Am Nachmittag schnappe ich mir meine Kamera und mache mich auf den Weg zum Mirador San Cristóbal. Eine ziemlich steile Treppe führt dort hinauf. Man kann auch über die Straße gehen, die macht aber einen riesen Umweg. Nimmt man die Treppe, muß man sich die Nase zuhalten, jede Ecke wird als Toilette mißbraucht. Was soll es, Augen oder besser Nase zu und durch. Heute ist die Sicht noch viel besser als am Samstag. Es ist kein bißchen diesig, und keine Wolke ist am Himmel zu sehen. Ich hoffe, mir gelingt heute das Traumfoto.
Nach einigen Schnappschüssen vom Mirador San Cristóbal aus will ich auch noch zum Mirador Cruz de Ruada. Doch irgendwie haben die hier die Häuser verrückt, ich kann den Weg nicht finden. Als mir dann klar wird, wo ich falsch gegangen bin, wird es schon langsam dunkel. So trete ich also den Rückweg an. An der Aceta del Casino mache ich halt. Ich wollte schon lange den beleuchteten Springbrunnen fotografieren. Vielleicht wird das Bild ja etwas. Anschließend gehe ich in die CD-Abteilung vom Corte Inglés. So genau weiß ich nicht, was ich suche. Auf einem Sampler sehe ich dann das Lied La buena XXXX (über dem XXXXX klebt das Preisschild. Könnte La buena onda sein, das Lied, das ich schon seit einer Weile suche. Sogar im Internet habe ich schon mal Suchanfragen gestartet, es war nicht möglich herauszufinden, von wem das Lied ist. Jetzt weiß ich es: Moneda Dura. Gleich neben dem Sampler steht im Regal eine CD von Moneda Dura (Cuando duerme la Habana), die ist sogar im Sonderangebot. Nicht wer suchet, der findet, sondern dem, der planlos herumstöbert, fällt es in die Hände.
Ich beeile mich mit meinem Einkauf bei Mercadona, denn ich bin neugierig auf die CD. Ein Kauf, der sich gelohnt hat, die Musik gefällt mir. Vor allem natürlich La buena onda, daß mir seit ich es in Formula Uno auf Canal 2 Andalucía gesehen habe, nicht mehr aus dem Ohr geht. Kubanischer Rock, klingt ein wenig nach Britpop, bis auf den spanischen Gesang.
Heute muß ich unbedingt mit Juán Miguel sprechen, mir läuft die Zeit davon. Er muß sich etwas einfallen lassen. Entweder, er kriegt das mit der Datenbank geregelt, er gibt mir eine andere Aufgabe oder schmeiße die Arbeit. Als ich gerade zu seinem Büro gehen will, sehe ich ihn in einem Hörsaal sitzen. Er beaufsichtigt eine Klausur. Trotzdem winkt er mich zu sich, wahrscheinlich ist ihm ein bißchen Abwechslung ganz recht. Mir ist nicht so ganz recht, daß ich mein Anliegen nun vor fünfzig spanischen Studenten vortragen muß, aber die haben ohnehin besseres zu tun, als unserem Gespräch zu folgen. Juán Miguel holt sehr weit aus, er erzählt mir viel mehr, als ich wissen will. Es ist mir egal, was er schon alles ausprobiert hat, Tatsache ist, daß die von Oracle gelieferten Beispiele immer noch nicht funktionieren. Er fragt mich nach meiner Hardware, ob ich nicht bei mir einen Oracle-Server installieren könnte. Doch unter 128 MB Hauptspeicher habe das wenig Sinn. Er verspricht, es bei sich zuhause zu probieren. Auch ihm wird nun bewußt, daß die Zeit drängt. Ich bitte ihn darum, mir eine eMail zu senden, sobald er näheres weiß.
Auf das Mittagessen muß ich lange warten. Das liegt nicht etwa an einer Schlange, die sich gebildet hat, sondern die Essensausgeber haben heute keine Lust und halten ein Schwätzchen. Das Hauptgericht habe ich schon, nur die Vorspeise fehlt. Daß das Essen jetzt kalt wird, ist denen völlig egal. Die können sich doch auch beim Auftun des Essens unterhalten!
Inzwischen habe ich den Stadtplan Granadas nochmal eingehend studiert, jetzt weiß ich wieder, wie ich zum Mirador Cruz de Ruada komme. Also gehe ich am Nachmittag dorthin und mache die Bilder, die ich gestern nicht mehr geschafft habe. Bevor ich zurückgehe, schaue ich nochmal beim Mirador San Nicolas vorbei. Ich kann wirklich nicht sagen, welches der beste Mirador, also Aussichtspunkt ist. Der Mirador San Nicolas ist auf jeden Fall der am meisten besuchte. Da ich in den letzten Monaten öfter hier gewesen bin, fällt mir auf, daß inzwischen wieder mehr Touristen hier sind. Mitte Dezember bis Mitte Januar hat man hier nur Spanier getroffen, ich glaube größtenteils sogar Einheimische. Jetzt hört man wieder alle Sprachen Europas, dazu noch Japanisch und Amerikanisch.
Bevor ich nach Hause gehe, frage ich im Corte Inglés nach, was das Aufrüsten des Hauptspeichers meines Notebooks kosten würde. Der Verkäufer ist schon kurz davor, ins Lager zu gehen und den Speicher zu holen, obwohl er sich nicht sicher ist, ob so viel Speicher überhaupt vom BIOS unterstützt würde. Deshalb verlasse ich, nachdem ich den Preis gehört habe (eine schöne Stange Geld) geradezu fluchtartig das Kaufhaus. Wenn überhaupt, lasse ich mir den Speicher einbauen. Schließlich will ich meine Garantie nicht verlieren. Außerdem können wir dann gleich ausprobieren, ob es überhaupt eine solche Menge Speicher verkraftet.
Meine nächste Station heißt Neptuno-Zentrum. Es geht mir auf die Nerven, im Gedränge immer die Hand an meinem Geldbeutel haben zu müssen. Ich will mein Portmonnaie wieder an die Kette legen. Die Orginalkette von Dickies haben sie nicht. Dafür gibt es eine Kette, die mehr kostet, als ich für das Portmonnaie und die Kette in Deutschland bezahlt habe. Was soll es, ich habe mich ja schon einmal umgesehen und nichts gefunden, so bleibt mir keine andere Wahl. Wenigstens macht die neue Kette einen stabileren Eindruck, so wie meine Halskette. Sie sollte nicht so schnell reißen. Ein neues Portmonnaie könnte ich zwar auch gebrauchen, aber das muß warten.
Als ich aufstehe, bricht in unserer Wohnung langsam aber sicher das Chaos aus. Ada und eine andere Frau (Putzfrau?) belegen die Küche. So beschließe ich, mit dem Frühstück zu warten, bis sie aus der Küche heraus sind. Bis dahin will ich das Tagebuch "uploadfähig" machen. Doch als ich schließlich in die Küche komme, sind die beiden am Fruhjahrsputz. Alle Schränke werden ausgeräumt, alle Staubfänger von den Regalen und Wänden genommen. Ich sammle schnell meine Sachen für die Morgenmahlzeit zusammen und verschwinde wieder in meinem Zimmer. Dann muß ich eben an meinem Schreibtisch frühstücken. Danach sehe ich zu, daß ich Land gewinne. Doch schon an der ersten Kreuzung scheitere ich fast. Diesmal bin ich völlig unschuldig. Eine Frau überholt mich und biegt sofort danach rechts ab, so daß mich nur eine Vollbremsung vor dem Aufprall bewahrt. Sowas kommt hier öfter vor. Ich hätte der blöden Kuh eine Beule ins Auto fahren sollen. Bei sowas vergesse ich meine gute Erziehung.
In der ETSII bin ich dann mit dem Hochladen einige Stunden beschäftigt. Dabei stößt mich ständig der Prof an, der hinter mir sitzt. Jedesmal schiebt er mein Knie gegen den Tisch (Aua!). Auch die Leute, die sich durchdrängeln, meinen, meine Sitzposition verändern zu müssen. Jetzt habe ich es! Ich muß unsichtbar geworden sein! Deshalb nimmt mich niemand war! Als Trost dafür habe ich in der Mensa dann vier Scampies in meiner Paella. Heute sind die auch richtig frisch.
In der ETSII gibt es keine Neuigkeiten. Trotzdem ist es schon vier, als ich endlich zu einer Fahrradtour aufbreche. Ich will die neue Karte ausprobieren, ob ich sie lesen kann. Ada hat beim Frühstück bemerkt, daß ich doch so gut spanisch spreche, daß mit dem Lesen der Karte keine Probleme haben dürfte. Gut, das habe ich nicht gemeint, vielleicht liest man auf spanisch eine Karte auch nicht.
Wie dem auch sei, ich will mich zunächst auf bekanntem Terrain bewegen. Dafür fahre ich erst einmal zum Parque de Invierno. Dort gibt es noch eine Stelle, die ich bisher nicht aufgesucht habe. Genau das will ich heute nachholen. In der Innenstadt wimmelt es von Polizisten. An der Puerta Real werden die Autos (und Mopeds) umgeleitet, die Fahrradfahrer können weiterfahren. Außerdem kreisen mehrere Hubschrauber über der Stadt. Warum, das werde ich vielleicht noch herausbekommen. Zunächst gilt es, eine ordentliche Steigung zu überwinden. An der Silla del Moro kann ich leider keine Pause machen. Ein ziemlich böse aussehender Hund steht davor. Außerdem klaut eine Familie gerade Holz von der Baustelle. Da ich nach einiger Zeit Rückenschmerzen bekomme, kann die Sitzhöhe schon wieder nicht stimmen. Bis ich mich aufraffe, den Sattel höher zu stellen, bin ich auch schon oben und genieße einen schönen Blick über die Stadt, vor allem aber natürlich auf die Sierra Nevada. Von hier aus sieht man nicht nur den Pico del Valeta, sondern auch den Mulhacén, den mit 3481 Metern höchsten Berg auf dem spanischen Festland. Der Schnee ist etwas zurückgegangen, kein Wunder bei den Temperaturen.
Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem die Karte zeigen muß, wie gut sie ist. Ich nehme einen der untergeordneten Wege, d.h. ich versuche es, doch schon nach wenigen Metern werde ich durch ein verschlossenes Tor an der Weiterfahrt gehindert. Gleich die erste Bewährungsprobe verloren. Doch ich entdecke einen Trampelpfad neben dem Zaun, der allerdings durch tiefhängende Äste einiger Nadelbäume versperrt wird. Nach 30 Metern aber kann ich wieder aufrecht gehen und mich auf das Rad schwingen. Bald beginnen halsbrecherische Abfahrten. Zunächst komme ich damit überhaupt nicht klar, die Steine machen den Hang so rutschig, daß das Fahrrad rutscht, wenn es steht. Nach einer Weile weiß ich dann, was ich zu tun habe: Stotterbremse. Immer wenn ein Rad blockiert muß ich die Bremse kurz loslassen und dann gleich wieder anziehen. So komme ich bestimmt auf 160 BpM (Bremsungen pro Minute), mir tun immer noch die Finger weh.
Ob das der richtige Weg ist? Wahrscheinlich. Gut, daß ich am Anfang Gelegenheit gehabt habe, Gefällstrecken zu überwinden, denn jetzt wird es richtig steil. Mir gelingt es, mit dem Rad kontrolliert zu rutschen und tatsächlich unversehrt unten anzukommen. Das macht einen Heidenspaß! Komischerweise sind die meisten Wege, die in besserem Zustand sind, durch Tore verschlossen. So habe ich also keine Wahl, ich muß die miese Passage unter einer Wasserleitung nehmen. Als ich mich gerade unter der Röhre befinde, passiert es. ein mittelgroßer Stein ist im Weg, das Vorderrad hebt ab und setzt schief auf. Ich sollte unbedingt die Handbremse loslassen, bis ich aber reagiere, rutscht der Reifen nach links weg. Dann eine artistische Einlage, ich bin wohl auf einen Abgang vorbereitet, schließlig habe ich den Sitz jetzt so hoch eingestellt, daß die Füße den Boden gar nicht mehr erreichen können. Das Aufsteigen sieht dadurch etwas Mädchenhaft aus. Egal, es geht jetzt um den Absprung. Mir gelingt es tatsächlich mich aus dem Sattel zu erheben und eine Grätsche über den Lenker zu machen. Das Rad stürzt krachend zu Boden und ich stehe ein paar Meter davor, ohne auch nur einen Kratzer abbekommen zu haben. Ich glaube, ich habe einen Schutzengel.
Den Ort Lancha del Genil zu erreichen, ist gar nicht so leicht, überall versperren Zäune den Weg. An einer Stelle ist der Zaun heruntergerissen, ein kleiner Trampelpfad tut sich auf. Kurze Zeit später bin ich auch schon wieder auf der Hauptstraße nach Granada, die sich bald gabelt. Da ich annehme, daß der direkte Weg nach Granada über die Autobahn führt, folge ich den Schildern Richtung Alhambra. Also noch mal den Berg hoch bis fast zum Friedhof. Die Abfahrt dauert dann ewig, weil vor mir die Polizei cruist und ich in den engen Gassen nicht überholen kann. Wäre ich an der Gabelung geradeaus gefahren, hätte ich mindestens 20 Minuten, wenn nicht gar eine halbe Stunde und jede Menge Kräfte sparen können. Aber ich fühle mich gut jetzt, angenehm erschöpft aber nicht total ausgelaugt. So wie sonst nach dem Fitnesstraining.
So gegen 23:45 Uhr erreicht mich eine Kurznachricht von Kai, die er um 20:15 Uhr abgeschickt hat. Ich solle ihn anrufen, er habe keinen Kredit mehr. Super, wenn es jetzt um heute Abend ging, hat das ja geklappt. Die können doch nicht zu Weihnachten Millionen von Handies verkaufen, wenn ihre Netze diese vielen Benutzer gar nicht verkraften. Bevor man absahnt, muß man doch investieren. Eine Frechheit, so mit seinen Kunden umzugehen. Aber in Deutschland gibt es momentan das gleiche Problem, daß SMSs nicht pünktlich ankommen. Das liegt u.a. auch an den ganzen Freemail-Diensten, die mit kostenlosen SMS-Versand werben. Also werde ich mich morgen mal melden.
Beim Frühstück bekomme ich Gelegenheit, Ada nach dem Grund für das gestrige Polizeiaufgebot zu Fragen. Ein hoher Politiker ist auf Wahlkampfbesuch hier in Granada gewesen. Aufgrund der Bedrohung durch die ETA leben Politiker sehr gefährlich, da sind solche Sichherheitsvorkehrungen angemessen. Ich will heute erst Mittags zur ETSII, um mich nicht wieder so lange dort aufzuhalten. Vorher will ich mit einem neuen Fotoalbum beginnen, sowie ein paar Fotos aus dem Lorca-Park schießen.
Um halb eins bin ich dann draußen im Parque García Lorca. Doch aus den tollen Fotos wird nichts, denn die Sonne steht falsch, die Sierra Nevada ist dadurch nicht weiß, sondern blau wegen des Gegenlichteffekts. Der Rest des Parkes läßt sich schlecht mit der Kamera einfangen. Also gehe ich nur ein wenig spazieren, ist ja auch nicht schlecht. Zum Fotografieren muß ich also nachmittags hier aufschlagen. Erstaunlich, wieviele Leute hier an einem normalen Freitag im Park herumspazieren. Die meisten halten sich aber im Schatten auf. Viele ältere Leute, die keine Mütze tragen, halten sich eine Zeitung über den Kopf. Die drei Boule-Anlagen sind belegt. Was sind denn das für grün-weiße Schilder neben dem Boule-Feld? Beim näheren Hinsehen erkenne ich, daß da Haken an dem vermeintlichen Schild angeschraubt sind. Eine Garderobe, damit die Herrschaften ihre Jackets zum Spiel ausziehen können.
Bevor ich zum Mittagessen gehe, erzählt mir Ada von einer Quelle, die sich unweit des Rio Darro befinden soll. Ich könne mit dem Fahrrad hinfahren, es sei bei weitem nicht so weit wie der Parque de Invierno. Meines Erachtens lohnt es sich dann gar nicht, das Fahrrad zu benutzen, also will ich nach dem Essen dort mal hinschauen. Vorher muß ich aber noch ins Internetcafé, da war ich schon lange nicht mehr. Wenn ich zur ETSII führe, würde ich mich wahrscheinlich viel zu lange dort aufhalten.
So passiere ich also die Plaza Nueva und folge dem Weg entlang des Rio Darros. Am Ende der Straße geht es über eine Brücke und dann links den Berg hinauf. Hier befindet man sich direkt unterhalb des Generalife. Nachdem zwei Halbstarke mit ihrem Moped direkt vor mir gewendet und sich dabei köstlich amüsiert haben, bin ich bei der Quelle schon angelangt. Cofradía del Avellano, glaube ich. Nun, Ada hat mir schon angekündigt, daß sie schon lange nicht mehr da war und deshalb nicht weiß, in welchem Zustand sich die Anlage befindet. Etwas heruntergekommen, würde ich meinen, vor allem wegen der vielen Schmierfinken. Ein Trampelpfad führt weiter entlang des Flusses, allerdings meine ich, schon genug gelaufen zu sein, außerdem habe ich keine Sonnencreme aufgetragen und trage obendrein auch noch ein schwarzes T-Shirt. Die andalusische Sonne brennt schon wieder extrem.
Auf dem Rückweg stelle ich fest, daß man vom "Wendepunkt des Mopeds" einen interessanten Blick auf die Stadt hat. Man sieht, wie sich das Enge Tal des Rio Darro öffnet. Außerdem hat man die Möglichkeit, den Albaycín mal von einer anderen Seite zu sehen. Genau in der Mitte des V-Ausschnittes des Talauslaufs erhebt sich die Kathedrale Granadas, die ich auch unbedingt noch besichtigen muß. Die Sonne steht genau über diesem V, macht aber nichts, ich habe eh keine Kamera dabei. Hier sollte ich morgens mal aufkreuzen, vielleicht mit dem Rad einen kleinen Abstecher machen, bevor es zur ETSII geht.
Als ich wieder in zivilisiertere Bereiche komme, sehe ich auf dem Paseo Padre Manjón die drei Franzosen musiziern, die ich im Internetcafé gesehen habe. Ich sollte mal fragen, ob die Rasterlocken echt sind, denn alle drei tragen eine ungewöhnlich volle Haarpracht. Das Getrommel der Musiker unterstreicht die beruhigende Atmosphäre, eine tolle Stimmung. Man sieht hauptsächlich junge Leute, die sich hier tummeln. Allerdings sind davon auch massenhaft Touris. Jedoch nicht die Sorte, die mit dem Bus hier ausgekippt werden, um dann einer Fremdenführerin mit Fähnchen hinterherzurennen.
Zuhause angekommen, merke ich, daß es an körperlicher Anstrengung mal wieder gereicht hat. Ich halte kurz Siesta, und dann hänge ich ab. Einfach mal gar nichts tun. Nicht Fernsehen, nicht Computerspielen, nicht Lesen, nicht einmal Musikhören.
Um 16:00 Uhr besuche ich Kai, wie wir das gestern verabredet haben. Wir gehen gemeinsam zur Plaza Nueva, auf der Christian, Manolo und jede Menge andere Leute um einen Tisch eines Straßencafés sitzen und sich sonnen. Ein Gespräch entwickelt sich nicht, weil schon eine heftige Diskussion über Südamerika allgemein und Chile im Besonderen im Gang ist. Die anderen Leute verschwinden auch bald. Wir warten noch eine Weile, aber ein Kellner läßt sich nicht blicken. Da die Sonne dabei ist, hinter den Häusern zu verschwinden, beschließen wir, einen anderen Ort aufzusuchen. Entweder haben die anderen nicht alles bezahlt, oder der Kellner betrügt, denn Manolo muß deutlich mehr als ein paar Copas bezahlen.
Das einzige Café auf der Plaza Nueva, daß noch Sonne hat, ist bis auf den letzten Platz belegt. Also folgen wir dem Rio Darro bis kurz vor den Puente Rey Chico. Hier ist nicht viel los, so daß wir in Ruhe, wegen der komischen Stühle aber nicht in Gemütlichkeit die Abendstimmung genießen können. Wir bleiben bis kurz vor Sonnenuntergang, dann lösen wir die Versammlung auf, nicht ohne uns für den Abend erneut zu verabreden.
Auf dem Rückweg bin ich ganz gut am Frieren, denn wenn die Sonne weg ist, wird es für ein T-Shirt sehr schnell zu kalt. Auf jeden Fall habe ich Kopfschmerzen. Sonnenstich von ein paar Minuten Abendsonne? Kater von einem kleinen Bier? Vielleicht sträubt sich mein Unterbewußtsein dagegen, daß ich ausgehe. Um nicht auch noch müde zu werden, gibt es zum Abendessen nur Nudeln mit Tomatensoße, keine Riesenportion. Ich habe immer gedacht, man könnte es mit Zwiebeln gar nicht übertreiben, doch ich werde heute eines Besseren belehrt. Das Kochbuch spricht von einer halben Zwiebel, die man nehmen soll, und meint sicherlich eine kleine Zwiebel. Ich nehme allerdings eine ganze, riesige Gemüsezwiebel. Vielleicht lasse ich sie auch nicht lange genug andünsten, jedenfalls schmeckt die Soße mehr nach Zwiebel als nach Tomate.
Um halb elf trudele ich dann bei Christian ein (wohnt mit Kai, Manolo, Anne (NL) und Gaby (USA) zusammen). In der Küche wird es bald ziemlich voll. Christian ist dabei, daß Abendessen vorzubereiten (Nudeln mit Tomatensoße). Ein heiteres Sprachengemisch herrscht dort, es wird Amerikanisch, Deutsch, Holländisch und Spanisch gesprochen. Eigentlich ziemlich stressig dieses Ständige hin und her. Wäre besser, es würde nur Spanisch gesprochen. Es kommen noch Leute dazu und es gehen welche, darauf im Einzelnen einzugehen, wer wann wohin geht, wäre sicher langweilig. Wichtiger ist, daß wir die Namen der Bewohner des Barrio Sesame lernen. Z.B. heißt Kermit (der Frosch) hier Gustavo (la rana).
Um 02:00 Uhr gehen wir dann zur Calle Elvira auf die Piste. Es stimmt tatsächlich, man kann einen großen Altersunterschied ausmachen. Während sich im Bereich Pedro Antonio eher wenig Leute über 20 aufhalten, gibt es hier fast keine unter 20. Jetzt kommt wieder das Problem mit den Namen der Gaststätten. Wir halten uns in vieren auf. Mir gefällt die erste noch am Besten, hier kocht die Stimmung. Mittlerweile habe ich mich auch an spanische Musik gewöhnt. Wir bekommen aber nur einen ungünstigen Stehplatz, so daß wir nach einem Drink die nächste Bar aufsuchen, die mich ziemlich an das Magic erinnert. Beim Rausgehen begegne ich Dipi. Seit kurz vor Weihnachten haben wir uns nicht mehr gesehen, obwohl wir in der selben Straßen wohnen.
An unserer dritten Station fällt mir besonders die Toilette auf, weil die erstens nicht nach Geschlechtern getrennt und zweitens mit Türen ausgestattet sind, die sich nicht abschließen lassen und die von allein wieder aufgehen, wenn man sie schließen will. Kein stilles Örtchen, sondern äußerst kommunikativ. Ansonsten sehe ich nicht viel von dem Laden, weil es zu voll ist. Immerhin kommt man ganz gut durch. Zwar machen die Spanier nie Platz, sie lassen sich aber problemlos "verschieben" man muß einfach nur die Hand auf Schulter oder Rücken legen und drücken. Das funktioniert wahrscheinlich auf der ganzen Welt bis auf im Joker (oder Jolly, wie die Nicht-Braunschweiger zu sagen pflegen).
Zum Schluß sind wir dann im Granada 10. Der Eintritt ist mit 1000 Ptas. recht teuer, auch wenn man ein Freigetränk bekommt. Allerdings eine gediegene Atmosphäre, ist wohl mal ein Theater gewesen. Lange bleiben wir nicht, trotzdem ist es schon 06:30 Uhr, als ich nach Hause gehe. Christian lacht mich noch aus, weil ich immer noch glaube, morgen zum Strand fahren zu können.
Um 14:30 wache ich auf. Sofort wird mir klar, daß ich das mit dem Strand schnell vergessen kann. Zwar leide ich weder unter Kopf- noch Bauchschmerzen, aber mir ist schwindelig. Ich kann mich nur langsam bewegen, mein Hirn kann sonst den Bewegungen nicht folgen. Das ist zwar genau die richtige Stimmung, um am Strand abzuhängen, aber um dahin zu kommen, müßte ich autofahren und das ist nun wirklich nicht drin. So bleibe ich noch bis 16:00 Uhr im Bett liegen. Irgendwann ruft Kai an, wo ich denn am Strand wäre, er wäre gerade in Motril. Nicht nur, daß er mehr trinkt, er steht dann auch noch früher auf. Vielleicht ist er besser "im Training".
Da ich die letzten Tage nicht an eine Fernsehzeitung gedacht habe, muß ich Zappen. Dumm nur, daß nichts vernünftiges kommt. Immerhin finde ich zwei weitere Sender im UHF-Band. Einen Musiksender und ein weiteres Regionalprogramm. Da kann man unter einer 906er Nummer (entspricht 0190 in Deutschland) anrufen und Musikwünsche abgeben. Die Ansagen der Lieder, die gespielt werden dauern mindestens zehn Minuten, weil die Tussi (ein andere Ausdruck paßt nicht) sämtliche Grüße vorliest. Würde sie nicht so schnell sprechen, daß sich ihre Stimme überschlägt, spielten sie nie Musik. Ehrlich gesagt, habe ich nie die Ausdauer, das abzuwarten, ich schalte vorher weiter. Das ist übrigens ziemlich lästig, weil ich die Sender mit einem kleinen Rädchen einstellen und die Antenne verstellen muß.
Nach dem Abendessen geht es mir wieder besser. Grüne Bohnen mit Senf vertreiben den Kater. Das Rezept war für sechs Personen gedacht, ich teile die Mengenangaben durch drei und runde gelegentlich auf, trotzdem werde ich nicht richtig satt. Nächstes Mal werden die Angaben nur halbiert. Dabei sind die Mengenangaben in dem spanischen Kochbuch sonst eigentlich nicht so knapp. Besonders beim Olivenöl wird der Unterschied zum deutschen deutlich. Hier heißt es erhitze ... mit einem Gläschen Olivenöl, dort man gebe einen Teelöffel kaltgepreßtes Olivenöl ...
Obwohl ich, als ich um Mitternacht ins Bett gehe, gerade mal acht Stunden aufgewesen bin, ist mir doch der Tag (zu) lang erschienen.
© 2000 by Torsten Klie
Letzte Aktualisierung am: 22.02.2000