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Um 23.30 Uhr gibt es natürlich wieder ein Feuerwerk. Schlafen die Spanier eigentlich nie? Als erstes will ich das Auto holen und zur Seat-Vertretung gleich um die Ecke bringen. Es gibt wieder ein Verkehrschaos. Leider handelt es sich bei der Seat-Vertretung nur um einen Vertragshändler, der keine Werkstatt besitzt. Der Versuch, in direkter Umgebung der Wohnung zu Parken, schlägt fehl. Ich muß also doch den großen Parkplatz beim Einkaufszentrum (Neptuno) benutzen, der mich wieder 100 Ptas. kostet.
Ich suche zu Fuß einen Autozubehörladen und werde gleich in der Nähe fündig. Parkplätze entdecke ich dort allerdings keine, so daß ich zum Auto zurückgehe und das rechte Vorderrad mitnehme. Alufelgen sehen nicht nur schicker aus, sie sind auch leichter als Stahlfelgen. Das Schleppen wird also ganz schön kräftezehrend. Im Laden angelangt, schickt man mich nach nebenan in die Werkstatt, in die ich auch bequem hätte hineinfahren können. Augen auf beim Autokauf, oder so ähnlich. Da ich keine Ahnung habe, in welcher Preisklasse sich die Reifen hier befinden, entscheide ich mich für einen gebrauchten. Als ich dann jedoch nur 1500 Ptas. bezahlen muß, kommen mir doch Zweifel an meiner Entscheidung. Jetzt wo wieder Luft im Reifen ist, geht das Tragen viel leichter (jedenfalls die ersten 100 Meter). Da ich gestern beim Reifenwechsel genau zugesehen hatte, ist das Notrad ruck zuck durch das "neue" Rad ersetzt. Ich prüfe das Ergebnis dieser Aktion und stelle fest, daß der neue Reifen mit Abstand der schlechteste von allen ist.
Der nächste Programmpunkt heißt Fahrradkauf. Der Fahrradhändler nebenan hat nur ein Mountain-Bike, das macht die Entscheidung einfach. Leider labert er mich total voll, es scheint ihm dabei völlig egal zu sein, ob ich ihn verstehe oder nicht. Er verspricht, daß ich das Rad am Mittwoch fuer 8500 Ptas haben kann. Weil ich mir dann beim anschließenden Einkauf im Supermarkt (Lidl ist billig) keine Tüten nehme, darf ich mich ein zweites Mal "abschleppen" ("Die haben hier so unglaublich praktische 5-Liter-Kanister mit Wasser!").
Als nächstes soll ein Rechner her. Da in den kleinen Geschäften nirgends Rechner stehen, beschließe ich zum Corte Inglés zu gehen. Dort werde ich auch fündig, die haben ein Notebook genau meinen (Preis-)Vorstellungen entsprechend. Sogar ein Drucker (Lexmark 1100) ist im Preis inbegriffen. Leider kann ich nicht mit ec-Karte bezahlen und meine Eurocard ist im Studententarif zu stark limitiert für eine solche Anschaffung. Zu dumm, wenn man es braucht. Also kann ich überhaupt nicht zahlen, der Rechner wird wieder eingepackt. Dann folgt eine Odyssee entlang der Geldautomaten. Doch dort kann ich auch nicht mehr als 75.000 Ptas am Tag abheben. Also muß ich mich mit dem Kauf noch bis morgen gedulden.
Ich bin der Meinung, für heute schon genug herumgelaufen zu sein und hänge den Rest des Tages nur noch ab. Dabei werden noch ein paar Postkarten geschrieben. Das Abendessen soll dann bei Burger King im Einkaufszentrum stattfinden, jedoch ist mir die Schlange dort zu lang. Also gehe zum Pizza Loco und genehmige mir eine Pizza Bolognese. Man kann sagen was man will, ich finde, die beste Pizza weltweit gibt es immer noch im Marco Polo in Stöckheim. Nur Antonios (oder Angelos?) in San Diego kann da mithalten.
Da ich anschließend noch nicht nach Hause will, mache ich einen kleinen Spaziergang, der mich über die Recogidas zur Puerta Real führt. Dort klingelt dann auch man Handy. Kai sagt, daß er mich um 12 besuchen will. Ich finde das eigentlich zu spät, möchte aber doch die Tasche loswerden. Also muß ich die große Runde gehen, um noch etwas Zeit totzuschlagen. Mir fällt ein, daß ich gar kein Bier im Kühlschrank habe. Jetzt nach 22.00 Uhr ist es auch zu spät, noch welches zu besorgen. Da die Wohnungstür schon komplett verrammelt ist, beschließe ich, Kai vor der Tür abzufangen. Ich höre die Klingel in meinem Zimmer ohnehin nicht gut. Kai erscheint nicht allein, er bringt noch jemanden mit, der Christian heißt und Jura studiert. Ich genieße es, mal wieder ein bißchen zu quatschen, habe ich doch schon befürchtet, meine Stimme und/oder die deutsche Sprache zu verlernen. Peinlich allerdings, daß ich nur Wasser anzubieten habe. Dabei habe ich selbst mal gesagt, es sei wichtiger, Bier im Kühlschrank zu haben, als das Bett zu machen. Wenn unerwarteter Besuch auftaucht, ist das Bett schnell gemacht, Bier zu besorgen erweist sich meist als schwieriger. Und jetzt das!
Endlich mal eine Nacht ohne Feuerwerk! Aber laut genug ist es schon gewesen. Als ich das Fenster aufmache, weht mir eine kühle Brise ins Gesicht! Zu schade, daß man das Fenster nicht über Nacht offenlassen kann, aber dann führen ja die Mopedfahrer direkt an meinem Kopfkissen vorbei.
Nachdem ich (wie üblich) mal wieder länger gebraucht habe als geplant (in einem so kleinen Zimmer muß man öfter hin- und herräumen, bis man endlich Ordnung hat), mache ich mich auf den Weg zum Hospital Real, weil ich im Vicerectorado de Investigación y de Relaciónes Internaciónales meinen Studentenausweis und das Bestätigungsschreiben für das Centro de las Lenguas Modernas, in dem der Sprachkurs stattfinden soll, abholen will. Leider kenne ich mich doch noch nicht so gut aus in Granada, denn die Abkürzung, die ich nehme, führt mich zur Mensa anstatt zum Hospital Real. So werden aus 20 Minuten Fußmarsch mal eben 30. Hätte ich doch bloß das Fahrrad schon.
Das frühe Aufstehen hat sich nicht gelohnt. Eine furchtbar lange Schlange (ca. 25 Personen) tummelt sich vor dem internationalen Büro. Manche Gesichter kommen mir noch vom ersten Tag bekannt vor. Da ist zum Beispiel die Dicke, die aussieht wie ein Kerl. Hätte sie nicht solche Oberweite, würde man ihr Geschlecht überhaupt nicht so ohne weiteres feststellen können. Ich bin ja normalerweise jemand, der in/an jedem Menschen die gute/schöne Seite sucht. Aber bei manchen Leuten kann ich total ausrasten. Es gibt einige wenige Leute, deren bloßes Auftreten mich aufregt (der Langhaarige aus TheoInf ist auch so ein Fall). Überhaupt scheinen hier nur Pappnasen herumzulaufen. Ein Schwarzer hinter mir (aus Dänemark) gibt ständig auf Englisch Anweisungen, wie denn eine ordentliche Schlange auszusehen hat. So langsam wird mir klar, daß ich zu wenig geschlafen habe. Das wird es sein, die Leute können so schlimm gar nicht sein.
Als ich dann endlich an der Reihe bin, offenbart man mir zunächst auf Spanisch, dann auch noch mal zur Sicherheit auf Englisch, daß mein Ausweis noch nicht fertig sei und ich später noch mal wiederkommen müßte. Entweder noch heute, oder morgen früh, um Punkt neun gäbe es noch keine Warteschlange. Am liebsten würde ich mich auf den Heimweg machen und wieder ins Bett legen, aber ich hatte ja noch verschiedene Programmpunkte abzuarbeiten. Geld abheben und umtauschen, dann noch mal nachrechnen. In der Bank darf ich mich wieder in eine Warteschlange anstellen. Die ansonsten liebenswerte Gemütlichkeit der Spanier kann einem auch gelegentlich gewaltig nerven. Aber mein Geldwechselvorgang dauert auch zehn Minuten, die Leute hinter mir sind auch nicht gerade zu beneiden. Die Spanier scheinen unheimlich auf Ausweise zu stehen, denn überall muß man seine Perso-Nummer angeben.
Auch der nächste Geschäftsvorfall, an dem ich aktiv teilhabe, zieht sich in die Länge. Nach dem ich dreimal nachgerechnet habe, daß das Geld nun für das Notebook reichen sollte, stehe ich also wie gestern an der selben Verkaufstheke und werde von den selben Verkäufern bedient. Zahlung: Ein Teil auf Kreditkarte, der (große) Rest in Bar. Um diesen Zahlungswunsch der Kasse mitzuteilen, sind 20 Minuten nötig. Außerdem werden drei Kassenquittungen angefertigt, auf jede muß natürlich meine Adresse und Telefonnummer drauf. Anschließend zwingt man mich zum Versicherungsbüro. Ich müßte eine Versicherung abschließen, für ein Jahr wäre die im Preis inbegriffen. Also schön, wenn mein Notebook herunterfällt, bekomme ich ein neues. Die Verkäufer sind sehr gewissenhaft, sie erzählen einem alles über die Ware die sie verkaufen, auch wenn sie genau wissen, daß man sie nicht versteht. So auch die Dame am Versicherungsschalter, die mir alles über die Verlängerungsmöglichkeiten der "Herunterfallgarantie" erzählt, obwohl ich vorher klar und (ich hoffe) deutlich gesagt habe, daß ich nur die Gratisversicherung für ein Jahr abschließen möchte. Doch bis es dazu kommt, muß ich noch weitere 20 Minuten vor ihrem Schalter warten.
Zu Hause auf meinem Zimmer dann das große Abenteuer: Notebook auspacken und anschließen. Ich möchte natürlich die Maus benutzen, die ich mitgebracht habe. Oh Plug & Pray - Wunder! Sie wird sofort erkannt. Leider habe ich die Bedienungsanleitung nicht gelesen (ist ja eh auf Spanisch und nur was für Anfänger ...), so daß ich die geforderte Windows 98 - CD falsch einlege, was dazu führt, daß sich das CD-Laufwerk nicht mehr öffnen läßt. Aber zum Glück gibt es ja den Notauswurf. Leider bekommt man blutige Finger, wenn man keine Nadel zur Verfügung hat, sondern nur eine Heftklammer benutzt. Erleichtert lege ich die "Fleisch-CD" ein (ein Geschenk, das mir von meinen Freunden mitgegeben wurde, ein herzliches Dankeschön dafür noch mal an dieser Stelle!). Meine Leitung ist aber heute leider so lang, daß es auch dieses Mal nicht mit dem richtigen Einlegen der CD klappt. Auch der Notauswurf kostet mich eine Viertelstunde und viele Nerven.
Den Rest des Tages verbringe ich mit dem Einspielen von mitgebrachter Software. Aus irgendeinem Grund funktioniert der Anschluß des Notebooks an den Kassettenrecorder nicht so, wie ich mir das gewünscht hätte. Bleiben mir also für das Erste nur die eingebauten Lautsprecher. Irgendwann zwingt mich der Hunger zur Mittagspause. Beim Frühstück war mir noch aufgefallen, daß ich neues Brot kaufen muß. Tja, so ein neuer Rechner kann einen ganz schön aus dem Konzept bringen.
Ich beschließe, das Abendessen wieder im Pizza Loco einzunehmen. Heute ist mal ein Salat dran. Die Einheimischen scheinen sich noch immer von der Fiesta am Wochenende zu erholen. Auch auf dem (all)abendlichen Spaziergang zur Puerta Real treffe ich keine Menschenmassen. Wo ich doch heute eine Menschenmasse als Kontrastprogramm zum Abhängen vor dem Rechner hätte gebrauchen können. Hoffentlich habe ich morgen früh im Vicerectorado de Investigación y de Relaciones Internationales auch keine Menschenmassen vor mir. Ich werde einfach mal zeitiger starten (ich muß schneller werden...).
Immer wenn ich mir vornehme, besonders früh aufzustehen, so daß ich auf keinen Fall zu spät komme, bin ich zu früh dran. Aber auf dem Weg zum Vicerectorado de Investigación y de Relaciones Internacionales begegnet mir Kai. Er erzählt, daß er sich jetzt ein Airtel-Handy gekauft hat. Mehr erfahre ich von ihm nicht, also muß ich mich im Laufe des Tages selber darum kümmern. Komisch, ich benötige wieder eine halbe Stunde, obwohl ich dieses Mal die Hauptstraße genommen habe.
Um Punkt neun bin ich im Hospital Real. Von wegen die Schlange kommt erst viertel nach neun. Heute sind die Menschenmassen wohl schon um halb neun eingefallen. Ob das Publikum gewechselt hat? Die Leute heute hier gefallen mir wesentlich besser als die, die ich bei meinen letzten Warteschlangenaufenthalten ertragen mußte. Vor mir stehen zwei Wienerinnen, die sich mit einem Studenten aus Graz unterhalten. Ein merkwürdiger Dialekt. Den Typen verstehe ich überhaupt nicht, die beiden Frauen drücken sich deutlicher aus. Ist schon ein komischer Dialekt. Irgendwie schaurig-schön. Mal klingt er richtig erotisch und mal wird einem Übel. Hängt vielleicht auch davon ab, wer spricht.
Mir gelingt es nicht, mich in eine Unterhaltung einzumischen, obwohl mehrere deutschsprachige in der Schlange stehen. Ich verspüre ehrlich gesagt auch überhaupt keine Lust dazu. Schlangestehen hasse ich. Man ist mit seinen Gedanken völlig alleine und wird von allen beobachtet. Und da soll man freundlich Smalltalk treiben? Danke, mit mir nicht. Schon gar nicht um diese Uhrzeit. Ich würde gerne mal wieder ausschlafen. Heute aber hat sich das frühe Aufstehen gelohnt. Ich bekomme meinen Ausweis. Er liegt in einem Stapel mit den Ausweisen lauter schöner Frauen. Ist das ein gutes, ein schlechtes, oder gar kein Omen? Der freundliche junge Mann erklärt mir den Weg zum Centro de las Lenguas Modernas und sagt mir, was ich zu tun habe, um einen eMail-Account zu bekommen. Aber er weist mich auch darauf hin, daß der Einführungstest schon übermorgen ist und ich mich schleunigst anmelden müßte. Als ob die Verzögerung an mir gelegen hätte.
Die Anmeldung im Centro de las Lenguas Modernas geht ungewöhnlich schnell. Ich muß nur einen Zettel stempeln lassen und meinen Namen in eine Liste eintragen. Am Freitag muß ich dann um 08.00 Uhr dort mit dem gestempelten Bogen zum Einstufungstest erscheinen. Das ist eigentlich eine gänzlich unspanische Zeit. Da mein Name unter Nummer 273 in der Liste steht, sollte ich versuchen, schon kurz nach halb acht da zu sein.
Die weitere Tagesplanung sieht vor, daß ich mir jetzt Disketten kaufe und meinen Ausweis kopieren lasse, damit ich mir einen eMail-Account einrichten kann. Wie ich von Martin, einem meiner Vorgänger von den TUBS-Vertretern in Granada erfahren habe, bekommt man hier keinen Festplattenplatz, sondern muß seine Mails auf einer Diskette speichern. Ich muß dringend ein paar eMails schreiben, und Internetcafés sind nicht ganz billig. Wenn man also schon die Möglichkeit hat, kostenlos eMails zu verschicken, dann sollte man diese auch nutzen. Da diese Universitätseinrichtung (ich habe leider den Namen vergessen) relativ weit von meinem Wohnort entfernt ist, beschließe ich, als erstes mein Fahrrad abzuholen und mit diesem dann dorthinzufahren.
Doch ich muß (mal wieder) Bekanntschaft mit der spanischen Vertröstungsmentalität machen. Der Mitarbeiter des Fahrradladens, der das Rad fertig machen wollte, hat Probleme mit seinem Bein und sei deshalb beim Arzt heute. Aber gegen 19.30 könnte ich das Rad abholen. Ich halte noch ein kleines Schwätzchen mit dem älteren Herrn im Laden und bin erstaunt, wie gut das klappt. Obwohl ich das meiste, was er sagte nicht verstanden habe, glaube ich doch zu wissen, wovon er spricht. Ich habe das Gefühl, der will mich gar nicht wieder gehen lassen. Immerhin verspricht er mir, daß er das Fahrrad nach meinem Aufenthalt in Granada auch wieder zurücknehmen will. Aber gehen muß ich dann irgendwann, und zwar leider wieder zu Fuß. Doch ich kann mich dummerweise nicht mehr genau erinnern, wo das sein sollte. Vielleicht sollte ich jemanden Fragen, der sich mit sowas auskennt.
Da meine Sehnsucht nach der Heimat immer größer wird und ich Angst habe, keinen Flug mehr zu bekommen, gehe ich ins Reisebüro und buche einen Flug. Am 21.12. geht es also für gute zwei Wochen auf Heimaturlaub. Die Buchung des Flugs war sprachlich gesehen ein ganz schön schwieriger Akt. Ich bin nicht ganz glücklich mit der Entscheidung, aber Weihnachten allein in der Fremde zu verbringen, ist bestimmt nicht spaßig und vor allem nicht besinnlich. Weihnachten und Silvester gehören nunmal zusammen. Das Millenium hätte ich gerne an einem besonderen Ort gefeiert. Vielleicht hat das ja auch Vorteile, wenn ich den Auslandsaufenthalt unterbreche. Denn schließlich ist, wenn man in der Fremde lebt, die Heimat etwas ganz besonders. Außerdem habe ich Freunde da, mit denen ich gerne feiern möchte. Und was hier in Granada abgeht, das weiß ich nicht.
Da die Siesta noch nicht begonnen hat, kann ich mich jetzt noch um das Telefon kümmern. Ich möchte eine Karte, die ich aufladen und abtelefonieren kann, ohne Vertragsbindung. In einem Laden mit einem Airtel-Schild an der Tür schildere ich meine Wünsche. Der Verkäufer klärt mich darüber auf, was ich brauche und macht mir ein Angebot ("Tiempo Libre", 184 Ptas./min Geschäftszeit, 28 Ptas/min Freizeit). Da ich noch keine anderen Anbieter kenne, nehme ich noch nicht an. Am nächsten Laden steht Movistar an der Tür. Die gutaussehende, aber furchtbar arrogante Verkäuferin sagt erst, daß es mit einem deutschen Telefon nicht ginge. Erst als ich sage, daß ich natürlich nicht meine deutsche Telefonnummer behalten möchte, sondern eine neue (spanische) brauche, bequemt sie sich, mir etwas herauszusuchen. Deshalb ja der Akt mit der Telefonkarte. Über Movistar und e-Plus kann ich ja bisher auch schon günstig in Spanien herumtelefonieren, aber wer mich von einem spanischen Handy anrufen will, der muß ein Auslandsgespräch bezahlen. Außerdem muß ich, wenn ich angerufen werde, auch noch einen Batzen Geld draufzahlen. Jedenfalls fragt sie mich, welchen Tarif ich möchte, und zwar mit einem Gesichtsausdruck der sagt, da ich das doch wissen müßte. Ich kenne mich nicht mal mit den deutschen Tarifen aus, weil die viel zu kompliziert sind, wieso sollte ich da nach einer Woche in Spanien Fachmann für Handytarife sein? Ohne es eigentlich zu wollen, lande ich bei Airtel im Provincial Tarif (Gespräche innerhalb Granadas und Airtel 30 Ptas/min, sonstige 174 Ptas/min). Was Movistar bietet, habe ich nicht verstanden. Aber nach eingehender Prüfung denke ich, daß es wohl keine schlechte Wahl gewesen ist. Einmal kann man gratis den Tarif wechseln, später kostet jeder Wechsel 1000 Ptas. Es gibt noch einen dritten Tarif, Formular 20. (Airtel 20, sonst 80 bzw 40 am Wochenende (incl. Ausland!)). Ich glaube, daß ich doch zu diesem Tarif wechseln werde.
Der Exkurs über Handytarife ist damit beendet. Wer genaueres und aktuelleres wissen will, sollte mal unter http://www.airtel.es bei Airtel vorbeischauen.
Den Nachmittag und den ganzen Abend verbringe ich dann damit, die "alten" Tagebucheinträge aus dem Notizbuch in das Notebook zu übertragen. Da ich anfangs nur Stichpunkte aufgeschrieben habe, dauert das Übertragen natürlich länger, als wenn man vorformulierte Sätze hat. Doch ich habe ja mehr Zeit als erhofft, weil das Fahrrad immer noch nicht fertig ist. Morgen Mittag um halb zwei hat mir der Beinkranke hoch und heilig versprochen, aber er konnte das Rad bisher noch nicht reparieren, weil er beim Zahnarzt war. Fairerweise muß ich hinzufügen, daß er auch so gesprochen hat. Aber auch er will mich nicht gehen lassen, er muß mich vorher noch vollabern. Ich habe keine Ahnung, um was genau es ging, aber ich glaube es ging u.a. darum, daß ich mir auch ein anderes Fahrrad aussuchen könnte. Ich bin ja mal auf morgen gespannt, ob es dann fertig ist.
Das Abendessen nehme ich dann bei Bocatta ein. Dabei handelt es sich um eine Kette wie McD., jedoch werden keine Klopse, sondern Bocadillos angeboten. Schmeckt gut, macht satt, sollte es in Deutschland auch geben. Beim anschließenden Abendspaziergang treffe ich das Haßobjekt von Gestern allein in einer engen Gasse. Und was macht sie? Sie lächelt mich freundlich an. Vielleicht sind andere Menschen ja auch morgens schlecht drauf, so daß sie diese negative Aura verbreiten. Verbreite ich selbst auch eine solche miese Atmosphäre um mich herum? Das sollte mir zu denken geben.
Endlich kann ich mal ausschlafen. Für heute habe ich mir nicht viel Programm vorgenommen. Ich will als erstes ins Internetcafé, um eMails zu schreiben. Meine eigene Handynummer habe ich natürlich nicht im Kopf. Aber wer will mich schon von Deutschland aus anrufen? Jedenfalls verbringe ich anderthalb Stunden damit, ein paar Grüße loszuwerden, und meine Adresse weiterzugeben. Leider sind in meinem Briefkasten nur Werbe-Mails und die Wochenabrechnung vom Börsenpiel, welche wieder einmal deprimierend ausfällt.
Ich laufe noch ein bißchen durch die Stadt. Bald muß ich ja nicht mehr laufen, sondern kann mit dem Fahrrad fahren. Wenn es denn fertig ist. Um kurz vor halb zwei bin ich dann im Fahrradladen. Ich erkenne das Rad kaum wieder. Es ist nicht mehr violett, sondern neon-orange mit schwarzen Sprenkeln. Sieht richtig professionell aus, nur der Sattel ist viel zu niedrig. Aber auch hier wird noch Abhilfe geschaffen. Ich frage nach einem Schloß und kann nicht glauben, daß es nur 700 Ptas kosten soll. Auch ist das Fahrrad insgesamt billiger geworden. Es kostet mit Schloß nur 8700 Ptas.
Nun will ich das "neue" Fahrrad gleich ausprobieren. Ich fahre auf der Camino del Ronda, der großen Straße im Südwesten. Leider bin ich schlecht ausgerüstet. Meine Hände sind pechschwarz, ebenso mein rechter Hosensaum, der sich ständig in den vorderen Zahnkränzen verfängt. Eigentlich will ich zum Informatikzentrum, weiß aber nicht genau, wie es dahin geht. Ich lande also in La Cartuja. Soll mir recht sein, dann versuche ich durch das Albaycín zurückzufahren. Doch dazu müßte man erst einmal wieder bergab. Ich bin die ganze Zeit nur Bergauf gefahren, also auch dementsprechend aus der Puste. Leider funktionieren die Bremsen so gut wie überhaupt nicht mehr. Da ich jetzt, weil es nach Hause nur bergab geht, zu Fuß zurück muß, merke ich, was für eine enorme Strecke ich doch schon zurückgelegt habe.
Ich beschließe, mich erst einmal auf meinem Zimmer auszuruhen. Da ich zwei Schlüssel zu meinem Schloß bekommen habe, möchte ich den einen an meinem Schlüsselbund befestigen, den anderen in den Nachtschrank legen. Doch mein Schlüsselbund ist nirgends zu finden. Nach dem Mittagessen gehe ich zum Auto, welches noch immer unbeschädigt an seinem Platz steht. Dort ist das Schlüsselbund auch nicht. Ich muß es also verloren haben. Dumm gelaufen, zum Glück sind "nur" mein Hausschlüssel (für BS) und mein Ersatz-Autoschlüssel von dem Verlust betroffen. Aber ärgerlich ist die Sache schon. Ich muß das Schlüsselbund hier in Granada verloren haben, denn am Montag hatte ich es noch. Und seit dem habe ich Granada nicht verlassen.
Als die Sonne nicht mehr so brennt (heute ist wirklich ein heißer Tag gewesen), gehe ich wieder zum Fahrradladen. Dort ist ein Monteur, den ich noch nicht kenne. Dieser versucht gar nicht erst einen Dialog mit mir, sondern labert mich einfach nur zu. Ich verstehe kein einziges Wort, nicke aber ab und zu freundlich, damit er nicht beleidigt ist. In der Zwischenzeit zieht der Verkäufer, der gestern beim Zahnarzt war, meine Bremsen an. Er bietet mir auch an, daß falls sie jetzt immer noch nicht gut seien, ich neue bekommen könnte. Ich probiere das Rad mit dem neuen "Setup" gleich aus, in dem ich den Fahrradweg zum Centro de las Lenguas Modernas erkunde. Stop & Go - Fahren ist hier gar nicht so einfach. Ich traue mich nur, rechts zu überholen. Aber das ist schon anstrengend genug, bedarf voller Konzentration.
Am Sprachenzentrum angelangt, stelle ich mit erschrecken zwei Dinge fest. Erstens sind die Bremsen schon wieder schwach, und zweitens geht es nach Hause wieder nur bergab. Jedoch halten die Bremsen noch, bis ich beim Fahradladen bin. Dieses Kopfsteinpflaster überall schüttelt einen ganz gehörig durch. Bis morgen Mittag also habe ich neue Bremsen. Schade, muß ich morgen früh zu Fuß gehen, was bedeutet, daß ich noch früher aufstehen muß. Das Abendessen nehme ich deswegen auch etwas früher ein. Dieses Mal muß ich bei Bocatta nicht schlangestehen. Ich gönne mir ein Thunfischbocadillo mit Pfeffer, dazu einen grünen Salat. Thunfisch auf einem Bocadillo ist keine gute Idee, denn die in Öl eingelegten Stückchen des Meeresbewohners bleiben nur so lange zwischen den Weißbrothälften, wie man das Bocadillo in der Verpackung läßt. Anschließend befinden sich große Mengen davon auf der Hose.
Das frühe Aufstehen fällt mir schwer, obwohl ich doch gestern recht zeitig ins Bett gekommen bin. Auch geschlafen habe ich gut, will jedoch irgendwie nicht in die Gänge kommen. Um dreiviertel acht bin ich dann im Centro de las Lenguas Modernas. Die Stille kommt mir komisch vor. Außer mir noch kein Mensch hier. Wie kann das denn sein, wo ich doch Nummer 2xx gewesen bin? Ich frage die Dame am Eingang, wo denn der Einstufungstest stattfindet. Um neun ist die Antwort. Prima, da hat sich ja das frühe Aufstehen wirklich gelohnt. Ich warte also noch eine Dreiviertelstunde im Freien, wo es gerade mal 12°C sind. Völlig durchgefroren (ich bin nur mit einem Hemd bekleidet) kehre ich ins Sprachenzentrum zurück. Dort hängt eine Liste mit Namen und den jeweiligen Räumen, in denen die Personen den Test absolvieren sollen. Mein Name steht auf keiner Liste. Beunruhigt wende ich mich an das Personal. Man wirft einen Blick in die Unterlagen und offenbart mir, daß ich um elf wiederkommen müsse. Habe ich doch also onze (11) mit ocho (8) verwechselt.
Um dreiviertel elf ist das Sprachenzentrum völlig überfüllt. Ich gehe zu dem Raum, in dem die Prüflinge HA - KR sitzen sollen. Mein Name steht schon wieder nicht auf der Liste. Man schickt mich eine Treppe hoeher in den zweiten Stock, wo sich schon auf er Treppe wieder eine Schlange gebildet hat. Erstaunlich schnell geht es trotzdem voran. Um fünf vor elf sitze ich auf meinem Platz, wo ich noch bis 20 nach warten muß, bis der Test anfängt. Eine ätzende Zeit. Genau vor mir sitzt ein Deutscher, der sich angeregt auf Spanisch mit den Französinnen hinter mir unterhält. Der Typ scheint durch mich hindurchzublicken. Ich weiß gar nicht, wo ich meine Augen lassen soll, denn wenn ich den Kerl anblicke, habe ich das Gefühl angesprochen zu werden.
Wir haben uns anfänglich so hingesetzt, daß immer ein Platz zwischen uns frei gewesen ist. Als der Test beginnt, ist der Raum fast komplett belegt, was zur Folge hat, daß ich mich kaum bewegen kann. Es schreibt sich extrem schlecht auf diesen Armlehnentischen. Anfangs bin ich noch zufrieden, weil ich die Anweisungen der Lehrerin verstanden habe. Doch jetzt beginnen mich Rückenschmerzen zu quälen. Ich muß den Test so schnell wie möglich hinter mich bringen. Die Fragen sind auch nicht gerade leicht. Aus Erfahrung weiß ich, daß es ohnehin besser ist, Multiple Choice Fragen so schnell wie möglich zu beantworten. Wenn man lange überlegt, baut man eher Fehler ein, als daß einem die richtigen Antworten einfallen. Den einfachen Teil glaube ich ganz gut hinzubekommen. Der zweite Teil wird schon bedeutend schwieriger, beim dritten und vierten Teil mache ich einfach nur Kreuze nach Gefuehl. Hoffentlich nicht zu viele richtig, so daß ich wohl möglich noch in einen Kurs mit zu hohem Level komme. Als letztes muß in dem Test noch eine Postkarte an eine Spanierin geschrieben werden, die in der Provinz lebt und gerne andere Menschen und Städte kennenlernen möchte. Der Typ vor mir kommt mit einer DIN A4 Seite nicht aus und legt noch eigenes Papier hinzu. Ich wüßte auch auf Deutsch nicht, was ich noch mehr schreiben sollte, als in zehn Zeilen. Scheint ja wirklich ein mitteilugsbedürftiger Zeitgenosse zu sein.
Jetzt wo ich fertig bin, habe ich endlich auch Augen für die Leute, die an dem Test teilgenommen haben. Die Frauen werden von Tag zu Tag hübscher, habe ich das Gefühl. Ganz allgemein herrscht eine gewisse Schnupperstimmung, niemand will den überdachten Innenhof des Centro de las Lenguas Modernas verlassen. Über Lautsprecher wird zunächst auf Englisch bekanntgegeben, daß die Ergebnisse um 19.00 Uhr eingesehen werden können. Fünf Minuten später wird die Meldung auf Deutsch wiederholt, allerdings ist jetzt nur noch von Montag morgen 09.00 Uhr die Rede. Außerdem wird die Durchsage um die dringende Aufforderung ergänzt, das Gebäude umgehend zu verlassen. Im Fünfminutentakt kommen dann noch Durchsagen auf Spanisch und Französisch hinzu. Die wollen natürlich ihre Ruhe haben, verständlich. Die Hundertschaften von aufgekratzten Ausländern verursachen wirklich eine Menge Lärm.
Als ich mein Fahrrad abhole, fallen mir gleich die neuen Bremsen auf. Die machen einen zuverlässigeren Eindruck. Da ich jedoch vom Vortag noch Blasen an den Händen habe, besorge ich mir noch Fahrradhandschuhe. Prollig, aber wirkungsvoll. Die erste Fahrradtour führt mich wieder zum Sprachenzentrum, wo ich Kai und Christian treffe, die mir mitteilen, daß die Ergebnisse doch noch nicht aushängen. Dafür haben sie die Information erhalten, daß eine Erasmus-Welcome-Party stattfinden soll. Angeblich schon ab 19.00 Uhr. Das paßt mir eigentlich gar nicht, ich trage ein verschwitztes T-Shirt und einer schmuddelige Hose. Zum Glück teilt man uns vor Ort mit, daß die Party erst um 22.00 beginnt.
Mir bleibt also noch genügend Zeit, mein Fahrrad nach Hause zu bringen, zu duschen und zu Abend zu essen. Bei McDonalds ist es viel zu voll, also gehe ich zu Burger King. Dort gibt man an der Kasse seine Bestellung auf, zahlt und bekommt einen Kassenbon mit einer Nummer drauf, die dann später aufgerufen wird, wenn das Essen zubereitet ist. Das ist fast wie beim Arbeitsamt in Deutschland. Eigentlich ist es mir noch zu früh, um auf die Party zu gehen. Ich will noch ein bißchen spazierengehen, doch als ich an dem Laden, in dem die Party stattfinden soll, vorbeigehe, fragt mich der Türsteher: "Erasmus?" "Si" "Come in!". Da kann ich dann doch nicht widerstehen.
Die Musik ist überhaupt nicht nach meinem Geschmack. Zunächst werden erst einmal sämtliche Boygroups durchgespielt. Von Kai oder Christian keine Spur. Ich stehe gelangweilt herum und bemühe mich, wenigstens so auszusehen, als ob ich mich amüsieren würde. Doch das gelingt mir nicht. Ich werde von einer Deutschen (Mareike aus Rostock) angesprochen, ("Wir dachten, Du stehst da so dumm 'rum, da sprechen wir Dich mal an..."). Mir gelingt es nicht, eine vernünftige Unterhaltung zu führen. Erstens verstehe ich mein eigenes Wort kaum - von den Antworten ganz zu schweigen - und zweitens ich diese Gespräche à la "Wie heißt Du? Wo kommst Du her? Was studierst Du? Bis wann bleibst Du in Granada?" nicht sehr erbaulich finde. Die anderen Leute scheinen solche Probleme nicht zu kennen, alle unterhalten sich angeregt. Überhaupt tun alle so, also würden sie jeden kennen und wären jeden Tag in diesem Laden. Immerhin ist das Bier gut und billig. Ab eins wird die Musik nur noch spanisch, was zwar anfänglich eine nette Abwechslung ist, nach einer halben Stunden allerdings nervt. Außerdem wird es zunächst schlagartig leerer, ab halb zwei kommen aber Spanier hinzu.
Um zwei mache ich mache ich mich auf den Heimweg. Es ist erstaunlich, wie viel auf den Straßen noch los ist. Diese Ecke (Pedro Antonio de Alarcón in Richtung Plaza Albert Einstein) sollte ich mir für zukünftige Wochenenden vormerken.
Ich erkläre den Samstag zum Waschtag. Zunächst lasse ich mir erklären, wie man die Waschmaschine zu bedienen hat. Ich verstehe allerdings nicht, warum die Temperatureinstellung unbedingt auf kalt stehen muß. Außerdem schüttet Ada Unmengen von Waschpulver in den Behälter. Hoffentlich werden nicht alle meine T-Shirts weiß. Während die Waschmaschine ihre Arbeit verrichtet, wische ich mein Zimmer durch. Es ist gar nicht so einfach ein so kleines Zimmer zu wischen. Jedenfalls war diese Tätigkeit dringend notwendig. Als die Wäsche fertig ist (meine Vermieterin glaubt, mir mit Weichspüler einen Gefallen zu tun - zum Glück sind keine Handtücher dabei), beginne ich daran zu zweifeln, daß die Wäsche heute noch trocknet.
Da ich ein bißchen verkatert bin, glaube ich daß ein wenig Bewegung an der frischen Luft mir gut tun würde. Leider ist die Mittagshitze doch größer, als ich angenommen habe. Außerdem bereiten mir die Berge arge Schwierigkeiten. Ich fahre an der Alhambra vorbei zum Parque de Invierno. Eine Tour von nur einigen Kilometern, dafür aber immer bergauf. Ich merke, daß ich doch besser meine Cap aufgesetzt hätte, denn ich bekomme langsam aber sicher einen leichten Sonnenstich. So langsam bekomme ich Respekt vor Radsportlern, die ich bisher immer ein wenig belächelt habe. Ich merke auch, daß ich mir für die nächste Radtour ein Trikot besorgen sollte, da ich im T-Shirt friere. Es ist verrückt, aber beim Anstieg schwitze ich literweise Wasser aus meinem Körper. Das nasse T-Shirt sorgt dann dafür, daß mir kalt wird. Die Anstrengung lohnt sich, es bieten sich schöne Blicke auf Granada und auf die Sierra Nevada. Die Landschaft im Parque de Invierno ist auch nicht zu verachten. Oben angelangt, ziehe ich im Wald unter und döse ein bißchen vor mich hin, in der Hoffnung, meine Verfassung würde sich bessern. Doch das Gegenteil ist der Fall. Nach einer guten Stunde mache ich mich auf den Heimweg. Die ersten beiden Kilometer zurück geht es noch ganz gut, danach versagen die Bremsen erneut, so daß ich mal wieder den Großteil des Rückweges zu Fuß absolvieren muß.
Mich plagt inzwischen auch der Hunger, da ich aber weiß, daß nichts zu essen mehr im Hause ist, gehe ich zunächst in den Supermarkt zum Einkaufen. Ich weiß gar nicht mehr so genau, was sich dort abspielt, da ich mittlerweile total am Ende bin. Auf jeden Fall nehme ich von dort etwas Eßbares mit, was ich mir dann zu Hause zu gemüte fuehre. Danach lege ich mich erst einmal für ein zwei Stunden hin. Aus meinen Plänen, den Samstag Abend in einer Bar oder Disco zu verbringen, wird leider nichts.
Als es mir gegen 22.00 Uhr ein bißchen besser geht, bereite ich die Installation von Linux vor. Das klappt so weit ganz gut, jedoch dauert es eine Ewigkeit, bis ich einen X-Server halbwegs am Laufen habe (das Grau flimmert noch immer). Danach versuche ich Windows zu starten, aber angeblich gibt es keine HIMEM.SYS mehr, obwohl mehrere auf der Festplatte verstreut sind. Ich mache also die Partitionierung rückgaengig und vernichte somit die Resultate meiner Installationsarbeit der letzten Stunden. Aber immerhin weiß ich jetzt, woran es gelegen hat, so daß beim nächsten Mal alles glatt gehen sollte. Ich beschließe, mit der Linux-Installation noch zu warten, bis ich weiß, welche Version hier an der Uni installiert ist, damit ich im besten Fall die gleiche Version installieren kann.
Da meine Wäsche (wie erwartet) immer noch nicht getrocknet ist, muß ich sie über Nacht draußen hängen lassen. Hoffentlich macht das nichts.
Der erste (und einzige) Arbeitsgang für heute ist das abhängen der Wäsche. Das Hängen über Nacht im Freien scheint ihr nichts ausgemacht zu haben, sie ist endlich trocken. Danach das gleiche Programm wie letzten Sonntag (Frühstücken und Brote schmieren). Hoffentlich ist das neben dem Wetter die einzige Parallele. Heute will ich zu den Höhlen im Nordosten fahren. Ich rufe Kai an, vielleicht will er mitkommen. Wie erwartet lerne ich seinen Anrufbeantworter kennen. Also muß ich wieder allein auf die Reise gehen.
Wenn man Granada auf der Landstraße statt auf der Autobahn verlassen will, dann muß man ganz schön lange suchen, bis man den richtigen Weg gefunden hat. Na gut, oder man muß sich auskennen. Jedenfalls für mich bedeutet die Fahrt nach Guadix, daß ganz Granada einmal durchquert werden muß. Kurz vor Ortsende stoppt der Verkehr wegen einer Prozession. Zum Glück werden wir von der Polizei rasch vorbeigewunken. Doch schon nach kurzer Zeit mündet die Landstraße wieder auf die Autovia. Hätte ich das vorher gewußt, hätte ich eine halbe Stunde Stadtverkehr sparen können und wäre nur vom Parkplatz 100 Meter bis zur Autobahnauffahrt durch die Stadt gefahren.
In Guadix schaue ich mir den Ort erst einmal aus dem Auto heraus an. Dann suche ich mir einen Parkplatz in der Nähe der Kathedrale und starte meinen Fußmarsch. Ich besehe mir das Gotteshaus bloß von außen. Irgendetwas hält mich davon ab, hineinzugehen, obwohl das vom Reiseführer ausdrücklich empfohlen wird. Vielleicht fühle ich mich mit meinen kurzen Hosen doch etwas unpassend gekleidet, denn die restlichen Besucher sehen alle eher festlich und völlig untouristisch aus. Aber bei der Hitze im Auto tue ich mir freiwillig keine langen Beinkleider an. Der Weg zum Höhlenviertel geht steil bergan. Ich werde durch die Mittagssonne unweigerlich an meinen Sonnenstich von gestern erinnert, und wünsche mir mehr Schatten.
Die Menschen hier wohnen doch tatsächlich in Höhlen. Die Fassaden sind teilweise gemauert, der Großteil der "Häuser" liegt im Fels. Nur ein weißer Schornstein ragt aus dem Gestein hervor, so daß man überdeutlich erkennt, daß dort jemand wohnt. Den laut Reiseführer schönsten Anblick des Höhlenviertels kann ich mir leider nicht ansehen, da das Seminario, durch das man auf die alte arabische Festung (Alcazaba) gelangt, geschlossen ist. Ob es daran liegt, daß heute Sonntag ist oder 14.25 Uhr, läßt sich leider nicht feststellen, da keine Öffnungszeiten angegeben sind. Dafür habe ich aber die Höhlen von Nahem gesehen.
Ich folge der im Reiseführer vorgeschlagenen Route, obwohl meines Erachtens die Reihenfolge der Orte etwas anders ist (Benalúa de Guadix, Fonelas, Baños de Alicún de las Torres, Villanueva de las Torres, Pedro Martinez, dann aufgrund der Unübersichtlichkeit von Pedro Martinez: Alicún de Ortega). Jedenfalls fahre ich durch eine Landschaft von atemberaubender Schönheit. Die Berge präsentieren sich in allen Farben. Mal schimmern sie orange-rot, von violetten Adern wie durch Pinselstriche durchzogen. Dann gibt es gelbe Berge, mit einzelnen grünen Bäumen und vielen graubraunen Sträuchern. Die Täler sind durch dichte Bewaldung kräftig grün, während der Rest eine vollkommen vertrocknete Wüste ist. Manche Berge sind glattgeschliffen, ja sie erwecken geradezu den Eindruck, als seien sie aus Marmor, andere dagegen sind schroff erodiert, wie im Colorado-Plateau. Es ist eine sehr abwechslungsreiche Fahrt, zumal später auch noch Äcker hinzukommen. Die Straße an sich ist auch schon ein Abenteuer. In Villaneuva de las Torres sehe ich eine ungewohnte Form der Müllabfuhr. Dort fährt ein Trecker durch die Straßen, ein Mann läuft nebenher und sammelt die Tüten ein, die vor der Haustür liegen. Währenddessen werfen die Bewohner des oberen Stockwerks ihre Mülltüten aus dem Fenster in den offenen Anhänger. Hier gibt es jedenfalls keinen Streit darüber, wer den Müll herunterträgt.
Der Rückweg klappt dieses Mal Reibungslos, ich finde sogar einen Parkplatz fast direkt vor der Haustür. Beim Duschen fällt dann der Blick unweigerlich in den Spiegel. Ich habe mir mittlerweile eine ganz schöne "NATO-Bräune" zugezogen. Aber was soll man machen, ich kann ja hier in der Stadt schlecht mit freiem Oberkörper herumlaufen. Zur Feier des Tages und weil morgen die Mensa aufmacht, möchte ich noch einmal etwas schicker essen gehen. Die meisten Restaurants sind mir entweder zu schick oder nicht fein genug. So lande ich wieder in der Bar Olimpico, in der ich schon einmal eine Fischplatte hatte. Auf dem Rückweg begegne ich den ersten Skatern. Es handelt sich dabei um zwei Mädchen im Alter von ca. 16 Jahren, die Krampfhaft einen Olli versuchen.
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© 1999, 2000 Torsten Klie
Last modified: Thu Aug 3 12:43:04 CEST 2000