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Montag, 07. Februar 2000

Ich habe noch Juán Miguels Versprechen vom letzten Donnerstag im Ohr. "Nächste Woche gehen wir die Sache an!", hatte er mir gesagt und nun läuft immer noch nichts. Er ist auch nicht da. Surfend verbringe ich den ganzen Vormittag. Ich habe irgendwas gesucht, weiß jetzt aber gar nicht mehr was. Zuviel Surfen ist nicht gut! Ich würde ja lieber arbeiten. Außerdem will ich da sein, wenn es etwas neues gibt. Ich werde noch Online-süchtig!

Am Nachmittag bringe ich meine Fotos zum Entwickeln. Dann klappere ich die Geschäfte ab, auf der Suche nach einem neuen Portmonnai mit Kette. Das ist gar nicht so einfach. Die meisten Geldbörsen sind zu klein, so daß die Papiere nicht hineinpassen. Wenn ich aber die Dokumente nicht unterkriege, dann brauche ich kein Portmonnaie, denn das Geld kann ich mir notfalls auch in die Hosentasche stecken. Das einzige, was mir gefällt, ist das graue Dickies-Portmonnaie, das ich schon habe. Können die nicht mal eine neue Kollektion herausbringen? Ich muß also in den nächsten Tagen noch weitere Geschäfte abklappern.

Inzwischen ist der Film entwickelt worden und ich kann ihn abholen. Da sind sogar noch Córdobabilder dabei. Im ersten Moment, wenn ich meine Fotos zum ersten Mal sehe, bin ich immer enttäuscht. Nach dem dritten oder vierten Mal durchschauen finde ich aber doch immer das eine oder andere Foto, das mit gefällt und das auch demnächst seinen Weg in mein Online-Fotoalbum finden wird.

Dienstag, 08. Februar 2000

Eigentlich will ich nach Hause gehen, aber mir fällt ein, daß ich unbedingt noch eine Adresse aus einer eMail brauche. Es dauert eine geschlagene Dreiviertelstunde, bis ich die Adresse habe. Einmal werde ich bei Firemail sogar rausgeschmissen, weil die Verbindung zu lange inaktiv war, obwohl ich sofort nach dem Login auf Eingang geklickt habe. Als ich warte, kommt plötzlich ein unrasierter Typ mit fettigen Haaren und riesiger, silberner, viereckiger Brille, der seinen unsportlichen Körper in einen unmodernen Trainingsanzug quetscht hereingestürmt und verbreitet Hektik und Gestank. Schön, der Typ ist besser als jedes Klischee der Informatiker. Aber muß er sich unbedingt neben mich setzen? Es bleibt nicht dabei, daß er mir durch seine Anwesenheit, vor allem aber durch seinen hektischen Bewegungen auf die Nerven geht, er zieht auch noch das Oberteil seines Trainingsanzuges aus. Darunter verbirgt sich ein sportliches T-Shirt, daß er schon einige Male seit der letzten Wäsche zu eben so sportlichen Tätigkeiten angehabt zu haben scheint. Mir wird richtig Übel von dem Gestank. Ich brauche aber die Adresse! Welch eine Qual!

Nach dieser Tortur mache ich einen letzten Versuch, aber im Büro meines Tutors regt sich immer noch nichts. Dafür begegnet er mir auf der Treppe. Er ist misonstt Mantel und Aktentasche unterwegs und ist gerade erst ins Haus gekommen. Ziemlich barsch fertigt er mich ab, er sagt nur kurz, daß er noch keine Zeit hatte und auch heute keine Zeit mehr haben wird. Ich bin so genervt, daß ich keine Diskussion mehr haben möchte und verlasse die ETSII. Kaum scheint mir die Sonne ins Gesicht, ärgere ich mich schon wieder, daß ich mich so habe abfertigen lassen. Verdammt, wenn er nicht in der Lage ist, die DB hinubiegen, dann soll er mir etwas sagen, was ich anstelle des Beispiels machen soll. Das muß ich morgen klären, schließlich bleiben mir nur noch acht Wochen.

Es ist gar nicht so schlecht, daß ich schon relativ früh zu Hause bin. So komme ich zum Wäschewaschen und vor allem dazu, das Tagebuch mal wieder aufzuarbeiten, das ich in den letzten beiden Wochen sträflich vernachlässigt habe. Bis zum Mittagessen schaffe ich es gerade, die 17. Woche fertig zu tippen, die Woche ohne Rechner. Es ist schon 15:10 Uhr weil ich zu Fuß in die Mensa will, muß ich mich ganz schön beeilen.&iexl;Joder! Die Wäsche! Also hänge ich innerhalb von zehn Minuten meine Wäsche auf die Leine, ich habe Glück, sie paßt gerade noch so. Dann nichts wie raus! Doch wie? Das Türschloß läßt sich mal wieder nicht öffnen. Ada ist ausnahmsweise um die Uhrzeit mal nicht da ( wäre auch nicht die Tür verrammelt). So bleibt mir wenigstens der Spurt in die Mensa erspart. Zum Glück habe ich noch etwas zu kochen im Hause, daß ich mir heute Abend zubereiten kann.

So nutze ich also auch noch den ganzen Nachmittag, um die 18. Woche fertigzustellen. Abends dann wird das Kochen zur Qual, weil ich solchen Hunger habe. Ich bereite Bratkartoffeln zu (dem Rezept nach eigentlich Koriander-Bratkartoffeln, aber ich habe keinen Koriander, also nehme ich etwas mehr Curry). So manches kann ich aushalten, nicht aber den Geruch von Bratkartoffeln mit hungrigem Magen. Endlich ist es soweit! Allerdings scheinen die Kartoffeln (es waren zwei Riesenkartoffeln zu je 250g) eine unterschiedlichen Sorte anzugehören, denn die Scheiben der einen sind ein bißchen angebrannt und die der anderen leicht roh. Dennoch ein Genuß, wenngleich ein kurzer, denn schon nach nur sieben Minuten ist die Pfanne leer und ich habe immer noch Hunger. Und davon sollen laut Rezept zwei Personen satt werden! So nuckle ich traurig an meinem Bier, dessen Kronkorken schon verrostet ist. Stimmt, ich habe lange kein Bier mehr getrunken. Aber so lange?

Das Fernsehprogramm tröstet mich über den Kummer mit dem Essen. Es gibt Desperado. Entgegen dem Glauben vieler ist das kein spanisches Wort. Bei der Szene mit dem Bier (es werden zwei Bier bestellt, der Barmann sagt OK, es gibt einen rülpsartigen Laut und zwei volle Biere stehen nichtmal eine Sekunde später auf dem Tisch) muß ich unweigerlich an das Bier beim Abendbrot denken. Klar, Amstel ist nicht schlecht, aber Wolters ist schon noch was anderes...

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Mittwoch, 09. Februar 2000

Beim Frühstück teilt mir Ada mit, daß gestern Mittag, als sie wegging, sie die Waschmaschine durch die Küche laufen sah. Alles, was draufstand, sei heruntergefallen. Ich müßte unbedingt beim Waschen ein Auge auf die Maschine werfen.

Da ich genug Geduld mitbringe, klappt das Hochladen der Dateien reibungslos. Ich bin gerade dabei, einen weiteren Webspace zu füllen. Unter http://www.i-drive.com/totoso/web/ soll in Kürze mein Tagebuch abrufbar sein. Eventuell werde ich sogar dahin "umziehen", weil ich von Lesern gehört habe, die wochenlang keinen Zugriff auf Tripod hatten. Bis auf die Fotoalben ist jetzt schon alles da. Der Upload ist aber sehr umständlich und von Spanien aus ist der Zugriff auf die Webseiten deutlich langsamer. Probiert es doch bitte mal aus und mailt dann, ob Ihr mein Tagebuch dort in vernünftiger Zeit abrufen könnt. I-Drive bietet 50 MB Webspace an, ohne dafür Werbebanner einzublenden oder eines dieser netten Zusatzfenster aufzumachen. D.h. eigentlich ist das persönliche I-Drive zum speichern von irgendwas gut. Wenn man von einem bestimmten Anbieter Dateien auf sein I-Drive lädt, kann man sogar unbegrenzt Speicherplatz benutzen (i-drive = internet-drive = infinite-drive).

So etwas findet man heraus, wenn man zuviel surft. Doch leider kann ich heute immer noch nicht arbeiten, ich erwische aber Juán Miguel, der jetzt entweder den Oracle-Support schon angerufen hat oder es gleich machen wollte. Wie lange es noch dauert, bis es mal funktioniert kann er nicht sagen.

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Donnerstag, 10. Februar 2000

Heute will ich mir mal keinen Streß machen und gehe die Sache ruhig an. Die DB wird ohnehin nicht laufen, also kann ich eine halbe Stunde später kommen. So ist es dann auch, also surfe ich durch die Nachrichten und informiere mich, was es sonst noch so neues gibt. Ich bleibe nicht lange, denn nach dem Mittagessen will ich eine Fahrradtour nach Monarchil machen. Damit sich das lohnt, gehe ich ganz früh zum Essen.

Vielleicht ist es ein Zeichen und ich sollte die Tour lieber lassen. Kurz vor der Mensa reißt der Fahrer einer dunkelblauen Limousine das Steuer herum, um rechts einzuparken. Er fuhr mir zu langsam, ich wollte beim Bergabrollen nicht bremsen. Außerdem war bis zu diesem Zeitpunkt genügend Platz. Zum Glück habe ich die Finger an den Bremsen (die ich heute Morgen nachgezogen habe). So kommt das Vorderrad wenige Zentimeter vor seiner Beifahrertür zum Stehen. Das Hinterrad hebt ab und mich dadurch aus dem Sattel, aber ich kann mich noch abfangen, ohne das Rad gegen das Auto zu drücken. Knappe Sache, wenn ich darüber nachdenke. Aber ich denke nicht nach, sondern fahre weiter.

Ich lasse mich von dieser Aktion nicht abhalten, mich um halb drei wieder aufs Fahrrad zu schwingen. Solange ich auf der Camino de Ronda im Schatten der Häuser fahre, ist mir kalt. Das ändert sich, denn kaum habe ich Granada verlassen, steigt die Straße an. Zunächst nur ein bißchen, bis ich an Huetor-Vega vorbei bin, dann aber ab Ortseingang Monarchil ganz ordentlich. Jetzt brennt die Sonne (heute hat es sich ausnahmsweise mal mit der Lotion eingerieben). Mein eigentliches Reiseziel ist aber nicht Monarchil, sondern eine Schlucht mit Indy-Hängebrücke bei Los Cahorros. Dazu soll ich durch Monarchil durchfahren. In welcher Richtung? Am besten immer Geradeaus. Meine innere Stimme sagt mir, daß geradeaus nicht der richtige Weg ist. Aber in meinem Übermut will ich die Steigung meistern.

Schon nach zweihundert Metern die erste Pause. Die Straße ist entsetzlich steil. Jetzt aber nur noch bis zum Ende hoch, dann Frage ich jemanden. Nicht das ich jetzt wieder den Berg herunterfahre und nachher muß ich nochmal hier hoch. Das Viertel ist so geschickt angelegt, daß man immer nur 100 bis 200 Meter weit blicken kann. Wenn man dann "oben" angekommen ist, sieht man hinter einer leichten Kurve die nächste Etappe. Jetzt nur noch soweit,, bis ich jemanden treffe, den ich nach dem Weg fragen kann. Doch es ist Mittagszeit, da läuft niemand draußen herum. Ich bin schon völlig erschöpft, als ich an einem Altglascontainer(!) ein junges Pärchen treffe, das diesen auch benutzt.

Natürlich muß ich die ganze Strecke wieder zurück. Ich bin erstaunt, wie weit ich gefahren bin. Leider kann ich die Straße nicht herunterdüsen, dazu ist sie zu steil. So rolle ich mit stark angezogenen Bremsen herunter. Ich hätte gleich an der ersten Kreuzung (d.h. an der Kreuzung als die Hauptstraße mit einem Stopschild endete) links abbiegen müssen. Klar eigentlich, der Fluß muß ja auch irgendwo "da links" liegen. Merke: Barrio Monachil != Monachil.

Schon bald stoße ich auf den Fluß. Jetzt brauche ich ihm ja nur noch zu folgen. Zunächst geht es erstmal ein bißchen abwärts in ein völlig verschlafenes Nest. Hier muß bald eine Feier stattfinden, die Straßen sind mit Europa- und Andalusienflaggen geschmückt. Doch wie komme ich jetzt nach Los Cahorros? So etwas wie eine Hauptstraße gibt es nicht mehr. Nach jedem zweiten Haus kommt man auf eine T-Kreuzung, muß also ständig die Richtung wechseln. Am Ortsende fangen viele Wege an, die alle irgdenwie (mehr oder weniger) parallel zum Fluß verlaufen, scheinen aber alle nicht besonders weit zu führen. Ich glaube, den richtigen gefunden zu haben, fahre ihn ein paar Meter, kehre dann aber um. Auch dieser Weg geht steil bergan. Da ich merke, einen weiteren anstrengenden Umweg nicht mehr zu schaffen, frage ich einen alten Schäfer (genauer gesagt ein "Zieger") nach dem Weg nach Los Cahorros. Ich war schon auf der richtigen Fährte. Als ich mich herzlich bedanke, verabschiedet er sich geradezu überschwenglich von mir.

Schon nach der ersten Kurve muß ich das Rad schieben die Steigung könnte ich im kleinsten Gang durchaus schaffen, allerdings ist der Untergrund so schlecht, daß ich die Kraft nicht auf die Straße bekomme. Entweder dreht das Hinterrad durch oder das Vorderrad hebt ab, weil eine Bodenwelle als Sprungschanze dient. Zum Glück wird die Straße bald besser und ich kann wieder fahren. Ich stoße schon bald auf eine Abzweigung, an der sogar ein Schild steht, daß auf Los Cahorros hinweist. Nun ist auch die Straßendecke zu Ende, was in Anbetracht ihres Zustandes sogar gut ist. Nach und nach zweigen einige Zufahrten ab, dann wird der Feldweg zum Trampelpfad, der sich nach kurzer Zeit gabelt. Ich entscheide mich für den unteren, denn dort sieht es so aus, als könnte ich weiterfahren. Der obere ist zu steil und steinig. Der untere führt parallel zu einer Wasserleitung. Rechts tut sich direkt neben dem Weg die Schlucht auf. Ein echter Nervenkitzel, aber ich habe im Stadtverkehr Granadas gelernt, mit 30 cm Weg auszukommen. Immer wieder muß ich absteigen und mein Rad ein Stück schieben oder tragen. Ob ich auf diesem Weg zur Brücke komme?

Ich gelange nicht zur Brücke, sondern zu einem Lagerplatz, Feuerstellen und Abfall deuten darauf hin. Und da ist auch das Ende der Fahnenstange, mit dem Rad komme ich nicht weiter. Also schließe ich das Rad an (ich möchte nicht zu Fuß nach Granada zurück) und sehe mir die Möglichenkeiten an, tiefer in die Schlucht einzudringen. Das einzige, was geht, ist den Fluß zu überqueren und auf der anderen Seite weiterzugehen. Es liegen einige Steine im Wasser, auf denen man leicht hinübergehen kann. Leider habe ich schlechtes Schuhwerk an, keine Stiefel, keine Skateschuhe. Mein Halt ist bedenklich, schon auf dem zweiten Stein rutsche ich aus, kann mich aber gerade noch abfangen. Verwesungsgeruch liegt in der Luft. Es ist auch ziemlich dunkel, die Sonne scheint nicht in diese Schlucht (zumindest nicht nachmittags). Eine ziemlich gruselige Stimmung. Hat Martin den Tip auch anderen schon gegeben? Wenn ja, hat er alle wiedergesehen oder gibt es Verschollene? Ich bin auf dem besten Wege, einer zu werden. Keine zwei Schritte gelingen mir, ohne daß ich stolpere oder abrutsche. Erst jetzt merke ich, wie mich dieser Anstieg zum Barrio Monarchil ausgelaugt hat. Mir fehlt die Übung.

Ich kann die Brücke sehen, doch von dieser Seite aus komme ich da nicht drauf. Sie verläuft diagonal über die Schlucht. Was für ein Anblick! Das wäre wirklich etwas für Indiana Jones Filme. Ich gehe zurück, in der Hoffnung, doch noch einen Weg zu finden. Aber ich bin an einem toten Punkt angelangt. Der Abstieg ist schwieriger als der Aufstieg. Ständig bin ich am Rutschen. Zum Glück lernt man beim Skaten, wie man das Gleichgewicht hält, so daß ich nur einmal Kontakt mit dem Boden aufnehme. Auch werde ich wieder schmerzhaft an meine Bänderdehnung im Fuß vor anderthalb Jahren erinnert. Kurz nach dem ich die Prozedur mit den beiden Schlössern hinter mir habe und ein paar Meter gefahren bin, sehe ich plötzlich doch noch eine Möglichkeit, die Brücke zu erreichen. An einer Stelle, wo man den Hang besteigen kann, lasse ich das Rad erneut zurück und beginne mit dem Aufstieg. Es ist entsetzlich, ich finde einfach keinen Halt. Runter kann ich hier nicht wieder gehen, da muß ich mir einen anderen Weg suchen. Zum Glück ist es schon halb fünf durch und das Mittagessen liegt eine Weile zurück, denn sonst wäre es mir bei dem Anblick der halb vermoderten Ziege wieder herausgekommen. Zuerst habe ich nur ein Stück Kiefer gesehen, dann links daneben Beinknochen und dahinter ein schwarzes Etwas. Bäh! Bloß weg hier! Der Ekel treibt mich voran und so bin ich auch gleich oben.

Das hier oben ist ein richtiger Weg, der mich genau zur Hängebrücke führt. Sorgsam lese ich mir die Sicherheitshinweise durch. Nicht mehr als vier Personen zur selben Zeit, ausbalancieren, Geländer benutzen. Das bekomme ich hin. Die Brücke ist zwar nicht besonders hoch, aber als ich in der Mitte meinen Fotoapparat aus dem Rucksack krame, beginnt sie zu schwanken. Dahinter beginnt ein Weg, der nicht so aussieht, als würde er noch zu spektakulären Aussichtspunkten führen. Außerdem wird es Zeit, an den Rückweg zu denken, denn ich will nicht in der Dunkelheit zurück. Ich finde gleich einen Weg, ohne den Hang hinunterkraxeln zu müssen. Vielleicht hätte ich gleich den oberen Weg an der Gabelung wählen sollen. Da es die meiste Zeit bergab geht, komme ich gut voran und bin um 18:00 Uhr wieder zu Hause.

Nach einer Dusche fülle ich die Waschmaschine. Leider muß ich die jetzt anderthalb Stunden beobachten. Dreimal wird geschleudert, wobei ich sie festhalten muß. Ich versuche in der Zwischenzeit mit den Cuentos de la Alhambra weiterzukommen, doch ich bin so müde, daß mir ständig die Augen zufallen. Nach dem Abendessen ruft Kai an, was ich denn heute Nachmittag von ihm wollte. Zweimal hätte ich ihn angerufen, er hat aber nur ein Rumpeln gehört. Da ist das Handy im Rucksack also von allein tätig geworden. Hoffentlich habe ich nicht auch noch andere Leute angerufen, vor allem nicht in Deutschland. Er erzählt noch etwas von einer Kurznachricht, die er mir geschickt hat. Tatsächlich, als ich das Telefon gerade weglege, trifft sie ein. Sechs Stunden, nachdem er sie abgeschickt hat.

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Freitag, 11. Februar 2000

In der ETSII halte ich mich nicht so lange auf. Warum auch? Vor dem Rechner sitze ich allerdings doch, denn ich bereite eine neues Fotoalbum vor, das Album über Córdoba. Mittlerweile gefallen mir alle Córdobafotos, so daß ich mehr als 75% aufnehme. Ich hatte schon vergessen, was für eine Sauarbeit ist, ist gibt noch viel anzupassen. Nach ein bißchen blättern in der GNU-Hypertextreferenz entsteht schnell ein Shellscript, daß die meisten Anpassungen automatisch durchführt. Angewandt auf *.htm kann man sich u.U. ein Menge Zeit sparen.

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Samstag, 12. Februar 2000

Es ist ja fast schon so etwas wie eine Tradition mit meinem Samstagsstadtbummel. Auch diese Woche muß es sein. Diesmal habe ich sogar ein Ziel. Damit die nächste Fahrradtour einfacher wird, besorge ich mir eine Karte der Sierra Nevada in einem Buchladen, genauer gesagt in der Librería Urbana in der Calle Grán Capitán. Dort entdecke ich auch ein Buch (wie ungewöhnlich!), daß mich interessiert. Es heißt Guia del típico Alemán. Ich möchte doch mal wissen, was hier so typisch deutsch gilt.

Schon Mittags habe ich Lust, zu kochen. Es wird zum Desaster. Nie im Leben ist das ein Lumpeneintopf aus Jáen. Warum muß auch die halbe Familie in der Küche sein, wenn ich gerade mit dem Teig zugange bin? Außerdem läßt sich Teig ohne Nudelholz schlecht ausrollen. Vor allem nicht, wenn man zuviel Wasser genommen hat. Die ganze Arbeit hat sich wirklich nicht gelohnt.

Nach dem Essen sollst Du ruhn, oder tausend Schritte tun. Ich entscheide mich für letzteres. Immernoch bin ich auf der Suche nach dem Ort, von dem aus man die Alhambra mit Sierra Nevada im Hintergrund sehen und fotografieren kann. Die Reiseführer, viele Kalender und viele Geschäfte sind mit einem solchen Bild geschmückt. Ich muß auch so ein Bild machen! Allerdings will ich heute nur schauen. Außerdem glaube ich, daß es für das Fotografieren schon zu spät ist, denn es ist schon kurz nach halb sechs als ich aus dem Haus gehe. Ich glaube, ich bin schneller geworden, denn schon nach 20 Minuten bin ich am Hospital Real vorbei und schon auf dem Weg nach Sacromonte. "Früher" habe ich für die Strecke eine halbe Stunde gebraucht. Ich komme heute durch Bereiche des Albaycíns und vor allem Sacromontes, die ich bisher nicht betreten habe. Jetzt weiß ich auch, warum alle Welt hiervon schwärmt. Es ist, als würde die Zeit stillstehen. Eine wohlige Wärme geht von den vielen Menschen aus, die den warmen Nachmittag in den Straßencafés ausklingen lassen. Es ist wirklich toll dieses Flair, was von diesem Stadtteil mit seinen verwinkelten Straßen und Gassen ausgeht.

Doch das ist es im Moment nicht, was ich Suche, auch wenn mich der Anblick dBewußtseines Treibens über die Pleite mit dem Essen hinweg tröstet. Ich weiß nicht genau, wo ich hin will, ich gehe halt einfach immer bergauf. So gelange ich zu einem wunderschönen Aussichtspunkt, dem Mirador Cruz de Ruada. Von hier hat man zwar nicht den Postkartenblick auf die Alhambra, aber trotzdem eine tolle Aussicht, die ich auch eine Weile auf mich wirken lasse. Dann geht es weiter durch Sacromonte, bis ich nach einiger Zeit auf den Mirador San Cristóbal stoße. Eigentlich glaube ich mich schon auf dem Rückweg zu befinden. Von hier genießt man einen guten Blick über die Sierra Nevada und die Stadt. Zu dem gesuchten Postkartenblick fehlt nicht viel, der Punkt von diese Bilder aufgenommen wurden, kann nicht weit entfernt sein. Tatsächlich, wenn man noch ein paar Meter auf der Straße in Richtung Innenstadt weitergeht, verschiebt sich der Blickwinkel dergestalt, daß die Sierra Nevada direkt hinter der Alhambra zu sehen ist. Mittlerweile hat die tiefstehende Sonne die weißen Berggipfel orangerot gefärbt. Optimales Fotolicht, keine Wolken trüben den Blick. Ich beschließe mich nicht zu ärgern, sondern den Anblick zu genießen und bei der nächsten Gelegenheit mit Kamera bewaffnet hierher zurückzukehren.

Zu Hause angekommen, falle ich total kaputt in den Sessel. Die Stunde bis zum Abendessen lese ich das Buch über die typischen Deutschen durch. Manchmal muß ich lachen, manchmal werde ich auch ein bißchen wütend. Die Autoren sind zwei Deutsche, die im Vereinigten Königreich im Exil leben und einen tiefsitzenden Haß auf ihre Landsleute zu haben scheinen. Die totale Abfälligkeit z.B. gegenüber dem ökologischen der Deutschen, daß in meinen Augen etwas sehr Positives darstellt, stört mich. Ich kenne das Gefühl, daß einen beschleicht, wenn man "im Exil" lebt. Manchmal sieht man dann seine Heimat sehr düster eingefärbt. Vielleicht braucht man das, um sich in der Fremde leichter zurecht zu finden. Wenn man dann aber Bücher veröffentlicht, sollte man vielleicht etwas selbskritischer sein. Nun ja, ich lese auch, daß der deutsche Humor, die Ironie oft mit Zynismus oder Sarkasmus verwechselt wird. Kann sein, daß mir das passiert. Glaube ich aber nicht. Allerdings über das Beispiel Astbruchgefahr zur Erklärung der Möglichkeiten der deutschen Sprache, komplizierte Sachverhalte mit einem einzigen Wort zu beschreiben. In Spanien würde ein Schild, das auf eine eben solche Gefahr hinweist, wie folgt lauten: Sie befinden sich in einem Gebiet, in dem die Gefahr besteht, daß Äste abbrechen und von den Bäumen herunterfallen.

Es ist auch möglich, daß ich das Buch etwas zu negativ sehe, weil ich Hundemüde bin und ich ständig die angefangene Seite von vorne beginnen muß, weil mir zwischendurch die Augen zugefallen sind. Heute passiert nicht mehr viel. Aber dann komme ich morgen wenigstens rechtzeitig aus dem Bett, so daß ich nach Antequera fahren und mir die Dolmen ansehen kann, die ich letzte Woche verpaßt habe. Immerhin wird in einem Wochenrückblick im Fernsehen ausführlich über die Ausschreitungen in El Ejido in der Provinz Almería berichtet. Da ich die Zusammenhänge nur zu überschauen glaube, nicht aber über genaues Detailwissen verfüge, werde ich an dieser Stelle nicht eingehend auf die Hintergründe eingehen. Nur soviel: Spanien steht unter Schock. Der Bürgermeister von El Ejido ist vor Fassungslosigkeit während eines Fernsehinterviews in Tränen ausgebrochen. Es wird händeringend nach positiven Signalen gesucht. Es gibt sie, anscheinend sind beide Seiten, Andalusier und Araber an einer Integration interessiert. Aber der ungebremste Zustrom von Immigranten, die nicht integriert werden und in Ghettos jenseits der Gesellschaft ihr dasein fristen, sorgt für ein vergiftetes Klima.

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Sonntag, 13. Februar 2000

Es gelingt mir früh aufzustehen und so rechtzeitig nach Antequera zu kommen. Den Weg kenne ich ja schon. Die Eile hätte nicht notgetan, Sonntags sind die Dolmen bis 15:30 Uhr geöffnet. Nun, besonders spektakulär sind die kupferzeitlichen Grabmäler nicht, vielmehr ist die Tatsache ihrer Existenz das Spannendste. Ich stehe also zwischen den beiden Grabhügeln und versuche mir auszumalen, was sich hier vor 4500 Jahren angespielt hat. Dann will ich auch noch die Dolmengruppe etwas außerhalb ansteuern, aber nachdem ich mich einmal verfahren habe, beschließe ich doch, Richtung Ardales-Park weiterzufahren. So groß werden die Unterschiede schon nicht sein.

Es ist gut, daß jetzt eine bessere Straßenkarte besitze, allerdings gestaltet es sich schwierig, gleichzeitig Steuermann und Navigator zu machen. In Campillos finde ich die richtige Straße nicht, so daß ich nach einiger Zeit in Teba lande. Auf diese Art und Weise komme ich um die die Aussicht über den Stauseenkomplex, die im Reiseführer in den höchsten Tönen gelobt wird. Aber ich werde so auch mein Ziel erreichen. In der Tat erlebe ich auch so viele schöne Blicke. Ich weiß jetzt, warum die Landesfarben grün und weiß sind. Das saftige Grün der Wiesen und Täler und das Weiß der Häuser, die in der Sonne leuchten. Zwischendrin alles voller Blüten, der Frühling ist da. Die Kirsch- oder Mandelbäume, die letzte Woche nur Knospen trugen stehen jetzt in voller Blüte. Ich fahre die ganze Zeit mit offenem Mund, weil mich der Anblick überwältigt.

Mein Ziel ist die Schlucht von Gaitanes. Dort will ich zumindest ein paar Meter den Königsweg gehen, der in schlechtem Zustand sein soll. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit seien hier unerläßlich heißt es im Reiseführer. Beides besitze ich nicht. So gehe ich vom Parkplatz ein schönes Stück die Zufahrtspiste zum E-Werk entlang. Unter anderem geht es durch einen 50 Meter langen Tunnel. Die Dunkelheit in Verbindung mit dem Kalten Luftzug sorgen für eine gruselige Atmosphäre. Am Zaun des E-Werks hängt ein Schild, daß davon abrät, den Königsweg zu begehen. Ich nehme mir vor, äußerst vorsichtig zu sein. So passiere ich das E-Werk an der Staumauer. Bislang ist der Weg tip top. Doch am Eingang der Schlucht ein erneutes Schild: Durchgang verboten. Außerdem ist der Weg mit einer Kette versperrt. Das hält mich dann doch vom Weitergehen ab. Immerhin kann man die Schlucht erahnen. Ziemlich beeindruckend, die Wände steigen an beiden Seiten mehrere hundert Meter auf. An der engsten Stelle soll die Schlucht nur zehn Meter breit sein. Das bleibt mir allerdings verborgen, denn ich kehre um.

Wenn ich die Schlucht nicht durchwandern kann, muß ich sie eben umgehen. El Chorro heißt mein nächstes Ziel. Als ich wieder auf dem Parkplatz bin und in mein Auto einsteigen will, sehe ich auf der Straße unter mir eine Horde Skater, dem Geschrei nach zu urteilen Amerikaner. Was in aller Welt machen die hier? Der Sache muß ich auf den Grund gehen. Doch als ich unten ankomme, sind die Jungs verschwunden. Nun ja, BS-Wenden und dann ab nach El Chorro. Doch vorher sollte ich auf eine Abzweigung achten, denn ich möchte noch einen kleinen Abstecher in die Geschichte machen. Nach einem Kilometer stoße ich auf die Skater. Die Cruisen hier ganz lässig über die Straße. Zwischendurch sicher ganz nett zum Downhill fahren, aber die Straße ist doch ziemlich kurvenreich und dann die ganzen Autos, ich weiß ja nicht...

Die Abzweigung ist tatsächlich nicht leicht zu sehen. Noch schwieriger ist es allerdings, hineinzufahren, denn der Weg macht gleich einen scharfen Knick. Die Straße ist in einem abenteuerlichen Zustand. Nur eine Vollbremsung verhindert einen Achsbruch, denn das Schlagloch, durch das ich fahre, ist 30 cm tief. Gut, daß der Reiseführer von einem unscheinbaren Schild am Straßenrand spricht, sonst hätte ich das verwitterte Etwas an der rechten Seite glatt übersehen. Ein schmaler Trampelpfad führt zu den Ruinen von Bobastro. Am Eindrucksvollsten ist die Iglésia Mozárabe (Basilika Rupestre) aus dem Jahre 900, eine Kirche, die Komplett aus dem Fels gehauen wurde. Von der Stadt Bobastro hat Omar Ibn-Hafsun Aufstände gegen das Emirat von Córdoba geführt. Es heißt, er habe zeitweise ganz Ost-Andalusien beherrscht. Etwas weiter Oberhalb der Basilika stehen Mauereste, die ansich keinen Besuch wert sind, allerdings genießt man von hier oben eine wunderbare Aussicht. Der Blick ist eine Abwechslung von dem Anblick der Sierra Nevada, die sich als ein großer Klotz von Granada aus darstellt (ist nicht negativ gemeint!). Hier schiebt sich eine Hügelkette hinter die anderen, jede in einem anderen dunkelgrün, die weiter hinten gelegenen verschwimmen im Dunst.

Ich folge der Straße bis zu ihrem Ende. Dabei muß ich eine Betonrampe überwinden. Rechts geht es vielleicht zweihundert Meter den Abhang hinunter, links etwa zwanzig bis zu einem kleinen Stausee oder eher -tümpel. Zum Glück ist der Weg durch Leitplanken gesichert. Von oben kann man dann das ganze Valle del Sol überblicken. Desweiteren befindet sich dort eine kleine Bar, die ich aber nicht aufsuche. Rings um das Gebäude erinnert die Landschaft an Almen. Das Gras sieht so saftig aus, das ich glatt reinbeißen möchte. Doch nun die ganze Strecke wieder herunter und weiter Richtung El Chorro. Schon beim Hochfahren ist mir eine Stelle aufgefallen, an der ein Leitpfosten mitten auf der Gegenfahrbahn steht. Dummerweise kommt mir beim Herunterfahren genau an dieser Stelle ein Auto entgegen. Wie üblich verlasse ich die Mitte der Straße, da sehe ich den Leitpfosten auf mich zukommen. Die Vollbremsung bringt nichts, weil das Auto auf dem schottrigen Untergrund sofort ins Rutschen gerät. Also nehme ich, als das andere Auto vorbei ist, den Fuß von der Bremse und reiße das Steuer herum. Knappe Sache, gut, daß ich nicht so schnell gefahren bin.

Hinter einer Kurve sehe ich, daß mehrere Leute rechts an den Rand fahren. Haben die ein Problem oder was? Ich drehe mich kurz um und sehe den Grund. Von hier kann man die andere Seite der Schlucht von Gaitanes sehen. Es kommt auch gleich in großer Parkplatz, auf dem sich Leute aus aller Herren Länder versammeln. Es gibt sehr viele Engländer hier, aber auch Franzosen und Deutsche (und natürlich Spanier). Ein paar Techno-Freaks sorgen für Musik. Die haben sich alle ganz schön herausgeputzt für einen Ausflug in die Natur. Auf jeden Fall grölen die Frauen ziemlich ordinär. Ich ziehe bald weiter, weil mir hier zuviele Leute sind. In El Chorro werden es aber noch viel mehr. Der Ort platzt aus allen nähten. Ich hatte noch kurz mit dem Gedanken gespielt, von dieser Seite aus zu versuchen, in die Schlucht vorzudringen. Aber ich habe keine Lust auf dieses Gewühle. Außerdem ist die Zeit fortgeschritten, ich sollte langsam an die Rückfahrt denken, damit ich im Dunkeln durch die Berge kurven muß.

Diese Entscheidung stellt sich als richtig heraus, denn der Weg zurück nach Antequera ist weit. Ich fahre zunächst noch ein Stück durch das Valle del Sol Richtung Málaga, bis ich zu der Ortschaft Alora gelange. Von dort geht es dann auf kurvenreichen Straßen nach Antequera. Es ist schon dämmrig, als ich dort ankomme. Eine Sache, die mir sehr positiv auffällt, ist, daß viele Spanier in der Dämmerung schon mit Standlicht fahren. So sind sie viel besser zu erkennen, ohne daß sie einen blenden. Nach einer Ortsdurchfahrt durch Antequrera geht es wieder auf die Autobahn nach Granada.

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© 2000 by Torsten Klie

Letzte Aktualisierung am: 28.02.2000