Um wieder mobil zu werden, will ich als erstes mein Fahrrad reparieren lassen. Als ich um zehn aus dem Haus gehe, sehe ich, daß der Fahrradladen noch geschlossen hat. Also die Treppe wieder rauf, Rechner abgebaut, im Rucksack verstaut (das ist das Schöne an einem Notebook, mein Rechner zu Hause paßt nicht mal in einen Koffer) und auf zum Corte Inglés. Dort treffe ich den Herrn mittleren Alters an, der mir auch den Rechner verkauft hat. Ich schildere das Problem, führe es vor und schon holt er ein Service-Formular hervor, daß er für mich ausfüllt. Ich hatte mich eigentlich schon auf Überzeugungsarbeit eingestellt, die ich noch zu leisten hätte. Auch erkennt der Rechner jetzt die CD überhaupt nicht. Gelegentlich hat es ja noch funktioniert, aber heute gibt es keinen Vorführeffekt.
Zunächst heißt es, ich müßte bis Donnerstag warten, vielleicht auch bis Freitag. Dann überlegt der Verkäufer und fügt hinzu, daß er auch erst Montag nächster Woche fertig sein könnte, schließlich müßte er nach Madrid eingeschickt werden. Aber allerspätestens nächste Woche Dienstag ist er wieder hier. Ich habe keine Lust, zu warten, bis er mir Januar 2002 verspricht, deshalb unterbreche ich das Gespräch und verabschiede mich. Immerhin verspricht er, mich anzurufen, wenn das Gerät wieder da ist.
Inzwischen hat der Fahrradladen geöffnet, so daß ich mein Rad hinbringen kann. Der Mechaniker sagt, daß er es auf jeden Fall bis Mittag fertig hat. Ich erwidere, daß es nicht eilt und es heute Nachmittag auch noch reicht. Ein Fehler, wie sich später herausstellen wird.
Wieder zu Hause, will ich nur kurz in die Küche gehen, um etwas zu holen, was man dort braucht, wo auch die Kaiser und Könige zu Fuß hingehen. In der Küche treffe ich auf Ada, die gerade Fischhäppchen vorbereitet. Die lagen die letzten 24 Stunden im Wasser, um das Salz herauszuspülen. Ich kann nicht wiederstehen, als Ada mir welche anbietet. Sie sind fantastisch, allerdings immer noch sehr salzig, weshalb Ada der Meinung ist, man müsse unbedingt Wein dazu trinken. Ohne meine Antwort abzuwarten, schenkt sie mir schon ein Glas Rotwein ein. Dabei handelt es sich nicht um irgendeinen Rotwein, sondern um sehr schweren aus der Provinz Huelva, der eigentlich wie Sherry schmeckt. Staubtrocken, genau mein Geschmack, weshalb es nicht bei dem einen Glas bleibt. Dann tafelt Ada noch Serrano-Schinken auf und meint, ich müsse unbedingt noch die süße Variante des Weins probieren, der sei so ähnlich wie Málaga-Wein. Finde ich nicht ganz so lecker. Jedenfalls erzählt sie mir von der Pfingstwallfahrt in El Rocío, einer kleinen Gemeinde in der Provinz Huelva (650 Seelen). Dort fallen zu Pfingsten mehrere hunderttausend (!) Pilgerer ein, die der "Paloma Blanca", der dortige Marienstatue huldigen wollen. Laut Reiseführer eine Mischung aus religiösem Happening und Volksfest. Ada will Ende Februar eine Wochenend-Busreise dorthin unternehmen und versucht die ganze Zeit mich dazu zu überreden, gemeinsam mit ihr dorthinzufahren. Mir ist allerdings nicht klar, was man im Februar dort will. 5l-Kanister mit Rotwein kaufen, wie jedes Jahr.
Als ich die Küche verlasse, stelle ich mit Erschrecken fest, daß ich schon ziemlich angeheitert bin. Ich habe vorher überlegt, ob ich nicht nach dem Essen zur Uni fahren soll. Das hat sich jetzt aber erledigt. Stattdessen besuche ich das Internetcafé, aber aus dem Hochladen des Tagebuchs wird mal wieder nichts. Ich schicke eine Mail, wobei ich feststelle, daß ich Schwierigkeiten mit dem Tippen habe, denn ich treffe immer die falschen Tasten. Vielleicht hätte ich doch auf das Glas Rotwein in der Mensa verzichten sollen.
Ich beschließe, mich ein wenig hinzulegen, um mich auszuruhen. Das ist ein Fehler, denn ich schlafe für eine Stunde richtig ein und bin hinterher völlig fertig. Dennoch schleppe ich mich zum Fahrradladen. Der Mechaniker hat das Rad natürlich noch nicht angerührt. Er macht sich aber gleich an die Arbeit, als ich zur Tür hereintrete. Das Problem ist das Ventil, aus dem Luft entweicht. Er tauscht es aus und läßt mich ohne etwas dafür zu bezahlen von dannen ziehen.
Wie erwartet, habe ich von Juán Miguel noch keine Nachricht erhalten. Also gehe ich in sein Büro. Dort bekomme ich auch mit, warum er mir nie antwortet, wenn ich ihm schreibe. Ich bin mit meinem Anliegen keine fünf Minuten bei ihm; in der Zeit kommen zwei Leute herein, die etwas von ihm wollen. Juán Miguel kannste mal hier, kannste mal da, kannste das 'mal reparieren, das funktioniert irgendwie nicht. Er scheint das Mädchen für alles zu sein. Immerhin bekomme ich die Berechtigung, Directories anzulegen.
Ich probiere die ganze Zeit herum, aber das System behauptet standhaft, die Dateien würden nicht existieren. Bis zum Mittagessen geht das so, bis ich eine Mail an meinen Tutor verfasse. Ich weiß zwar, daß er mir nicht antworten wird, aber so fällt es mir morgen leichter, denn dann weiß er schon, worum es geht, wenn ich ihn morgen aufsuche. Meine Vermutung ist, daß das Importieren von einem Win95-Dateisystem wegen fehlender Benutzer-Zugriffsrechte-Verwaltung nicht möglich ist. Die Dokumentation spricht nur von WinNT und UNIX. Entweder heißt das, daß es nicht geht oder daß sie nichtdavon ausgehen, daß irgendwer so verrückt ist, und ernsthaft mit Win 95 Arbeiten will.
Laut Wetterbericht ist es heute bewölkt, was ich nicht bestätigen kann. Da die Bewölkung aber in den nächsten Tagen zunehmen soll, und ich mich nicht darauf verlassen will, daß sich der Wetterbericht auch in den nächsten Tagen irrt, schnappe ich mir meine Kamera und gehe in den Albaycín hinauf. Es funktioniert! Die Sierra Nevada hängt heute nicht im Dunst. Allerdings sind Teile der Alhambra schon im Schatten verschwunden. Mal sehen, wie die Fotos werden. Auf dem Rückweg zeigt mir ein Spanier, wie man "richtig" einparkt. Er setzt seinen Seat Marbella soweit zurück, bis er gegen eine Mülltonne gefahren ist. Dann rollt er ein Stück nach vorne, um Schwung zu holen, und schiebt die Mülltonne mit einem lauten Krachen einen halben Meter zurück.
Anschließend treffe ich mich mit Kai. Er ist umgezogen, und ich möchte seinen neue Wohnung sehen. Ich bin immer neugierig, wie andere wohnen. Dort treffen wir auf Manolo, seinen spanischen Mitbewohner, der Optik studiert und jetzt dummerweise zur Examensphase krank geworden ist. Er spricht auch deutsch, allerdings unterhalten wir uns auf spanisch. Wahrscheinlich wegen seiner Fremdsprachenkenntnisse kann er sich in unsere Lage versetzen und spricht und spricht langsam, so daß ich ihn ganz gut verstehen kann.
Ich werde von innerer Unruhe getrieben und laufe fast den ganzen Abend (18:30 - 19:30 Uhr und 20:30 - 22:15 Uhr) durch die Stadt, die inzwischen verdammt dunkel und kalt ist.
Der Praktikumsraum ist abgeschlossen, als ich dort ankomme. Ein mir bisher unbekannter Pförtner öffnet mir die Tür. Er ist unglaublich freundlich, allerdings auch etwas redselig. Er erzählt mir von seinem Bruder, der Ulicius heißt (ich werde in der "Praktikumsraumbetretungsberechtigungsliste" als "Ullie" geführt, was u.a. auch an meiner schlechten Handschrift liegt).
Als ich Juán Miguel in seinem Büro aufsuche, weiß er tatsächlich schon, worum es geht. Er meint, man könne nur Dateien importieren, die direkt auf dem Server liegen, d.h. die Laufwerke müssen beim Server gemountet sein. Ich müßte also das Verzeichnis F:\Erasmus auf dem Server auch auf dem Client als F:\Erasmus mounten. Das klingt für mich geradezu absurd. Was macht man denn, wenn der Server ein UNIX-System ist und man mit einem Windows-Client arbeiten will? Außerdem kann man "gewöhnliche" DB-Tätigkeit auch über TCP/IP und mit Hilfe von Java plattformunabhängig über das Internet erledigen. Wie dem auch sei, er scheint Recht zu haben, denn nun werden die Dateien gefunden, aber der RPC für das Importieren schlägt fehl. Das ändert sich auch nicht, egal wie ich mein Programm umschreibe.
Diesmal will ich nicht bis morgen warten, sondern gehe gleich rauf zu Juán Miguel. Er wird schon belagert, es stehen drei Leute um ihn herum. Er verspricht mir, sich des Problems anzunehmen. Allerdings nicht mehr heute. Auf diese Art und Weise kann ich die ETSII heute einmal ohne schlechtes Gewissen verlassen, denn nun liegt die Verzögerung nicht an mir.
Beim Frühstück erzählt mir Ada, daß Guillermo krank ist und zum Auskurieren nach Hause gefahren ist (irgendwo in der Gegend von Málaga soll das sein). Auch Ada macht nicht gerade einen gesunden Eindruck. Sie rät mir, mich vorzusehen, daß ich nicht auch noch krank werde. Allerdings ist es dazu schon zu spät. Seit einigen Tagen habe ich Zahnschmerzen, ein deutliches Zeichen, daß die Seuche im Anmarsch ist. Auch ein leichtes kratzen im Hals spüre ich.
Juán Miguel ist heute gleich bei der Sache. Sofort macht er sich an die Arbeit und geht dem Problem auf den Grund. Er will, daß ich zunächst das C-Programm, daß er mir vor einiger Zeit mal gegeben hatte, ausprobiere. Glücklicherweise erscheint auf dem Bildschirm die gleiche Fehlermeldung wie bei meinem Programm. Er meldet sich über VNC als Administrator auf dem Oracle-Server an, der ohne Gehäuseverkleidung in seinem Büro steht und einen höllischen Lärm verursacht (genauer gesagt ein Pfeifen). Normalerweise hat man dafür extra Serverräume. Jedenfalls hackt er wild in der Registry herum. Hoffentlich weiß er, was er da tut. Aber das ist ja kein wichtiger Server, der ist ja nur für Studenten, die ein Praktikum machen...
Leider führt das alles nicht zum Erfolg. Ein Listener müsse noch konfiguriert werden, aber das schaffe er heute nicht mehr.
Als ich aufwache merke ich, daß ich krank bin. Die Vorstellung, in dem Zustand am Rechner arbeiten zu müssen, macht mir nichts aus. Was mich vom Aufstehen abhält ist der Weg auf dem Fahrrad durch die eiskalte Morgenluft. So fahre ich erst eine Stunde später als sonst zur ETSII. Was soll ich sagen, natürlich funktioniert wieder gar nichts, Juán Miguel ist auch nicht aufzutreiben ("Ja, er ist hier irgendwo, aber wo genau weiß ich auch nicht"). Ich habe keine Lust, sämtliche Büros der Professoren abzuklappern, ob vielleicht einer Bescheid weiß. So mache ich mich dann nach dem zweiten vergeblichen Versuch eine Stunde früher als sonst auf dem Weg in die Mensa. Eigentlich keine schlechte Devise, lieber später anfangen und dafür etwas eher gehen.
Auch das leichte Fieber kann mich nicht von meinem samstäglichen Stadtbummel abhalten. Besonders gut bekommt mir die Sache aber nicht. Den Rest des Tages verbringe ich vor dem Fernseher. Was soll ich auch sonst machen, ich habe ja keinen Rechner. Im Werbefernsehen gibt es ein Wiedersehen mit Angelo aus der Nescafé-Werbung ("Isch ahbe gar kain Auto!"), der sich nach zehn Jahren in dieser Rolle zurückgezogen hat. Ich muß sagen, sein Spanisch klingt genauso charmant wie sein Deutsch.
Zeitschriften mit Gimmicks sind momentan der totale Renner. Von Motorradmodellen über Parfums bis hin zu Modellen von Rittern und Schätzen aus dem Alten Ägypten gibt es alles mit einer neuen Zeitschriftenreihe. Der Gipfel ist allerdings ein Spot für ein Vollkornbrot, in dem eine Frau auf dem Klo sitzt und erzählt, wie toll es doch ist, daß dieses Vollkornbrot soviele Ballaststoffe enthält. Das ist zuviel für mich und ich muß mich hinlegen. Ich nicke nur kurz ein, fühle mich danach schon wesentlich gesünder. Offenbar habe ich den Höhepunkt der Erkältung schon hinter mir.
Da das Wetter so herrlich ist, gehe ich vor dem Mittagessen eine Stunde im Lorca-Park spazieren. Eigentlich will ich gar nicht die ganze Zeit herumlaufen, aber nach zehn Minuten sitzen in der prallen Sonne habe ich es nicht mehr ausgehalten. Allerdings kühlt der Blick zur Sierra Nevada, die hinter den Häusern auftaucht. Hier muß ich auch noch mal mit der Kamera hin.
© 2000 by Torsten Klie
Letzte Aktualisierung am: 08.02.2000