmerzen. Ich lege mich auf das Bett, um ein wenig zu entspannen. Da klingelt das Handy, als ich gerade etwas weggedöst bin. Nun habe ich mich heute morgen noch lustig gemacht über Leute, die verschlafen am Telefon sind. Nun darf mein Vater die Erfahrung machen, mit einer "Schlafmütze" zu telefonieren. Es ist stressig mit dem Handy zu telefonieren, wenn es gerade zum Aufladen am Netz hängt, weil ich dazu neige, beim Telefonieren auf und abzuwandern. Nach einer erfrischenden Dusche gehe ich dann zum Abendessen zu Bocatta. Inzwischen habe ich wieder Appetit auf Brötchen. Immerhin klappt die Bestellung reibungslos. Ich bin zwar mit meiner Aussprache nicht zufrieden, aber ich spreche flüssig.

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© 1999, 2000 by Torsten Klie

Last modified: Thu Aug 3 15:39:19 CEST 2000