Beim Frühstück erlebe ich eine Überraschung. Ada offenbart mir, daß sie letzte Nacht nicht schlafen konnte, weil sie in Sorge um mich war. Das kommt davon, wenn man so selten ausgeht. Ich habe aber kein schlechtes Gewissen, nehme mir aber vor, beim nächsten Mal "lauter" nach Hause zu kommen. Als erstes bereite ich das Tagebuch für den nächsten Upload vor. Meine Planung sieht wie folgt aus: Erst ein Spaziergang durch den Albaycín, dann ins Internetcafé. Leider vergesse ich bei der Planung das Mittagessen, daß ich dann um halb drei einnehme. Eigentlich viel zu früh für meinen Geschmack.
Nach dem Essen gehe ich also zunächst zum Plaza Nueva und von dort aus in den Albaycín. Mein erstes Ziel ist der Mirador San Nicolas, von dem aus man einen wunderschönen Blick auf die Alhambra hat. Zum Glück schleppe ich meine Kamera nicht mit, denn die Berge der Sierra Nevada sind hinter Wolken versteckt. Ich genieße für einen Moment die Aussicht, dann gehe ich weiter durch die Gassen des Albaycín, des arabischen Viertels Granadas. Gegen 16.00 Uhr bin ich dann bei fREEMEMory, doch das wird gerade renoviert. Ich hoffe doch, daß es Internetcafé bleibt und nicht etwas anderes wird. Aber ich habe damit gerechnet, daß es heute nicht geöffnet hat. Wahrscheinlich komme ich dann erst Donnerstag oder Freitag dazu, mein Tagebuch zu aktualisieren.
Immerhin hat es einen Vorteil, daß ich nicht zwei Stunden im fREEMEMory verbracht habe. Ich kann fernsehen. Es gibt nicht irgendeinen Film, es gibt "Vom Winde verweht". Bisher habe ich nie Zeit und Lust gehabt, den zu sehen, aber heute ist der Moment gekommen. Ich habe noch einen Film gesehen, in dem so viele Tränen fließen. Escarlata (die Spanier scheuen sich nicht, beim Übersetzen auch Namen, die sie schlecht aussprechen können etwas abzuändern) ist ja mehr am Weinen als alles andere. Nun gut, jetzt kenne ich den Film.
Übung macht den Meister. Diese dämliche Weisheit gilt auch für das Kochen. Ich stelle mit Freuden fest, daß ich Fortschritte mache. Als ich gerade beim Essen bin, führt Ada einem älteren Ehepaar die Wohnung vor. Sie wird doch wohl nicht etwa vorhaben, die Wohnung zu verkaufen oder vermieten, so daß ich ausziehen muß? Ich sehe Gespenster, wahrscheinlich sind das Freunde von ihr, denen sie einfach nur zeigen will, wie sie wohnt.
Mit etwas mehr Ruhe gelingt die Arbeit viel besser. Ich mache gute Fortschritte mit meiner Studienarbeit. Um nicht zuviel zu arbeiten, mache ich am Nachmittag einen Spaziergang, bei dem ich auch am geschlossenen Internetcafé vorbeikomme. Am Abend will ich eigentlich ausgehen, ich finde aber niemanden, der mich begleiten will. Morgen wollen wir uns aber den neuen James Bond Film ansehen.
An der grafischen Oberfläche gibt es immer noch einiges zu feilen. Immerhin bin ich jetzt schon soweit, daß ich eigentlich nur noch die Oracle Datenbankanbindung schreiben muß. Das kann ich aber nur in der ETSII machen.
Ich nehme heute schon mittags die warme Mahlzeit ein, um heute Abend keinen Streß mit dem Kino zu haben. Doch während ich esse, ruft Kai an und sagt mir, daß der Kinobesuch auf nächste Woche verschoben wurde. So bleibt mir etwas Zeit für einen Spaziergang. Eigentlich bin ich nur auf der Suche nach Zigaretten, aber da die meisten Geschäfte (außer Tabakläden) trotz des Feiertags geöffnet haben, mache ich einen kleinen Stadtbummel. Im Corte Inglés ist der Bär los. Leider kann man zur Zeit nur Weihnachtskarten kaufen, ich bin aber auf der Suche nach einer Karte mit Genesungswünschen. Zur Weihnachtszeit ist man wohl nicht krank. Überhaupt kommt man kaum durch die Menschenmassen hindurch, so daß das Suchen nach etwas schwerfällt. Die letzten Lücken im Getümmel werden durch die zahlreichen Verkäufer geschlossen. Ich verschiebe den Einkauf der Weihnachtsgeschenke.
Auf dem Rückweg suche ich eine Kneipe mit einem Zigarettenautomaten. Der erste Anlauf scheitert, der Automat ist defekt. Die anderen Automaten bestechen nicht gerade durch große Auswahl. Manche Kneipen sind auch so voll, daß ich mich nicht bis zum Automaten durchdrängeln will. Aber nach einiger Zeit der Suche werde ich doch noch fündig. Ganz schön gepfeffert ist der Preis, den man für Automatenpackungen zahlt. Aber wenigstens sind diese Zigaretten immer noch billiger als in Deutschland. Allerdings scheinen sie schon einige Zeit im Automaten verbracht zu haben, denn sie sind sehr trocken und die Filter beginnen sich abzuloesen.
Normalerweise bin ich nach freien Tagen ausgeruht. Heute aber fällt mir das frühe Aufstehen schwer. Der Programmierkurs wird heute wieder von der "Vertretung" geleitet. Dann liegt es nicht am Streik, denn heute wird regulär gearbeitet, das erste Mal seit einer Woche. Die Beispiele sind noch nicht da, aber ich kann mich auch mit elektronischer Post beschaeftigen.
Ich schreibe, daß das Wetter frühlingshaft sei. Das ist glatt gelogen, wie ich mittags merke. Es ist stark bewölkt und kalt. Später am Tag beginnt es dann zu regnen, weshalb ich den Nachmittag in meinem Zimmer verbringe. Der Wetterumschwung scheint meinem Kreislauf zu schaffen zu machen. Gegen Abend kann ich nichts vernünftiges mehr anstellen, aber einschlafen kann ich dann auch nicht. Sch***tag!
Das frühe Aufstehen fällt mir heute genauso schwer. Zum Glück ist die Woche schon wieder geschafft. Es hat wohl noch einen Teil der Nacht geregnet, denn die Straße ist feucht. Die Auffahrt zur ETSII komme ich fast nicht hoch. Die Feuchtigkeit hat sich mit dem Laub und Staub vermengt, so daß mein Hinterrad durchdreht. Der Vormittag gestaltet sich ähnlich wie gestern, ich bin mehr am Surfen als das ich produktiv für die Studienarbeit tätig wäre. Aber was soll ich machen? Juan Miguel hat mir versprochen, sich zu melden, wenn er das Beispiel installiert hat. Ich will ihn nicht drängeln. Ein paar Tage gebe ich ihm noch. Die Hoffnung, den Vortrag noch vor Weihnachten halten zu können, habe ich ohnehin schon aufgegeben.
In meinem Briefkasten befindet sich eine eMail, in der ein "alter Bekannter" sich meldet mit vermeintlich persönlichen Tips bezüglich einer Lebensversicherung. Zugegeben, ich habe desöfteren eine etwas längere Leitung und stelle mich auch ungeschickt an. Daß man mich für so dämlich hält, ist schon fast erschreckend. Vielleicht schließt der Autor auch von sich auf andere. Man weiß es nicht. Ich lese den Brief gleich mehrmals, weil ich mich darüber amüsiere.
Ich trage immer noch die Hoffnung in mir, diese Woche die Homepage aktualisieren zu können. Zunächst sieht es gut aus. Nach zehn Minuten hat sich der Tripod-Dateimanager aufgebaut. Die anderen Gäste betrachten mich etwas mißtrauisch, als ich mich vor lachen fast auf dem Boden kugele. Das hat folgenden Grund: Als letztes Element baut sich ein Schriftzug auf: Neu! Jetzt noch schnelleres Hochladen mit dem neuen Dateimanager! Hochladen ist aber nicht, weil beim Laden der Seite offenbar Fehler passiert sind. Zeit die Seite nochmals zu laden, habe ich nicht. Also verlasse ich das Internetcafé. Ich drücke fREEMEM einen "Hunderter" in die Hand, weil ich zur Uhr gesehen habe und deshalb weiß, daß ich insgesamt zwölf Minuten da war. So ganz zufrieden scheint er damit nicht zu sein, er brummelt erst, blickt auf seinen Zettel und auf seine Uhr. Dann läßt er mich von dannen ziehen. Optisch hat sich in dem Laden nichts verändert, wahrscheinlich haben sie nur ein Netzwerkkabel mit geringerer Bandbreite installiert.
Im Sprachkurs beginnen wir zunächst mit einer Vokabelübung. Doch anstatt die Übung zu besprechen, sehen wir uns einige Szenen aus "El día de la bestia" mehrfach hintereinander an, solange, bis wir etwas verstehen können. Doch das ist praktisch nicht möglich, weil sich zu viele Leute derweil unterhalten. Jerónimo mangelt es hier an Durchsetzungsvermögen. Er hat mal erzählt, daß er von einigen Eltern seiner Schüler eine schriftliche Erlaubnis hat, die Kinder zu schlagen, wenn sie unartig sind. Vielleicht würde das hier auch helfen... Ich jedenfalls darf mir blöde Sprüche anhören, weil ich erzählt habe, daß ich die Puente über an meinem Projekt gearbeitet habe und nicht wie die meisten anderen in Sevilla, Madrid oder sonstwo war. In der Pause, im kleinen Kreis, erzählt Jerónimo dann, daß er am langen Wochenende nichts unternommen hat, sondern an seiner Doktorarbeit geschrieben hat. Ach neh! Eine positive Sache gibt es aber doch zu vermelden. Cyrille, ein Franzose, lädt mich für morgen Abend auf eine Party ein. Das ist doch mal was.
Da ich heute nicht einkaufen muß, entschließe ich mich zu einem Stadtbummel. Ich meine, noch ein Hemd zu brauchen. Zunächst gehe ich zu "Zara" in der Calle Las Recogidas. Dort habe ich schon sehr oft die eleganten Anzüge im Schaufenster bewundert, aber nie Zeit und Muße gefunden, mich hineinzubegeben. Von innen hält der Laden zunächst nicht, was die äußere Aufmachung verspricht. Was von außen wie eine Boutique aussieht, erinnert innen an ein Kaufhaus. Das nimmt den angebotenen Klamotten nichts von ihrer Eleganz. Ich kann mich nicht so richtig zwischen orange, bordeaux und bordeaux schimmernd entscheiden. Also laufe ich weiter durch die Stadt und schaue, was es in anderen Läden so gibt.
Das würde noch eine ganze Zeit so weiter gehen, wenn ich nicht zum Mittagessen nach Hause müßte, also zwinge ich mich zu einer Entscheidung und nehme das Hemd in bordeaux ohne Schimmereffekt. Das Bezahlen an der Kasse wird ein Abenteuer. Die Kassiererin wickelt mehrere Kartentransaktionen parallel ab. Mit meiner EC-Karte ist sie nicht zufrieden ("Hast Du keine andere Karte?"), weshalb ich nervös werde. Sie hat jetzt zwei Karten von mir, und ist die ganze Zeit über damit beschäftigt, Kreditkarten geradezu in die Menge zu schmeißen. Ich bin froh, als ich meine beiden Karten wieder im Por tmonnaie verstaut habe. Niemand bezahlt hier in Bar. Zum Glück sind andalusische Männer nicht ganz so klamottenverrückt wie die Frauen. Ich muß nur fünf Minuten an der Kasse anstehen, die Schlange an der "Frauenkasse" zieht sich einmal quer durch das ganze Geschäft.
Weil ich heute Abend weggehen will, nehme ich mein warmes Essen mittags ein. Ich koche eine Peperonata, die laut Kochbuch sowohl als Beilage als auch als Hauptgericht zu empfehlen ist. Leider steht nicht dabei, daß sich die Mengenangaben auf die Variante "als Beilage" beziehen, so daß ich nicht satt werde. Ich hätte wenigstens noch eine Portion Nudeln dazu kochen sollen, die hätte ich sogar vorrätig gehabt. Das ist natürlich eine gute Vorbereitung auf die Party.
Ob es an dem zu knapp bemessenen Essen liegt, oder woran sonst, weiß ich nicht. Ich bekomme Zweifel, ob ich überhaupt Lust habe, auf die Party zu gehen. Es ist so weit und ich muß allein mit dem Bus dahinfahren. Wieso eigentlich? Es sind doch noch andere Leute eingeladen. Also greife ich zum Telefon. Handies heißen so, weil man sie "handy" haben soll. Merkwürdig, wenn niemand abnimmt. Zum Glück wird ja angezeigt, daß ich angerufen habe. So werde ich dann auch nach einer Weile zurückgerufen. Dipi hat etwas anderes vor, aber Barbara hat sich mit einigen anderen verabredet, um gemeinsam auf die Party zu gehen. Wir machen einen Treffpunkt aus, für fünf vor halb neun. Der Blick zu Uhr erfüllt mich mit Grauen. Nur noch knapp anderthalb Stunden, ich muß noch etwas zu trinken kaufen, abendessen und duschen. Jetzt aber schnell.
Bei Mercadona ist natürlich der Teufel los. Ich greife zwei Träger und stelle mich an der Kasse an. Es stört gewaltig, daß die Leute so unglaublich viel Zeit haben und sich dementsprechend Zeit lassen. Zu Hause will ich duschen, aber das Bad ist belegt, Juan ist mal wieder da. Also erst essen. Es ist viertel nach acht, als ich gerade meine Jacke angezogen habe und loswill. Da erreicht mich die Nachricht, daß das Treffen auf neun verschoben wurde. Sehr erfreut über diese Neuigkeit lasse ich mich in den Sessel gleiten und ruhe mich noch ein bißchen aus. Dabei lasse ich mich durch geeignete Musik schon mal in Party-Laune bringen.
Bis es dann zur Party geht, vergeht noch einige Zeit. Wir gehen zunächst zu Wendy, einer Engländerin aus unserem Sprachkurs. Dort treffen nach und nach eine Reihe Engländer und Iren ein. Ein geeigneter Treffpunkt, die Wohnung ist groß und zentral. Wendy telefoniert am laufenden Band und teilt allen englischen Bewohnern Granadas die Adresse der Party mit. Dann machen wir uns jedoch mit zwei Taxen auf den Weg. La Chana ist eine ruhige Wohngegend, sagt der Taxifahrer. Heute nicht, dafür werden wir schon sorgen. Dumm, daß sich unser Chauffeur nicht gut auskennt. Er läßt uns also irgendwo raus und wir fragen uns durch.
Von der Feier hört man noch nichts. Die Anzahl der Besucher hat sich durch unser Eintreffen verdoppelt. Die Musik ist so leise, daß man sie kaum hört, die Leute unterhalten sich im Flüsterton. Die Stimmung in der traumhaft schönen Wohnung im 10. Stock, tagsüber mit Blick auf die Sierra Nevada, ist etwas formal. Das ändert sich aber Schlagartig nach dem zweiten oder dritten Glas Bowle. Cyrille verrät das Rezept: Orangensaft, Bananensaft und ein ganz bißchen Rum. Von wegen ein bißchen! Jetzt ist auch die Musik laut. Französischer Hip-Hop, gar nicht übel. Ansonsten hört man fast nur Englisch, denn die überwältigende Mehrheit sind Engländer und Iren. Die verstehen was vom Feiern. Barbara und ich sind tatsächlich die einzigen Deutschen. Die Luft ist mittlerweile so dick, daß man kaum noch atmen kann. Allerdings werden kaum Zigaretten geraucht, so wie ich das übersehen kann.
Gegen halb zwei verlassen wir den Ort, um auf die Piste zu gehen. Im Treppenhaus veranstalten die Engländerinnen einen Höllenlärm. In der Beziehung nehmen sich Engländerinnen und Irinnen nicht viel. Die Frauen scheinen darum wettzueifern, wer am Lautesten schreien, am Meisten trinken kann und am Meisten Haut zeigt. Krass, es sind gerade mal drei Grad und die laufen halbnackt herum. Ich jedenfalls sorge für allgemeine Erheiterung, als ich beim Verlassen des Gebäudes die letzte Treppenstufe übersehe und beinahe den Adler mache. Nachdem wir mit einigen Taxen wieder in die Stadt gefahren sind, ziehen wir noch bis vier durch die Kneipen. Jedenfalls weiß ich jetzt, warum es "pista" oder "marcha" heißt. Man geht von einer Kneipe in die andere, man kann nie mit Bestimmtheit sagen, wann und wo es gerade abgeht, das ergibt sich irgendwie. Ist auch einfach, wenn alle Kneipen nebeneinander liegen.
Erwartungsgemäß beginnt der Tag ziemlich spät. Ich habe einen ordentlichen Kater, obwohl ich mich gar nicht erinnern kann, so betrunken gewesen zu sein. Das müssen die Engländer gewesen sein, zwischen denen fühlt man sich im Vergleich immer nüchtern. Nach dem Frühstück mache ich einen Spaziergang zum Lorca-Park. In der Tat tut mir die frische Luft gut. Allerdings ist die Stimmung im Park ziemlich trist. Mittlerweile haben fast alle Laubbäume ihre Blätter verloren, so daß der Anblick insgesamt doch etwas kahl wirkt. Immerhin sehe ich jetzt den Orangenbaum. In Córdoba und Sevilla sind ganze Straßenzüge damit ausgestattet, hier steht immerhin einer.
Am Nachmittag gebe ich mir dann eine richtige Schnulze im Fernsehen. Vom Winde verweht ist gar nichts dagegen. Nach dem Abendessen falle ich auch schon wieder ins Bett. Mir geht es gar nicht gut. Ich habe fürchterliche Schmerzen im Bereich der Gürtellinie, genau lokalisieren kann ich sie nicht. Magenschmerzen? Rückenschmerzen? Natürlich kann ich so nicht einschlafen. Ich sehe mich schon mit Blinddarmentzündung im Krankenhaus liegen, aber die linke Seite tut "zum Glück" mindestens genauso weh, wie die rechte. Das kann mit dem Kater nichts mehr zu tun haben.
© 1999, 2000 by Torsten Klie
Last modified: Sun Dec 10 14:18:18 CET 2000