Am Andalusischen Nationalfeiertag sehe ich mir zunächst die Legende des Prinzen Achmed von Granada als Zeichentrickfilm im Fernsehen an, nachdem ich mein Tagebuch mal wieder aufgearbeitet habe. Die letzten Tage waren ja überaus Ereignisreich, so schnell, wie ich momentan (touristische) Erlebnisse habe, komme ich gar nicht mit dem Aufschreiben hinterher. Als dann die Übertragungen der Stierkämpfe beginnen, gehe ich auf die Straße, nicht, um zu demonstrieren, sondern um einen Spaziergang zu machen. Wenn irgendwo öffentliche Veranstaltungen sind, dann doch bestimmt beim Paseo del Salon. Also folge ich dem Río Genil, bis ich dort ankomme. Eine Feier findet dort nicht statt. Überhaupt ist die ganze Gegend ziemlich leergefegt. Vielleicht genieße ich gerade deshalb den Spaziergang. Überhaupt ist das eine Ecke, an der ich mich viel zu selten aufhalte.
Mein eigentliches Vorhaben für heute ist (neben dem Reis mit Krabben und Gemüse) ist das Fotografieren der beleuchteten Alhambra. Dafür muß ich logischerweise im Dunkeln los. Also gehe ich um acht aus dem Haus. Ganz geheuer sind mir die Gassen des Albaycín im Dunkeln zwar nicht, allerdings glaube ich, daß es um die Zeit nicht allzu gefährlich sein wird. Außerdem habe ich die Kamera im Rucksack verstaut. Neu und besonders wertvoll ist sie vielleicht nicht, aber sie reicht nicht nur aus, um gute Fotos zu machen, sondern auch um gewisse Leute auf gewisse Gedanken zu bringen.
Am Mirador San Cristóbal ist nicht viel los. Von hier sieht man nicht nur die Alcazaba, sondern dahinter sogar die Lichter des auf 2000 Metern liegenden Skiortes Pradollano. Sieht sehr eigenartig aus, man blickt über die Lichter der Stadt, dann kommt der schwarze Himmel (die Berge sieht man im Dunkeln ja nicht) und plötzlich weitere Lichter, die in der Luft zu hängen scheinen.
Um die Alhambra näher zu bewundern, gehe ich anschließend zum Mirador San Nicolas. Dort ist wesentlich mehr los, vor allem die Geräuschkulisse ist erstaunlich. Am Lautesten sind noch die Schmatzer der vielen Pärchen, hin und wieder klingelt ein Handy oder bellt ein Hund. Ein zotteliger Typ spielt beruhigende Musik auf seiner Gitarre. Kameras werfen der maurischen Burg ihre Blitzlichter entgegen. Leider ist die Mauer zu niedrig, ich will mich schließlich nicht vor all den Leuten auf den Boden legen, um zu fotografieren. Also mache ich einen kleinen Rundgang. Direkt an der Straße unterhalb des Mirador hat eine Mauer die ideale Höhe. Da bin ich gespannt, ob ich die Bilder nicht doch irgendwie verwackelt habe.
Der Rückweg wird dann schnell gemacht. Kurzer, erfolgloser Zwischenstop bei der Deutschen Bank (der zweite heute), dann bin ich um kurz nach halb zehn wieder zu Hause und beginne mit der Zubereitung eines wirklich köstlichen Mahls. Dazu gibt es zur Feier des Tages Jerez Fino Muy Seco. Ich dachte, Sherry könnte nicht trocken genug sein, doch diese Sorte ist mir ein klein wenig zu herb.
Bevor ich zur ETSII fahre, bin ich noch fleißlig am Beschreiben der Erlebnisse des letzten Wochenendes. Dann aber kann es losgehen, die neuen Seiten werden hochgeladen. Neues gibt es nicht, auch Juán Miguel ist nicht aufzufinden. Ich glaube, morgen werde ich eine eMail schreiben, allerdings hat das bisher noch nicht viel bewirkt. Was soll ich tun? Mich auf den Flur stellen und so lange seinen Namen rufen, bis er auftaucht? Da werde ich sicherlich vorher von den Sicherheitskräften hinausbefördert.
Nach dem Mittagessen kann ich bei der Deutschen Bank immerhin 30.000 Ptas. abheben. Mehr geht leider nicht, obwohl sich der Geldautomat mit dem Schild Servi-Red auszeichnet. D.h. normalerweise müßte man hier 75.000 Ptas. am Tag abheben können. Aber das geht sicher nur mit Karten von Fremdinstituten. Nun, ich will mich nicht beklagen, immerhin reicht das Geld für die Miete und für "das Leben" in den nächsten Tagen
Heute halte ich mich nicht lange in der ETSII auf. Das liegt in erster Linie daran, daß das Internet so gut wie nicht funktioniert. Fast alle Verbindungen brechen bald zusammen, so sie denn überhaupt zustandegekommen sind. Bevor ich das Feld räume, versuche ich erfolglos, Juán Miguel in seinem Büro zu erreichen. Natürlich ist er wieder nicht da. Zufällig begegne ich ihm dann auf dem Gang. Er habe bisher keine Zeit gehabt, offenbart er in einem ziemlich ärgerlichen Tonfall. Wieso ist er sauer auf mich? Wenn hier einer Grund zum Ärgern hat, dann bin das doch wohl ich. Vor zwei Wochen hat er mir versprochen, sich um die Sache zu kümmern und mir eine Mail über das Ergebnis seiner Versuche zukommen zu lassen. Ich erinnere nun auch in einem nicht mehr ganz netten Ton daran, daß sich die Zeit meines Aufenthaltes langsam aber sicher dem Ende nähert. Heute Nachmittag hat er vielleicht Zeit dafür. Das klingt nicht sehr vielversprechend.
Zuhause arbeite ich ein wenig an meinem Albumgenerator. Ich mache dabei gute Fortschritte, schon bald kann ich die ersten Alben erzeugen. In der Mensa habe ich dann wieder das Glück, daß mir derjenige, der vor mir in der Schlange steht, das letzte Glas Rotwein vor der Nase wegschnappt. Dabei wäre zu dem "Knoblauchfisch" ein Gläschen Wein nicht schlecht.
Nach dem Essen verwandle ich mich wieder in einen Touristen (Hey, da steckt mein Name drin!). Heute ist La Cartuja dran, nicht der Stadtteil, sondern das Kartäuser-Kloster, nachdem der Stadtteil benannt ist. Der Weg dorthin ist wegen der heißen Mittagssonne ziemlich anstrengend. Zum Glück kann ich den Gebäudekomplex gleich betreten, da schon ab 15:30 Uhr und nicht, wie im Reiseführer steht, ab 16:00 Uhr. Offenbar gilt hier noch der Winterzeitplan.
Der Rundgang entlang des Kreuzgangs ist bewußt gegen den Uhrzeigersinn ausgerichtet. Auf diese Art und weise kann man sich zunächst die etwas weniger spektakulären Räume ansehen, wie z.B. das Refektorium, in dem die Mönche an Festtagen getafelt haben. Um dort essen zu können, muß man allerdings hartgesotten sein, denn angesichts der vielen grausamen Darstellungen christlicher Marthyrien liegt einem nichts so fern, wie der Gedanke an Speis' und Trank. Der Höhepunkt der Besichtigung ist zweifellos die Klosterkirche, die sich deutlich von der Schlichtheit der anderen Räumlichkeiten abhebt. Besonders das Sanktuarium gilt als Highlight des Barocks in Andalusien. Viel Gold und Marmor, ich glaube das trifft es am besten. Die ersten 20 Sekunden in diesem Raum hing mein Unterkiefer runter. Noch beeindruckender ist meines Erachtens die Sakristei, die durch Unmengen an Stuck und ein enges Schwarzweißmuster aus Rautenfliesen den ganzen Raum schweben lassen.
Der Rückweg von hier bis zu mir nach Hause ist weit. Da ich die Kamera dabei habe und in der Cartuja keine Aufnahmen gemacht habe (Fotografieren mit Blitzlicht verboten, ohne Blitz zu dunkel), gehe ich mit "Fotografenblick" durch die Stadt. Doch ich finde nichts, was so richtig gut in Bild paßte. Der GA der DB spuckt weder DM noch Ptas. aus. Vielleicht ist mein Konto leer?
Nach dem Einkauf bei Lidl sehe ich im Mäuse im Schaufenster eines Computergeschäfts. Ich brauche dringend eine neue, mit meiner Logitech Baujahr 1993 bekomme ich den Mauscursor nur nach links und nach unten. Um die anderen beiden Richtungen anzusteuern, muß ich sie in Trelleborg-Manier über das Mauspad hüpfen lassen. Ich dachte immer, Mäuse seien Teuer, so ab 50 DM aufwärts für ein halbwegs vernünftiges Gerät. Aber da man für 15 DM schon eine brauchbare serielle Maus bekommt, greife ich zu. PS/2-Mäuse wären schon ab 10 DM zu haben gewesen, allerdings immer mit dem Zusatz speziell für WIN95 oder ohne jeglichen Hinweis auf irgendein Mausprotokoll. Ich will keine Maus, die nicht unter Linux läuft. Ohnehin finde ich es dämlich, Hardware herzustellen, die nur unter einem bestimmten Betriebssystem läuft. Davon habe ich schon genug (Drucker, Scanner, Touchpad)
Der Fernsehabend gestaltet sich recht interessant. Zunächst spricht der Wetterbericht von einem Rekordfebruar, weil es in vielen Teilen vor allem Andalusiens nicht einen einzigen Tropfen geregnet hat. In den letzten zwei Januarwochen kann ich mich auch nicht an Regen erinnern. Die nächsten zehn Tage werden auch noch keine Änderung bringen, das Hoch ist von den Azoren hierher auf die Iberische Halbinsel gezogen und wird sich hier festsetzen und für frühlingshaftes, für deutsche Verhältnisse sommerliches Wetter bringen. Natürlich tun mir die Landwirte und Skifahrer leid, allerdings ist mir das Wetter ganz recht. Anschließend gibt es ein Konzert sowie ein Interview mit Carlos Santana. Scheußlich ist allerdings sein Spanglish, nach jedem Halbsatz folgt ein "you know". Aber man bewundert ihn ja nicht für seine Sprache, sondern für sein Gitarrenspiel. Und das ist grandios.
In der ETSII habe ich die üblichen Probleme. Demo läuft nicht, Internet ist quälend langsam und mein Tutor ist nirgends zu entdecken. Hat sich wohl erledigt, mit der Studienarbeit. Unter diesen Umsatänden werde ich in der Idee bestätigt, schon eine Woche eher die endgültige Heimreise anzutreten. Dann kann ich die Klamotten hier lassen, wenn ich mich in Sevilla herumtreibe.
Nachmittags ist eine Fahrradtour an der Reihe. Zunächst fahre ich die Recogidas rauf, dann die Reyes Católicos, weiter über Plaza Nueva bis hin zum Paseo de los Tristes. An dessen Ende beginnt der anstrengende Teil, es geht ein Stück in den Albaycín herauf, dann aber Richtung Abadia del Sacromonte. Ich will mir das Gebäude zwar nicht ansehen (zumindest nicht von innen), aber es führt ein kleiner Weg daran vorbei, der mich nach El Fargue führen soll und führt. Ab dort beginnen meine Probleme mit der Karte. Zugegeben, ich bin nicht gerade begabt, was das Lesen von Landkarten betrifft, allerdings wenn ich auf der Karte sehe, daß ich dort abbiegen muß wo auf beiden Seiten der Straße ein Gebäude steht, dann biege ich nicht dort ab, wo keines steht. Sollte ich aber, denn so quäle ich mich ein Stück zuweit den Berg hinauf.
Ein Kilometerzähler wäre sehr hilfreich, denn was sind schon 100 Meter, wenn es bergab geht, aber bergauf? GPS wäre natürlich ganz vornehm. Und vor allem eine bessere Karte. Aber die gibt es wohl nicht, mehrere Quellen empfehlen den Mapa Guia Sierra Nevada 1:50.000. Sicherlich ist es schwierig, Karten von Feldwegen aktuell zu halten. Da braucht der Bauer nur nach einem Regenguß seinen Trecker oder Geländewagen zu nehmen und zwei- oder dreimal eine bestimmte Strecke zu fahren, schon ist ein neuer Weg da. Manche Wege enden mitten auf einem Feld, so daß ich nach einigem Herumirren völlig die Orientierung verliere. Besser gesagt, ich habe keine genaue Idee davon, wo ich mich Aufhalte. Grobe Himmelsrichtungen kann ich ausmachen, auch weiß ich, daß ich den Río Darro noch nicht überquert habe.
Auf diese Weise komme ich an einer Stelle an den Abstieg zum Fluß, die überhaupt nicht dafür geeignet ist, weil sie zu steil ist. Der Kraftaufwand scheint größer als beim Aufstieg, denn ich muß die Bremsen mit aller Kraft anziehen. Ein Wunder, daß die Bowdenzüge nicht reißen. Auch rutsche ich mehrfach weg, ständig habe ich die Pedale in meinem Schienbein stecken, außerdem werde ich durch die Vielzahl mittlerer und großer Steine ziemlich durchgeschüttelt (die kleinen bringen mich nur zum Rutschen), so daß ich keine Lust mehr habe.
Laut Karte und nach der Aussage der beiden Leute, die ich eines Morgens an der Quelle der Cofradía del Avellano ( Cofradía del Avellano ist eine Bruderschaft, habe ich jetzt erfahren) getroffen habe, kommt man nicht auf der Granadaseite hinaus. So muß ich auf der anderen Seite Bergsteigen. Um dorthin zu gelangen, durchquere ich den Río Darro in einer Furt. Natürlich habe ich mit festem Untergrund und nicht mit einer zentimeterdicken Schlammschicht gerechnet, so daß ich nicht trockenen Fußes, wegen eines Steines auf der Böschung des anderen Ufers, der mein Hinterrad abheben läßt und so das Wasser vom Reifen an meinen Beinen landet, nicht einmal mit trockener Hose auf der anderen Seite an.
Leider kann das auch nicht der richtige Überweg gewesen sein, denn der Weg endet schon bald mitten auf einem gepflügten Acker. Ich sinke zu tief ein, um zu fahren. Auch beim Gehen versinken meine Füße komplett im Dreck. Immerhin entdecke ich einen Trampelpfad, der Bergauf führt. Mittlerweile bin ich total am Ende, ich quengele mich selbst voll. Es kostet mich Mühe, mich zusammenzureißen. Ich glaube, viel weiter nördlich zu sein und so noch einen sehr weiten Heimweg zu haben. Deshalb meine ich mich zur Eile antreiben zu müssen, weil es in einer Stunde dunkel wird. Oben angelangt, erkenne ich aber die andere Seite es Genil-Tals, wo ich letzten Samstag gewesen bin. Folglich muß ich oberhalb von Cenes de la Vega sein. Ich gelange, als ich oben bin, zu einem Feldweg, der zur Straße wird und ziemlich steil in eben genannten Ort führt. Von dort aus geht es auf der Hauptstraße nur noch bergab nach Granada.
Abends sitze ich dann mit dem Reiseführer in der Hand über der Landkarte. Ich bin am Überlegen, wo ich morgen hinfahre. Gibraltar wäre klasse, aber genau dort soll es morgen bewölkt sein, im ganzen (großen) Rest Spaniens gibt es Sonne satt. Ich komme zu keiner Entscheidung, weil mir ständig die Augen zufallen.
Als ich aufwache, merke ich, daß ich froh sein kann, wenn ich überhaupt mit diesem Muskelkater aus dem Bett komme. Das Fahren zur Uni ist die Hölle, aber ich glaube leichtes Fahrradfahren ist ganz hilfreich gegen die Schmerzen.
Schlapp fühle ich mich immer noch, als ich aufwache. Eigentlich schlage ich den Reiseführer nur auf, um zu sehen, wann genau die Visita Nocturna der Alhambra möglich ist. Zufällig schlage ich die Seiten von Ronda auf. Genau! Das ist es doch. Bloß nicht noch einen Tag lusch abhängen. Also bemühe ich mich, so schnell wie möglich den Absprung zu schaffen. Es ist schon kurz nach zwölf, als ich das Haus verlasse.
Im Rückspiegel bekomme ich einen Schreck. Ich habe mich nicht frisiert. Das ist jetzt auch egal. Überhaupt bin ich nicht gut vorbereitet. Bis Antequera auf der Autobahn läuft alles glatt. Doch dann, nach einem verstohlenen Blick auf die Karte erkenne ich, daß die A92 nach Nord-Westen weitergeht. Also fahre ich die nächste Abfahrt raus, um die Karte genau zu studieren. Genau eine Abfahrt später hätte ich die Autobahn verlassen müssen. Doch es ist gar nicht so einfach, wieder auf die Autobahn zu kommen, die Streckenführung ist etwas verwirrend.
Die richtige Ausfahrt ist vielleicht fünfhundert Meter weiter. Auf diese Art und Weise kann man auch seine Zeit vertrödeln. Kurz vor Campillos sehe ich, daß das Schild Ronda überklebt und die Straße gesperrt ist. Mit lauten Flüchen mache ich meinem Ärger Luft. Die können doch nicht einfach die Straße nach Ronda sperren! Aber bestimmt gibt es im Ort selbst eine Abzweigung die auch nach Ronda führt. Doch ich komme durch den Ort durch, ohne ein solches Schild zu sehen. So sehe ich mich schon bald in Jerez de la Frontera (155 km?). Doch an der Abzweigung nach Teba ist auch ein Schild angebracht, das den Weg nach Ronda weist. So komme ich also schon zum zweiten Mal unfreiwillig durch Teba.
Die N341 (Ardales-Ronda) ist erstaunlich gut ausgebaut, so daß ich um 14:45 Uhr in Ronda ankomme. Ich habe keine Ahnung wo ich bin, als ich plötzlich den Bahnhof vor mir und jede Menge freie Parkplätze sehe. Hier finde ich mein Auto auf jeden Fall leicht wieder. Direkt neben dem Bahnhof schmückt sich ein Häuserblock mit einer ungewöhnlichen "Gedenktafel". Von einem weißen, 2,5 x 1,5 Meter großen Schild blickt einem das Antlitz von Che entgegen.
Die Orientierung ist zunächst nicht so ganz einfach, da die meisten Straßen wohl Namen tragen, diese allerdings nicht auf Schildern der Öffentlichkeit kundtun. Doch bald bin ich auf der Plaza del Socorro. Von hier ist es nicht weit zur Plaza de Toros, von wo mein Stadtrundgang beginnen soll. Es sind Massen an Touristen unterwegs. Viele von ihnen glänzen wieder durch unmögliche Kleidung. Ich sehe ja ein, daß das Wetter zum Tragen von kurzen Hosen einlädt. Vielleicht wurden Bermuda-Shorts ja ausreichen. Doch dicke Bäuche, die sich über enge Jeans-Höschen aus den frühen 80ern wölben, dazu weiße Socken in Sandalen, sind wirklich abstoßend. So kann man hier nicht herumlaufen. Aber es gibt zum Glück auch eine Menge Leute, die etwas mehr Geschmack beweisen. Es geht ja hierbei nicht (nur) um Äußerlichkeiten, das äußere Erscheinungsbild geht ja meistens mit dem Auftreten und dem Verhalten Hand in Hand.
Um die Stierkampfarena zu besichtigen, muß man Eintritt zahlen, und das ist nicht wenig. Darauf kann ich gut und gerne verzichten. So beginne ich also mit meinem Stadtrundgang. Ich weiß nicht, was die Touristenmassen hier in Ronda machen, in hundert Metern Entfernung von der Plaza del Socorro jedenfalls ist von Touristen fast nichts mehr zu sehen. Ronda hat ein außergewöhnlich schönes Stadtbild. Die meisten Häuser besitzen nur zwei Stockwerke, sind in traditionellem Weiß gehalten und haben Fenster, die mit schwarzen, schmiedeeisernen Gittern gesichert sind.
Spektakulär wird es, als ich die Aussichtsterassen auf der nördlichen Seite des Tajo betrete. Der Tajo hat ganze Arbeit geleistet und den Fels tief eingeschnitten. Von hier aus sieht man den Puente Nuevo, eine Brücke über die Schlucht des Tajo, in fast 100 Metern Höhe. Schon immer haben sich die Rondeños eine Verbindung der Stadtteile El Mercadillo und La Ciuadad gewünscht, doch erst vor 209 Jahren wurde diese Brücke gebaut. Ich frage mich, wer auf die Idee gekommen ist, hier auf diesem Felsen eine Stadt zu bauen. Die Kelten waren es, die sich um 900 v.Chr. hier ansiedelten und mit iberischen Stämmen zu den sog. Keltiberen vermischten.
Aus maurischer Zeit stammen die angeblich besterhaltenen arabischen Bäder Spaniens, die ich allerdings nicht besichtigen kann, weil sich die Öffnungszeiten geändert haben und es 16:00 Uhr ist. Laut Reiseführer ist täglich von 9:30 - 13:30 Uhr und 16:00 - 19:00 geöffnet, aber das Schild am Eingang erzählt folgende: So, Mo geschlossen; Di 9:30 - 13:30 Uhr und 16:00 - 19:00 Uhr; Mi, Sa 9:30 - 15:30 Uhr. Über Donnerstag steht nichts da. Also steige ich den steilen Weg an der Stadtmauer empor, um in den alten Stadtkern zu gelangen. Einen seltsamen Anblick bietet das Minarete de San Sebastian. Früher stand hier eine Moschee, nach der Reconquista wurde eine Kirche gebaut. Heute steht nur noch das Minarett (der Glockenturm), das sich an ein Wohnhaus, statt an eine Kirche anschließt.
Das historische Stadtzentrum, die Plaza Duquesa de Parcent, strahlt eine unglaubliche Ruhe und Beschaulichkeit aus. Orangenbäume, Palmen und andere Bäume spenden Schatten, so daß dieser Ort wirklich zum Verweilen einlädt. Nach einer kurzen Zeitspanne zieht es mich weiter zum Viertel San Francisco, wo ich jedoch nicht eintrete, sondern einer Straße folge, die außen um die Stadt herumführt. Von dort genieße ich herrliche Blicke auf die Schlucht und den Puente Nuevo, diesmal von der anderen Seite. Nicht nur das, auch die beeindruckende, z.Z. (dunkel-)grüne Landschaft der Umgebung kann man sehr gut bewundern.
Der Aufstieg zurück in die Stadt ist äußerst beschwerlich. Ich habe das Gefühl, in der brennenden Nachmittagssonne dahinzuschmelzen, als ich dem Camino de Molinos folge. Trotzdem mache ich noch einen kleinen Abstecher in Richtung Schlucht. Hier ist der Weg total zugewachsen, bis man schließlich an die Ruine einer Elektrofabrik kommt. Was macht eine Fabrik hier mitten auf einem Felsen, ohne die Möglichkeit, mit einem Fahrzeug auch nur in die Nähe zu gelangen? Angesichts der Hitze wäre es wohl besser, ein langsames und gemütliches Tempo an den Tag zu lagen. Doch irgendwie habe ich es eilig. Oben bei einer Aussichtsterasse angekommen, lasse ich mich erst mal auf eine Bank fallen. Ich bin total außer Atem.
Noch bevor ich wieder zu Kräften komme, fragen mich drei pubertäre Knaben mit einer Videokamera, ob sie mir auf englisch ein paar Fragen stellen könnten. Leichtsinnigerweise habe ich nichts dagegen. Doch anstelle von irgendwelchem Gelabere erwarten die plötzlich von mir eine Definition der spanischen Persönlichkeit. Erst jetzt wird mir klar, wie fertig ich bin, ich kann nicht mal richtig denken. Seit fünf Monaten bin ich dabei, die Antwort auf diese Frage zu finden. Je mehr ich herausfinde, umso mehr Fragen tun sich auf. Den Spanier gibt es ohnehin nicht. Leider gelingt es mir nicht das auszudrücken. Dann fragen sie mich danach, ob ich "Kistick" gesehen hätte. Ich werde nicht daraus schlau, was die eigentlich von mir wollen. Wenn sie mich verarschen und/oder lächerlich machen wollten, ist ihnen das auf jeden Fall gelungen.
Für mich wird es nun langsam Zeit, den Rückweg anzutreten, es ist schon kurz vor sechs. Allerdings habe ich Schwierigkeiten, den Bahnhof zu finden. Ich glaube, ich gehe einen ziemlich großen Umweg. Um 18:15 Uhr beginnt dann die Rückreise. Genau zwei Stunden später bin ich wieder zu Hause. Nicht schlecht für 180 km. Dabei geht es auf der Landstraße teilweise schneller voran, als auf der Autobahn, weil diese sich in Kurven durch die Berge schlängelt, und man deshalb vor allem im Dunkeln die Geschwindigkeitsbegrenzung einhalten, besser noch unterschreiten sollte.
Da ich heute fast ein ganze Tankfüllung vergurkt habe, muß ich beim Essen sparen. So gibt es Nudeln mit Tomatensoße. Zum letzten Mal mit Zwiebeln, die Soße schmeckt wieder eher nach Zwiebelsoße. Vielleicht hätte ich mir die Packung der "Tomate Frito" mal genau ansehen sollen, da sind nämlich schon Zwiebeln und Knoblauch dran. Einfach ein paar Gewürze hinzu und warmmachen, das würde reichen, ginge schneller und würde wahrscheinlich auch noch besser schmecken. Beim nächsten Mal. Übung macht den Meister.
Heute mache ich einen richtigen Sonntag, also gar nichts. Der Wetterbericht hatte für heute Bewölkung angesagt. Davon ist nichts zu sehen. Abends gibt es mal wieder Kubanischen Reis. Gelingt mir jedes Mal besser und schneller.
© 2000 by Torsten Klie
Letzte Aktualisierung am: 06.03.2000