Weil ein Tag Kater auch zu wenig ist, geht es mir heute immer noch schlecht. Ich muß entweder öfter weggehen, oder gar nicht. Da es regnet, habe ich ïüberhaupt keine Lust, zur ETSII zu fahren. Ich habe auch zu Hause Beschäftigung. Unter anderem reserviere ich ein Zimmer in Malaga im Hotel Las Americas. Mein Gesprächspartner gibt sich Mühe, langsam zu sprechen, allerdings spricht er "spanglish". Den Preis hätte ich bestimmt auch auf Spanisch verstanden. Es ist ja nett gemein, aber irgendwie nervt es, ständig zwischen zwei Fremdsprachen hinundherwechseln zu müssen. Sei es drum, ich habe eine Reservierung.
Nachdem ich in der Mensa gegessen habe, gehe ich ins Internetcafé. Ich bin etwas früher dran als sonst, und der Tripod-Dateimanager hat sich bereits nach einer Minute aufgebaut. Das Hochladen klappt problemlos. Dann die große Überraschung. Ich habe 13 neue Mails in meiner Inbox. Die Hälfte ist allerdings vom Börsenspiel, denn ich habe letzten Freitag ein paar Transaktionen durchgeführt. Von Juan Miguel ist natürlich keine Post dabei. Deshalb werde ich morgen früh genug Zeit haben, um auf die reichliche Post zu antworten. Nur noch ein kurzer Blick auf die Homepage. Ich hätte mir die Seiten vorher anschauen sollen, ich entdecke auf den ersten Blick vier Tippfehler. Leider reagiert Tripod nicht mehr. Also kann ich es im Laufe der nächsten Tage erneut probieren.
Der Rückweg wird unangenehm, denn inzwischen regnet es wieder. Allerdings ist es erstaunlich mild. Ich lasse mich natürlich gleich von den ersten Aussteigern anpöbeln. Ist ja schön für sie, daß sie einen alternativen Lebensstil gefunden haben, deshalb müssen sie mich aber nicht anbetteln und anpöbeln. Wenn ich schon jemandem Geld gebe, dann jemandem, der abgestürzt ist, nicht jemandem der (mehr oder weniger) freiwillig auf der Straße lebt. Natürlich ärgere ich mich, daß ich die Beleidigung einfach ignoriert und auf mir sitzen lassen habe. Schließlich kenne ich mittlerweile genügend spanische Beleidigungen. Aber wer weiß, wohin das führt. So schrei(b)e ich den Ärger halt in den Cyberspace. Aber nächstesmal ...
Heute offenbart Jerónimo, daß er keine Lust hatte, sich auf die Stunde vorzubereiten und wir deshalb nur kurz das Buch durchgehen und uns Tips für die Prüfung geben lassen. Danach ist offene Stunde. Jetzt wäre Zeit für Kritik, aber wie immer kriegt niemand die Zähne auseinander (bei diesem Vorwurf schließe ich mich ausdrücklich ein). Immerhin sprechen wir noch kurz über Weihnachts- und Sylvesterbräuche. In Spanien ist natürlich nicht nur der erste Januar Feiertag, sondern auch der 31. Dezember,der zweite Januar und der sechste Januar, an dem es die Geschenke gibt. Doch diese Tradition ändert sich langsam zugunsten des 24. Dezembers, weil ja die Kinder "schon" am 10. Januar wieder in die Schule müssen und so nur wenig Zeit haben, ihren neuen Spielsachen auszuprobieren.
Anschließend wollen wir noch Tapas einnehmen, aber mir fällt ein, daß ich ja heute eine Verabredung mit "zero zero siete" habe. Erst jetzt wird mir klar, daß ich ja mit dem Auto fahren will, da kann ich unmöglich vorher etwas trinken. Bei dem Verkehr geht das wirklich nicht, obwohl hier die Promillegrenze bei 0,8 liegt. Aber nicht für mich. Außerdem gehen wir übermorgen nach der Prüfung gemeinsam aus.
Zu Hause begegnet mir Guillermo. Er sieht erholt aus und bestätigt, daß er die ganze Woche auf seinem Sofa verbracht hat. Ada hat inzwischen einen Weihnachtsbaum im Flur aufgestellt. Der ist im Prinzip nicht häßlich, bis auf die Beleuchtung. Rotes Blinklicht, das in einem unregelmäßigen Takt flackert. Das macht nicht nur Pepito verrückt. Verrückt ist auch, daß sowohl Mercadona, als auch das Neptuno-Einkaufszentrum näher an meiner Wohnung liegen, als mein Parkplatz. So sind es doch fast fünf Minuten Fußmarsch. Auch die Autofahrt geht wegen der vielen Ampeln nicht schneller als eine Fahrt mit dem Bus. Wir kommen aber gerade noch rechtzeitig ins Kino.
Der Film ist klasse, ein typischer Bond eben. Auch wenn die böse Person diesmal nicht mit jemandem aus Deutschland besetzt ist. Diesmal sitzen wir nicht in der zweiten, sondern in der neunten Reihe. Das Kino ist halb leer, so haben wir niemanden mehr vor uns und können die fast pausenlose Action genießen. Ach ja, wir das sind in diesem Fall Kai, seine beiden englischen Mitbewohner und ich. In dieser Formation spielen wir anschließend noch ein paar Runden Skat. Es ist das erste Mal, daß ich dieses Spiel auf englisch mache. Aber so kann ich nebenbei auch gleich noch ein bißchen englisch lernen. Die Rückfahrt ist furchtbar einsam, auf den Straßen ist um kurz nach zwei gar nichts mehr los. Dann geschieht ein Wunder. Ich fahre eigentlich nur routinemäß durch meine Straße, ohne ernsthaft mit einem Parkplatz zu rechnen. Doch es tut sich plötzliche eine riesengroße Parklücke genau vor meiner Haustür auf. Unglaublich!
Weil ich gestern so spät ins Bett gegangen bin, fällt das Aufstehen entsprechend schwer. Aber ich kann nicht schon wieder zu Hause bleiben. Die Straßen sind naß und rutschig, weil es die Nacht über geregnet hat. Allerdings ist es einigermaßen warm. Natürlich läuft die Heizung im Praktikumsraum auf vollen Touren, so daß es wohl bald 30°C sein dürften. Das Netz ist heute nur eingeschränkt da. Weder die Verbindung zum Internet noch die zur Oracle-Datenbank kommen zu stande, so daß schon nach wenigen Minuten unverrichteter Dinge die ETSII wieder verlasse. Ich rege mich aber nicht auf, denn schließlig gewinne ich so Zeit für die Vorbereitung auf die Prüfung.
Ich konzentriere mich mehr auf die Vokabeln, schließlich legt Jerónimo mehr Wert darauf. Den Grammatikteil bekomme ich zur Not auch aus dem Bauch heraus hin, hoffe ich zumindest. Aber so furchtbar schwer wird der Test schon nicht werden. Es sind 100 Fragen, man muß wahr oder falsch ankreuzen. Gegen Abend komme ich aber doch noch zur Grammatik. Das haben wir ja alles schon gehabt, es ist jetzt mehr eine Wiederholung. Jetzt bei Null abzufangen, wäre Unsinn, schließlich brauche ich das Zertifikat nicht, ich will bloß mal sehen, wo ich stehe. Außerdem brauche ich einen Vorwand, die Grammatik zu wiederholen.
Als mein Wecker klingelt, glaube ich mich beim Stellen desselben geirrt zu haben, denn es scheint noch mitten in der Nacht zu sein. Doch die Uhrzeit stimmt. Es gießt in Strömen, deshalb ist es dunkel. Ich fühle mich irgendwie nicht besonders. Zunächst einmal will ich abwarten, wie sich das Wetter entwickelt, denn bei dem Regen fahre ich nicht mit dem Fahrrad. Ich könnte ja mit dem Auto fahren, aber wie soll ich dann zur Mensa kommen? Deshalb mache ich erst meinen Einkauf und beginne zu lernen. Das Wetter ändert sich nicht. Erst als ich zum Mittagessen in die Mensa gehen will, ist es besser. So fahre ich also nicht zur ETSII.
Da ich aber ein schlechtes Gewissen habe, gehe ich ins Internetcafé, um nachzusehen, ob Juan Miguel geschrieben hat. Außerdem kann ich so die groben Schnitzer korrigieren, die ich beim letzten Upload eingebaut habe. Als ich die Tür zum fREEMEMory aufmache, entdecke ich Kai. Ich bin ziemlich überrascht, damit habe ich nicht gerechnet. Was soll ich sagen, Juan Miguel hat natürlich nicht geschrieben, dafür geht das Hochladen zügig. Ich führe Kai die Homepage vor, dabei entdecke ich neue Fehler. Z.B. in der achten Woche wird das Hintergrundbild nicht angezeigt, weil ich die Datei wohl zuletzt mit Front Page Express gespeichert habe und das Programm den Link auf das Bild nicht relativ zur Seite, sondern absolut gespeichert hat (also "C:\windows\Profiles\......."). Warum sagt mir sowas keiner? Vielleicht sollte ich erst Dienstags oder Mittwochs die Aktualisierungen vornehmen, so hätte ich Zeit zum Testen. Denn momentan sieht es so aus, daß ich Montags vormittags in einer Hau-Ruck-Aktion die Sonntagseinträge tippe, kurz bevor ich die Dateien hochlade. Na gut, es kommt mehr auf den Inhalt an, als auf das Layout.
Auch wenn heute das Examen stattfindet, beginnen wir erst zehn nach sechs, wie üblich. Jerónimo teilt die Bögen aus, schaltet die Musikanlage ein und legt Mozart auf, zur Beruhigung, wie er sagt. Diese Beruhigung habe ich auch bitter nötig, denn die Fragen sind äußerst schwierig, z.T. irgendwie absurd: "Bürgermeister zu Rathaus wie Gulli zu Straße." In diesem Fallsagt er uns die Antwort, natürlich richtig, denn der Bürgermeister arbeitet im Rathaus und der Gulli "arbeitet" auf der Straße. Ich hasse solche Fragen. "Beschissener Snob ist das gleiche wie Arschloch." ????? Das sind jetzt Extrembeispiele, es gibt auch "normale" Fragen. Ich beantworte die meisten Fragen aus dem Bauch heraus. Damit habe ich meistens Glück, doch diese Woche ist mein Bauch nicht gut drauf. Ich bin gespannt auf morgen. Während der Prüfung tauchen zwei Leute vor dem Fenster auf, einer davon ist dem Akzent nach zu urteilen Deutscher. Er belegt eine Frau auf Spanisch. Als er mit völliger Begeisterung sagt "Mir gefallen auch die Tapas!", gibt es im Kurs kein halten mehr. Wir schütten uns aus vor Lachen.
Nach der Prüfung versammeln wir uns in der Cafeteria. Jerónimo will erst morgen mit uns ausgehen, die anderen scheinen auch nicht gerade so furchtbar viel Lust zu verspüren, Granadas Kneipen unsicher zu machen. Cyrille erzählt mir, was seinem Auto schon alles passiert ist. La Chana scheint wirklich eine unsichere Gegend zu sein. Anschließend gehe ich noch mit ein paar Deutschen Tapas einnehmen. Die große Tour findet erst morgen statt. So sehe ich den Abend fern. Freixenet bringt einen fünfminütigen Werbespot. Der Schaumwein muß zu teuer sein.
Es ist furchtbar kalt in meinem Zimmer, so daß das Aufstehen reichlich schwerfällt. Trotzdem komme ich einigermaßen zeitig zur ETSII. Es ist keine neue Post da, so mache ich mich gleich daran, die Post der letzten Tage zu beantworten. Doch gleich als ich den ersten Brief geschrieben habe, streikt das Internet. Zum Glück kann ich den Text noch speichern, so daß die Arbeit nicht ganz umsonst ist. Also fahre ich wieder nach Hause. Das ist gar nicht so einfach, denn wenn man mitten auf der Straße fährt, wird man angehupt, fährt man brav am Straßenrand, schneiden einen die Rechtssabbieger.
Ich will ein bißchen an meiner Studienarbeit schreiben, aber das ist gar nicht so einfach. Vor meinem Fenster finden wieder Bauarbeiten mit schwerem Gerät statt. Wenn der Rüttler gerade keinen Lärm macht, dann singt der Penner, der unter meinem Fenster wohnt. Außerdem ist es so kalt in meinem Zimmer, daß ich meine Finger kaum auf der Tastatur bewegen kann. Mit Handschuhen läßt es sich schlecht tippen. Auch weiß ich nicht so recht, was ich schreiben soll. So nehme ich mir die Fotos vor und scanne sie ein. Ich werde über Weihnachten die Bilder mitnehmen und in Braunschweig lassen. Dann habe ich sie in elektronischer Form und kann sie benutzen, wenn ich ein neues Fotoalbum dem Tagebuch hinzufügen will.
Diese Arbeit zieht sich länger als erwartet. Eigentlich habe ich geplant, früh zum Essen zu gehen, aber es ist viertel nach drei, als ich in der Schlange stehe. Ich wundere mich, warum die Leute alle halbvolle Teller zurückgeben. Als ich dann nach 20 Minuten warten mein Essen habe, weiß ich warum. Es liegt nicht am Geschmack, es liegt an der Menge. Ein Weißkohlsalat mit Kroketten, dann eine Pizza. Als Hauptgericht gibt es Schweinefleisch Hawaiianisch, dazu Reis mit Erbsen, Speck und Zwiebeln. Zum Nachtisch kommt noch eine Apfelsine hinzu. Ach ja, das obligatorische Brötchen darf auch nicht fehlen. Dieses Mahl sättigt mich so sehr, daß ich darüber berichten muß. Denn wann bin ich in der braunschweiger Mensa schon mal satt geworden?
Auf dem Rückweg beginnt es zu schneien. Es ist lausig kalt geworden, obwohl die Sonne scheint. Die Schneeflocken werden wohl von den dunklen Wolken über den Bergen hierher gebracht. Passend zum Wetter habe ich gleich die richtige Aufgabe. Wäsche aufhängen, ein letztes Mal vor der Abreise. Es wird heute Nacht wahrscheinlich frieren, aber es muß schon starker Frost sein, der in den Innenhof und bis unter die Plane vordringt. Außerdem ist das Haus nicht gut isoliert, so daß der Wäsche keine Gefahr droht.
Ich bin genervt, weil auf der Kreuzung vor meinem Fenster ein Polizist den dichten Verkehr regelt. Er scheint nicht einmal Luft zu holen, sondern bläst unaufhörlich in seine Trillerpfeife. Als ich zum Sprachkurs aufbreche, muß ich mich mal wieder beeilen. Eine Frau weicht mir aus, was ihr zum Verhängnis wird. Sie tritt auf einen kleinen Gulli, welcher offenbar klüger ist und nachgibt. Als ich sehe, daß sie sich wieder aufrappelt, gehe ich weiter. Ich wundere mich, daß ich der erste bin. Kurz nach mir trifft Leonardo ein. Niemand sonst erscheint. Ich warte bis viertel nach, dann mache ich mich auf die Suche. Sala de Actos hatten wir ausgemacht. Aber weder im besagten Raum noch in unserem gewöhnlichen Klassenzimmer sind die Leute. Plötzlich öffnet sich die Tür eines Klassenraumes und Alfredo tritt heraus, um mich hereinzurufen.
Das Ergebnis der Prüfung überrascht mich sehr. 96%! Beim Besprechen entdecke ich alleine auf der zweiten Seite acht Fehler. Das kann bei 100 Fragen eigentlich nicht hinkommen. Aber bei den anderen sieht es genauso aus. Nun ja, ein beschissener Snob ist kein Arschloch. Interpretationssache, wie ich meine. Anschließend werden Adressen ausgetauscht und ein Treffpunkt für heute Abend vereinbart. Um zehn am Brunnen auf der Plaza Nueva. Wahrscheinlich der kälteste Punkt ganz Granadas. Irgendwie bedaure ich es, daß der Kurs vorbei ist.
Um Punkt zehn stehe ich am Brunnen auf der Plaza Nueva. Ich bin natürlich der erste, Aber nach eingen Augenblicken erscheint Lauranne. Dann passiert eine Viertelstunde gar nichts. Nach und nach trudeln dann noch ein paar Leute ein, aber von Jerónimo ist bis halb elf nichts zu sehen. Also ziehen wir ohne ihn los. Aber irgendwie ist die Stimmung getrübt. Immerhin hatten wir uns vorgenommen, ihn ordentlich abzufüllen. Er hätte wenigstens anrufen und absagen können. Es dauert gar nicht so lange, dann verziehen sich die Leute wieder, und um kurz nach eins ist die große Tour schon zu Ende. Immerhin schneit es jetzt richtig.
Es ist gut, daß wir gestern nicht so lange gemacht haben, denn es wird wieder gearbeitet. Diesmal ist es ein Möbelwagen, der mit einem Lastenaufzug Möbel in die Wohnung über mir befördert. Auf der anderen Straßenseite wird gelegentlich ein Preßlufthammer benutzt. Das Konzert wird durch Gesangseinlagen "meines" Penners zu einem unerträglichen Lärm. Der erste Schluck Wasser aus der Flasche, die am Fenster steht, tut richtig weh. Immerhin sind keine Eiswürfel drin. Wenn ich nicht meine dicke Bettdecke mitgebracht hätte, wäre ich schon längst erfroren.
Die Luft draußen ist herrlich klar. Man hat eine fantastische Sicht auf die Sierra Nevada. Da es nicht mehr ganz so früh ist, kann man es auf dem Fahrrad aushalten, weil die Sonne wärmt. Wehe man fährt zu lange im Schatten. Zum ersten Mal fallen mir die Orangenbäumchen auf, die mitten auf der Camino de Ronda stehen. Ob den Orangen die Kälte gefällt? Jedenfalls das Internet scheint eingefroren zu sein. Es ist nicht möglich, darauf zuzugreifen. Ich gehe also zu Juan Miguels Büro, um mich von ihm zu verabschieden und ihm frohe Weihnachten zu wünschen, usw. Aber er ist nicht da. So fahre ich (mal wieder) unverrichteter Dinge nach Hause.
Auch heute muß ich das Mittagessen beschreiben. Es gibt eine Suppe, ein Fischfilet, daß in Olivenöl schwimmt, darauf liegen ganze Knoblauchbrocken. Dazu gibt es Kartoffelsalat. Anschließend Zwiebelkuchen und einen Obstsalat. Scheint ein Weihnachtsmahl zu sein. So gestärkt gehe ich in FreeMEMory, um ein paar Mails zu schreiben. Natürlich vergesse ich, Jerónimo nach einer Begründung für seine Abwesenheit zu fragen. Überhaupt bin ich total erschöpft (könnte am Essen liegen). Als ich gerade gehen will, bekomme ich eine Mail, daß jemand am Chatten ist. Dumm, daß ich keine Ahnung habe, was ich da machen kann, um mich einzuklinken. Sicher war die Mitteilung als Einladung gedacht. Nun ja, wir sehen uns ja nächste Woche.
Mittlerweile kann ich es kaum noch erwarten, nach Hause zu kommen. Das liegt nicht zuletzt an der allgemeinen Aufbruchstimmung, die herrscht, denn schließlich fährt bestimmt die Hälfte aller Erasmusstudenten über Weihnachten nach Hause. Einige sind schon weg, die nächsten verschwinden im Laufe der nächsten Tage. Ich habe mich schon von vielen verabschiedet. Wenn man sich verabschiedet, muß man auch weggehen, finde ich. Vorher habe ich Besorgungen zu machen. Ich habe erfahren, daß es bei Lidl Christ-Stollen gibt. Das ist doch ein passendes Weihnachtsgeschenk für Ada.
Wie in fast allen Mails angekündigt, packe ich schon einmal den Koffer. Ich will vor allem Sachen mitnehmen, die ich hier nicht mehr brauchen werde, also in erster Linie die Teile meines Rechners, die ich in der Annahme, hier einen neuen Desktop-PC zu kaufen, mitgenommen hatte. Klamotten habe ich zu Hause auch, die brauche ich nicht mitzunehmen. Der Koffer wird bei weitem nicht voll, wiegt aber bestimmt schon über 25 kg. Wie soll das dann auf dem "zweiten Rückflug" im Januar werden? Fliege ich dann mit einem fast leeren Koffer? Ach nein, da wird sich bestimmt noch einiges finden lassen, was ich zu brauchen meine. Obwohl der Sinn des Rücktransports der Elektronikteile darin liegt, die Rückreise im April zu erleichtern. Den Abend über verbringe ich dann vor dem Fernseher (wie langweilig). Ich muß mal wieder richtig ausschlafen.
Was soll ich sagen, ich kann sogar mal richtig ausschlafen, kein Presslufthammer, kein Lastenaufzug, nur ein Penner, der singt. Aber er singt nicht so laut, daß ich davon wach werde. Also kann ich nach dem Aufstehen ausgeschlafen und in aller Ruhe mit dem Kofferpacken fortfahren. Außerdem benötigt mein Zimmer mal wieder eine Grundreinigung.
Um mich zünftig von Granada zu verabschieden, möchte ich zum Abschluß (für dieses Jahr) eine Kneipentour machen. Ich verabrede mich mit Kai, der noch ein paar Leute mitbringen will. Wir haben beide vor, nicht so lange auszugehen, er will morgen umziehen, ich verreisen. Wir beginnen unseren Weg in einer typisch spanischen Kneipe. Hier gibt es riesige Tapas. Dumm nur, daß ich mich selbst zum Abendessen mal wieder so reichlich bekocht habe, daß das Stehen an der Theke schon anstrengend ist. Die beiden Spanierinnen, die Kai begleitet haben, scheinen schon bald genug zu haben, denn schon nach 20 Minuten verlassen sie unter dem Vorwand des Unwohlseins die Kneipe.
Auch wir bleiben nicht mehr lange an diesem Ort. Auf dem Weg zur Calle Pedro Antonio de Alarcón fällt uns das Amadeus auf. Wir gehen die Treppe zu dem Laden hinunter und befinden uns in einer großen Bar, die wohl einem wiener Kaffeehaus nachempfunden ist (glaube ich, ich habe nämlich noch keines gesehen). Jedenfalls gefällt mir diese äußert dekadente Atmosphäre. Leider sind auch die Preise dem angepaßt.
Auf der Piste zu sein heißt, nirgends Wurzeln zu schlagen. Wir wollen deshalb zum Abschluß des Abends die Diskothek "lla" aufsuchen. Doch es ist erst 2.00 Uhr, deshalb läßt man uns noch nicht hinein. Wir sollen später noch mal wiederkommen. In der festen Absicht, dies nicht zu tun, gehen wir den langen Weg zur Pedro Antonio zurück und stürzen uns im Magic ins Gedränge. Es gelingt uns sogar, bis zur Theke durchzukommen. Dort passiert es: Wir verlieren alle Hemmungen, pfeifen auf unsere Vorsätze und brechen nach einer Stunde erneut zum lla auf. Gegen sechs (?) treffen wir dann auch die beiden Frauen wieder, denen es jetzt beiden wieder gut zu gehen scheint. Als wir die Disco verlassen, ist es schon halb acht durch. Ich habe noch eine knappe halbe Stunde Fußmarsch vor mir. Geld habe ich genug ausgegeben, deshalb kommt ein Taxi nicht in Frage. Spaß macht der Weg jedenfalls nicht.
Als ich um halb zwei aufwache, geht gar nichts. Um halb drei gelingt es mir, ein leichtes Frühstück einzunehmen. Doch das strengt mich so an, daß ich mich anschließend unbedingt wieder hinlegen muß. Um 16.30 Uhr stehe ich endlich auf. Obwohl ich schon drei Aspirin eingenommen habe, fühlt sich mein Kopf an, als wolle er gleich explodieren. Wollte ich um die Zeit nicht schon im Bus nach Malaga sitzen? Und dann die sinnlose Frage nach dem Sinn der gestrigen Aktion. Jedenfalls gelingt es mir, unter geradezu übermenschlichen Anstrengungen, die letzten Sachen zusammenzuraffen, mich zu verabschieden und die Wohnung zu verlassen. Eigentlich will ich noch nach der Telefonnummer einer Taxizentrale fragen, aber das vergesse ich natürlich.
Normalerweise gibt es auch genügend Taxen, die in der Stadt herumfahren. Doch nicht, wenn man eines braucht. Nach etwa zehn Minuten kommt endlich ein Taxi, das auch noch frei ist. So bin ich mehr als rechtzeitig am Busbahnhof. Die Fahrt nach Malaga dauert etwa anderthalb Stunden. Leider ist es inzwischen schon dunkel, so daß man nichts sehen kann. Zum Glück herrscht im Bus absolutes Rauchverbot, so daß die Luft ganz angenehm ist. Schlafen kann ich nicht, weil ständig Handies klingeln.
Als ich aus dem Busbahnof heraustrete, mache ich eine angenehme Entdeckung. Obwohl die Sonne nicht scheint, ist es nicht kalt. Dadurch angetrieben, lasse ich alle Vorsicht außer acht und laufe einfach los. Ich kann geradeaus, links oder rechts gehen. Da rechts eine Baustelle ist und es nicht so aussieht, als ob dahinter noch etwas käme, gehe ich erst nach links. Als ich nach einiger Zeit vergeblichen Suchens von der "Geradeausrichtung" wieder zum Busbahnhof komme, werde ich von einem Passanten auf Englisch angesprochen. Da ich von ihm den richtigen Weg erfahre (ich hätte rechts gehen müssen) ärgere ich mich nicht weiter darüber, daß es mir nicht gelungen ist, den freundlichen Herrn dazu zu bringen, Spanisch mit mir zu sprechen.
Ich komme am Ausgang eines Kinos vorbei. Natürlich ist gerade ein Film zu Ende, so daß binnen kürzester Zeit von aufgekratzten Menschen umgeben bin. Mein Arm schmerzt vom Ziehen des Koffers, ebenso mein Bein, denn ich habe mir beim Herausheben des Koffers aus dem Bus den Koffer auf den Oberschenkel fallen lassen. Da niemand Platz macht, muß ich mir den Platz eben schaffen, wobei ich den Koffer über verschieden Füße ziehe. Darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Als ich dann wieder mal Anhalte, um meinen Reiseführer mit der Stadtplan herauszuholen, entdecke ich statt eines Straßenschildes ein Schild mit der Aufschrift Hotel Las Americas.
Der Empfang des Hotels befindet sich im ersten Stock, also muß ich den Koffer noch einmal eine Treppe hinaufschleppen. Ich bekomme meinen Zimmerschlüssel und gehe durch einen Gang, der nach Baustelle aussieht. Die Decke ist total zerklüftet und überall sind Kabel und Kabelschläuche zu sehen. Doch vom Zimmer bin ich dann doch angenehm überrascht, denn es ist in einem Top-Zustand und sehr geräumig. Nach einer erfrischenden Dusche gehe ich zum Abendessen zu Bocatta, was sich in nur hundert Metern Entfernung befindet.
© 1999 by Torsten Klie
Letzte Aktualisierung am: 10.01.2000