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Montag, 22. November 1999

Die Bauarbeiten in unserer Straße sind endlich abgeschlossen. Das bedeutet aber nicht, daß ich länger schlafen kann. Um sieben wache ich vor Kälte im Zimmer auf. Beim Frühstück erzählt Ada mir, daß es Nachtfrost gegeben hat. Das kommt hier nicht allzu häufig vor, schon gar nicht im November. Ich erzähle, daß ich in genau einem Monat nach Hause fliege. Das ist das falsche Stichwort. Sie klagt, daß Weihnachten immer so ein trauriges Fest für sie ist. Dieses Jahr kann einer ihrer Söhne nicht kommen, vor allem aber vermißt sie zwei ihrer 6 Kinder, die vor einiger Zeit verstorben sind. Da habe ich wirklich genau das richtige Thema angesprochen. Nachdem ich die Homepage für den nächsten Upload vorbereitet habe, gehe ich zum Fahrradladen, um endlich das Schloß zu reklamieren. Mittlerweile habe ich dabei eine etwas lockere Art drauf ("He, he, schau' mal, das funktioniert ja gar nicht!"). Die Fahrradflasche ist natürlich nicht fertig, so kann ich unbelastet zu einem Computerladen gehen, um Disketten zu kaufen. Mein Backup-Konzept (ver-)braucht viele davon. Hierbei habe ich erst im zweiten Anlauf Erfolg.

Tagsüber arbeite ich an meinem Vortrag. Ich komme zwar nur schleppend voran, aber ich weiß aus Erfahrung, daß man in der ersten Zeit die Fortschritte nicht in Seitenzahlen messen kann. Sogesehen bin ich mit meinen zwei Seiten, die ich tippe, schon ganz gut im Rennen. Leider finde ich den Absprung nicht so richtig, so daß ich auf dem Weg zur Mensa auch ganz gut im/am Rennen bin. Zum Sprachkurs komme ich allerding pünktlich. Jerónimo hat sich inzwischen etwas von unserem Buch distanziert, wir arbeiten jetzt mit Kopien. Außerdem hören wir uns auf Kassette noch einige Akzente des Spanischen an. In Andalusien ist es unüblich, Spanisch als Castellano zu bezeichnen. Das passiert vorwiegend in den nach (totaler) Unabhängigkeit strebenden Autonomien wie Katalonien oder dem Baskenland. Allerdings sagt die spanische Verfassung, daß die offizielle Landessprache Castellano ist. In südamerikanischen Staaten heißt es aber überall Español. Von den ganzen Akzenten verstehe ich allerdings nur den kastillischen, auch wenn Jerónimo uns mit der Todesstrafe gedroht hat, falls wir die andalusische Sprecherin nicht verstehen sollten. Ich finde es ziemlich ungeschickt, daß auf der Kassette im Hintergrund Musik läuft.

Auf dem Rückweg statte ich dem Englischen Hof einen Besuch ab. Eigentlich will ich nach einem Java-Buch suchen, finde aber keines. Dafür entdecke ich eine gute Andalusienkarte und ein spanisches Kochbuch auf deutsch. Kai hat mir das sehr empfohlen. Desweiteren frage ich nach einer Fernsehzeitung. Man gibt mir zwei zur auswahl, die eine mit einer Rentnerin, die andere mit Penelope Cruz auf dem Cover. Ratespiel: Welche habe ich genommen? Das Kochbuch kommt jedenfalls mit einer Flasche Olivenöl. Auf dem restlichen Heimweg überlege ich, was ich denn mit dem Olivenöl anstellen soll. Schließlich habe ich schon eine Riesenflasche in meinem Fach in der Küche. Beim Auspacken zu Hause erledigt sich das Problem aber von selbst. Das Öl ist bis Mai 99 verwendbar. Also landet die Flasche gleich im Mülleimer. Sicher könnte ich das beim Corte Inglés reklamieren, aber wegen einer Flasche Öl, die ich gar nicht brauche und auch nicht haben will, mache ich mir die Mühe nicht.

Die Fernsehzeitung ("Supertele") ist ihr Geld nicht wert. Lauter Berichte darüber, welcher Filmstar welches Model heiraten will oder wenn nein, warum nicht. Die klassische Frauenzeitschrift. Don't judge a book by its cover. Aber das Kochbuch macht richtig Appetit.

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Dienstag, 23. November 1999

Heute will ich die Java-Klassen von Oracle ausprobieren. Als ich im Informatikzentrum ankomme, muß ich zunächst tief durchatmen. Ich bin von einer wildgewordenen Frau mittleren Alters ziemlich bösartig angehupt worden. Es ist ja auch dreist, sich mit einem Fahrrad zum Linksabbiegen links einzuordnen. Mir wird vom Pförtner wieder die Tür zum Praktikumsraum aufgeschlossen. Aber da sitzen schon Leute drin und arbeiten. Sind die Eingeschlossen worden? Glücklicherweise läßt er die Tür hinter mir offen.

Die ganze Sache klappt natürlich nicht. Die Oracle-Klassen sind dem Compiler unbekannt. Ich stöbere ein wenig in dem Gewirr von Netzlaufwerken herum, kann aber die Dateien nirgends finden. Ich schicke eine Mail an meinen Betreuer. Das ist die letzte Email, die ich verschicken kann, danach ist das Internet nicht mehr verfügbar. Also kann ich mal wieder gar nichts machen. Immerhin ein Foto kann ich von der Fußgängerbrücke aus schießen. Ich bin richtig frustriert.

Da es zum Mittagessen noch zu früh ist, gehe ich in die Stadt, um ein Java-Buch zu suchen. Leider ohne Erfolg, es scheint noch keine Bücher über Java2 zu geben. Nachmittags komme ich zu Hause voran. Ich mache eine Pause um, im Fahrradladen nach dem Schloß zu fragen. Ich bekomme ein neues Schloß und eine Fahrradflasche. Noch nie habe ich einen so häßlichen Gegenstand gesehen. Egal, das Schloß funktioniert (noch). Mal sehen, wie lange.

Heute ist Fußballabend. Herta gegen Barça in der Champions League. Allerdings nicht bei mir. Irgendwie bekomme ich TVE 1 nicht so gut herein. Ich sehe fast gar nichts, nur die berliner Spieler kann ich ansatzweise erkennen. Vor allem liegt die schlechte Sicht an dem Nebel in Deutschland, denn wenn die Trainer gezeigt werden, ist das Bild deutlich besser. So besonders interessiert mich das Spiel ohnehin nicht, so daß ich ohne Probleme abschalten kann.

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Mittwoch, 24. November 1999

Kurz nachdem ich die eingegangen Mails gelesen habe, geht gar nichts mehr im Internet. Leider ist noch keine Antwort von meinem Betreuer da. Ich schaffe gerade noch einen Fehlversuch bei Tripod. Doch mit Netscape 3.0 ist da nichts hochzuladen. Muß ich also wieder ins Internetcafé. Ich fahre wieder nach Hause, weil ich hier doch nichts ausrichten kann. Zudem ist die Luft furchtbar stickig. Ada hält mich auch für bekloppt, daß ich für eine Stunde mein Fahrrad mühsam durch die Küche schleppe. Aber besser das, als anderthalb Stunden Fußmarsch oder Geld für den Bus bezahlen.

Um weiterzumachen, muß zunächst wenigstens der Prototyp der/des GUI her. Der JBuilder3 ist ein ziemliches Schlachtschiff. Mit 64 MB Hauptspeicher ist da nicht viel zu wollen. Es kostet mich eine Menge Nerven. Nach jedem Mausklick mindestens 10 Sekunden Wartezeit. Wenn man noch nie mit dem Tool gearbeitet hat, verklickt man sich öfter mal. Auch ist es ewig her, daß ich das letzte Mal in Java programmiert habe. Und eine GUI habe ich auch noch nicht entworfen. Deshalb klappt es auch nicht auf Anhieb so, wie ich mir das wünschte. Hoffentlich sind die Wände zu den Nachbarn nicht so dünn, denn nach einiger Zeit beginne ich ganz schön weinerlich zu fluchen ("Warum? Warum? Warum geht denn das nicht? Warum macht der blöde Rechner nicht das, was ich ihm sage?", ...). Aber wer schon einmal programmiert hat, weiß, daß das ganz normal ist. Zum Glück ist dann bald Mittagszeit und ich kann den JBuilder schließen, was fast fünf Minuten dauert.

Die zwanzig Minuten Wartezeit in der Mensa sind um einiges Angenehmer als das Warten auf den JBuilder. Hier weiß man wenigstens, daß am Ende etwas vernünftiges dabei herauskommt. Paella mit Muscheln und Garnelen. Im Internetcafé erlebe ich eine Überraschung. Der Wirt sagt mir doch glatt, ich sei braun geworden und fragt, ob ich in den Bergen war. Das von einem Spanier zu hören, ist wirklich ein Kompliment. Da wartet es sich leichter auf die Internetseiten. Ich muß immer wieder an den Witz aus meiner nullten Vorlesung denken.

Was bedeutet WWW? World Wide Waiting

Es dauert eine ganze Zigarettenlänge, bis sich der Tripod-Dateimanager aufgebaut hat. Aber weil es dann mit dem Hochladen klappt, will ich mich nicht beschweren.

Beschweren muß ich mich allerdings wieder über "die anderen" Kursteilnehmer (natürlich nicht alle, aber die meisten), weil sie in einer Tour schwatzen müssen. Es ist so unglaublich anstrengend, wenn man dem spanisch sprechendem Lehrer zuhören will und von rechts und links englisch, deutsch und französisch hört. Nicht nur das Leute die nebeneinandersitzen sich unterhalten. Es geht sogar so weit, daß sich gegenübersitzende quer durch den Raum etwas erzählen. Einige Deutsche haben sich angewöhnt, lautstark (auf Deutsch) über Jerónimo abzulästern. Starkes Stück. Na gut, er gib¡t vielleicht manchmal auch einen Grund dafür. Heute erzählt er, daß er seinen eigenen Sarg im Schrank hat, damit er weiß, "wo er sich später mal befindet".

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Donnerstag, 25. November 1999

Es gibt traurige Neuigkeiten. In meinem Briefkasten befindet sich die Nachricht, daß Prof. Langendörfer verstorben ist. Es sind immer die Besten, die zuerst gehen müssen. Ein schwerer Schlag für die Informatik in Braunschweig. Er gehörte zu den Professoren, die stets einen guten Kontakt zu ihren Studenten pflegen, hatte immer ein offenes Ohr für Fragen und war außerordentlich hilfsbereit. Nie hatte man bei ihm das Gefühl, er würde von einem hohen Podest aus mit seinen Studenten sprechen. Welcher Professor begrüßt seine studentischen Hilfskräfte in der Vorlesung schon mit Handschlag? Seine Beruflichen Leistungen und Erfolge sind ihm nicht zu Kopf gestiegen. Es schien ihm fast etwas unangenehm zu sein, wenn er über bedeutende Forschungsergebnisse sprach, die von ihm stammten. Sein bescheidenes "bei uns in der Abteilung" sprach er fast nicht hörbar aus. Wenn man über ihn sprach, nannte man ihn auch liebevoll "Onkel Langendörfer".

Nach solch einer Nachricht fällt das Arbeiten schwer. Leider macht es mir die Technik auch nicht leicht. Zunächst ist mein Home-Verzeichnis nicht erreichbar. Dann fällt kurzzeitig das Netz völlig aus. Gerade als ich eine spanische Mail fast fertig geschrieben habe, grüßt mich Bill Gates durch einen Blue-Screen. Als das Netz wieder geht, verweigert GMX den Login mit "Anmelden zur Zeit nicht möglich". Immerhin treffe ich Juan Miguel. Er redet schnell und viel. Ich verstehe eigentlich nur zwei Wörter: "classes.zip" und "mañana". Seinem sich entschuldigenden Gesichtsausdruck zu folge heißt das wohl, er kümmert sich im Laufe der nächsten Tage darum.

Immerhin finde ich dann doch Fragmente einer JDBC-Installation. Zugegeben, das gesamte Netzwerk nach .zip-Dateien zu durchsuchen, ist nicht gerade sehr nett den anderen Benutzern gegenüber. Aber wenn man mir hier nur so eine schlechte Arbeitsumgebung zur Verfügung stellt, dann muß ich eben egoistisch zur Selbsthilfe greifen. Es fehlt allerdings eine DLL. Die ist auch im ganzen Netzwerk nicht zu finden. Offenbar muß ich doch darauf warten, daß Juan Miguel tätig wird. Ich fahre nach Hause, weil ich doch nichts mehr tun kann, wenn das Internet unerreichbar ist.

Ich habe nicht die geringste Lust, mich noch einmal mit dem JBuilder3 herumzuärgern. Das Werkzeug ist bestimmt nicht schlecht, aber nur mit 128 MB, besser 256 MB Hauptspeicher. Soviel hat mein kleines Notebook (leider) nicht. Ich entscheide mich dafür, doch "zu Fuß" zu gehen, also die/das GUI von Hand zu programmieren. Unter Linux habe ich zwar nur das JDK 1.1.7 zur Verfügung, aber die Teile, die ich damit programmiere, sollten auch mit 1.2.2 funktionieren. Mein Linux-System (S.u.S.E. 6.0 vom Dezember 98) ist auch schon ziemlich antik. Soviel ich weiß, ist im neusten Release auch noch nicht das JDK 1.2 dabei. Ich könnte mich nach anderen Distributionen umsehen, aber ich bin froh, daß ich mein System am Laufen habe, da will ich nicht schon wieder etwas ummodeln.

Es geht besser, als ich erwartet hatte. Zum Glück habe ich die Backups von unserem Software-Entwicklungspraktikum dabei. Ich kann mich also an etwas orientieren und muß nicht bei Null anfangen. Paranoide Datensicherung zahlt sich manchmal aus.

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Freitag, 26. November 1999

Freitags läßt es sich noch am besten arbeiten, wenn man denn etwas zu arbeiten hat. Ich verbringe einige Zeit mit dem Schreiben von Mails. Das Übersetzen meiner grafischen Oberfläche klappt auf Anhieb. Gut, daß ich nur Standardkomponenten verwendet habe, die sind scheinbar immer noch Bestandteil von Version 1.2.2. Als ich gerade fertig kompiliert habe, wird plötzlich der Bildschirm schwarz. Nicht nur meiner, alle anderen im Raum ebenfalls. Auch in den Nachbarräumen ist kein Strom mehr vorhanden. Da hat es wohl die Sicherung gelegt. Niemand regt sich auf, aller nehmen es mir Humor. Natürlich dauert es eine Weile, bis die Sicherung wieder drin ist. Es ist auch schwierig, es kommt auch niemand (von offizieller Seite) aus auf die Idee, die hundert Rechner und Monitore auszuschalten. Es ist doch kein Wunder, daß so die Sicherung sich gar nicht erst einlegen läßt. Die meisten Benutzer haben den Raum verlassen. Wir sind nur noch zu zweit. Nachdem wir unsere und die Nachbarrechner ausgeschaltet haben, ist der Strom wieder da.

Kurz nachdem das System wieder oben ist, werde ich freundlich von meinem Arbeitsplatz verjagt. Einer der Administratoren ist schon die ganze Zeit dabei, die Rechner mit mehr Speicher zu versorgen. Bestimmt hat er auch den Stromausfall verursacht. Dafür setze ich mich an einen schon aufgerüsteten Rechner. Ich kann wieder feststellen, wie sehr es doch bei der Geschwindigkeit eines Computers auf den Hauptspeicher ankommt. Zwischen 32 und 64 MB liegt ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht.

Nach einiger Zeit klopft mir Juan Miguel auf die Schulter und sagt, er habe jetzt die fehlenden Klassen installiert. Leider fehlt noch immer eine DLL, was ich aber erst feststelle, als er schon den Raum verlassen hat. Also schreibe ich ihm wieder eine Mail. Danach mache ich mich auf den Heimweg (über die Mensa). Ich komme beinahe nicht zu Hause an, weil mich ein Mopedfahrer dicht überholt. Dicht ist eigentlich untertrieben, denn unsere Arme berühren sich. Ein Wunder, daß sich unsere Lenker nicht verhaken, denn mein Lenker ist mit einem sehr breiten Gestänge ausgestattet. Anschließend habe ich Mühe, überhaupt ins Haus zu kommen, denn nachdem sie mit der Straße fertig sind, reißen sie den Gehweg auf.

Der Sprachkurs verläuft heute so, daß ich nicht über ihn berichten muß. Ein gutes Zeichen, finde ich. Daß einzig Interessante ist, daß Jerónimo erzählt, daß in Spanien die Höchststrafe 32 Jahre beträgt. Auch wenn Terroristen der ETA zu 1000 Jahren Gefängnis verurteilt werden, heißt das 32, von denen sie wahrscheinlich auch nicht alle absitzen müssen. Jetzt verstehe ich auch den Bericht, den ich neulich im Fernsehen sah. In dem ging es um jemanden, der ein Massenmörder war und deswegen schon einmal im Gefängnis gesessen hatte und jetzt wieder wegen mehrerer Morde vor Gericht steht.

Ich bin Müde, das Fernsehprogramm ähnelt dem deutschen und ich habe eine Idee, weshalb ich mich heute früh ins Bett lege. Schon seit einigen Wochen möchte ich einen Ausflug nach Córdoba machen. Das Wetter ist die letzten Tage über nicht schlecht gewesen, im Gegenteil, es wurde von Tag zu Tag wärmer. Wenn ich morgen zeitig aus dem Bett komme, könnte das etwas werden. Außerdem muß mein Auto mal wieder bewegt werden, daß steht schon seit drei Wochen auf dem Parkplatz (ich hoffe, es steht auch noch). Den letzten Ausflug habe ich in kurzen Hosen unternommen, morgen nehme ich die Winterjacke mit. Das ist aber typisch für das Klima hier, es gibt keinen richtigen Herbst. Die Hitze oder Wärme, die für Mitteleuropäer noch sommerlich ist, geht in die Kälte über.

Mit dem früh ins Bett legen ist es leider nicht getan. Gerade als ich mich hinlege, beginnt im Nachbarzimmer eine Party. Bisher habe ich nie auch nur einen Laut von dort vernommen, heute aber scheinen sich 20 Leute dort versammelt zu haben. Wie das mit Feiern nun einmal so ist, mit fortschreitender Uhrzeit wird es nicht leiser sondern lauter. Nun ja, wenn es eine ausgleichende Gerechtigkeit gibt, habe ich diese Störung meiner Nachtruhe sicher verdient. Ich muß auch morgen nicht nach Córdoba, ich habe auch hier genug zu tun.

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Samstag, 27. November 1999

Als der Wecker mich aus tiefem Schlaf reißt, will ich zunächst diese Welt verfluchen. Doch dann stelle ich mit Erstaunen fest, daß ich gar nicht so müde bin, wie ich angenommen habe. Deshalb stehe ich auf und bereite mich auf einen Córdoba-Trip vor. In der Küche sitzt Ada beim Frühstück. Sie überhäuft mich mit Mitleidsbekundungen ("Oh, der arme Junge konnte nicht schlafen!"), ohne daß ich etwas gesagt habe. Dann fragt sie mich, warm ich nichts unternommen hätte (gegen die Wand bummern, oder so). Nun, der Lärm ansich hat mich nicht so gestört, aber die Tatsache, daß sich wenige Meter von mir entfernt viele Menschen amüsieren, während ich im Bett liege, machte mich neidisch. Sollte ich aus Mißgunst den anderen den Spaß verderben? Noch bin ich kein Rentner. Ihr diesen Sachverhalt zu erklären versuchen, wäre wohl hoffnungslos. Also beschränke ich mich darauf, ihr zu sagen, daß ich es nicht schlimm fand und es schließlich das erste Mal war, daß von dort drüben Lärm kam.

Nun erzählt sie mir die Geschichte der Nachbarwohnung. Sie sei schon seit Jahren im Besitz einer Sprachschule und oft hätte es Ärger mit den Mädels dort gegeben. Diesmal hat eine Engländerin gefeiert. Vor einiger Zeit hätte dort eine wilde Party stattgefunden, die erst beendet wurde, als Ada morgens um halb fünf die Polizei gerufen hätte. Ich hatte die Spanier für toleranter in Sachen "Ruhestörung" gehalten. Ich versuche, Ada weiter zu beruhigen, ich möchte nicht, daß sie, wohlmöglich in meinem Namen im nachhinein irgendwelchen Ärger macht. Hätte ich gewußt, daß da Ausländer am Abfeiern sind, hätte ich ja mal rüberschauen können. Irgendwie beängstigend, da wohnt man nur durch eine Wand getrennt mit Leuten zusammen, die man noch nie gesehen hat.

Viel später als geplant stehe ich auf dem Parkplatz neben dem Neptuno-Zentrum, und freue mich, daß mein Auto unversehrt an seinem Platz steht. Mir steht allerdings noch etwas Arbeit bevor: Eiskratzen. Schon als ich die Haustür verlassen habe, kam mir das gleich so kalt vor. Zum Glück hängt hinter dem Scheibenwischer reichlich Werbung, das spart Arbeit. Die Fahrt ist wirklich ein Erlebnis. Die Landschaft ist wunderschön. Die steinigen Hügel sind mal gelb, mal rot oder eine Mischung aus beiden Farben. Auf diesem kargen Boden stehen abertausende Olivenbäume, dunkelgrün mit silbernen Spitzen. Zwischendurch sorgen blutrote, teils ins lila übergehende Bäume für Abwechslung. Die Strecke ist weiter, als ich zunächst angenommen habe. Ich benötige zweieinhalb Stunden für die 160 Kilometer.

In Córdoba angekommen, folge ich der Empfehlung des Reiseführers, nicht in die Innenstadt zu fahren, sondern vor der Puente San Rafael rechts abzubiegen. Dort hat man keine Parkplatzsorgen und kann bequem die Altstadt zu Fuß erreichen. Zunächst gehe ich über die Puente Romano und suche gleich die Mezquita, die Kathedrale und ehemalige Moschee Córdobas auf. Der Eintritt kostet stolze 800 Ptas. Aber ich bin nicht hier, um Geld zu sparen. Meine Erwartungen werden übertroffen. Meine Euphorie ist zunächst etwas gedämpft, weil die Außenmauern der Mezquita gerade restauriert werden. Der Orangenhof, ein Hof mit vielen Orangenbäumen ist zwar sehr schön, in Anbetracht der Tatsache, daß in der Stadt überall Orangenbäume stehen, die zur Zeit fast reife Früchte tragen, nicht besonders spektakulär. Dafür besticht die Mezquita durch ihr Inneres.

Nachdem der Sicherheitsmensch meine Eintrittskarte zerrissen hat und ich meine Sonnenbrille durch die "richtige" ersetzt habe, bekomme ich das Gefühl, in einem Wald zu stehen. Es ist eine riesige Halle, die mit über 800 Säulen ausgestattet ist. Hier haben einmal 25.000 Moslems ihre Gebete verrichtet, im 10. Jahrhundert, als Córdoba über 500.000 Einwohner zählte, eine der größten Städte im Mittelmeerraum und neben Bagdad das Zentrum der islamischen Welt war. Erstaunlicherweise haben sich die christlichen Eroberer zunächst zurückgehalten und nur an den Außenwänden zahlreiche Kapellen eingerichtet. Schon diese Kapellen stehen mit ihren Vergoldungen im krassen Gegensatz zur islamischen Architektur. Im Mittelpunkt des Bauwerks steht eine gewaltige Kathedrale, die nur zum Teil vom Rest durch Mauern abgetrennt wird. Es gibt genügend Stellen, von denen aus man sowohl die vielen Säulen als auch das innere der Kathedrale sieht. Größer könnten Widersprüche nicht sein. Diese unglaubliche Pracht mit Gold und Mahagoni wirkt auf mich abstoßend. Das ist wohl auch gewollt, es ging beim Bau auch nicht darum, einen spirituellen Ort zu erschaffen, sondern darum, Macht zu demonstrieren. Ob Kaiser Karl V. den Bau veranlaßt hat, oder die Herren aus Córdoba selbst damit begonnen haben und Karl V. empört über die dadurch begangene Verschandelung der Moschee war, ist unsicher. Zumindest verfüge ich über widersprüchliche Quellen. So recht begeistern kann ich mich auch nicht über den Kirchenschatz, der in einem abgetrennten Raum ausgestellt und von einem Sicherheitsmann bewacht wird. Diese Wachmann zerstört endgültig die Atmosphäre, weil er an einem Schreibtisch mit Telefon sitzt und die Bude zuquarzt.

Nach dieser Besichtigung will ich einen Stadtrundgang machen. Zunächst nehme ich mir das jüdische Viertel vor, verlasse dieses aber bald, weil mir hier ersten zuviele Touristen begegnen und zweitens die Authentizität aufgrund von Souvenirläden, Fotogeschäften und teuren Touristenfallen (= Restaurants) doch sehr zweifelhaft erscheint. Ich lasse mich lieber von dem modernen Córdoba, dem Paseo de la Victoria beeindrucken. Solche großartigen Prachtstraßen hat Granada nicht zu bieten. Natürlich habe ich keinen Stadtplan, und nachdem ich einige Male die Richtung gewechselt habe, weiß ich überhaupt nicht mehr, wo ich mich befinde. Meine Laune beginnt sich zu trüben, was wohl vor allem an dem immer stärker werdenden Hungergefühl liegt. Doch nahrungsaufnahmetechnisch ist es mit Córdoba nicht so weit her. Ich habe Appetit auf eine Pizza (zugegeben, auch nicht gerade authentisch spanisch). Nach schier endloser Suche werde ich schließlich fündig.

Nach dem Essen erfahre ich, daß ich mich am Plaza de Colón befinde. Ich orientiere mich anhand der Sonne, was mich in die falsche Richtung bringt. Zwar wäre die Himmelsrichtung richtig, wenn die Plaza de Colón nord-westlich der Mezquita läge. Sie befindet sich jedoch im Norden der Moschee, so daß Südosten mich woanders hinführt. Hätte ich mir vorher einen Stadtplan angesehen, wären mir einige Meter Fußmarsch erspart geblieben. Ich denke nämlich, daß ich ja irgendwann wieder auf den Rio Guadalquivir stoßen müßte. Dummerweise macht dieser Fluß genau bei der Moschee einen Bogen, so daß ich als ich ihn endlich erreiche, ziemlich weit von der Moschee entfernt bin. Der Weg an der Uferpromenade ist anstrengend, weil die Sonne brennt. Meine Winterjacke ist schon lange im Rucksack verschwunden.

Endlich wieder bei der Moschee angelangt, habe ich durch das Tanken der Sonne etwas Ruhe gefunden. Ich folge einer Tour des Reiseführers, die mich durch das Judenviertel zum Alcázar de los Reyes Cristianos führt. Der Besuch dort ist nicht gerade interessant. Zwar haben hier die Katholischen Könige vor der Eroberung Granadas gewohnt, außerdem diente das Gebäude als Sitz der Inquisition, jedoch sind davon keine Spuren zu erkennen. Die Räume werde z.T. als Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst genutzt. Ich habe nicht die Ruhe, um mich damit ausgiebig zu beschäftigen. Außerdem sind die Bilder an den Wänden eines schmalen Ganges befestigt, so daß man sie nicht mit dem nötigen Abstand betrachten kann. Die Bäder im Untergeschoß sind unbeleuchtet, so daß ich mich nicht hineintraue. Immerhin der Garten lohnt den Eintritt.

Die zweite Tour des Reiseführers leitet wieder durch die Judería zunächst zur Calleja de las Flores. Am Ende dieser Gasse ist ein kleiner Platz, von dem aus man einen schönen Blick durch die Gasse auf den Glockenturm der Kathedrale hat. Mir gelingt es nicht, das Foto des Reiseführers nachzuahmen, denn es sind geradezu massenweise Touristen anwesend. Die kleinen Andenkenläden haben sich darauf spezialisiert, man kann mit sämtlichen Kreditkarten bezahlen. So sind dann die Fenster zwar im historischen Stil gestaltet, jedoch mit den Aufklebern eben dieser Kreditkartenunternehmen verschandelt. Auch hier hat die moderne Einzug gehalten. Da ich im Alcázar keine Bäder zu Gesicht bekommen habe, gehe ich zu den arabischen Bädern am Ausgang der Calleja de Flores. Dort muß man zunächst in einen Andenkenladen gehen, dann wird man von einem Verkäufer durch eine Tür, durch die es auch in den Wohnbereich geht, zu einem Innenhof geführt. Dort beginnt der Verkäufer einen Vortrag. Immerhin gibt er sich Mühe, langsam zu sprechen, so daß ich trotz seines sehr stark ausgeprägten andalusischem Akzent etwas verstehe. Die Örtlichkeit ist aber mehr als enttäuschend. Allerdings ist diese Situation, von dem Verkäufer durch das Haus geführt zu werden, die 100 Ptas. durchaus wert.

Langsam neigt sich der Tag seinem Ende entgegen, daß ist der Nachteil der Wintermonate. Ich will noch einen weiteren Platz aufsuchen, der vom Reiseführer wegen seiner romantischen Atmosphäre nicht zuletzt durch die sich dort versammelnden Aussteiger empfohlen wird. Doch der Weg dorthin ist aufgrund der verwinkelten Gassen nicht leicht zu finden. Ich drängle mich durch eine Horde 18jähriger im Anzug. Nachdem ich endlich vorbei bin, rufen sie mir nach, daß es ich mich in einer Sackgasse befinde. In der nächsten Gasse begegnen mir zwei Aussteiger oder eher Penner (der Übergang ist fließend). Der eine bittet mich um Feuer, der andere beginnt mich zu belegen. Ich fühle mich etwas unbehaglich, denn außer uns dreien ist keiner weiter da. Allerdings sind die beiden so betrunken und dadurch phlegmatisch (wer weiß was sonst noch in ihrem Blut schwimmt), daß ich wohl, sollten sie mir böse kommen, wenigstens die Flucht ergreifen könnte. Ich verblüffe sie mit der Antwort "Aus Granada!" auf die Frage, wo ich denn herkäme. Der eine stellt sich mir als Carlos vor und beginnt, über seine nihilistische Auffassung zu erzählen. Der Kerl ist nicht nur betrunken, der ist auch echt verrückt oder besessen. Ich verstehe seine Wörter, nicht aber deren Sinn. Er spricht von einer Bewegung von einigen Tausend Nihilisten in ganz Europa, die gerade in Córdoba ein Treffen veranstaltet haben. Ihr Slogan lautet: "¡Vamos a romper el silencio!" (Laßt uns das Schweigen brechen!). Das habe ich an einer Häuserwand gelesen, jetzt weiß ich was es zu bedeuten hat. Er läßt sich weiter aus über die Pläne der Bewegung, eine Großdemo beim Vatikan zu veranstalten. Dann will er mir seine Telefonnummer geben. Mir gelingt es zum Glück, das Gespräch bald zu beenden.

Der gesuchte Platz ist allerdings menschenleer, so daß ich mich auf den Rückweg mache, nicht ohne mich noch einmal zu verlaufen. Die Rückfahrt ist anstrengend, denn es ist stockfinster, und man kann fast gar nichts sehen. Plötzlich tauchen aus dem Nichts scharfe Kurven auf, die mich das eine oder andere Mal zu einer scharfen Bremsung veranlassen. Obendrein werde ich langsam aber sicher ziemlich Müde, so daß ich froh bin, als ich endlich in Granada ankomme.

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Sonntag, 28. November 1999

Heute gibt es nichts berichtenswertes. Nach dem Mittagessen habe ich Kopfschmerzen, weshalb ich nur noch abhänge. Zum Abendessen gibt es eine Dosensuppe, weil ich gestern nicht zum Einkaufen gekommen bin. Das war das letzte Mal, denn eine selbstgemachte Suppe schmeckt bei weitem besser. Im Fernsehen gibt es Sat 1-Fernsehfilme. Das muß man sich wirklich nicht antun. Also gehe ich schon um zehn ins Bett.

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© 1999 - 2001 Torsten Klie

Last modified: Sat Mar 24 00:25:17 CET 2001