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Montag, 21. Februar 2000

Gegen halb sechs veranstaltet Julian einen Höllenlärm in der Wohnung. Ich weiß nicht, ob er gerade nach Hause gekommen ist, oder ob er auf dem Weg zur Arbeit ist. Eigentlich ist es gar nicht so schlecht, daß ich schon einmal geweckt werde, so komme ich wenigstens zeitig aus dem Bett (natürlich nicht um halb sechs!). Ich nutze die gewonnene Zeit und fahre zur Cofradía del Avallano, um im Morgenlicht ein paar Fotos zu schießen.

Ich bin nicht der einzige, der sich um diese Zeit dort aufhält. Ein Mann Anfang 40 mit Wohlstandsbäuchlein und ein ziemlich dicker Typ Anfang dreißig wollen durch Spazierengehen etwas abspecken. Der ältere von den beiden ist Kanare (oder Kanarier? jedenfalls einer von den kanarischen Inseln) und äußerst gesprächig. Er will mich zunächst davon überzeugen, daß ich mich auch zusammen mit der Landschaft fotografieren lassen müßte. Ihm seien nach einer Fotoserie in Afrika die Negative abhanden gekommen, so konnte er nicht mehr beweisen, daß es seine Bilder waren. Berufsfotograf? Nein, Poet und Philosoph. Nach einem kurzen Abstecher in den Bereich Namen und was sie über die Persönlichkeit verraten, ist er bei dem eigentlichen Thema. Erfolg im Leben schafft man nur durch Bequemlichkeit. Wenn man reich werden wolle, müßte man etwas schaffen, was den Kunden Bequemlichkeit schafft. So neu ist mir das nicht. Um aber richtig tiefsinnig mit dem Menschen zu diskutieren, fehlt es mir zum einen an Sprachkenntnissen und zum anderen an Durchsetzungsvermögen, denn er läßt mich ohnehin kaum zu Wort kommen.

So vergeht bestimmt eine Stunde bis wir die "philosophische Übungsstunde" beenden. Mein Weg führt mich durch den Albaycín. Nicht, daß ich mich nicht traute, die Einbahnstraße in die falsche Richtung zu fahren, ich habe Lust auf Leibesertüchtigung. Ich werde dann auch mit einem herrlichen Ausblick über die Stadt und einer tollen Abfahrt auf der anderen Seite belohnt. Kurz vor dem Al-Campo-Einkaufszentrum zerlegt es dann mein Fahrrad. Ich kann nicht mehr treten, obwohl die Kette nicht abgesprungen ist. Irgendwas mit der Gangschaltung stimmt nicht. Das kriege ich leider nicht repariert. Weiter weg von zuhause geht schon bald gar nicht mehr. Sollte ich das Rad hier stehen lassen und es mit dem Auto abholen? Nein, hier steht das Rad keine fünf Minuten. So dicke Schlösser gibt es wahrscheinlich gar nicht. Eine miese Gegend, wundert mich nicht, daß Kai hier wegziehen wollte.

Immerhin geht es bis noch eine Weile bergab, zwar nicht steil, aber immerhin so, daß ich auch ohne zu treten weiterfahren kann. Ein paar Meter muß ich noch schieben, dann bin ich in der ETSII. Dort begegnet mich nach dem Login und einem fünfminütigen Bootvorgang eine völlig veränderte Arbeitsumgebung. Hey! Die haben endlich Netscape 4.5 installiert! Mit klopfendem Herzen starte ich das Oracle-Demoprogramm und es gibt wieder die gleiche Fehlermeldung. Also nur kosmetische Veränderung am Client, der Server macht immer noch nicht das, was er soll. Bis jetzt bin ich trotz Fahrradpanne noch guter Laune gewesen, aber da das Maillesen schon wieder Ewigkeiten dauert, ärgere ich mich doch. D.h. ärgern ist nicht der richtige Ausdruck, wenn auf das klicken mit der Maus minutenlang nichts passiert und man kurz vor dem öffnen der Inbox die Meldung bekommt, daß man aus Sicherheitsgründen ausgeloggt wurde, weil die Verbindung zu lange inaktiv war, könnte ich rasend werden. Deshalb verlasse ich mit der Gewißheit, daß Rechner doch Teufelswerk sind, diesen ungemütlichen Ort und schiebe mein Fahrrad nach Hause. Zum Glück befindet sich die Mensa ungefähr auf halber Strecke, so daß ich mich unterwegs stärken kann. Der Camino del Ronda zieht sich endlos, bis ich an der Kreuzung mit der Fuente Nueva bin. Es wäre zwar anders kürzer gewesen, aber ich will das Rad nicht den Berg zur Mensa heraufschieben, sondern es unten stehen lassen.

Am Nachmittag bringe ich zunächst einen Film zum Entwickeln, dann kommt das Fahrrad in die Werkstadt. Der Mechaniker, mit dem ich schon öfter zu tun hatte, ist heute ziemlich elegant gekleidet, da wird er wohl nicht arbeiten. Er schaut sich kurz das Rad an, macht ein ziemlich bedrücktes Gesicht. Wenn ich ihn richtig verstehe, meint er, daß Hinterrad sei kaputt. Ich habe das dumme Gefühl, über das Ohr gehauen zu werden. Aber was soll ich machen? Soll ich den Rest des Tages mit dem Rad durch die Stadt laufen und Fahrradläden abklappern? Ich bin mir nicht einmal sicher, daß die meisten anderen überhaupt eine Werkstadt haben, die meisten sehen nach reinen Verkaufsläden aus. Morgen Abend um 19:30 Uhr soll ich es abholen können. Meine Erfahrung sagt mir, daß es auch länger dauern könnte.

Immerhin sind die Fotos tatsächlich eine Stunde später fertig. Nun ja, die Landschaftsaufnahmen von El Torcal und dem Ardales-Park reißen mich nicht gerade vom Hocker. Das leuchtende Grün kommt überhaupt nicht zur Geltung. Aber das eine oder andere schöne Bild ist doch dabei. Für die Landschaftsbilder wären natürlich Dias gut, denn auch die höchsten Berge der Sierra Nevada sehen auf der Postkartengröße aus wie Hügelchen.

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Dienstag, 22. Februar 2000

Da ich kein Fahrrad habe, will ich mir heute nicht die Mühe machen, zur ETSII zu fahren. So kümmere ich mich lieber um das Málagaalbum, daß ich heute Nachmittag hochzuladen gedenke. Nun habe ich einen Teil der Anpassungsarbeit schon automatisiert, das eine oder andere muß ich aber doch noch von Hand machen. Vielleicht sollte ich die Sache anders angehen und einen eigenen Albumgenerator schreiben.

Im Internetcafé werde ich dann angenehm überrascht. Fünf neue Mails in der Inbox! Leider stellt sich später heraus, daß es viermal die gleiche Nachricht und ein abonnierter Newsletter ist. Ich lese also diesen Brief, den Newsletter hebe ich mir für später auf. Das Hochladen zu Tipod klappt problemlos, das zum I-Drive dauert etwas länger, funktioniert dann aber auch. Eigentlich blöd, zwei Webseiten mit identischem Inhalt zu pflegen. Vielleicht mache ich nächste Woche mal einen "Umzug auf Probe".

Zuhause Arbeite ich weiter am Tagebuch. Gerade als ich an der Stelle bin, an der mir gestern der Mechaniker gesagt hat, wann ich mein Rad abholen könnte, schaue ich erschreckt zur Uhr. Es ist schon acht! Schnell einen Pullover geschnappt und die Treppe hinunter. Dort spielt sich eine Szene ab wie in Mr. Bean in Room 426. Eine ältere Dame mit einer Gehilfe und einem Einkaufswägelchen quält sich langsam die Treppe herunter. überholen ist nicht drin, sie geht genau in der Mitte. So muß ich also mein Tempo dem ihren anpassen. Unten angelangt, kann ich zwar überholen, da ich ihr nun auch nicht die Haustür vor der Nase zuschlagen will, muß ich also nochmals warten. Nach zwei Schritten erkenne ich schon das heruntergelassene Rollo, der Fahrradladen hat zu. Prima. Hoffentlich hat er morgen früh geöffnet, damit ich zur Uni fahren kann.

In den Nachrichten gibt es dann wieder schreckliche Neuigkeiten. Schon wieder ein ETA-Mord im Baskenland. Wann wird Spanien endlich vom Terror in Ruhe gelassen?

Kurz vor dem Schlafengehen betrachte ich die kaputte Portmonnaiekette, die ich bisher noch nicht weggeworfen habe. Auf einmal wird mir das Prinzip klar und ich merke, daß man mit einer Zange die Sache wieder hinbiegen könnte. Allerdings ist mit der dicken Kombizange keine Präzisionsarbeit möglich. Da war ich wieder mal zu schnell und habe einfach eine neue Kette gekauft.

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Mittwoch, 23. Februar 2000

Heute gibt sich die Frau, die letzten Mittwoch schon mit beim Reinigen der Küche beteiligt war, eindeutig als Putzfrau zu erkennen. Bisher habe ich sie immer nur in der Küche rauchen und kaffeetrinken (=frühstücken) sehen. Da ich heute etwas später dran bin, sehe ich sie auch mal arbeiten. Allerdings ist es noch nicht spät genug, denn der Fahrradladen hat um 10:15 Uhr noch nicht geöffnet.

Eine Stunde später dann Erfolg auf der ganzen Linie. Ich gehe zum Fahrradladen, das Rad ist fertig. Nicht nur das, der heute außerordentlich freundliche Mechaniker ölt noch die Kette und diverse andere Stellen des Rads (unter anderem auch die Bremsen) und pumpt Luft auf. Alles zusammen kostet mich 500 Ptas. In einer deutschen Fahrradwerkstatt wäre das "Guten Morgen" wahrscheinlich schon teurer. Meine Sorge, betuppt zu werden, war also völlig unbegrundet.

Das Fahrrad läuft jetzt wirklich wie geölt. Es ist eine wahre Freude, damit zur Uni zu fahren. Die Freude wird dann im Praktikumsraum schnell wieder getrübt. Muß ich mich dazu äußern? Heute kommt noch hinzu, daß ich, nachdem ich einen Brief geschrieben habe und ihn abschicken wollte, die Verbindung zu GMX verliere und so alles umsonst war. Also nochmal ran. Irgendwas ist dabei aus meinem Gedächtnis verschwunden, die zweite Version wird doch etwas kürzer.

Nach dem Essen werde ich ziemlich schlapp. Eigentlich habe ich eine Fahrradtour vor, aber ich verliere die Lust. Ein weiterer Tag abghängen? So geht es nicht weiter. Ich nehme mir also meine beiden Reiseführer und diverses Kartenmaterial zur Hand und plane die nächsten Tage. Erstaunlich, was ich da so alles über Granada erfahre. Vielleicht hätte ich zwischendurch doch mal die Granadakapitel betrachten sollen. Morgen will ich mir die Kathedrale vornehmen. In Málaga bin ich da nur durchgegangen. Hier nehme ich mir mindestens zwei Stunden Zeit und versuche alle Eindrücke nachzuvollziehen, die der Reiseführer auf zweieinhalb Seiten beschreibt (Kathedrale und Capilla Real). Freitag dann zum Strand, Samstag Fahrradtour, Sonntag ...

Auch die Dokumentation meines Notebooks nehme ich mir zur Hand. Dort finde ich einen Hinweis auf die Begrenzung des Speichers auf 96 MB. Allerdings finde ich auf verschiedenen Zetteln auch verschiedene Angaben zur vorhandenen Konfiguration (AMD K6/2-350, -333; 32 MB RAM, 64 MB RAM; 4,1 GB HD, 6,1 GB HD). Soll ich aufrüsten? Ja, wer weiß, wie lange es den nötigen Speicher noch gibt. Morgen werde ich mit Juán Miguel darüber sprechen, vielleicht läuft Oracle ja auch mit 96 MB. Eigentlich habe ich keine Lust, mich auch noch mit der Konfiguration eines DB-Servers zu beschäftigen. Aber wenn das die einzige Möglichkeit ist, die Studienarbeit noch zu retten, werde ich das natürlich machen.

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Donnerstag, 24. Februar 2000

Warum der Bus an der grünen Ampel nicht losfährt, wird mir deutlich, als ich ihn rechts überhole. Ein Fußgänger ist über die Straße gelaufen und steht jetzt genau vor mir. Zum Glück bin ich wach, aufmerksam und habe die Finger an den Bremsen, so komme ich durch eine Vollbremsung kurz vor seinen Füßen zum Stehen. Vor Schreck ist er stehen geblieben. Das "¡Ey!", daß er mir entgegenruft, scheint mehr ein Ausruf der Erleichterung darüber zu sein, daß nichts passiert ist.

In der ETSII ist, wie schon seit einer Woche, der "erste" Pförtner da, den ich schon seit dem Beginn der Studienarbeit kenne. Es nervt zwar, daß er alle zwanzig Minuten hereinkommt und die Neuankömmlinge nach ihrem permiso fragt, allerdings ist das nicht so störend, wie das Abschließen der Tür. Dann klopft es alle paar Minuten an der Tür. Macht man nicht auf, erntet man böse Blicke der Eintrittswilligen, öffnet man, gibt es Ärger mit dem Pförtner. Wie wäre es eigentlich, die Zugangsberechtigungen über die Benutzerverwaltung zu regeln? Dann müßte man auch nicht immer seinen Berechtigungsschein mit sich führen.

Dieser Pförtner, der es nicht lassen kann, sein Bedauern zu bekunden, wenn er nicht berechtigte hinauswirft, bringt schlechte Nachrichten. Es gäbe gleich eine Sitzung in diesem Raum und wir müßten alle den Raum verlassen. Dumm, ich habe gerade einen Brief halb fertig. Wenigstens bleibt mir noch Zeit, den Entwurf zu speichern. Nun ist es Zeit mit Juan Miguel zu reden. Doch vor seinem Büro stehen schon sieben Leute. Ich erfahre, daß gerade Prüfungen abgehalten werden. Schlangestehen bereitet mir nun wirklich kein Vergnügen, also fällt unser Gespräch aus.

Zu Hause beginne ich dann mit der Programmierung eines Programms zur Verwaltung von Fotoalben in Java mit dem Ziel, möglichst bald die Photo-Suite-Alben ersetzen zu können und die Fotoalben für das Tagebuch auf Knopfdruck fertig zu generieren. Bis zum Mittagessen komme ich gut voran. Jetzt weiß ich wieder, warum man bei Java auch von "Rapid Application Development" spricht.

Nach dem Essen gehe ich dann direkt zur Kathedrale (ich ziehe nicht 4000 DM ein). Es wundert mich ein wenig, daß so wenig Leute da sind. Doch dann erkenne ich an dem Schild über dem Eingang, daß jetzt schon wieder die Sommeröffnungszeiten gelten. So warte ich also noch eine Viertelstunde, bis um fünf nach vier. Inzwischen sind schon ganze Horden eingetroffen. Hauptsächlich ältere Leute aus den typischen Tourismusnationen (Deutschland, Frankreich, USA). Die Japaner bilden die Ausnahme, weil die wesentlich jünger sind.

Innen in der Kathedrale ist es ziemlich dunkel, obwohl die dominierenden Farben, weiß und gold, eher hell sind. Aber die wenigen Fenster wirken eher als Spotlights. So strahlt der Altar im Sonnenlicht. Die vielen Kapellen an den Seiten liegen total im Dunkeln. Wenn man eine Münze (5 duros = 25 Ptas.) einwirft, geht die Beleuchtung für kurze Zeit an. Warum nimmt man nicht einfach einen höheren Eintrittspreis und läßt das Licht an. Würde die Dauerbeleuchtung den Kunstwerken schaden? Ganz gewiß schadet das Lesen des Reiseführers im Halbdunkel meinen Augen. Zwar ist es lästig, mit dem Reiseführer in der Hand durch die Gegend zu laufen, aber mir fallen Dinge auf, auf die ich sonst nicht achten würde. Ich mache keine Fotos, wovon auch? So ein Gebäude muß man auf sich wirken lassen, nochmehr als Landschaft. Außerdem würde ich die Bilder ohnehin verwackeln, denn ich bin gut am Frieren. Es ist lausig kalt in der Kathedrale.

Meine zweite Station ist die Capilla Real, die Grabstätte der Katholischen Könige. Hier ist es ansich schon kalt genug, hinzu kommt noch der Eishauch der Geschichte, der einen hier um die Ohren weht. Es herrscht eine relativ schlichte Atmosphäre, es heißt Königin Isabell der Katholischen wäre Protz zuwider gewesen. Unter den Grabmälern ruhen Ferdinand der Katholische, Isabell die Katholische, Johanna die Wahnsinnige, Philipp der Schöne und Prinz Miguel von Portugal. Karl V. war die Capilla Real nicht prunkvoll genug, deshalb beendete er die kurze Tradition der Capilla Real als Grabstätte der Spanischen Könige.

In der Sakristei befindet sich eine Sammlung von Gemälden flämischer, italienischer und spanischer Meister aus dem 14. und 15. Jhd. Hier nehme ich mir besonders viel Zeit und beobachte die Bilder etwas länger. Nach und nach fällt mir so einiges auf, was mich stört. Es sind z.B. Marienbilder mit Jesuskind, wobei die beiden Protagonisten auf Thronen sitzen. Ich hatte die Weihnachtsgeschichte anders in Erinnerung, vieleicht sollte ich doch mal wieder Weihnachten in die Kirche gehen. Oder haben die Katholiken eine andere Weihnachstgeschichte? Auch sonst sind die Innenausstattungen der gemalten Gebäude keineswegs typisch für die Zeit vor 2000 Jahren. Viele biblische Personen werden in Kapellen von Kathedralen dargestellt. Die meisten der Heiligen sind mir nicht bekannt, was ich durchaus bedauerlich finde. Einen letzten kleinen Gänsehauteffekt gibt es noch, als ich mir Krone und Zepter Isabels und das Schwert Ferdinands betrachte. Hat Isabel dieses Krone getragen, als sie Kolumbus nach "Indien" schickte?

Beim Herausgehen komme ich an einer deutschen Reisegruppe vorbei. Ihr spanischer Fremdenführer spricht fließend Deutsch. Das nutzt er vor allem dafür aus, den Senioren in den Hintern zu kriechen. Selten habe ich so schlechte Witze gehört. Es wird Zeit, daß ich an die frische Luft komme. Der Preis für die am schlechtesten gekleideten Besucher geht übrigens klar an die Deutschen. Sieger ist ein Mitvierziger in seltsamen Jeans, schmuddelig-weißen Turnschuhen und einem weißen Hard Rock Café Beijing T-Shirt Größe XXXL, daß ihm fast bis zu den Knien reicht. Daß sein Kugelbauch das Hemd auch noch ausbeult, spielt schon gar keine Rolle mehr. Gleich dahinter kommen übrigens die Nordamerikaner, die Engländer sind heute weit abgeschlagen auf Platz drei.

Auf dem Rückweg besehe ich mir noch kurz den Corral del Carbón, eine Karawanseri aus dem 14. Jahrhundert. Außer dem Portal ist allerdings nichts mehr orginal, so daß sich mein Aufenthalt dort in engen zeitlichen Grenzen hält.

In den Nachrichten erfahre ich, daß heute um Mitternacht der Wahlkampf beginnt. Müssen die Spanier immer übertreiben? Es reichte doch zu sagen, der Wahlkampf beginnt am 25. Februar. Um Mitternacht gibt es dann Live-Übertragungen von Massenveranstaltungen im Madrid. Um fünf nach zwölf wird hier in Granada ein Feuerwerk abgebrannt, und ich höre Massen jubeln. Ich bin gespannt, wer am 12. März als Sieger hervorgeht.

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Freitag, 25. Februar 2000

Ich stehe heute recht zeitig auf, obwohl ich nichts besonders vorhabe. Daß die Waschmaschine leer ist, kommt mir sehr gelegen. Dann erzählt mir Ada auch noch, daß sie heute im Laufe des Vormittags Zeit hätte, mir die Haare zu schneiden. So arbeite ich an meinem Albumgenerator, bis sie mich ruft. Mittlerweile stoße ich auch auf die ersten (für mich) unlösbaren Probleme. Hat jemand zufällig die Spezifikation des JPEG-Formats Online?

Die Haarschneidemaschine funktioniert nicht. Deshalb schneidet Ada die Seiten mit der Schere und verspricht, nochmal nachzurasieren, sobald der Apparatvertreter dagewesen wäre. Immerhin sind meine Haare doch wieder deutlich kürzer. Seit Weihnachten war ich nicht mehr beim Frisör. Das war nötig.

Der angefangene Brief von gestern, den ich zu Hause beendet habe, befindet sich noch auf der Festplatte meines Notebooks, welches in meinem Zimmer auf dem Schreibtisch steht. Schade, daß ich das erst in der nach oben


Samstag, 26. Februar 2000

Heute ist der Tag, an dem ich zum ersten Mal in diesem Jahr eine richtig große Fahrradtour machen will. Doch ich stehe viel zu spät auf, und auch eine weitere Sache kommt noch dazwischen. Mein Handy geht immer wieder aus, wenn ich es einschalte. Ich habe die Vermutung, daß auch das an einer Schraube liegt, die sich gelöst hat. Ich habe recht, allerdings keine Möglichkeit, sie wieder festzuziehen, da sie mir herunterfällt. Sie ist wie vom Erdboden verschluckt, ich verrücke die Möbel, fege alles zusammen, aber außer einer Menge Staub gibt es nichts aufzuheben. Die Schraube ist verschwunden.

Da ich erreichbar sein möchte, gibt es nun zwei Möglichkeiten. Entweder neue Schraube oder neues Handy. Da sich die Schrauben ohnehin mittlerweile im Wochenrhythmus lösen und ich eigentlich neben dem Handy auch einen Schraubenzieher mitführen muß, beschließe ich, ein neues zu besorgen. Da das heute noch passieren soll und um 13:30 Uhr, spätestens 14:00 Uhr die meisten Geschäfte schließen, habe ich nicht mehr die Zeit, alle Geschäfte abzuklappern und sämtliche Angebote zu vergleichen. Ich mache mich auf Richtung Acera del Triunfo, wo es einen Airtelladen gibt, der in der Vergangenheit die besten Angebote hatte. Auf dem Weg mache ich ein paar Stichproben in den Geschäften.

Es bleibt dabei, das Angebot in dem kleinen Laden in der Acera del Triunfo ist das beste, nur unwesentlich teurer als die meisten (z.T. sogar billiger) und 20.000 Ptas. (250 DM) Gesprächsguthaben. Ich habe drei zur Auswahl, die beiden aus der billigsten Kategorie gefallen mir überhaupt nicht (ein Motorola-Riesengerät und ein Kasten von Ericson), also zahle ich noch 20 DM drauf und nehme eins von Panasonic. Das wiegt nur die Hälfte. Außerdem hat es Vibrationsalarm. Leider ist das Design nicht ganz so schön, wie das des "alten" Handies von Bosch. Man kann nicht alles haben. Das Siemens C25 z.B. ist momentan nicht verfügbar.

Bevor nun meine Fahrradtour beginnen kann, muß ich mich natürlich mit dem neuen Telefon und seinen Funktionen vertraut machen. Dann jedoch kann es losgehen. Ich habe vor, die Hauptstraße Richtung Pinos Genil zu fahren, um dann "irgendwie hintenherum" zu der Schlucht Los Cahorros zu kommen. Da sind schon ganz ordentliche Berge dazwischen, mal sehen, ob ich das schaffe. Wenn es zu schwierig wird, muß ich eben wieder zurückfahren. Leider vergesse ich, den Weg auf dem Stadtplan von Granada zu planen. So fahre ich eine Straße zu früh ab, so daß ich im falschen Tal lande. Es weist mich kein Schild darauf hin, aber laut Karte müßte das ein Teil von Huetor Vega sein, wo ich lande. Ich versuche also, durch die Berge in das andere Tal vorzudringen. Leider habe ich mich dazu hinreißen lassen, in der Stadt einige Ampelspurts zu machen. Ich muß unbedingt noch lernen, mir meine Kräfte besser einzuteilen. Jedenfalls wird es bald schon ziemlich anstrengend. Auch sind die Steigungen zu steil und vor allem aufgrund des Schotters zu rutschig, so daß ich schieben muß.

Auf dem Gipfel der Hügelkette angekommen, sehe ich Lancha del Genil auf der anderen Seite liegen. Da komme ich allerdings nicht hin, weil die Hügel auf der Seite plötzlich zu Ende sind und sich eine Wand von 50 Metern, teilweise sogar noch mehr auftut. Ein gewisser Nervenkitzel ist das schon, dem Weg zu folgen, der direkt am Abgrund vorbeiführt. zwar ist er einen Meter breit, allerdings ist auf der rechten Seite ein Zaun aufgestellt, so daß man in keine Richtung umfallen kann. Am Ende beschreibt der Weg eine 90° Kurve. Wer hier zu schnell und zu unaufmerksam ist und geradeaus weiterfährt, macht einen grandiosen Abgang. Das ist genau der richtige Ort, um eine Pause zu machen. Während ich meine erste Scheibe Brot esse, um mich zu stärken, kommen plötzlich drei Leute auf Geländemotorrädern angebraust. Die fahren tatsächlich den eben beschriebenen Weg mit einem Tempo von 50 km/h. Die Büsche, unter denen ich geduckt drunterdurch gefahren bin, schlagen sie aufrecht sitzend mit ihren Oberkörpern zur Seite. Die machen das bestimmt nicht zum ersten Mal.

Die nächste Abfahrt nehme ich in einer sehr eigenwilligen Sitzposition. Ich steige vom Sattel ab, habe den linken Fuß auf der Pedale und den rechten auf dem Boden. Den Lenker habe ich um 35° nach links eingeschlagen, mit dem linken Bein drücke ich das Hinterrad ebenfalls nach links. Mit dieser Aktion habe ich allerdings gewartet, bis sämtliche Motorradfahrer außer Sichtweite sind.

Unten angelangt, habe ich die Auswahl zwischen einem steilen Anstieg geradeaus, und einen leicht abschüssigen Weg nach rechts. Ich folge letzterem und komme nach kurzer Zeit auf eine asphaltierte Straße, die zu einem Friedhof führt. Dieser Friedhof ist in meiner Karte nicht eingezeichnet. Ein merkwürdiger Anblick, er wirkt fast wie eine kleine Stadt. Die Särge werden hier nicht in der Erde vergraben, sondern in zwei- oder dreistöckigen Grabhäuschen eingemauert. Neben der Beerdigungsstätte geht der Weg noch ein paar Meter weiter, endet dann aber an einer Kante. Von dort kann ich allerdings ausmachen, wie ich weiterkomme.

Auf dem weiteren Weg mache ich noch mehrfach Bekanntschaft mit Motorradfahrern. Erst höre ich sie nur, sie müssen ganz in der Nähe, ich kann sie aber nicht ausmachen. Plötzlich schießt einer neben dem 2,50 Meter breiten Weg heraus. Nachdem seine beiden Freunde ihm gefolgt sind, schaue ich mit die Stelle an. Hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, ich würde nicht glauben, daß dort Motorräder hochkommen. Die letzten anderthalb Meter sind fast vertikal.

Die Motorräder haben deutlich mehr Kraftreserven als ich, ich fühle mich, als wäre mein Tank leer. Dumm, daß die Wege immer genau über die Hügelspizten führen und nicht außenherum. Außerhalb der Wege will ich ich mich aber nicht bewegen, ich will die ohnehin spärliche Vegetation nicht noch mehr belasten. Den letzten Berggipfel, erreiche ich nur noch schiebend mit einer Geschwindigkeit von 10 m/min. Dort mache ich eine halbe Stunde Pause, um die Kräfte für den Rückweg zu sammeln. Ich bin auf gleicher Höhe wie Monarchil. Um "irgendwie hintenherum" nach Los Cahorros zu kommen, müßte ich noch einige weitere Gipfel überwinden, daß schaffe ich nicht mehr.

Von hier oben hat man einen traumhaften Blick über die Stadt, auf die Sierra Nevada und natürlich auf die Berge, über die mich mein Weg geführt hat. Wenn ich die Karte richtig lese, müßte ich auf 1045 Metern Höhe sein, 400 Meter oberhalb Granadas. Genau der richtige Ort, um mit meiner Oma zu telefonieren. Ein verrücktes Gefühl, so weit ab der Zivilisation zu sein und mit jemandem zu sprechen, der 2700 Kilometer entfernt sitzt. Die Sonne senkt sich langsam, es wird höchste Zeit, daß ich aufbreche. Zunächst geht der Abstieg mit dem Rad noch ganz gut, ich kann fahren. Ich sehe Motorradfahrer, die die Hänge hinunterfahren. Diese Hänge sind so steil, daß man mindestens feste Schuhe mit dicker Profilsohle bräuchte, um überhaupt zu Fuß dort hinabzuklettern. Der absolute Wahnsinn, was die Jungs hier treiben.

Monarchil ist nicht mehr weit, allerdings wird der Weg immer schlechter. Der Bernhardiner, der den Weg bewacht, ist zum Glück freundlich. Leider komme ich fast überhaupt nicht mehr mit dem Hang zurecht, der Weg ist von Geländemotorrädern völlig zerwühlt, so daß ich bis zum Knöchel im Staub versinke. Da passiert es dann, ich rutsche aus, falle auf das Fahrrad und rutsche einige Meter den Hang hinab. Aua! Das tut richtig weh. Zum Glück ist nichts schlimmes passiert, meine Knochen und auch das Rad sind heil. Nach diesem Abstieg bin ich dann auf einer Straße, besser gesagt auf einem asphaltierten Weg. Dieser ist z.T. So steil, daß die Kraft der Bremsen nicht ausreicht, um die Geschwindigkeit auf einem vernünftigen Maß zu halten. Unten ausrollen ist nicht, da dort Häuser im Weg stehen.

Der Anstieg kurz hinter Monarchil bereitet mir keine größeren Schwierigkeiten, offenbar verfüge ich noch über Kraftreserven. Ab Cájar (das ist der Ort, den ich bei der Fahrradtour nach Los Cahorros fälschlicherweise als Monarchil bezeichnet habe) geht es nur noch bergab bis nach Hause. Dabei komme ich nochmal ordentlich auf Geschwindigkeit, schließlich waren meine Abfahrten im Gelände ziemlich langsam. Zu Hause gelingt es mir noch einzukaufen, mir ein Abendessen zu Kochen (Risotto) und mich ins Bett zu legen. Ich bin total erschöpft.

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Sonntag, 27. Februar 2000

Obwohl ich gar nicht so spät aufstehe, verbrauche ich doch ziemlich viel Zeit, bis ich endlich aus dem Haus komme, um mich Richtung Mittelmeer zu bewegen. Leider bin ich nicht der einzige, es scheint, ganz Granada ist heute auf dem Weg zum Strand. Schon kurz vor Suspiro del Moro kommt der Verkehr fast zum Erliegen. Ich muß nicht lange im Stau stehen, weil ich ohnehin die die Nebenstrecke nach Almuñeca fahren will.

Landschaftlich ist diese Strecke wirklich empfehlenswert, allerdings rollt heute eine Blechlawine auf der engen Straße, so daß das Fahren nicht gerade Spaß macht. Man kann nicht einmal anhalten, um die schönen Ausblicke zu genießen, weil man dann nicht wieder in die Schlange hineinkäme. Die Landschaft, die zunächst ein wenig an die Lüneburger Heide oder Dänemark erinnert, was sich spätestens dann ändert, wenn man durch die engen Kurven die Sierra del Chaparral herunterfährt, würde dazu einladen.

Um 14:00 Uhr bin ich dann ziemlich erschöpft in Almuñeca, die vielen Kurven waren doch sehr anstrengend. Deshalb beschließe ich, gleich zum Strand zu fahren, um mich etwas auszuruhen. Ich fahre weiter nach La Herradura, wo ich den Ortsstrand aufsuche. Die Strandpromenade ist zwar recht bevölkert, allerdings gibt es noch reichlich Parkplätze. Der Strand ist nicht leer, allerdings kann man immer noch, wenn man sich irgendwo niederläßt, in alle Richtungen mindestens 25 Meter bis zu den nächsten Leuten haben. Bevor ich mich allerdings ablege, mache ich noch einen kleinen Spaziergang. Wie alle (?) Strände hier an der Costa Tropical ist auch dieser ein grauer Kiesstrand. Das hat Vorteile, wenn man mit Schuhen unterwegs, barfuß ist es nicht so angenehm.

Zum Liegen ist der Kies gar nicht so schlecht, er läßt sich leichter an den Körper anpassen als Sand. Herrlich, sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Dabei ist es kein bißchen zu warm, ich komme nicht ins Schwitzen, aber auch nicht zu kalt. Es weht ein laues Lüftchen vom Meer. Mit anderen Worten paradiesisch. Die Meeresluft tut meiner Nase gut, die Luft in Granada ist doch ziemlich staubig. Bevor ich nach etwa einer Stunde weiterfahre, teste ich mal die Wassertemperatur mit den Füßen. Noch ziemlich kalt, würde ich sagen. 17°C, schätze ich.

Bevor ich die Cuevas von Nerja besichtigen will (und kann, die machen erst um 16:00 Uhr auf) will ich mir einen Ort Namens Frigiliana ansehen. Hier hat sich die maurische Bauweise erhalten, auch genießt man normalerweise schöne Ausblicke, weil der relativ küstennahe Ort immerhin schon wieder 435 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Heute allerdings ist es mit der Aussicht nicht so weit her. Diesig ist es schon den ganzen Tag gewesen, jetzt sind auch noch dunkle Wolken aufgezogen. Nichts destotrotz kann mich das Stadtbild begeistern. Das liegt vor allem daran, daß ich eine Straße zu früh abgebogen bin und deshalb nicht im Hauptort, sondern in einem auf einem Hügel vorgelagerten Teil gelandet bin. Bei der Durchfahrt des Hauptortes beeile ich mich. Die Massen an Touristen stoßen mich ab.

Auf dem Rückweg nach Nerja mache ich noch einen Abstecher von der Hauptstraße, in der Hoffnung von hier noch ein paar schöne Blicke auf die Küste zu erhaschen. Doch daraus wird nichts, denn der Hang ist bzw. wird gerade zugebaut. Nicht mit Bettenburgen, sondern mit schönen Villen. An den Autos erkennt man, daß auch einige Deutsche unter den Häuslebauern sind. Hier könnte ich mir auch vorstellen, mich eines Tages zur Ruhe zu setzen. Vom Winter keine Spur und die Sommer sind nicht so heiß wie im Hinterland.

Aus dieser verträumten Stimmung werde ich brutal herausgerissen, als ich auf den Parkplatz der Cuevas de Nerja fahre. Dort werden schon die Parkmöglichkeiten knapp, was angesichts der in großer Anzahl vorhandenen Parkbuchten für eine touristische Überflutung der Höhlen spricht. Einen Moment lang bin ich der Ansicht, lieber wieder zu fahren, allerdings bin ich doch neugierig auf die Höhlen.

Es herrscht ein Gewusel wie auf dem Jahrmarkt. Alle andalusischen Rentner haben sich im Eingansbereich versammelt. An der Kasse das totale Chaos, was nicht so sehr an der Anzahl der Besucher liegt, sondern weil sich eine Gruppe in einem Meter Entfernung vom Kassenhäuschen aufstellt und auf irgendetwas wartet, nicht jedoch auf eine freie Kasse. Nachdem ich den stolzen Preis von 750 Ptas. für den Eintritt in die Höhlen bezahlt habe, wiederholt sich das Spiel, diesmal ist es eine ganze Reisebusladung, die direkt neben dem Eingang steht und (wahrscheinlich auf den Reiseleiter/Fremdenführer/Kellner) wartet. Natürlich stellen sich alle erst einmal hinter der Gruppe an, um festzustellen, daß die noch gar nicht die Absicht hat, die Höhlen zu betreten.

Der Weg innerhalb der Cuevas ist gefliest, man braucht also weder Wanderschuhe noch Klettererfahrung, um die Höhlen besichtigen zu können. Kurz hinter dem Eingang beginnt ein Blitzlichgewitter. Etwas interessantes gibt es noch nicht zu sehen, aber ein Fotograf lichtet jeden Besucher beim Betreten der Höhle ab, danach bekommt man einen Abholschein in die Hand gedrückt. Kurz danach wird es interessant, man sieht eine Höhle, die etwa 20 Meter hoch, 30 Meter breit ist. Leider brauche ich zu lange, bis ich meine Kamera zur Hand habe. Inzwischen hat sich die Meute der Rentner in Bewegung gesetzt, ich stehe am Rand und bin von der Menge so eingeschlossen, daß ich nicht einmal meinen Rucksack aufsetzen kann. Ich möchte ohne Blitz fotografieren, also muß ich die Kamera auflegen, doch den Leuten scheint es Spaß zu machen, am Geländer zu rütteln. Die haben alle gut gegessen und vor allem getrunken. Eine widerliche Schnapsfahne liegt in der Luft. Ich hätte Lust, einen nach dem anderen über das Geländer zu werfen. Das Massaker von Nerja, das hätte doch was? Na ja, vielleicht warte ich auch bis die Leute weitergehen. Das dauert allerdings zehn Minuten, bis alle durch sind. Da sie sich unten im "Auditorium" (der Name stammt von mir, weil dort Sitzgelegenheiten für Musikaufführungen sind) sammeln und dann von einem Führer die Höhle erklärt bekommen, habe ich Gelegenheit mich wieder an der Gruppe vorbeizubewegen.

Immer mit dem Gefühl der Meute im Nacken, mache ich also den Rundgang durch die Höhle. Es ist schon beeindruckend, diese riesigen Tropfsteine zu sehen, es gibt Stalaktiten, die über 20 Meter lang sind. Diese hängen in großen Gruppen von der Decke, oftmals erinnern sie an riesige Orgelpfeifen. Der Unterschied zu den bisher von mir besichtigten Tropfsteinhöhlen liegt in der Trockenheit. Es tropft nicht mehr. Die Tatsache, daß zwischen dem Gestein Lautsprecher angebracht sind, die die Besucher mit seichter klassischer Musik berieseln, fördert nicht gerade das Gefühl eines Naturerlebnisses.

Beim Verlassen der Höhlen wird man dann von aufdringlichen Mädels belästigt, die einen unbedingt dazu überreden wollen, daß Foto wenigstens anzuschauen. Ich kenne das, wenn man erst einmal schaut, dann lassen die nicht locker, bis man das Bild gekauft hat. Eigentlich würde mich das Bild schon interessieren, aber ich bin mir ziemlich sicher, daß es unverschämt teuer ist. Ich will vor allem eins: Weg hier!

Um nicht mit dieser Erfahrung nach Hause zu kommen, fahre ich noch eine steile Straße kurz vor La Herradura zur Playa del Cañuelo herunter. Straße ist zuviel gesagt, Piste trifft es eher, denn man muß im ersten Gang so einige Unebenheiten überwinden. Es ist kein einsamer Strand. Zwar sind nicht viele Leute da, da die Bucht aber nicht sehr groß ist, sitzt man doch etwas enger beieinander. Etwas enger als vorhin in La Herradura, allerdings immer noch mit genügend Platz (vielleicht 10 - 15 Meter in jede Richtung). Die Bucht scheint ein wenig nach Westen ausgerichtet zu sein, denn die tiefstehende Sonne steht tieforange genau über dem Wasser. Nach wenigen Minuten ist der ganze Ärger, der sich beim Besuch der Cuevas angesammelt hat, vergessen. Insgesamt bleibe ich nur eine Viertelstunde, das reicht allerdings um ein Gefühl der Ausgheglichenheit und Ruhe herzustellen.

Ich bin inzwischen wieder so gelassen geworden, daß mir der Stau auf der Strecke zwischen Motril und Granada nichts mehr ausmacht. Praktisch, daß die Straße zweispurig ist, wenn es bergauf geht. Da es dann allerdings auf den Bergkuppen wieder einspurig wird, gibt es Stau. Oft wird die Strecke sonntags vormittags nur für eine Richtung freigegeben, abends für die andere. Wahrscheinlich weil sich die Straßenarbeiter gerade im Streik befinden, kann die Beschilderung nicht gewechselt werden.

Nachdem ich zu Hause kubanischen Reis gekocht habe, kommt Ada von ihrer Reise nach El Rocío zurück. Sie hat ordentlich Wein mitgebracht. Sie füllt eine ganze Menge Oloroso in eine Karaffe, die sie mir überläßt;t. Mmh, wie lecker!

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Letzte Aktualisierung am: 29.02.2000