Ich habe gerade mal drei Stunden geschlafen, als ich um halb fünf wach bin. Kurz vor fünf raffe ich mich auf, es macht keinen Sinn mehr, noch länger liegen zu bleiben. Bis das Auto vollgeladen ist, vergeht noch eine ganze Weile. Ada ist aufgestanden, um sich von mir zu verabschieden. Ein rührendes Lebewohl. Als ich um 06:45 Uhr losfahre, steht sie an dem Fenster von (ehemals) meinem Zimmer und winkt mir hinterher. Ergreifend. So ergreifend, daß ich jetzt nicht R.E.M. hören kann (ich habe einfach so in die Tüte mit Kassetten hineingegriffen).
Schon bald bleibt mir gar keine Gelegenheit mehr über die ganze Sache nachzudenken. In den Bergen kurz hinter El Fargue kommt ein Regenguß vom Himmel, wie ich ihn schon lange nicht mehr erlebt habe. Dummerweise ist der Scheibenwischer total kaputt, so daß ich gar nichts mehr sehen kann. Ich lasse mich auf 50 km/h zurückfallen und vertraue auf mein Glück, welches mich nicht im Stich läßt. Auf jeden Fall kostet das Nerven. Auch nach den Bergen wird die Wetterlage nicht besser. Zwar klart der Himmel auf, aber nun geht die Sonne auf. Zunächst freue ich mich noch auf den unmittelbar bevorstehenden Sonnenuntergang, doch als es dann soweit ist, merke ich, daß die Straße genau nach Osten verläuft. Irgendwie habe ich damit schon gerechnet, denn ich habe die Sonnenbrille schon bereitgelegt. Doch sie reicht nicht, ich spüre einen stechenden Schmerz im Auge. Wie war das letztes Jahr bei der Sonnenfinsternis? Niemals direkt in die Sonne blicken! Zum Glück fährt jemand vor mir. Ich klappe also die Sonnenblende herunter; soweit, daß ich nur noch die Rücklichter meines Vordermanns sehen kann.
Erst kurz vor Murcia kann ich die karge Landschaft wahrnehmen, die schroffen Felsen und das hellgelbe Gestein. Auf dem Weg nach Alicante ändert sich die Landschaft, die Welt wird grüner. Gelegentlich ergibt sich auch ein Blick auf das Mittelmeer. Bei der ersten Abfahrt nach Alicante fahre ich heraus. Das ist ungeschickt, ich müßte doch eigentlich wissen, daß Playa de San Juan im Norden Alicantes liegt. Auf diese Weise kurve ich fast eine ganze Stunde durch Alicante, weil ständig ausgerechnet die Straße, für die ich mich entschieden habe, wegen Bauarbeiten gesperrt ist.
Endlich komme ich jedoch an dem Haus vorbei, in dem ich mit Freunden den Sommerurlaub 1996 verbracht habe. Playa de San Juan ist im Vergleich zu Alicante ausgesprochen häßlich. Jedenfalls erkenne ich jetzt, daß die Bauarbeiten, die ich schon auf der Hinfahrt lediglich Kanalreparaturen gewesen sind. Beruhigt fahre ich auf die Autobahn nach Valencia. Diese Autobahn ist jetzt eine Autopista, d.h. eine richtige Autobahn, die auch leider richtig Geld kostet. Die ersten Entfernungsschilder machen mich niedergeschlagen. Barcelona 550 km. Nach vielen Stunden bin ich dann dort, aber die französische Grenze ist immer noch 200 km weit weg. Doch ich werde bald durch herrliche Blicke auf die Pyrenäen belohnt. Dann kommt das Languedoc, mit Blicken auf das Mittelmeer, Brackwasser und Flamingos.
Kurz nach Sonnenuntergang erreiche ich das gesetzte Tagesziel: Orange. Gleich neben der Autobahnangfahrt befindet sich ein Hotel mit Check-in-Automat statt Portier und umzäuntem Parkplatz. Irgendwie ist das nicht das Richtige. Ich fahre also in die Stadt. Dabei erweist es sich als günstig, daß ich mir eine nicht allzu große Stadt ausgesucht habe, ich finde gleich etwas passendes, mit Garage, das Hotel Climat. Ich verstehe alles, was der Portier sagt, allerdings kann ich fast nichts sagen. Wenn ich antworte, rutscht mir ständig Sí heraus.
Obwohl ich mich ursprünglich um systematisches Packen bemüht habe, fehlt mir wieder die Hälfte. U.a. leider auch die Zigaretten und die Getränke. Also dusche ich nur noch schnell, tippe etwas Tagebuch, und sehe dann eine halbe Stunde fern. Es ist erstaunlich, wie viele Werbespots mir aus Spanien bekannt vorkommen. Hier sind allerdings die Personen ausgetauscht, sie sehen "französischer" aus. Auf Sky News gibt es die gleichen Spots nochmals mit blassen Blondinen. Da ich nichts zu trinken da habe, begnüge ich mich mit Leitungswasser. Irgendwie schmeckt es sogar besser als das Mineralwasser, daß ich in Granada immer gekauft habe.
Ich fühle mich wie gerädert, als ich um kurz nach sechs aufstehe. Irgendwie mag ich es nicht wahrhaben, heute nochmals so eine Langstrecke vor mir zu haben. Warum bleibe ich nicht einfach noch ein paar Tage in der Provence? Aber mit dem Gepäck? Bei dem Kontostand? Also gehe ich in den Frühstücksraum, in dem ich natürlich der einzige bin, der um diese Zeit schon Nahrungsaufnahme betreibt. Corn Flakes, Croissants mit Marmelade, Joghurt, Kaffee und Orangensaft. Wenn es schon Buffet gibt, muß man ja schließlich zuschlagen.
Das Auto ist nicht aufgebrochen worden, alles Gepäck ist noch da. Heute nehme ich mir die Zeit, die gesamte Ladung noch einmal anders im Kofferraum zu verteilen, so daß ich eine bessere Sicht nach hinten habe. Dann geht es los, mit meiner Reise und dem Regen. Ich habe gestern versucht, einen neuen Scheibenwischer zu besorgen, aber da war nichts zu machen. Eigentlich hatte ich gedacht, daß es in Spanien kein Problem darstellen sollte, für einen Seat Ibiza Ersatzteile zu erhalten. Da es mir nicht gelungen ist, kann ich wieder sehr schlecht sehen.
Kurz vor Lyon hört der Regen auf, auch meine Barschaft wird knapp. Ich verlasse also die Autobahn, um an einem Geldautomaten Bargeld zu ziehen. Die Deutsche Bank 24 läßt mich wieder im Stich, angeblich wäre mein Konto leer. Da ich weiß, daß das nicht sein kann, rege ich mich ordentlich auf. Daß das Konto umgehend aufgelöst wird, sollte klar sein. Hätte ich nicht noch eine EC-Karte von der Nord/LB, hätte ich im wahrsten Sinne des Wortes schlechte Karten.
Nachdem ich mich in Lyon verfahren habe, stellt sich im Laufe der nächsten 400 km heraus, daß die Autobahn hier wesentlich günstiger ist. Die Geldholaktion ist also überflüssig gewesen. Besser so, als mit leeren Taschen an einer Bezahlstation zu stehen. So kann ich also beruhigt durch das Elsaß fahren und mich an der Landschaft erfreuen, denn ich habe Reserve. An einer Total-Tankstelle gibt es den kompletten Service. Ich habe zwar noch Öl im Kofferraum, aber wenn man mir schon den Ölstand mißt, dann nehme ich natürlich eine Flasche von der Tankstelle. Beim Bezahlen suche ich die Scheibenwischer durch. Der Tankwart sucht mir den richtigen heraus und montiert ihn gleich. So gefällt mit das.
Wieder in Deutschland, muß ich mir böse Blicke vom Klomann gefallen lassen. Ich habe aber nur Francs in der Tasche, die will er sicher nicht. Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort. Es gibt Stau. Dieses Phänomen tritt des öfteren auf, bis ich im Hessischen Bergland bin. Es ist geradezu atemberaubend, kurz hinter Frankfurt tut sich ein gewaltiges Tal auf. Trotzdem kann ich nicht leugnen, daß ich eigentlich gar keine Lust mehr habe. Auf der A7, gerade mal 80 km von Braunschweig entfernt, muß ich noch eine Pause machen. Die Sonne ist untergegangen, und mit Sonnenbrille kann ich nicht mehr gut sehen. Doch leider finde ich meine normale Brille nicht. Habe ich sie etwa an einer Raststätte auf das Dach gelegt? Nein, sie ist unter den Sitz gerutscht.
Endlich, endlich bin ich zuhause, mit den letzten Tropfen Benzin rolle ich auf den Hof. Die Nachbarn, die gerade im Garten stehen, begrüßen mich, als käme ich gerade wie jeden Tag von der Arbeit. Zunächst sehe ich mich im leeren Haus um (meine Eltern sind im Urlaub). Dann mache ich mir etwas zu essen und lade das Auto aus. Ich bringe die Taschen nur in den Flur. Nach kurzer Zeit sieht der Flur aus, als habe eine Bombe eingeschlagen. Aber meine Eltern kommen ja erst in zwei Tagen wieder zurück. Zum Aufräumen und Auspacken der Koffer bin ich nicht mehr fähig. Ich verziehe mich bald ins Bett, die Heizung läuft ohnehin noch nicht richtig, so daß es an anderer Stelle zu kalt ist.
© 2000 Torsten Klie
Last modified: Sat Apr 15 00:29:13 MEST 2000