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Montag, 13. März 2000

Zum ersten Mal seit langem gelingt es mir, zeitig aufzustehen. Draußen ist es stark bewölkt. Aber es fängt erst an zu regnen, als ich mich auf mein Fahrrad schwinge. Als ich in der ETSII ankomme, hört es auf. So schnell hat der Direx noch nicht reagiert. Ich nutze das funktionierende Internet, um mal wieder ein paar Briefe zu schreiben. Nachdem ich einen verhältnismäßig langen geschrieben habe, drücke ich vor dem Abschicken versehentlich auf eine falsche Taste und alles ist weg. Langsam macht sich das Gefühl breit, dies sei nicht unbedingt mein Tag. Zumal ich Post im Briefkasten von Besuch in Granada habe, der den Zettel mit meiner Adresse und Telefonnummer nicht dabei hat. Außerdem hat mir mein zweiter Provider gekündigt. Das Tagebuch ist jetzt "wie früher" nur noch bei Tripod vorzufinden.

Als ich beim Mittagessen feststelle, daß sich wenige Minuten nachdem ich mein Essen abgeholt habe eine Schlange bildet, beginne ich Hoffnung zu schöpfen, daß dieser Tag vielleicht doch nicht so schlecht wird. Ich bin heute früh dran, weil ich dringendst eine Geburtstagskarte schreiben muß, d.h. möchte. Auf dem Weg zum Corte Inglés fängt es nicht nur an zu regnen, sondern mir fällt auch ein, daß ich mir ja vor fünf gar keine Briefmarken kaufen kann. Um fünf wird der Briefkasten in der Nähe meiner Wohnung geleert. Vielleicht habe ich mehr Glück, wenn ich den Brief direkt bei der Post einwerfe.

Zunächst bin ich jedoch im Corte Inglés in der Informatikabteilung. Ich habe mein Notebook dabei und will den Speicher aufrüsten lassen, da ich beim Programmieren in den letzten Tagen festgestellt habe, daß der Rechner fleißig am Swappen war. Doch der Verkäufer offenbart mir, nachdem er das Gehäuse geöffnet hat, daß das Gerät nur über eine Erweiterungsbank verfügt, so daß ich 64 MB kaufen müßte, um um 32 MB zu erweitern. Die Preise sind gestiegen (um über 125%!), so ein Modul würde über 500 DM kosten. Das ist mir viel zuviel. Immerhin besorge ich mir eine Notebooktasche.

Die Karte, die ich mir aussuche, ist reichlich ungeschickt, da sie Glückwünsche von uns allen bestellt. Ich hoffe, es ist der gute Wille, der honoriert wird. Nach dem Schreiben will ich gleich los, um die Karte einzuwerfen, um einen Optiker aufzusuchen und um in dem Telefonladen nach der "zweiten Bonus-Aufladung" zu fragen. Doch ich kann den Kassenbon nirgends finden. Ich stelle das ganze Zimmer auf den Kopf, schütte sogar den Mülleimer aus (das Wischen gestern war also für die Katz'), doch nirgends ist der Kassenzettel zu finden. Ich stoße schon laute Flüche bzw. Verzweiflungsrufe aus (Warum muß immer mir so eine Scheiße passieren?" u.Ä.), als ich beim fünften Mal durchsehen des Kassenbonstapels endlich auf einen Wisch mit unleserlicher Aufschrift stoße. Ja, das ist er.

Die zwanzig Minuten Fußmarsch durch die Stadt könnte ich mir sparen, genauso wie die Frage, warum die Straßenhändler Regenschirme verkaufen, wo es doch gar nicht regnet. Zunächst verbessert sich meine Laune mit jedem Schritt. Als ich schließlich im Telefonladen bin, weiß ich auch, was die Frau damals meinte, als sie sagte: Wenn du 5.000 Ptas. abtelefoniert hast, kommst Du nochmal wieder. Natürlich muß ich die 5.000 Ptas. erst wieder aufladen, bevor ich die zweiten 10.000 Ptas. gratis bekomme. Das hätte ich mir auch denken können und klingt irgendwie auch logisch. So hatte ich das damals nicht verstanden. Trotzdem ärgere ich mich mehr über diese Verarschungsangebote (Handy mit 20.000 Ptas. Gesprächsguthaben, aber nur dann, wenn man zu dem Preis noch 5.000 Ptas. hinzubezahlen muß). Obendrein haben sie mir ein mit SIM-Sperre versehenes Handy als Dual-Band-Gerät verkauft. Wenn Airtel auch im GSM 1800 arbeiten würde, könnte ich die Dual-Band-Funktion benutzen. Das ist eine Sache, die mir an Spanien überhaupt nicht gefällt, daß man ständig über den Tisch gezogen wird. After Sale Marketing scheint hier unbekannt zu sein, ob der Kunde mit der gekauften Ware zufrieden ist, spielt keine Rolle, hauptsache man hat Geld verdient. Damit hat man natürlich besonders als Ausländer zu kämpfen, weil hier viele ihre Chance wittern, einem unwissenden Ausländer, der wahrscheinlich als langfristiger Kunde ohnehin nicht in Frage kommt, das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Natürlich habe ich keine Ersatzbrille mit, so daß ein Weg zum Optiker mit einem blinden Rückweg verbunden wäre. Aber die meisten Optik-Geschäfte sagen mir ohnehin nicht zu. Mich stört vor allem, daß die Schaufenster nur Damenbrillen zeigen. Im Gegensatz zu Deutschland, wo Frauen meistens Kontaktlinsen tragen, wird hierzulande eine Brille gern als modisches Accesoir benutzt. Als ich zu Hause ankomme, bin ich jedenfalls gut naßgeregnet. Ich raffe meine Sachen zusammen und gehe zu Optivision. Dort werde ich gut bedient, allerdings habe ich erhebliche Schwierigkeiten, den Verkäufer zu verstehen. Das liegt nicht nur daran, daß er so schnell spricht, sondern vor allem an der offenen Tür. Die Calle Recogidas ist doch ziemlich laut.

Der ganze Laden ist überall mit High-Tech ausgestattet. Der Stuhl, in dem mir diverse Gläser vor die Augen gehalten werden ist richtig bequem. Auch die anderen Stühle, auf denen man Brillen aufprobiert sind gemütlich. Leider ist der Spiegel miserabel eingestellt, so daß ich Mühe habe, eine geeignete Sonnenbrille zu finden. Doch die Frau, die schon meine Augen vermessen hat, ist ziemlich überzeugt von einem Modell, daß ich auch schon in die engere Wahl genommen habe. Auch ist sie sehr geduldig mit mir, wenn ich für die eine oder andere Antwort etwas länger brauche oder nochmals nachfrage, weil ich etwas nicht verstanden habe. Morgen Nachmittag soll ich die Brillen abholen können.

Auf dem Heimweg werde ich Zeuge eines Unfalls. Ich bin gerade sonstwo mit meinen Gedanken, als ich sehe, wie eine Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm einen Satz über die Straße macht, von einem Lieferwagen erfaßt wird. Sie bekommen einen gewaltigen Stoß, stürzen aber nicht. Lediglich die Sonnenbrille der Frau fliegt zu Boden. Da wären wir auch schon bei der Unfallursache, es ist kurz vor acht, die Sonne ist untergegangen, es ist fast dunkel. Doch die blöde Kuh muß mit ihrem Kind ohne etwas zu sehen einfach über die Straße laufen. Eigentlich müßte sie dafür Prügel beziehen. Doch davon würde sie ohnehin nichts mitkriegen, sie steht ganz offensichtlich unter Schock. Zum Glück ist bald eine ganze Menge anwesend, die sich um sie kümmert. Auf meine Frage, ob es ihr gut geht, habe ich keine Antwort bekommen, was mich doch sehr beunruhigt hat. Entweder sie oder der Kleine, einer von beiden hat wohl einen Schlag auf den Kopf bekommen. Nun ja, man gibt ihr den dringenden Rat, unbedingt einen Arzt aufzusuchen, dann werden Adressen ausgetauscht. Zeit für mich, ihr ihre Sonnenbrille wiederzugeben, die ich vom Boden aufgehoben habe. Hier werde ich zum Glück nicht mehr gebraucht.

Zu Hause will ich den ganzen Tag verarbeiten, in dem ich mir den Frust im Tagebuch von der Seele schreibe. Doch die Verhexung scheint noch nicht vorbei zu sein. Ich kann meine Linux-Startdiskette nirgends finden. Ich stelle zum zweiten Mal heute mein Zimmer auf den Kopf, doch die Diskette taucht nicht auf. Also muß ich die Original-Startdiskette nehmen. Natürlich hat die nicht den "richtigen" Kernel, aber immerhin kann ich das System starten.

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Dienstag, 14. März 2000

Ich bin früh dran, verplempere aber Zeit damit, meinen rechten Fahrradhandschuh zu suchen. Nimmt denn das Pech nie ein Ende? Schließlich finde ich ihn in der Nachttischschublade. Was zum Teufel macht der Handschuh da? Den habe ich doch bestimmt nicht dahin gelegt.

Den ganzen Tag bin ich schon hibbelig, ich freue mich darauf, daß ich bald wieder richtig sehen kann. Endlich ist die Siesta vorbei, doch man sagt mir, mit tarde wäre sieben oder halb acht gemeint. So muß ich mich also anderweitig beschäftigen. Ich habe auch genug zu tun, Wäschewaschen, Einkaufen, mein Zimmer bietet auch immer "Optimierungsmöglichkeiten". Außerdem scanne ich Fotos für ein neues Album ein. Jetzt, wo ich einen guten Generator habe, kann ich Alben "wie am Fließband" erzeugen.

So vergeht also die Zeit, bis es endlich halb acht ist und ich mich auf den Weg mache. Natürlich ist die Sonnenbrille noch nicht fertig, aber meine normale Brille hat jetzt schon neue Gläser. Ein tolles Gefühl! Ich schwebe wie auf einer Wolke durch die Gegend. Erstaunlicherweise vertrage ich die neue Stärke gut, mir ist nicht schwindelig. Im Gegenteil, mir geht es viel besser als mit der Ersatzbrille. Die habe ich beim Optiker gelassen, damit er auch dort neue Gläser einsetzt, für alle Fälle.

Anschließend gehe ich bei Mercadona einkaufen. Ich kann es nicht lassen, durch die Gänge zu gehen uns zu prüfen, aus welcher Entfernung ich die Preisauszeichnungen noch lesen kann. Vielleicht wendet sich ja jetzt das Blatt und die Pechsträhne von gestern ist beendet. Immerhin stoße ich auf die Startdiskette, die ich gestern gesucht habe. Die Maus hakt plötzlich und ich werde veranlaßt, das Mauspad anzuheben. Das habe ich gestern mindestens dreimal gemacht, da war keine Diskette da. Nun gut, jetzt habe ich zwei.

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Mittwoch, 15. März 2000

Bevor ich meinen Kaffee getrunken habe, komme ich überhaupt nicht klar. Ich hätte früher ins Bett gehen sollen, aber ich bin nun einmal ein Freund des Film noir, der wahrscheinlich so heißt, weil er immer zu nachtschlafender Zeit ausgestrahlt wird. Ich liebe diese messerscharfen Dialoge, dazu die Atmosphäre, die Männer mit Anzügen und Hüten, ständig eine brennende Zigarette im Mund.

Der Vormittag in der ETSII ist heute nicht so unangenehm. Zwar brauchen alle Web-Seiten ewig, bis sie geladen werden, doch ich kann in der Zwischenzeit dem Java-Script / HTML - Kurs lauschen. Die Dozentin hat einen heftigen andalusischen Akzent, spricht aber sehr laut und deutlich. Es ist eine wahre Freude, ihr zuzuhören. Auch kann ich die Tafel wieder lesen.

Der erste Versuch, den Direx zu sprechen, scheitert daran, daß er noch nicht da ist. Sein Vorzimmerherr ist aber sicher, daß er noch aufkreuzt. Ich soll es später nochmal versuchen. Später dann zögert er auf die Frage, ob denn der Direx da wäre. Er müßte schon genau wissen, worum es ginge, denn normalerweise sein der Direktor einer Fakultät für gewöhnliche Sterbliche wie (Erasmus-)Studenten nicht zu sprechen. Nachdem ich in groben Zügen mein Problem geschildert habe, ruft er bei "Rafa" an und macht einen Termin für morgen früh um 10:00 Uhr aus.

Eigentlich will ich heute Nachmittag einen langen Spaziergang machen, mit Kamera bewaffnet. Doch ich gehe nur in den Lorca-Park, da ich schon den Weg in die Mensa zu Fuß absolviert habe und ich ja auch heute Abend noch zum Optiker muß. Es freut mich zu sehen, daß die Bäume langsam ausschlagen, und der doch etwas kahle Park wieder richtig wundervoll wird. Der grüne Rasen und die vielen Blüten machen auf jeden Fall eine Menge her. Kurz vor Sonnenuntergang wird es wieder ziemlich kühl, der Regen am Montag hat wieder etwas Schnee in den Bergen gebracht, so daß die "Klimaanlage" wieder an ist. Ich erinnere mich, daß es heute Morgen reichlich kalt gewesen ist und mir beim Radfahren fast die Hände abgefroren sind. Morgen werde ich die Winterhandschuhe tragen.

Um zwanzig vor acht bin ich dann beim Optiker, wo man mir versichert, daß ich die Sonnenbrille um acht abholen kann. Also machen ich doch noch einen kleinen Spaziergang durch die Innenstadt. Es ist richtig viel los, fast wie samstags Vormittag. Auch eine gute Mischung der Leute, Junge, Alte, Familien, und Menschen aus aller Herren Länder. Als ich um acht wieder beim Optiker bin, ist die Brille fertig. Ich bekomme noch zwei Hartschalenetuis dazu. Irgendwie ist das mit der Sonnenbrille komisch. Beim Vergleich mit der alten stelle ich fest, daß sie bedeutend dunkler ist. Zudem habe ich auch graue statt braune Gläser. Sie gefällt mir. Jetzt muß sie sich noch bewähren, denn sie ist ziemlich klein. Hoffentlich werde ich nicht durch das vorbeifallende Licht geblendet.

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Donnerstag, 16. März 2000

Mit der Sonnenbrille habe ich deutlich mehr Schwierigkeiten, als mit den neuen Gläsern in der normalen Brille. Zunächst habe ich das Gefühl, sie sei stärker als die andere, aber als ich in der ETSII ankomme, habe ich mich daran gewöhnt. Nun ja, es scheint ein wenig Licht vorbei, was ein bißchen blendet. Die alte Sonnenbrille hat ja das halbe Gesicht abgedeckt, insofern war sie praktischer. Allerdings auch häßlich.

Ich spaziere noch einige Minuten auf dem Flur, bis es Punkt zehn ist. Dann begebe ich mich zum Vorzimmer des Direktors. Der Sekretär fragt nach und ich bekomme tatsächlich in einigen Minuten eine Audienz. Leider stellt sich heraus, daß ich total schlecht vorbereitet bin. Ich habe beim Frühstück mit Ada schon einige sprachliche Lockerungsübungen gemacht und fühle mich daher fit. Doch schon bald gelange ich ins Stammeln, was nicht daran liegt, daß ich den Sachverhalt nicht auf spanisch, sondern überhaupt nicht ausdrücken kann. Es geht darum, ob meine Studienarbeit nur eine spanischer Note, oder aber als eigenständiges Projekt in Deutschland anerkannt werden muß. Genau das weiß ich nicht, das liegt im Ermessen meines (potentiellen) Betreuers in Braunschweig, den ich wegen der vielen Probleme und dem ständig einsetzenden Gedanken Das wird eh nichts! nicht konsultiert habe. Ein Fehler, wie sich jetzt herausstellt. Ich weiß nur, daß es im Ermessen eines jeden Profs liegt, ob er ein solches Projekt unbesehen genehmigt (mit der Note der Gasthochschule) oder sie selbst bewertet.

Das Ergebnis der Sitzung ist auf jeden Fall, daß ich meine bisherigen Ergebnisse zusammenfassen soll und das Beispiel weglasse. Bei der Bewertung der Arbeit würden die technischen Probleme natürlich berücksichtigt. Ich solle mich um nichts kümmern, er würde sich mit meiner Uni in Verbindung setzen. Dann noch die Bemerkung, daß wenn sich mein Rechner aufrüsten ließe, ich den Speicher zur Verfügung gestellt bekommen hätte. Nun ja, so ist es besser, schließlich soll er seinen Etat nicht für persönliche Hardware der Studenten ausgeben.

Natürlich gebe ich mich nicht damit zufrieden, daß er sich um alles kümmert. Deshalb will ich mich so schnell wie möglich mit meinem potentiellen Betreuer in Braunschweig in Verbindung setzen. Doch der Praktikumsraum ist voll belegt, die freien Rechner sind alle defekt. Also fahre ich nach Hause und gehe zum Internetcafé, um eine Mail zu verfassen. Hoffentlich ist der Prof nicht gerade im Urlaub. Ich habe das Gefühl, an einem entscheidenden Wendepunkt angekommen zu sein. Zwar ist überhaupt nicht klar, ob meine Studienarbeit anerkannt wird, doch ich bin optimistisch. Zwei Dinge möchte ich hören. Entweder: Mach man ruhig, wir kriegen das schon hin! oder aber Tut mir leid, ich kann keine Almosen vergeben und ich anerkenne nur "ganze" Arbeit. Beides soll mir recht sein, dann hat die Ungewißheit ein Ende. Ich bin der erste im FreeMEMory, die Verbindung ist rasend schnell.

Ob dieser guten Laune, nicht weil ich Geld bräuchte gehe ich auf dem Rückweg an der Deutschen Bank vorbei und bekomme dort tatsächlich Bargeld. Die Zeichen stehen also gar nicht schlecht. Zu Hause logge ich mich mal wieder als socrates ein, um mal zu sehen, wie weit ich überhaupt bin. Leider nicht besonders weit, ich hatte zuletzt den Schwerpunkt auf die Programmierung des Beispiels gelegt.

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Freitag, 18. März 2000

Das frühe Aufstehen lohnt sich, denn es ist (elektronische) Post aus Braunschweig da. Mein Betreuer (ich denke, jetzt nicht mehr potentiell) schreibt, er könne mir keinen Blankoscheck ausstellen, aber wenn das, was ich hier ausarbeite nicht reichen sollte, dann würde sich schon irgendeine Lösung finden, wie ich mit der Studienarbeit in Braunschweig weitermachen könnte, ohne bei Null anfangen zu müssen. Das ist doch ein Wort! Also bleibe ich nicht lange in der ETSII, sondern mache mich bald auf den Heimweg und beginne zu tippen.

Bislang sind es gerade mal zehn Seiten, die ich zusammen habe. Ich weiß überhaupt nicht so recht, wo ich anfangen soll. Doch nach einer Stunde herumsuchen, weiß ich, wie ich die Gliederung umstellen muß. Das einzige, was ich machen kann, ist die Funktionsweise der Java-Klassen von Oracle zu beschreiben. D.h. es läuft darauf hinaus, daß ich mehr oder weniger das Handbuch umschreibe, bzw. Tabellen und Stichpunkte in Prosatexte umformuliere. Eine durchaus stupide Arbeit, aber das ist alles, was mir z.Z. möglich ist. Ggf. könnte man später noch den theoretischen Hintergrund etwas erarbeiten, wenn man Zugang zu geeigneter Literatur hat. Mir fällt bei der Arbeit auf, daß das Oracle Handbuch ziemlich dürftig ist. Viele Dinge werden nicht erklärt, man müßte es ausprobieren, wie es genau funktioniert. Leider ist das nicht möglich.

Am Nachmittag ruft Ada mich zur Tür, es ist Besuch für mich da. Martin, der vor zwei Jahren hier als TUBS-Informatik-Student seine Studienarbeit an der Universität von Granada gemacht hat, ist mit einem Freund namens René in Granada. Sie kommen gerade von einer mehrtätigen Wanderung in der Sierra Nevada. Da ich gerade mitten in der Arbeit stecke, bin ich etwas kurz angebunden und fertige die beiden an der Tür ab. Wir verabreden uns aber für heute Abend, zum Tapas einnehmen.

Da sie noch etwas anderes vorhaben, wollen sie mich anrufen, wenn sie soweit sind. Ich sitze zuhause und warte, doch das Telefon will einfach nicht klingeln. So beginne ich also, den "Fünf-Sterne-Film" (cine cinco estrellas) auf Tele5 zu sehen. Es gibt Eine Frage der Ehre, ein Film, den ich schon x-mal gesehen habe und der mich immer wieder begeistert. So finde ich es dann fast ein bißchen schade, als dann um elf das Telefon klingelt und wir uns für halb zwölf auf der Plaza Nueva verabreden. Zum Glück gibt es rechtzeitig eine Werbeunterbrechung, so daß ich mich rechtzeitig losreißen kann.

Der Appetit kommt beim Essen, sagt man so schön, kaum bin ich aus dem Haus, freue ich mich auch schon wieder darüber, auszugehen. Wir gehen zunächst mit ein paar anderen Leuten in einen Irish Pub, da heute St. Patrick's Day ist. Von der Tür an sind wir dann nach einigen Minuten mitten im Raum. Da wir uns keine Chance ausmalen, hier jemals zur Theke vorzustoßen, um etwas zu trinken zu bestellen, verlassen wir das Lokal wieder. Ohnehin ist die Musik hier so laut, daß an eine Unterhaltung nicht zu denken wäre. Wir gehen also in eine Bodega. In solchen Etablissements ist es immer sehr hell und es wird nie Musik gespielt. Dafür gibt es leckere Tapas (u.a. ganze Knoblauchzehen!). Also ein idealer Ort, um sich zu unterhalten. Gemütlichkeit kommt schon allein wegen der hohen Geräuschkulisse der Spanier auf. Das Spanische klingt ja auch irgendwie wie Musik.

Später gehen wir wieder zur Plaza Nueva, um noch ein paar weitere Leute zu treffen. Die Plaza Nueva ist mit Sicherheit der kälteste Platz in ganz Granada, also halten wir uns dort nicht allzulange auf, sondern gehen in die Flautilla, die Bar, in der wir auch schon das Ende des Sprachkurses gefeiert haben. Auch wenn über der Theke ein großes Schild "Schlösser. Das Alt." hängt, hat dieser Ort überhaupt nichts deutsches. Es ist relativ hell, was u.a. an den Möbeln aus hellem Holz liegt. Voll ist es auch und es wird in der Zeit zwischen zwei und drei auch immer voller. Inzwischen wird auch wieder "spanische Musik" (eigentlich eher Latino-Sachen) gespielt. Ich wundere mich, daß ich mich darüber freue, konnte ich doch noch vor einigen Monaten das "Zeugs" nicht ausstehen. Mittlerweile reißen mich aber die heißen Rhythmen mit. Das liegt natürlich nicht zuletzt an den Spaniern, die dazu richtig abtanzen und abfeiern. Man könnte sagen, hier brennt die Luft.

Auf dem Nachhauseweg muß ich dann auf große Pfützen achten und mich vorsehen, daß ich keine nassen Füße bekomme. Nein, es hat nicht etwa geregnet, die Straßen werden gewässert. So wird also das kostbare Naß verschwendet. Auf der Gran Vía de Colón machen sich die Leute von der Stadtreinigung einen Spaß damit, mit dem Feuerwehrschlauch, auch die Autos abzuspritzen. In der Fußgängerzone merke ich aber, daß es nötig ist, sind doch an den Stellen, die noch nicht gereinigt wurden, jede Menge Pfützen anderer Art, die darauf hindeuten, daß der eine oder andere sich nach reichlichem Alkoholgenuß die leckeren Tapas hat nochmal durch den Kopf gehen lassen.

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Samstag, 18. März 2000

Nach nur sechs Stunden Schlaf werde ich wieder brutal durch Preßlufthammerlärm geweckt. Sie sind mal wieder dabei, die Straße genau vor meinem Fenster aufzureißen. Auf die Art und Weise komme ich aber früh aus dem Bett, ich habe ja genug zu tun. Bevor ich jedoch weiter tippe, wird erst noch Wäsche gewaschen, das Essen der nächsten zwei Tage geplant und eingekauft. Ja, ja, das bißchen Haushalt eben.

Ich habe das Gefühl, je länger ich mit der Dokumentation arbeite, umso weniger komme ich damit zurecht. Der Eindruck macht sich breit, es mit einem "Halbfertigprodukt" zu tun zu haben. Viele Sachen bleiben im Unklaren. Immerhin finde ich heraus, daß einige Punkte in einem anderen Handbuch erklärt werden. Man hätte dann ja wenigstens einen Verweis auf diese Stellen einfügen können. Wenigstens habe ich jetzt das Gefühl, daß das ganze Projekt doch etwas Sinn macht.

Beim Kochen des Mittagessens (Pisto) stelle ich mich reichlich ungeschickt an. Zum Glück ist das Küchenmesser nicht richtig scharf, denn ich schneide mir einmal kraftvoll in den linken Zeigefinger, anschließend noch zweimal in den Mittelfinger. Diesmal koche ich mir Nudeln als Beilage, so daß ich satt werde. Allerdings bin ich etwas zu voreilig, denn das Gemüse hätte ruhig noch zehn Minuten länger in der Pfanne schmoren können.

Beim Abendbrot ergibt sich die Gelegenheit, mit Ada zu sprechen. Ich habe nämlich mal wieder meine Pläne umgestellt und will jetzt bis 3. oder 4. April hierbleiben. Zum einen wegen der Arbeit, zum anderen will ich nicht unbedingt am Wochenende zurückfahren.

Um zehn Uhr hatten Martin, René und ich uns auf der Plaza Nueva verabredet. Ich muß mich ganz schön beeilen, damit ich einigermaßen pünktlich komme. Wir wollen ein paar Leuten "auflauern", die sich gerade ein Tango-Konzert ansehen. Da die Vorstellung noch eine Weile dauert, gehen wir schon mal ein paar Tapas essen. Vor dem Teatro Reina Isabel müssen wir noch eine ganze Weile warten. Um viertel nach elf kommen dann die Leute heraus. Aber in welchem Aufzug! Ich hatte schon gedacht, die Kleidung der Andalusier beim "gewöhnlichen" Ausgehen in Bars sei elegant. Das hier jedoch toppt alles, was ich bisher gesehen habe. Interessant ist, daß auch die etwas älteren Damen elegante und modische Kleidung tragen, nicht etwa das Kleid, das sie schon vor zwanzig Jahren im Theater anhatten. Als dann alle Zuschauer das Theater verlassen haben, erfahren wir, daß es auch noch einen Hinterausgang gibt. Dort treffen wir dann auf die gesuchten Menschen.

Mit der nun etwas größeren Gruppe (hauptsächlich Franzosen und Spanier) machen wir uns auf die Suche nach einer geeigneten Tapas-Bar. Es dauert, bis wir uns entscheiden, auf einmal befinden wir uns in der selben Bodega wie gestern. Der Laufkellner ist ziemlich unfreundlich, was ich aber bei dem Gedränge, durch das er sich hindurchwurschteln muß, durchaus verstehen kann.

Die zweite Station ist auch schon unsere letzte. Wir gehen ins Son, ein Laden, der mir auch schon bekannt ist. Ich kenne einige Bars, aber die wenigsten mit Namen. Jedenfalls ist dort heute auch die Disko im Keller geöffnet. Schon beim hinabsteigen der Treppe kommt einem ein Schwall von Rauch entgegen, der definitiv nicht von normalen Zigaretten stammt. Dabei macht der Laden nicht den Eindruck, ein typischer Kifferschuppen zu sein. Inzwischen haben wir die anderen auch schon verloren und sind nur noch zu dritt. Ich glaube, wir haben zu früh angefangen. Vor allem René, der heute den ganzen Tag in der Alhambra herumgelaufen ist, ist schrecklich Müde, so daß wir schon erschreckend früh den Abend beenden.

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Sonntag, 19. März 2000

Natürlich erweist es sich wieder als Vorteil, gestern nicht so lange aufgeblieben zu sein. Daß ich schon um sieben aufwache, liegt aber wohl eher daran, daß die unglaubliche Stille des Sonntagmorgens (man hört sogar die Vögel!) von einigen "Spätheimkehrern" gestört wird, die sich unbedingt unter meinem Fenster unterhalten müssen.

Den Tag über passiert nicht viel spannendes. Zunächst tippe ich Tagebuch, dann mache ich das Alpujarras-Album fertig. Erst danach beginne ich mit der eigentlichen Arbeit. So vergeht dann auch der Tag ohne interessante Zwischenfälle. Abends verarbeite ich die restlichen grünen Paprikaschoten zu einer Peperonata. Das ist nicht viel anders als Pisto, jedoch ohne Zucchini und Ei, dafür mit Knoblauch. Außerdem wird die Peperonata in einem Topf und nicht in einer Pfanne zubereitet.

Nach dem Essen zappe ich durch das Fernsehprogramm. Ich habe es versäumt, mir am Samstag eine Fernsehzeitung zu besorgen, weshalb ich nicht weiß, was es gibt. Auf einen Spielfilm habe ich irgendwie keine Lust, ich entscheide mich für 7 vidas, einer spanischen Comedy-Serie. Die kommt gleich im Doppelpack (zwei Folgen hintereinander), so daß ich richtig gut ablachen kann.

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© 2000 by Torsten Klie

Letzte Aktualisierung am: 20.03.2000